Die Efeu-Pergamentspinne oder Unbewehrte Zwergsechsaugenspinne (Tapinesthis inermis) ist eine Spinne aus der Familie der Zwergsechsaugenspinnen (Oonopidae) und die einzige Art der somit monotypischen Gattung der Pergamentspinnen (Tapinesthis). Sie war ursprünglich nur in Europa heimisch und wurde in Nordamerika eingeführt. Als Habitat (Lebensraum) nimmt die Efeu-Pergamentspinne Wälder, trockenes Grasland, die Garigue und als synanthrope (an menschliche Siedlungsbereiche angepasste) Art auch Gebäude an. Früher nahm man an, dass die Spinne zwei saisonale Formen aufweist. Seit 2014 stattgefundenen Forschungen wird diese Theorie durch neuere Ergebnisse angezweifelt.

Merkmale mini|Frontale Detailansicht eines präparierten Weibchens mit den gut erkennbaren Augen und Cheliceren. Auffällig ist das für die Efeu-Pergamentspinne typische stark abfallende Peltidium. Das Weibchen der Efeu-Pergamentspinne erreicht eine Körperlänge von 2,4 bis 2,5 Millimetern, wobei das Prosoma (Vorderkörper) davon 0,8 Millimeter einnimmt. Der Körper des Männchens ist 1,8 Millimeter lang. Hier nimmt das Prosoma 0,75 Millimeter davon ein. Bei der Art handelt es sich um einen blassen Vertreter der Zwergsechsaugenspinnen (Oonopidae) mit weichem Körperbau. Auffallend ist das stark abfallende Peltidium bzw. Carapax, das Rückenschild des Prosomas, mit dunkler Netzmusterung. Die Extremitäten sind gänzlich stachellos und die Klauen der Tarsen (Fußglieder) weisen einen einteiligen Aufbau auf. Der Petiolus (Stiel zwischen dem Prosoma und dem Opisthosoma) besitzt eine netzartige Struktur.

mini|Dorsalansicht eines präparierten Weibchens Der Carapax hat im lebenden Zustand eine blasse gelblich-orange bis rosa Farbgebung. In Ethanol getaucht nimmt der Carapax eine gelblich-weiße bis blass orange Färbung an. Unabhängig vom Zustand der Spinne ist auf dem Carapax das dunkle Netzmuster und eine blasse Umrandung vorhanden. Nicht marginale (am Rand liegende) nadelförmiger Setae (chitinisierter Haare) im Bereich der Pars cephalica (Hirnstamm) sind dreireihig vorhanden. Diese Anordnung der Setae erscheint dorsal (oberhalb) betrachtet eiförmig Die Pars cephalica erscheint lateral (seitlich) betrachtet stark herabfallend, während sie im Bereich der Coxen (Hüftglieder) am höchsten ist. Anterior (vorne) ist die Pars cephalica auf das 0,49-fache ihrer maximalen Breite oder weniger verengt, während ihre posterolateralen (hintere und seitliche) Ecken abgerundet sind. Die Oberfläche des erhöhten Teils der Pars cephalica und auch ihre Seiten sind glatt. Auf diesem Bereich der Oberfläche befinden sich außerdem radiär angelegte thrombozytartiger Flecken. Dem Carapax fehlt eine Fovea (Apodem) und im thorakalen (bei der Brust gelegenen) Bereich Vertiefungen. Der laterale Rand des Carapax verläuft gewellt und glatt. Der Rand des Clypeus (schmaler Abschnitt zwischen dem vorderen Augenpaar und dem Rand des Carapax) ist erscheint in untere Richtung gebogen und in laterale nach vorne geneigt. Die Efeu-Pergamentspinne besitzt wie viele Zwergsechsaugenspinnen (Oonopidae) entsprechend der Bezeichnung der Familie sechs Augen, die in zwei Reihen übereinander (obere Reihe mit vier und untere Reihe mit zwei Augen) und gut ausgebildet sowie allesamt ungleich sind. Der Abstand der oval geformten und unteren Augen zum Rand des Carapax beträgt in etwa der des eigenen Radius der Augen oder mehr. Ihr Abstand zueinander beläuft sich auf den eigenen Radius bis zum Durchmesser. Die oberen Augen sind allesamt rund und die obere Augenreihe von oben und frontal betrachtet rekursiv. Der Abstand der oberen Seiten- und der unteren Augen zueinander ist geringfügig kleiner als der Radius der unteren Augen. Die oberen Mittelaugen kommen miteinander in Berührung. Die oberen Mittel- und Seitenaugen sind in etwa von einem Wert, der kleiner als der Radius der oberen Mittelaugen selber ist, voneinander beanstandet, was auch auf den Abstand zwischen den oberen Mittelaugen und den unteren Augen zutrifft.

