Die Zentrale Planung war ein im April 1942 gegründeter Ausschuss im Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion zur Lenkung der deutschen Wirtschaft. Am 2. September 1943 wurde ergänzend ein Planungsamt unter Leitung von Hans Kehrl als allgemeines Wissens- und Informationszentrum gegründet.
Vorgeschichte Als die United States Strategic Bombing Survey 1945 an das Aktenstudium ging, war sie überrascht, dass entgegen der Eigenpropaganda des NS-Regimes das Dritte Reich weder vor dem Krieg noch in den Kriegsjahren über eine zentrale Planungs- und Koordinationsinstanz für die Kriegswirtschaft verfügte.Ludolf Herbst: Der Totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft. Die Kriegswirtschaft im Spannungsfeld von Politik, Ideologie und Propaganda 1939-1945. Stuttgart 1982, S. 111. Der erste Ansatz zu einer Zentralverwaltungswirtschaft, in Form einer „militärischen Kommandowirtschaft“ ging zu Beginn des Krieges von General Georg Thomas aus. Dieser wollte das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt zu einer Keimzelle für einen kriegswirtschaftlichen Generalstab ausbauen. Dazu sollte ein wirtschaftliches Reserveoffzierskorps geschaffen werden, welches aus auf die Offiziersehre verpflichteten Persönlichkeiten aus der Wirtschaft bestehen sollte. Diese Bestrebungen scheiterten daran, dass die Wehrmacht spätestens seit der Blomberg-Fritsch-Krise nicht mehr dominierende Kraft im Staate war.Rolf-Dieter Müller: Die Mobilisierung der deutschen Wirtschaft für Hitlers Kriegsführung. In: MGFA (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Stuttgart 1988, Band 5/1, S. 371 f.
Am 18. Dezember 1939 lud Thomas 27 führende Persönlichkeiten aus der Industrie ein. Darunter waren Rudolf Blohm, Hermann Bücher, Friedrich Flick, Peter Klöckner, Heinrich Koppenberg, August Kotthaus, Carl Krauch, Alfried Krupp, Paul Pleiger, Hermann Röchling und Rudolf Stahl. Bücher griff in die Diskussion, die sich um Schwierigkeiten in der Stahlproduktion, in der Erzzufuhr und vor allem um das Transportproblem drehte, ein und erklärte grundsätzlich:
Obwohl die Industrie und auch das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) eine Zentralisierung der Entscheidungsbefugnisse verlangten, scheiterten sie am Ehrgeiz und der Machtbehauptung der einzelnen Institutionen.Dietmar Petzina: Autarkiepolitik im Dritten Reich. Stuttgart 1968, S. 138.
Die Rüstungsplanung von Hermann von Hanneken führte zu einer Inflation der Stahlkontingente und war Anfang 1942 in einem scheinbar unentwirrbaren Desaster zusammengebrochen. Eine mahnende Denkschrift der Großindustrie zwang Hitler zum Handeln. Hans Kehrl, dessen Bewirtschaftungssystem im Textilbereich als einziges ohne größere bürokratische Reibungen funktionierte, wurde beauftragt ein neues System der Eisen- und Stahlkontingentierung zu entwickeln. Dabei beriet er sich intensiv mit Albert Vögler und mit dem Siemens-Konzern, die ihm Spezialisten als Mitarbeiter zur Verfügung stellten.Rolf-Dieter Müller: Der Manager der Kriegswirtschaft. Hans Kehrl: Ein Unternehmer in der Politik des Dritten Reiches. Essen 1999, S. 88.
Laut Dietmar Petzina scheiterte das Kontingentierungssystem am Fehlen eines Bedarfsplans, der notwendige Eisenverbrauch war niemals festgestellt worden, am verwirrenden System aus Sonderstufen und Sonderprogrammen, daran, dass die ausgegebenen Kontingente immer wieder die tatsächliche Produktion überstiegen, die Betriebe ihren Bedarf bewusst hoch bezifferten und hamsterten aus Angst, bei der Zuteilung zu kurz zu kommen, sowie daran, dass Kontingentübertretungen nicht verhindert werden konnten.Petzina: Autarkiepolitik. S. 155 ff.
Zentrale Planung Die Schaffung der Zentralen Planung war Teil des gründlichen Umbaus der gesamten kriegswirtschaftlichen Organisation Deutschlands von März bis Mai 1942 infolge der Niederlage in der Schlacht um Moskau.Dietrich Eichholtz (Hrsg.): Krieg und Wirtschaft. Studien zur deutschen Wirtschaftsgeschichte 1939–1945. Berlin 1999, S. 37 ff. Am 3. März 1942 versammelten sich Rüstungsminister Albert Speer, Erhard Milch sowie die I.G.-Farben-Vertreter Walther Schieber und Carl Krauch bei Hermann Göring in Carinhall, um den neu zu bildenden Planungsausschuss zu besprechen.Gregor Janssen: Das Ministerium Speer. Berlin 1968, S. 57.
