Stichwort: Liebe (hebräischer Originaltitel: ) ist ein Roman des israelischen Autors David Grossman, der im Jahr 1986 in hebräischer Sprache veröffentlicht wurde und im Januar 1991 in deutscher Übersetzung erschien. Er behandelt zum einen die traumatischen Nachwirkungen der Shoah auf die Überlebenden und deren Nachfahren und zeigt, wie schwer es ihnen fällt, Liebe zum Leben und gegenüber anderen zu empfinden und zu zeigen. Zum anderen zeigt er die Unmöglichkeit, ein Ereignis wie die Shoah in die Sprache zu „übersetzen“ und begreifbar zu machen. Der Roman erzählt dabei aus einem sehr persönlichen Blickwinkel des Autors mit autobiografischen Elementen.
Rahmenhandlung Protagonisten des Romans sind Shlomo Neuman (genannt Momik) und sein Großonkel Anschel Wasserman, den Momik aber als seinen Großvater „annimmt“ und durchgehend so bezeichnet.
Anschel Wasserman ist ein fiktiver polnischer Schriftsteller, der unter dem Künstlernamen Anschel Wasserman-Scheherezade vor dem Ersten Weltkrieg mit seinen Geschichten der Kinder des Herzens erfolgreich war. Diese spannenden und fantastischen Fortsetzungsgeschichten mit pädagogisch-aufklärerischem Unterton waren bei Kindern sehr beliebt. Nachdem ihm als Schriftsteller kein weiterer Erfolg vergönnt war, lebt er ein langes introvertiertes Leben als Junggeselle. Mit über vierzig Jahren heiratet er doch noch unter Vermittlung seines Verlegers und einzigen Freundes und wird Vater. Nach dem Überfall von Nazi-Deutschland auf Polen wird Wasserman mit seiner Familie deportiert. Während Frau und Tochter in einem Vernichtungslager ermordet werden, überlebt Wasserman mehrere Jahre im Lager und wird schwer traumatisiert in eine Nervenheilanstalt in Israel eingeliefert. Da er keine artikulierten Worte spricht, bleibt seine Identität dort jahrelang unerkannt.
Im Jahre 1959 nennt Wasserman doch einige Namen von Familienangehörigen und kann identifiziert und zu seinen nächsten Verwandten in Israel gebracht werden: Zur Familie des neunjährigen Momik. Dessen Eltern sind selbst von der Shoah schwer traumatisiert und versuchen, ihr Kind zu schonen und vor jeglichem Kontakt mit der Vergangenheit fernzuhalten. Momik bemerkt als frühreifes Kind das große, unausgesprochene Thema, begreift es aber als eine Art Geheimnis der Erwachsenen, dem er sich mit detektivischen Methoden zu nähern versucht. Als er erkennt, dass das unverständliche Gemurmel und Gebrabbel des Großvaters eine Geschichte zu sein scheint, die der Großvater immer und immer wieder erzählt, ist Momiks Spürsinn geweckt, die Geschichte und deren Hintergründe zu enträtseln. Kurz darauf verschwindet Wasserman.
Als erwachsener Mann und mittlerweile selbst Schriftsteller und Dichter heiratet Momik und bekommt ein Kind. Wie schon seinen Eltern, ist es ihm aber aufgrund seiner Verlustängste und seiner Kenntnis, welches Leid Menschen einander antun können, nicht möglich, eine enge Bindung zu seiner Frau und seinem Kind aufzubauen, oder gar Liebe zu zeigen. Er versucht weiterhin, die letzte Geschichte seines Großvaters zu erzählen, und erhofft sich damit selbst von den Schatten seiner Kindheit und den traumatischen Nachwirkungen der Shoah zu befreien. Dieser Befreiungskampf verlangt ihm alles ab und bringt ihn mehrfach über seine Grenzen.
Inhalt und Form Der Roman besteht aus vier Teilen, die sich in Handlung, Form und Sprache sehr stark unterscheiden – inhaltlich aber tief verwoben sind. Viele Handlungsaspekte und Zusammenhänge lassen sich erst durch die Kenntnis der anderen Teile vollständig verstehen oder chronologisch zusammenfügen.