Die Cheliceren (Kieferklauen) sind gerade ausgerichtet und gänzlich zahnlos. Die Klauenglieder sind medial (mittig) ausgelegt. Die inneren Ränder der Basalglieder haben vereinzelt angelegte und borstenartige Setae. Das Labium (sklerotisierte, bzw. gehärtete Platte zwischen den Laden an der Vorderseite des Sternums) ist rechteckig und mit dem Sternum (Brustschild des Prosomas) verwachsen. Der anteriore Rand des Labiums ist mittig eingebuchtet, während die basalen (an der Basis befindlichen) Ecken kleine kreisrunde Verzierungen aufweisen. Das Labium ist wie das Sternum sklerotisiert. An dessen anterioren Rand befinden sich sechs oder mehrere Borsten. Der subdistale (nahe dem distalen Bereich liegende) Teil des Labiums hat unmodifizierte (keine weiteren Eigenschaften aufweisende) Borstensetae. Die Laden (umgebildete Coxen der Pedipalpen) sind distal (von der Körpermitte entfernt liegende) nicht freigelegt. An ihnen befindet sich eine einreihige Serrula (Zahnreihung). Der posteromediane (hinten mittige) Bereich der Laden ist wie deren anterormediane (vorne mittige) Enden unmodifiziert. Wie das Sternum sind die Laden sklerotisiert. Am anterioren Rand der Laden befinden sich je zwei Reihen von borstenartigen Setae. Eine davon befindet sich ventral angelegt am anterioren Rand und besteht aus spatelförmigen Setae, während die zweite dorsal befindliche Reihe aus distal pektinierten Setae zusammensetzt. Eine dritte Reihe feinstacheliger Borstensetae verläuft am medialen Rand der Laden. Die Cheliceren, das Labium und die Laden sind gelblich weiß gefärbt. Das Sternum hat eine gelblichweiße Grundfarbe mitsamt schwach strahlenden dunklen Streifen. Es ist länger als breit und besitzt radiale, glatte Furchen zwischen den Coxen. Der anteriore Rand des Sternums weist eine halbkreisförmige Vertiefung in der medialen Hälfte auf, während der posteriore Rand in gleiche Richtung über die anterioren Ecken der Coxen des vierten Beinpaares als einzelne Verlängerung ausgebildet ist. Der Abstand zwischen den Coxen selber ist in etwa gleich. Auf dem Sternum befinden sich mehrere Setae, die gleichmäßig verstreut sind. Haarbüschel fehlen jedoch.

mini|Lateralansicht eines präparierten Weibchens Die Beine sind weiß gefärbt und besitzen keinerlei Musterungen. Die Femora (Schenkel) des vierten Beinpaares sind anders als bei anderen Zwergsechsaugenspinnen nicht verdickt und weisen die gleiche Größe wie die Femoren der übrigen Beinpaare auf. Die Patellae (Schenkelringe) (Glieder zwischen den Femora und den Tibien) aller und zusätzlich die Tibien (Schienen) des ersten Beinpaares fallen länger als der Carapax aus. Jegliche Modifizierungen fehlen bei den Tibien des ersten Beinpaares. Zumindest verfügen die Metatarsen (Fersenglieder) des zweiten Beinpaares median und die des vierten Beinpaares basal über je einen augenförmigen glatten Drüsenausgang mit einfach gebauter Pore. Die Anordnung der an den Tarsen (Fußglieder) befindlichen Klauen verläuft einreihig und kammartig. Die Innenfläche der Pro- und Retroklauen ist glatt. Die oberen Klauen aller Tarsen verfügen über sechs Zähne an der Laterafläche der Proklauen wie bei den Retroklauen. Die Klauenbüschel haben drei bedeckte Setae. Allen Tarsen fehlen die bei anderen Spinnen vorhandenen zurückgebildeten Klauen. Die Trichobothria (Tastsetae) weisen jeweils ein abgerundetes Bothrium (Haftorgan) auf. Die innere Struktur von den Öffnungen der Trichobothria ist im Gegensatz zu denen anderer Spinne nicht gitterartig. Die Hauben der Trichobothria sind von zahlreichen niedrigen, eng beieinander liegenden und rippenartigen Gebilden bedeckt. Zusätzlich kann sich an den Hauben ein augenförmiges Gebilde befinden, deren Funktion unbekannt ist. Das Tarsalorgane (Geschmacksorgane) weisen eine birnenförmige Erscheinung auf. Deren Ränder erstrecken sich über die umgebenden Strukturen hinaus. Die Tarsalorgane besitzen je vier Rezeptoren an den Beinen der beiden vorderen und drei an den Beinen der beiden hinteren Paare, wobei Abweichungen bezüglich der Anzahl und Anordnung der Rezeptoren ebenfalls belegt sind. Die Formel für die Anordnung der Rezeptoren je nach absteigendem Beinpaar lautet wie bei anderen Zwergsechsaugenspinnen vermutlich 3-3-2-2 (je nach Rezeptor auf einem einzelnen Bein des jeweiligen Paares), da die am meisten distal befindlichen Rezeptoren auf den Beinen in gleicher Position zweigeteilt sind, jedoch wie bei der zur gleichen Familie zählenden Gattung Stenoonops einer einzelnen Basis entspringen.

