mini|Markgräfin Wilhelmine und ihr Hoforchester 1739; rare Abbildung eines Barockorchesters
Ursprünglich war das Cembalokonzert in g-Moll einzig in der Handschrift eines Bayreuther Hofkopisten überliefert, deren Solostimme fehlte.Diese Handschrift stammt sehr wahrscheinlich vom Oboisten Johann Conrad Tiefert, der laut Bayreuther Kirchenbuch (heute in Nürnberg) schon vorher zur Militärkapelle des Bayreuther Markgrafen Friedrich, Wilhelmines Ehemann, gehörte. Tiefert wurde 1759 im Geheimen Staatsarchiv Bamberg unter GAB 17698 mit dem dort bisher einzig bekannten offiziellen Kopierauftrag des Bayreuther Hofes und später offiziell als (Noten)-Copist im Hofkalender greifbar. 1759 war das Jahr der 2. Verheiratung des Markgrafen Friedrich nach Wilhelmines Tod mit einer Wolfenbütteler Prinzessin. Das Manuskript des Cembalokonzertes stammt aus Besitz seiner neuen Schwiegermutter, der Herzogin Philippine Charlotte in deren Bibliothek in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.Es dürfte als Geschenk an seine Wolfenbütteler Schwiegermutter, Wilhelmines Schwester, anlässlich seiner Hochzeit 1759 dorthin gekommen sein.Hegen: Die markgräfliche Hofkapelle zu Bayreuth (1661–1769). In: Silke Leopold und Bärbel Pelker (Hrsg.): Süddeutsche Hofkapellen im 18. Jahrhundert. Heidelberg 2014, S. 32, Fn 218; S. 43 + Fn 315. Es ist vom Kopisten mit dem Namen der Autorin „di Wilhelmine“ = Wilhelmine von Bayreuth (1709–1758) unterschrieben.Originale Titelseite mit „di Wilhelmine“ am Beginn eines Youtube-Videos Dieses Konzert wird von Sabine Henze-Döhring seit 2008 Johann Gotthilf Jänichen (1701–1741) zugesprochen.Siehe Literatur Henze-Döhring 2009, S. 42 ff. Es handelt sich um ein spätbarockes dreisätziges Instrumentalkonzert für Solo-Cembalo, zwei Violinen, Viola und Basso Continuo in der Tonart g-Moll. Nachdem 1997 die Pianistin und Cembalistin Irene Hegen eine weitere – die einzig vollständige Handschrift des Konzerts – in Weimar entdeckt hatte, begannen die Diskussionen um Wilhelmines Autorschaft. Der Wolfenbütteler Abschrift fehlen (bereits bei der ersten Katalogisierung), Solostimme sowie ein Drittel der Gesamtkomposition.Bei Solokonzerten verbleibt die Solostimme aus praktischen Gründen gerne in der Hand des Solisten. Die auf dem Titel des Weimarer Neufundes (nachträglich!) angegebenen Komponisten – Foerster (durchgestrichen) und Jaenichen – zeigen, dass das Manuskript (wie häufig in dieser Zeit üblich) nicht original autorisiert ist und führten zu Diskussionen um deren mögliche Autorschaft.Um ungewisse Autorschaft geht es (um ein weiteres Beispiel für Schwierigkeiten bei Identifizierung von Musikabschriften ohne autoritäre Unterschrift) beim Adagio g-Moll, das vielfach für ein Werk Tomaso Albinonis gehalten wurde ( Vgl. YouTube). Auch hierbei existiert keine Originalhandschrift Albinonis. Im Falle des Concerto gibt es einerseits die heute unvollständige Bayreuther Abschrift in der HAB di Wilhelmine, andererseits, wie beschrieben, die Angabe zweier barocker Autoren Foerster (durchgestrichen) und Jaenichen auf der Weimarer Handschrift. Jenichen (mit „e“) als Komponist des hier diskutierten Konzerts ist auch im Breitkopf-Katalog von 1763 angegeben.Originalzitat Breitkopfs im Breitkopf-Katalog über „Zweifelhafte Zuschreibungen“ (siehe dort). Im Folgenden wird beschrieben, wie kontrovers die Gewichtung handschriftlicher Musik-Quellen des 18. Jahrhunderts ohne eindeutige Herkunft bzw. autographe Urheberangabe ausfallen kann. Nebenbei wird die komplizierte Entwicklung des Solokonzertes für Klavier deutlich.