Der erste Teil: Momik Inhalt Der erste Teil beginnt damit, dass Großvater Anschel aus einer Anstalt zu Momiks Familie nach Jerusalem gebracht wird und den stark ritualisierten Alltag der Familie durcheinander bringt. Momiks Eltern sind stets darauf bedacht, ihren Sohn zu beschützen und ihn durch Schweigen fern vom Horror der Vergangenheit zu halten. Andererseits sind sie, die nahezu ihre gesamten Familien in der Shoah verloren haben, aber auch nicht mehr in der Lage, Momik gegenüber Liebe zu zeigen; sein Vater scheint ihm gegenüber regelrechte Angst zu haben, ihn zu berühren oder zu streicheln. Momik spürt als sensibles, intelligentes und etwas frühreifes Kind die Schatten, die auf seinen Eltern und den zahlreichen anderen traumatisierten Shoah-Überlebenden („Verrückten“) in seiner Umgebung liegen.
Momik möchte mit detektivischer Neugier herausfinden, was seine Eltern so belastet und seinen Großvater verstummen ließ, und versucht, jedes Stichwort und jeden Hinweis vom Land „Dort“ aufzuschnappen, in seine Notizhefte einzutragen und in den Listen zu ordnen, die er ständig von allem anfertigt. In seinen Notizheften entsteht so eine eigene Realität, in der er über das Land „Dort“ und seine fiktiven Bewohner schreibt. So erschließt er sich, dass die Angst von einer „Nazi-Bestie“ (Chajjat Nazi ist im hebräischen gebräuchlicher Ausdruck) verursacht wird, die zu finden und zähmen er sich vornimmt, um damit seine Eltern und die anderen zu retten.
Nebenbei verbringt Momik viel Zeit mit seinem Großvater. Als einziger hört er ihm wirklich zu und bemerkt, dass der unartikulierte und scheinbar zusammenhanglose Singsang des Großvaters in Wirklichkeit eine Geschichte zu sein scheint, die er immer und immer wieder einem „Herneigel“ erzählen muss. Immer wieder kann er Worte und Namen aufschnappen und damit einen Zusammenhang zwischen der Nazi-Bestie, seinem Großvater und dessen früheren Erzählungen als Autor von Kindergeschichten ziehen. Gleichzeitig wächst in ihm der Wunsch, diese Geschichte und deren Umstände komplett zu entschlüsseln – also die Geschichte zu retten.
Als Momik seine Nachbarin nach der Herkunft der Nazi-Bestie befragt, lässt sie sich die Antwort entlocken, dass die Nazi-Bestie aus jedem Lebewesen hervorkommen könne, wenn man sie richtig füttert und aufzieht. Momik nimmt das wörtlich und versucht, aus einigen Tieren, die er im Keller in Käfige sperrt, eine Nazi-Bestie zu züchten. Ein weiterer Hinweis, dass die Nazi-Bestie mit „Juden“ gefüttert werden müsse,David Grossman: Stichwort: Liebe. Carl Hanser Verlag, München / Wien 1991, ISBN 3-446-14596-6, S. 90. führt dazu, dass sich Momik erfolglos selbst anbietet und sich so mit seiner Identität als Jude auseinandersetzt und zum Schluss kommt, dass er offensichtlich kein richtiger Jude sein könne. So kommen sein Großvater und die anderen Shoah-Versehrten, die er für „echte Juden“ aus dem Land „Dort“ hält, als Lockvögel für die Nazi-Bestie zum Einsatz. Auch dies führt zu keinem Erfolg, vielmehr entdeckt Momik voller Entsetzen, dass die Bestie auch aus ihm selbst herausbrechen kann.
Der erste Teil endet damit, dass Momiks Eltern ihn auf ein Internat schicken und der Großvater von einem seiner Spaziergänge nicht mehr zurückkommt und verschollen bleibt.
Form Der erste Teil des Romans ist in einer personalen Erzählform mit Momik als Reflektorfigur geschrieben. Der Erzähler spiegelt die Perspektive des Kindes und dessen teilweise naive, teilweise frühreife und altkluge Sichtweise wider. Genau an dieser Schnittmenge zwischen Naivität und intelligenter Schlussfolgerung kommt es immer wieder zu tragisch-komischen Elementen, da der Leser natürlich versteht, was Momik noch nicht weiß. Teilweise sind die Ereignisse im Stile eines Bewusstseinsstroms beschrieben. Immer wieder werden jiddische Wörter aus dem alltäglichen Sprachgebrauch der ausgewanderten Familie eingeflochten. Diese werden in einem Glossar am Ende des Buches erklärt.
Durch den unmittelbaren Blickwinkel mit den Augen Momiks auf seine Umgebung spürt man deutlich das beklemmende Klima, das im Israel der 1950er-Jahre geherrscht haben muss, als nahezu jeder ermordete Angehörige zu beklagen hatte oder Verfolgung, Zwangsarbeit und Folter am eigenen Leib erleben musste und nun versuchte, sich ein neues Leben zu erkämpfen.
