Die Machzūm () sind ein Clan des mekkanischen Stammes der Quraisch, welcher nach Machzūm ibn Yaqaza benannt ist. Ab der Mitte des 6. Jahrhunderts nach Christus bis in die Frühzeit des Islam gehörten die Banū Machzūm zu den wirtschaftlich stärksten und politisch einflussreichsten Clans Mekkas. Dort siedelten sie vor allem in den Stadtteilen südlich und südöstlich der Kaaba. Heute existieren die Machzūm nicht mehr als geschlossener Clanverband, wenngleich einige arabische Familien ihre Abstammungslinie auf sie beziehen.
Abstammung und verwandtschaftliche Verhältnisse Die Machzūm führten ihren Stammbaum, genau wie die meisten Clans der Quraisch, auf Fihr ibn Mālik, den Urgroßvater Kaʿb ibn Luʾais, zurück. Namensgebend ist Machzūm ibn Yaqaza ibn Murra. Mit den Nachkommen Qusaiy ibn Kilābs ist der Stammbaum der Machzūm durch den gemeinsamen Großvater Murra ibn Kaʿb verbunden.Werner Caskel und Gert Strenziok: Ǧamharat an-nasab. Das genealogische Werk des Hišām Ibn Muḥammad al-Kalbī. Band I. Leiden: Brill. 1966. S. 5, 22f.ʿUmar Riḍā Kaḥḥāla: Muʿǧam qabā'il al-ʿarab al-qadīma wa-l-ḥadīṯa. Band III. Beirut: Muʾassasat ar-Risāla. 1985. S. 1058.
Die einflussreichste Linie des Clans bildeten die Mughīriden oder Banū l-Mughīra, also die Nachkommen von al-Mughīra ibn ʿAbdallāh ibn ʿUmar ibn Machzūm.Vgl. zu ihnen Werner Caskel und Gert Strenziok: Ǧamharat an-nasab. Das genealogische Werk des Hišām Ibn Muḥammad al-Kalbī. Band I. Leiden: Brill. 1966. Tafel 23. Nachfolgend eine Übersicht über die verwandtschaftlichen Verhältnisse unter ihnen:
Die Banū Machzūm in vorislamischer Zeit Position innerhalb der Quraisch Die Banū Machzūm gehörten in vorislamischer Zeit zu den „Quraisch der Talbereiche“ (Quraiš al-biṭāḥ), jenen Stammesgruppen, die im Tal von Mekka in direkter Nähe der Kaaba wohnten, im Gegensatz zu den weniger prestigeträchtigen „Quraisch der Außenbereiche“ (Quraiš aẓ-ẓawāhir), die in den Außenviertels Mekkas siedelten.Watt: Muhammad at Mecca. 1953, S. 5. Der Clan siedelte in vor- und frühislamischer Zeit allem voran südlich und südöstlich der Kaaba im Adschyād-Viertel. Auf der Seite des Hügels as-Safā war ein Tor zur Heiligen Moschee nach den Machzūm benannt.Julius Wellhausen: Das arabische Reich und sein Sturz. Berlin: Georg Reimer Verlag. 1902. S. 75f.
Nachdem Qusaiy ibn Kilāb die Vormachtstellung der Quraisch in Mekka durchgesetzt hatte, entwickelte sich zwischen den Familien seiner Söhne ʿAbd ad-Dār und ʿAbd Manāf ein Konflikt um die Herrschaft über die Stadt Mekka und die wichtigen Ämter zur Organisation der Pilgerfahrt und Kriegsführung. Hieraus formierten sich Allianzen unter den mekkanischen Clans. So unterstützte das Bündnis der sogenannten Mutaiyabūn („Parfümierte“), das sich aus den Asad, Zuhra, Taim und al-Hārith ibn Fihr zusammensetzte, die Ansprüche der von ʿAbd Schams angeführten ʿAbd Manāf, während das Bündnis der Ahlāf („Alliierten“), bestehend aus den Machzūm, Sahm, Dschumah und ʿAdī, denen der Spottname Laʿaqat ad-Dam („Blutlecker“) angehängt wurde, auf Seiten der ʿAbd ad-Dār stand. Auffällig in dieser Konstellation, ist, dass Machzūm der einzige Clan aus der Nachkommenschaft Murra ibn Kaʿbs war, der die ʿAbd ad-Dār unterstützte, während alle anderen Clane dieser Abstammungsgruppe ʿAbd Schams unterstützten.Wüstenfeld: Geschichte der Stadt Mekka. 1861, S. 34.