Quellenlage und Zuschreibung der beiden Manuskripte des Konzerts 1.) Die handschriftlichen Noten des Konzerts mit der Angabe „di Wilhelmine“ wurden 1890 im Katalog der Herzog August Bibliothek (HAB) in Wolfenbüttel (Die Handschriften der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. Achte Abteilung)Titelblatt unter der Autorschaft Friederike Sophie Wilhelmine (das ist die preußische Prinzessin, spätere Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth) katalogisiert. Das in der HAB seit unbekannter Zeit (?) aufbewahrte Stimmenmanuskript „in der bekannten Schrift eines Bayreuther Hof-Kopisten“ mit dessen Autorisierung „di Wilhelmine“ ist, nach Hegen, nicht zuletzt laut HAB-Katalog der „eindeutig[e]“ Beweis für die Komponistin.Irene Hegen: Wilhelmine von Bayreuth (1709–1758). Concerto in g für Cembalo obligato und Streicher, Furore-Verlag Kassel 2000, Text S. 30 rechte Spalte oben u. S. 31 linke Sp.Im Wolfenbütteler Katalog „Sophie Friederike Wilhelmine“. (Emil Vogel: Die Handschriften nebst den älteren Druckwerken der Musik-Abteilung der Herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel. Wolfenbüttel 1890, S. 15.) Für Sabine Henze-Döhring ist das hingegen kein zwingender Grund, von der Autorschaft der Markgräfin auszugehen, da sie den Zusatz auf dem Titelblatt „di Wilhelmine“ einer anderen (fremden) Hand zuordnet als die Noten.Sabine Henze-Döhring: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik. Heinrichs-Verlag, Bamberg 2009. S. 44 bzw. 49. Allerdings fehlt der Beweis eines klärenden Schriftvergleichs. Sie führt an, dass Wilhelmines Autorschaft ihrer Libretti genauso wie die (vom selben Hofkopisten copierten) beiden Cavatinen aus der Oper L’Huomo durch ihr Adelsprädikat „Altezza reale“ (und ähnlich) begründet seien. Im Falle von Wilhelmines Adelsprädikat in den von ihr komponierten, vom Bayreuther Kopisten minutiös kopierten Cavatinen entnahm dieser ihren Adelstitel aus dem Libretto. (Titelseite L’Huomo)Abb. in Sabine Henze-Döhring: Markgräfin Wilhelmine und die Bayreuther Hofmusik. Heinrichs-Verlag, Bamberg 2009, S. 44, rechtes Bild = Titelseite der Oper; darin die Cavatinen (Abb. 20, 51, 52). Unsigniert dagegen sind Wilhelmines Autograph Argenore und ihre ungedruckten Libretto-Entwürfe (s. Ruth Müller-Lindenberg: Wilhelmine von Bayreuth. Die Hofoper als Bühne des Lebens. Böhlau-Verlag 2005, Abb. 15 sowie Seiten 183–202.) Handschriftlich wirklich mit „Wilhelmine“ signierte die Komponistin ihre im 21. Jahrhundert von Nikolaus Delius entdeckte Flötensonate a-MollEine Sonate für Bruder Friedrich? Der Anonymus Herdringen Fü 3595a*, in: Tibia 4/2003, S. 571–577 sowie ihre Briefe und ihr Testament.Adelheid Krause-Pichler und Irene Hegen (Hrsg.): Wilhelmine von Bayreuth. Sonata per Flauto traverso e Basso Continuo a-Moll. Furore-Verlag 2006, S. 2 und 7; Wilhelm Müller (Hrsg.): Im Glanz des Rokoko, Bayreuth 1958, nach S. 208 ff. Wilhelmine war ab November 1731 mit Markgraf Friedrich von Bayreuth verheiratet.