Der zweite Teil: Bruno Inhalt Im zweiten Teil der Geschichte ist aus dem Jungen Momik der erwachsene Schriftsteller Shlomo Neuman geworden. Er hat eine zutiefst pessimistische Lebenseinstellung gewonnen und ist in Erwartung einer zweiten Shoah immer auf das Schlimmste gefasst.
Als Schriftsteller möchte er sich mit der Shoah befassen, scheitert aber mit allen Versuchen, das „Unbegreifliche“David Grossman: Stichwort: Liebe. Carl Hanser Verlag, München / Wien 1991, ISBN 3-446-14596-6, S. 166. zu beschreiben, bis er schließlich erkennt, dass ihm dies nur gelingen kann, wenn er sich voll und ganz in diese Zeit und seine Vorfahren hineinversetzt, sich mit ihnen verbindet, und so sein (fiktives) Leben in der Shoah nach(er)lebt.
Als erstes wählt er den (historischen) jüdisch-polnischen Maler und Schriftsteller Bruno Schulz, von dem er fasziniert ist, und versucht, sich so tief in Bruno (die fiktive Figur wird hier wie im Roman immer mit „Bruno“ bezeichnet) hineinzuversetzen und sich mit ihm zu identifizieren, dass er aus ihm heraus und an seiner statt erzählen kann und dessen verschollenes letztes Werk Der Messias nacherzählen und retten kann.
Obwohl er natürlich weiß, dass der historische Bruno Schulz von einem Nationalsozialisten als Rache an einem verfeindeten Nationalsozialisten auf offener Straße erschossen wurde, schreibt er die Geschichte seines Brunos um und lässt ihn ins Meer fliehen. Anstatt dort zu ertrinken, wird er vom Meer aufgenommen und nach und nach in einen Salm verwandelt, der sich mit Millionen anderen Salmen auf den Weg zu ihren Laichgründen macht. Neuman nutzt das Meer, um mit diesem Zwiesprache zu halten und sich so der Gedankenwelt von Bruno immer weiter zu nähern.
Zwischendurch beschreibt er sein eigenes Leben: Seine Ehe, die stark darunter leidet, dass er nicht in der Lage ist, seiner Frau gegenüber Liebe zu zeigen. Die Beziehung zu seinem Sohn, die ebenfalls unter Lieblosigkeit leidet, weil Neuman diesen lieber abhärten und auf die aus seiner Sicht zwangsläufig bevorstehende nächste Katastrophe vorbereiten als behüten möchte. Seine Affäre, die ihn kurzzeitig inspiriert, ihm seine Selbstzweifel und Ängste aber auch nicht nehmen kann. Und seine anhaltende Unfähigkeit, über die Shoah (und auch über Großvater Anschel) zu schreiben, obwohl dieser so viel Platz in seinem Denken und seiner Persönlichkeit einnimmt.
Um sich Bruno weiter anzunähern, unternimmt er eine Reise nach Polen, an den Ort, an dem dieser ins Wasser gegangen und zum Salm geworden ist. Während er stundenlang im Meer verbringt, lässt er sich vom Meer die Geschichte von Bruno erzählen, über dessen Weg mit den Salmen, wie er sich als Individuum aufgibt und im Schwarm der Millionen mitschwimmt oder vielmehr von deren gleichförmigem Rhythmus mitgerissen wird und dann doch wieder seinen Weg zurück zur Individualität findet.
Schließlich gelingt es ihm, Bruno aufzuspüren und dessen Messias geistig zu retten, also neu zu denken und niederzuschreiben. In diesem löscht ein Messias alle Erinnerungen, Bindungen und vor allem die Sprache der Menschen aus, so dass sie ihre Vergangenheit vergessen. Ohne die Beschränkung durch Worte sind die Menschen in der Lage, ihre Gefühle viel deutlicher zu erfassen. Ohne Vergangenheit müssen sie in jedem Moment ihre eigene Sprache erschaffen. Sie werden zu Künstlern und das Leben zu einem Kunstwerk, das nicht zerstört werden kann und darf, da die neue Sprache ohne die Idee von Gewalt auskommt. So werden Gewalttaten unaussprechlich und damit undenkbar und auch in der Realität unmöglich.
Kurz bevor Bruno wieder in den Tiefen des Wassers verschwindet, gibt er Neuman einen Hinweis, wie er die lange gesuchte Geschichte seines Großvaters finden kann.
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