Geleitet wurde sie von Speer, Milch und Paul Körner, wobei Körner kaum eine Rolle spielte.Eichholtz: Kriegswirtschaft. Band 2, S. 83.
In dem am 22. April von Speer entworfenen „Erlaß des Reichsmarschalls des Großdeutschen Reiches über Errichtung einer ‚Zentralen Planung’ im Vierjahresplan“Erlass ist gedruckt bei: Fritz Blaich: Wirtschaft und Rüstung im „Dritten Reich“. Düsseldorf 1987, S. 122–124; und bei Erich Welter: Falsch und richtig planen. Heidelberg 1954, S. 146–149. hieß es über die Aufgaben:
Laut Gregor Janssen war die Rohstofferzeugung bewusst ausgeklammert worden und die Bezeichnung „Zentrale Planung“ ist insofern irreführend, als dort nicht die Grundstoffproduktion geplant wurde, sondern lediglich deren Verteilung.Janssen: Ministerium Speer. S. 58 f.
Speer berichtet über die Gründung:
Janssen urteilt, dass das nun war.Janssen: Ministerium Speer. S. 59.
Die erste Sitzung fand am 27. April 1942 statt, die letzte (62.) Sitzung am 5. Dezember 1944. Hauptdiskussionspunkte der Sitzungen waren:
Bewirtschaftung von Eisen und Stahl (rund 30 Sitzungen)
Bewirtschaftung von Fe-Legierungs- und NE-Metallen (10 Sitzungen)
Kohlebewirtschaftung (11 Sitzungen)
Beschaffung und Verteilung von Arbeitskräften (8 Sitzungen)Eichholtz: Kriegswirtschaft. Band 2, S. 83.
Laut Adam Tooze erwarb sich die Zentrale Planung ihre wirkliche Bedeutung erst im Laufe ihrer regelmäßigen Zusammenkünfte und konnte sich dabei als das der deutschen Wirtschaft etablieren.Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. München 2007, S. 642.
Am 20. Oktober 1942 gab sich die Zentrale Planung eine Geschäftsordnung.
Laut Dietrich Eichholtz lag die der „Zentralen Planung“ in der Verteilung von Eisen und Stahl. Über diese , deren Produktion nicht geplant, aber deren Verteilung reguliert wurde, wurde eine neue Stufe staatsmonopolistischer Regulierung und Planung erreicht.Eichholtz: Kriegswirtschaft. Band 2, S. 85.
Tooze schreibt, dass auch in , war. Daher beanspruchte die Zentrale Planung auch die Kontrolle über Carl Krauch und sein Chemieprogramm, da . Und schlussfolgert:
Walther Funk berichtet über die Sitzungen, die im großen Sitzungssaal in Speers Ministerium stattfanden:
In seinen Erinnerungen schrieb Speer, dass die Zentrale Planung zur wurde. Und dass sich die Sitzungen endlos hingezogen hätten, mit einer Unzahl von Teilnehmern. Minister und Staatssekretäre kamen persönlich und .Albert Speer: Erinnerungen. Berlin 1969, S. 235 f.
Speer berichtet, dass wenn z. B. ein Gauleiter Schwierigkeiten machte, er ihm zur Durchsetzung der Reichsautorität androhte, weniger Kohle zu bekommen.Ulrich Schlie: »Alles, was ich weiß« Aus unbekannten Geheimdienstprotokollen vom Sommer 1945. München 2000, S. 148.
Der „Amtsgruppenchef für Eisen und Stahl“ im Ministerium Speer, Berater von Speer und Kehrl und Teilnehmer der Zentralen Planung Willy Schlieker schrieb 1946, dass es nicht möglich war, und nannte als Beispiel, dass ein Engpass bei der Versorgung der eisenverarbeitenden Industrie mit Automatenstahl im Krieg, nur durch eine Preiserhöhung beseitigt werden konnte.Richard Tilly: Willy H. Schlieker. Aufstieg und Fall eines Unternehmers (1914-1980). Berlin 2008, S. 70 f, passim. (=Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte Beiheft 14)
Planungsamt Die zunehmenden Engpässe zwangen Speer, einen realistischen Überblick die zur Verfügung stehenden Ressourcen zu erhalten und drohende Engpässe frühzeitig zu erkennen. Dazu wurde im September 1943 das sogenannte Planungsamt als geschaffen.Müller: Albert Speer. S. 343 ff. Das Planungsamt sollte die Entscheidungen der „Zentralen Planung“ vorbereiten und die Ausführung ihrer Beschlüsse kontrollieren.Eichholtz: Kriegswirtschaft. Band 2, S. 149. Bis das Planungsamt geschaffen wurde, basierten ihre Beratungen zunächst nur auf der flüchtigen Befragung von ein paar eilig in die Sitzung gerufenen Sachverständigen.Erich Welter: Falsch und richtig planen. Heidelberg 1954, S. 21 f.