2.) Während bereits bei der Katalogisierung (s. o.) durch die HAB die Solostimme für das Cembalo fehlte, wurde 1997 in Weimar die vollständige Fassung des Konzerts gefunden, die zusätzlich um ein Drittel breiter angelegt ist. Diese „Quelle Weimar“ der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar (HAAB) – somit die zweite historische Stimmenabschrift des Konzerts – existierte, wie zu erkennen, zunächst anonym. Was auch hier auf Bayreuth deutet, ist der Umschlag der Cembalostimme aus buntem „Bayreuther Papier“, das sich auch bei anderen höfischen musikalischen Schriften Bayreuths findet.Beschreibung in: Irene Hegen (Hrsg.): Wilhelmine von Bayreuth, Concerto in g, S. 30/31. Später wurden, wie beschrieben, die Komponistennamen, „Foerster“ (durchgestrichen) und (mit anderer, späterer Schrift) „Jaenichen“, auf zusätzlichem Titelschild angegeben. Eine zweizeilige Ordnungsnummer am rechten oberen Rand des Umschlags (erkennbar nur 2. Zeile: „7. g.“) ist offensichtlich älter als das Titelschild, das statt „7“ die Nummerierung „No. 1 / Concerto / à / Cembalo Concertato […]“ trägt (und als Autoren erst Foerster, danach Jaenichen angibt, s. oben). Die Titelbezeichnung „Concerto Concertato“ variiert mit der Überschrift der enthaltenen Solostimme, die hier (wie bei Quelle Wolfenbüttel im Titel) „Cembalo obligato“ heißt.Die Begriffe obligato oder concertato spiegeln die Entwicklung des Titelbegriffs für Cembalokonzerte aus der bisher alleinigen Generalbassfunktion des Cembalos. Nach neueren Einsichten und Auskunft der HAAB stammt das neugefundene Manuskript möglicherweise definitiv aus dem Besitz des Herzogs Ernst August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1688–1748), dessen Hochzeit am 7. April 1734 am Markgrafenhof Bayreuth gefeiert wurde.Heute unter den „Aschebüchern“ der HAAB nach dem Brand 2004. Es ist katalogisiert im handschriftlichen, zweibändigen (anonymen) Gesamtkatalog der HAAB-Musikalien, der erst nach dem Tod der Weimarer Großherzogin Maria Pawlowna (1786–1859) erstellt wurde.Musicalien / aus dem Nachlasse I.K.H. / der Frau Grossfürstin / Maria Paulowna / in der Grossh. Bibliothek. Darin (Bd. I: unter Rubrik „Mappe“): I. Jaenichen Concert für Pf. in G moll Hdsch …?, (in Bd. II dagegen etwas verändert unter Rubrik „Mappe“): II. Jaenichen Concert für Clavier in g Moll. Siehe Irene Hegen: Das Cembalo-Konzert von Wilhelmine von Bayreuth, Furore-Verlag 2000, S. 29/30. Das Autograph, eine Partitur oder ein zeitgenössischer Druck des Konzerts wurden bisher nicht bekannt, ob im Breitkopf Verlag eine Abschrift unter Jenichen vorhanden war bzw. noch ist, müsste bewiesen werden.
Beim Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek 2004 wurde die neu gefundene „Quelle Weimar“ weitgehend vernichtet, es existiert aber eine Fotokopie, die der im Jahr 2000 gedruckten Ausgabe des vollständigen Konzerts im Furore Verlag vorausging; aus diesem Grund blieb die Originalfassung des Konzerts erhalten.Irene Hegen (Hrsg.): Wilhelmine von Bayreuth. Concerto in g. Partitur und Editionsbericht Das Cembalokonzert von Wilhelmine von Bayreuth. Furore Verlag Kassel, 2000c. Nach Répertoire International des Sources Musicales entstammte die Quelle Weimar der ehemaligen „Thüringischen Landesbibliothek Weimar“, so bezeichnet in der Zeit vor Anna Amalia, in deren persönlichem Katalog sie nie enthalten war. Deren Vorgänger, der Weimarer Herzog Ernst August I. wird, wie erwähnt, heute als möglicher ehemaliger Besitzer angesehen.Signatur und Bibliothekskommentar in der HAAB: Scha BS Mus Hs 00041 (2) Vorbesitz: Ernst August<Sachsen-Weimar, Herzog> *1688-1748* | Erlaeuterung: vermutlich aus dem Besitz von Ernst August Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach Seine Hochzeit mit der Bayreuther Prinzessin und späteren Weimarer Herzogin Sophie Charlotte Albertine im Jahr 1734 in der Residenzstadt Bayreuth wurde von Wilhelmine ausgerichtet.Irene Hegen: Neue Dokumente und Überlegungen zur Musikgeschichte der Wilhelminezeit. In: P. Niedermüller, R. Wiesend (Hrsg.): Musik am Hofe der Bayreuther Markgräfin Wilhelmine. Mainz 2002, S. 38 ff. Das Herzogpaar starb bereits 1747/1748. Die letztmalige Katalogisierung des Konzerts bzw. die erstmalige als „Quelle Weimar“ (?) geschah, wie beschrieben, handschriftlich im 19. Jahrhundert, als „Pianoforte-Konzert“ von Jaenichen im Weimarer Gesamtmusikalienkatalog.