Nachdem sich die ʿAbd Schams mit der dominierenden Familie der Umaiyaden aus den Mutaiyabūn herausgelöst und eine eigene Fraktion etabliert hatten, zu der auch die Banū Naufal, Asad und ʿĀmir gehörten, formierte sich um das Jahr 590 ein neues Bündnis, welches als Hilf al-Fudūl („Bund der Vorzüglichen“) bekannt wurde. Dieses bestand aus den Clanen Hāschim, al-Muttalib, Zuhra, Taim, Hārith ibn Fihr und ʿAdī. Die Machzūm blieben hingegen mit den Sahm, Dschumah und ʿAbd ad-Dār verbündet. Das Bündnis der Ahlāf bestand also weiter, hatte jedoch die ʿAdī an den neuen Bund verloren.Watt: Muhammad at Mecca. 1953, S. 6f.
Ende des 6. Jahrhunderts bildeten die Machzūm und die ʿAbd Schams die beiden wirtschaftlich und politisch stärksten Clane Mekkas, die miteinander um Einfluss rivalisierten.Watt: Muhammad at Mecca. 1953, S. 9, 92. Nach Henri Lammens kontrollierten die Banū Machzūm bis auf die Kaaba nahezu die ganze Stadt Mekka, sahen sich aber einem wachsenden Einfluss der Umayyaden-Familie ausgesetzt, einem Clan der ʿAbd Schams.Lammens: "Makhzūm". In: Enzyklopaedie des Islam. Band III, S. 187.
Das Verhältnis zwischen den Banū Machzūm und den Umaiyaden spitzte besonders zu, als sich drei Jahre nach der Vertreibung des Clans der Banū Laith vom Stamm der Kināna aus Mekka gen Süden eine neue bewaffnete Auseinandersetzung anbahnte. Die Machzūm und Sahm, welche den Süden Mekkas bewohnten, gerieten zunehmend militärisch unter Druck und baten einen der führenden Umayyaden, Abū Uhaiha Saʿīd ibn al-ʿĀs, um Unterstützung gegen die Banū Laith, welche ihnen allerdings aufgrund eines bestehenden Verwandtschaftsverhältnisses zwischen den Umayyaden und Banu Laith verwehrt wurde. Erst nach der folgenden schweren Niederlage der Machzūm und dem Heranrücken der Laith an den Stadtrand Mekkas halfen die Umayyaden den Konflikt durch ihre Vermittlung beizulegen. Mahmood Ibrahim bewertet dies als kalkulierten Zug der Umayyaden zur Schwächung der Machzūm als größtem konkurrierenden Clan innerhalb der Quraisch.Ibrahim: Merchant Capital and Islam. 1990. S. 68f. Die dadurch gewonnene Vormachtstellung brachte den Banū Umaiya auch Zustimmung aus den Reihen der Ahlāf. So gelang es ihnen in den – während der frühen 590er JahreVgl. Tilman Nagel: Mohammed. Leben und Legende. München 2008. S. 52. über vier Jahre stets in den heiligen Monaten geführten – Fidschār-Kriegen, die gesamte Bevölkerung Mekkas und ihre Alliierten gegen die Hawāzin aus der Stammeskonföderation der Qais ʿAilān militärisch zu einen.Ibrahim: Merchant Capital and Islam. 1990. S. 70.
Als im Jahre 605 die Quraisch die Kaaba neu erbauten und den quraischitischen Clanen dabei verschiedene Bauabschnitte zugeordnet wurden, wurde den Banū Machzūm zusammen mit den Banū Tamīm und einigen verbündeten Stämmen der südliche Teil der Kaaba nach as-Safā hin zugeordnet.Wüstenfeld: Geschichte der Stadt Mekka. 1861, S. 86.
Die führende Rolle der Mughīriden Innerhalb der Machzūm hatten die Mughīriden (Banū l-Muġīra) die führende Position inne und bildete die Hauptlinie innerhalb des Clans. Ihr Ahnvater war al-Mughīra ibn ʿAbdallāh, der um die Mitte des 6. Jahrhunderts eine wichtige Rolle im politischen Leben Mekkas spielte.Kister: "Mecca and the Tribes of Arabia: Some Notes on their Relations". 1986, S. 49f. Ein Bericht, der bei Ibn Abī l-Hadīd überliefert ist, bezeichnet ihn als „Anführer der Quraisch in der Dschāhilīya“ (saiyid Quraiš fī l-ǧāhilīya). Nach diesem Bericht war al-Mughīra einmal in einen Konflikt mit den Banū Fazāra, einem Clan aus dem Verbund der Ghatafān, verwickelt. Hintergrund hierfür war, dass die nicht-quraischitischen Pilger, die von außerhalb Mekkas zum Haddsch kamen, üblicherweise von einem der Clane der Quraisch mit Pilgerkleidung versorgt wurden und im Gegenzug dem Clan einen Teil ihres geschlachteten Fleisches überließen. Die Banu Fazāra erhielten ihre Pilgerkleidung üblicherweise von al-Mughīra ibn ʿAbdallāh. Der Konflikt entzündete sich, als ein Anführer der Banū Fazāra die Abgabe des Fleisches in der geforderten Höhe verweigerte. Al-Mughīra drohte ihm deswegen, woraufhin der Mann auf die Durchführung des Haddsch verzichtete.Kister: "Mecca and the Tribes of Arabia: Some Notes on their Relations". 1986, S. 33f.