Der sogenannte „Bandwurmerlaß“ vom 29. Oktober 1943 hat eine Art Branchenregister geliefert. Kehrl: Krisenmanager. S. 319. Im Februar 1941 hatte ein Runderlass des Reichswirtschaftsministers verlangt, die Warenhäuser, Groß- und Einzelhandelsgeschäfte zu überprüfen, um, wie es dort hieß, .Willi A. Boelcke: Die deutsche Wirtschaft 1930-1945. Düsseldorf 1983, S. 252.
Es wurden 5 Hauptabteilungen mit etwa 100 Sachbearbeitern geschaffen.Kehrl: Krisenmanager. S. 321 ff und 496 ff.
„Hauptabteilung I Grundsatzfragen“ unter Leitung von Fromm beschäftigte sich mit allgemeinen Grundsätzen und Verfahren der Planung und Lenkung.
Die „Hauptabteilung II Querschnittsfragen“ unter Dr. Bosch beschäftigte sich mit Arbeitseinsatzplanung, Kapazitäts- und Ausbauplanung, Baubewirtschaftungsfragen, Maschineninvestitionen, Dringlichkeitseinstufungen, Fliegerschäden und mehr.
Die „Hauptabteilung III Gesamtplanung“ unter Dr. Baudisch sollte rechtzeitig Engpässe bei Kohle, Energie, im Verkehr und bei Arbeitskräften erkennen.
Die „Hauptabteilung IV Fachliche Planung“ war die wichtigste Hauptabteilung und stand unter Leitung von Kehrl selbst. Sein Vertreter war Fritz von Engelberg.
Die „Hauptabteilung V Planstatistik“ unter Leitung von Rolf Wagenführ entwickelte einen Index der Rüstungsproduktion und gab monatliche Schnellberichte heraus. Das für Hitler bestimmte Exemplar wurde in 4-facher Vergrößerung gedruckt, um seine Sehkraft zu entlasten.
Die „Wissenschaftliche Beratungsstelle“ unter Leitung von Werner Bosch war ein Tarnname und beschäftige sich in 12 Arbeitskreisen mit der Rüstungswirtschaft der Feindstaaten und gab darüber hochgeheime „Grüne Hefte“ heraus.
Nach Rolf-Dieter Müller wurde das Planungsamt die und der der deutschen Kriegswirtschaft, bei dem sich jedoch Speers Sorgen, dass sich nach sowjetischem Vorbild ein riesiger Wasserkopf bilden könnte, nicht eintraten. Mit dem Planungsamt bewegte sich das Dritte Reich in Richtung des sowjetischen Systems, aber es blieben entscheidende Unterschiede, da Speer trotz Kompetenzerweiterung von einer zentralen und totalitären Regie der Volkswirtschaft .Müller: Albert Speer. S. 346.
Man interessierte sich für die Methoden der Lenkung und Planung der Sowjetunion, , wie es nach Ludolf Herbst anerkennend hieß, und war der Auffassung, viel von der sowjetischen Planwirtschaft lernen zu können.Herbst: Der Totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft. S. 443 und 445.
Der Chef des Planungsamtes Kehrl urteilt:
Über sein allgemeines Verhältnis zu den Unternehmern schrieb er:
Nach Ansicht von Eichholtz kam ein zentraler Produktionsplan nie zu Stande.Eichholtz: Kriegswirtschaft. Band 2, S. 149. Kehrl schrieb hingegen nach dem Krieg, dass es gegeben habe, bei dem durch die Kontingentierung des Eisens als „Leitrohstoff“ der Umfang der einzelnen Erzeugungen festgelegt wurde.Hans Kehrl: Kriegswirtschaft und Rüstungsindustrie. In: Autorenkollektiv: Bilanz des Zweiten Weltkrieges. Oldenburg 1953, S. 279.
Bewertung Willi A. Boelcke urteilt, dass weder die „Zentrale Planung“ noch das Planungsamt zur Annahme verleiten dürfen, dass Deutschlands Gesamtwirtschaft völlig nach den Prinzipien der Planwirtschaft organisiert war. Die mit Kriegsbeginn einsetzenden staatlichen Eingriffe durch Rationierungen und Kontingentierungen setzten die außer Kraft, es entbehrte aber vor allem an der , und niemand dachte an die Aufstellung .Willi A. Boelcke: Deutschlands Rüstung im Zweiten Weltkrieg. Hitlers Konferenzen mit Albert Speer 1942–1945. Frankfurt am Main 1969, S. 18.