Das Opisthosoma (Hinterleib) hat einen eiförmigen Aufbau und hinten eine Abrundung. Ein Scutum (sklerotisierter Bereich) ist anders als bei einigen anderen Zwergsechsaugenspinnen absent. Die gelbbraune Dorsalseite des Opisthosomas ist von weicher Beschaffenheit und weist keine Musterungen auf. Auch befinden sich auf dieser Fläche nadelförmige Setae. Eine weitere Ansammlung nadelförmiger, dabei jedoch einander einheitlicher Setae befindet sich bei dem epigastrischen (beim Magen befindlichen) sowie weniger einheitliche beim postepigastrischen Bereich. Der Petiolus (Trennstiel zwischen Prosoma und Opisthosoma) hat eine maschenartige Struktur, wie sie auch bei der zur gleichen Familie gehörenden Gattung Orchestina auftritt. Das Opisthosoma selbst dehnt sich vom Petiolus aus in anteriore Richtung. Ein Colulus (vermutlich funktionsloser Hügel und Rest des zurückgebildeten Cribellums), der hier über vier Borstensetae verfügt, ist wie bei allen ecribellaten Spinnen vorhanden. Die sechs Spinnwarzen sind wie bei Spinnen üblich zu drei Paaren angeordnet.

Theorien zu zwei saisonalen Formen Die Efeu-Pergamentspinne ist die bisher einzige bekannte Spinnenart, bei der zwei saisonale Formen beschrieben wurden. Dabei weisen die Individuen der Art je nach Frühlings- oder Sommerform jeweils unterschiedlich ausfallende Färbungen und Behaarungen auf. Dieses Phänomen wurde 1916 von Raymond de Dalmas beschrieben. Bei der ersten im Frühlingsbeginn soll durch die kräftiger ausfallende Färbung sowie die kaum von Setae bedeckte Cuticula (Außenhaut des Exoskeletts, bzw. Chitinpanzers) gekennzeichnet werden, während die zweite im Sommer auftretende Form eine helle Farbgebung und ein mit zahlreichen Setae bedecktes Opisthosoma aufweisen soll.

Als Arnaud Henrard, Rudy Jocqué und Barbara C. Baehr 2014 eine erneute Beschreibung der Art durchführten, zweifelten sie dieses von Dalmas beschriebene Phänomen an und stellten die Vermutung auf, dass die von Dalmas beschriebenen Formen darauf zurückzuführen sei, dass er jeweils Individuen unterschiedlichen Alters untersuchte. Mit fortschreitendem Alter werden die Tiere dunkler, vermutlich durch die Aufnahme von Pigmenten erlegter Beutetiere. Außerdem geht die Bedeckung der Setae wahrscheinlich ebenfalls mit zunehmendem Alter zurück. Dalmas Untersuchungen fanden im Mittelmeergebiet statt und er analysierte möglicherweise dunklere Exemplare der Efeu-Pergamentspinne, die im Herbst geschlüpft sind und den Winter überstanden haben, was dort durchaus möglich wäre. Henrard, Jocqué und Baehr können ihre These damit bekräftigen, indem sie selbst im Frühling ein blasses Weibchen und im August gleichen Jahres ein oranges Männchen für ihre Analysen anwandten, zumal bereits ersichtlich ist, dass das Auftreten seitens der Spinne beiden saisonalen Formen bei den Geschlechtern unabhängig ist.

Sexualdimorphismus mini|Männchen Wie bei vielen Spinnen, so ist auch bei der Efeu-Pergamentspinne ein Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) vorhanden. Dieser ist bei dieser Art jedoch schwach ausgeprägt und macht sich hier abgesehen von der Größe lediglich beim Aufbau der Spinnwarzen bemerkbar.