Unter al-Mughīras Sohn Hischām, der wie sein Vater als „Anführer der Quraisch“ (saiyid Quraiš) galt,Ibn Duraid: Kitāb al-Ištiqāq. 1854, S. 92. konnte die wirtschaftliche und politische Dominanz der Machzūm beibehalten und Handelsbeziehungen sogar ausgebaut werden. Dadurch wurde selbst eine Niederlassung der Machzūm in Äthiopien möglich.Hinds: “Mak̲h̲zūm”. 1987, S. 137. Hischām ibn al-Mughīra galt als Kriegsreiter der Quraisch (fāris Quraiš)Ibn Abī l-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa. 1983, Bd. XVIII, S. 300. und gehörte in den Fidschār-Kriegen zu den Anführern der mekkanischen TruppenIbn Ḥabīb al-Baġdādī: Kitāb al-Muḥabbar. 1946, S. 170.Aḥmad ibn Yaḥyā al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. Yūsuf al-Marʿašlī (Hrsg.). Band I, Halbband I. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag. 2008. S. 253f. Digitalisat Mehreren Überlieferungen zufolge war sein Ansehen so groß, dass die Quraisch die Zeit nach seinem Tod datiertenaz-Zubairi: Kitāb Nasab Quraiš. 1982. S. 301.Ibn Ḥabīb al-Baġdādī: Kitāb al-Muḥabbar. 1946, S. 139. und der Jahrmarkt von ʿUkāz danach drei Male nicht abgehalten wurde.Aḥmad ibn Yaḥyā al-Balāḏurī: Ansāb al-ašrāf. Ed. Iḥsān ʿAbbās. Band V. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden. 1996. S. 237. Digitalisat
Nach dem Tod von Hischām ibn al-Mughīra galten vor allem dessen Brüder Suhail Abū Umaiya ibn al-Mughīra und später al-Walīd ibn al-Mughīra (starb 622/23) als Oberhäupter der Machzūm. In der Zeit um die Wende zum siebten Jahrhundert fungierte al-Walīd als der Friedensrichter (ḥakam) des Clans.Kister: "Mecca and the Tribes of Arabia: Some Notes on their Relations". 1986, S. 53. Seine besondere Stellung wird auch durch den bei Ibn Habīb al-Baghdādī überlieferten Beinamen al-ʿAdl („der Rechtschaffene“) – ein Zeichen für seine Verdienste als Schiedsrichter unter den Arabern – deutlich.Ibn Ḥabīb al-Baġdādī: Kitāb al-Muḥabbar. 1946, S. 132. Auch beim Neubau der Kaaba im Jahre 605 spielte er eine entscheidende Rolle. So soll er, der Angst der Mekkaner vor einer göttlichen Strafe zum Trotz, als erster mit dem Abriss der alten Kaaba begonnen haben.Kister: "Mecca and the Tribes of Arabia: Some Notes on their Relations". 1986, S. 55.
Rolle während der Wirkungszeit des Propheten Mohammed Auseinandersetzung mit Mohammed während seiner Zeit in Mekka Zur Zeit der Verkündigung des Islams durch Mohammed ab etwa 613 in Mekka bildete sich eine starke Opposition der Banū Machzūm unter ihrem Oberhaupt al-Walīd ibn al-Mughīra und seinem Neffen ʿAmr ibn Hischām, von den Muslimen Abū Dschahl („Vater der Ignoranz“) genannt, gegenüber dem Islam und seinen Anhängern. Al-Walīd ibn al-Mughīra soll auch einer der „Verspotter“ (mustahziʾūn) Mohammeds gewesen sein, gegen die Verse in den mekkanischen Suren des Korans gerichtet sind.Hinds: “Mak̲h̲zūm”. 1987, S. 138a. Laut William Montgomery Watt gehörten die Hauptgegner Mohammeds den Clanen Machzūm und ʿAbd Schams an.Watt: Muhammad at Mecca. 1953, S. 113.