mini|hochkant=1.2|Eruptionskrater mit Lavafluss in Richtung El Paraiso (20. September 2021) mini|hochkant=1.2|La Palma: Lage des Vulkanausbruchs und des Lavastroms (Stand 23. November 2021)
Der Vulkanausbruch auf La Palma 2021 dauerte vom 19. September bis zum 13. Dezember 2021 und gilt als der längste bekannte Ausbruch eines Vulkans auf der kanarischen Insel La Palma. Mit Blick auf die Schäden war es der folgenreichste in der Geschichte der Insel. Der im Juni 2022 so benannte Tajogaite-Vulkan entstand am Westhang des Höhenrückens Cumbre Vieja 1700 m nordwestlich des Llano-del-Banco-Vulkans, einem von drei Vulkanen der San-Juan-Eruption 1949. Die aus mehreren Spalten austretende Lava floss nach Westen über die dicht besiedelte Ebene Aridane und über die Steilküste ins Meer hinab. Dabei wurde eine große Zahl von Häusern in Dörfern und Streusiedlungen der Gemeinden El Paso, Los Llanos de Aridane und Tazacorte zerstört und eine große landwirtschaftlich genutzte Fläche bedeckt. Besonders stark betroffen war Todoque, ein Gemeindeteil von Los Llanos de Aridane.
Vulkanische Charakteristik
Es handelte sich um eine Spalteneruption mit strombolianischem Charakter und eingestreuten Wasserdampfexplosionen. Mehrere nacheinander entstandene Schlote gruppierten sich in einer Linie entlang eines unterirdischen Spaltensystems. (spanisch) Dazu kam eine starke effusive Komponente, bei der ergiebige Lavaströme austraten, manchmal aus mehreren Öffnungen gleichzeitig.
Bei dem explosiven Geschehen wurden vulkanisches Gas und vulkanische Asche ausgestoßen, die sich in Eruptionssäulen bis zu 5000 m Höhe auftürmten und weit verteilen konnten. Die Lavafontänen erreichten eine Höhe von 600 m. (spanisch) Das pyroklastische Material in Form von verschweißten Lavafetzen, Asche, Lapilli und vulkanischen Bomben baute mit der Zeit einen Schlackenkegel auf, dessen Flanken teilweise wieder einbrachen. Dabei wurde die Lava aus dem Lavasee im Inneren des Kraters schlagartig freigegeben, was zu spektakulären Lava-Kaskaden und dem Abgang von haushohen Blöcken führte.
Verlauf des Vulkanausbruchs Vorgeschichte
Auf La Palma gab es jahrzehntelang keine Vulkanausbrüche oder ankündigende Erdbeben.Past earthquakes near La Palma volcano – Quake Table. Erdbeben La Palma 1950–2020. In: volcanodiscovery.com. Abgerufen am 20. September 2022 (englisch). In jüngerer Zeit gab es Erdbeben nur südöstlich von Teneriffa und auf El Hierro. Auf La Palma gab es Erdstöße erst am 19. Februar 2013. Ein erstes spürbares Beben fand am 10. Februar 2014 mit einer Magnitude von 3,7 statt. Nicht spürbare größere Schwarmbeben gab es vom 7. bis 14. Oktober 2013 sowie vom 11. bis 15. Februar 2018. Die letzten größeren Erdbebenschwärme gab es vom 30. Januar bis zum 2. Februar und vom 25. bis 27. Juni 2021.
mini|hochkant=2|Die drei betroffenen Gemeinden (v. r. n. l.):El Paso, Los Llanos de Aridane und Tazacorte rot unterstrichen: von der Lava überdeckte Dorf- (zusätzlich rot umrandet) bzw. Siedlungskerne lila Worte und Linien: Namen und Grenzen der Gemeindeteile (Barrios)
September 2021 mini|hochkant=2|Austrittsstellen (schwarz) und Ausbreitung der Lava (rot)(Datum: siehe Situation as of … in der Bild-Legende ganz oben)
Am 11. September begann ein intensiverer, über die nächsten Tage ansteigender Erdbebenschwarm, der als Indiz eines eventuell bevorstehenden Vulkanausbruchs auf dem Höhenrücken Cumbre Vieja interpretiert wurde.Erdbeben 11./12.09.2021 Die weitere Zunahme der seismischen Aktivitäten veranlasste am 13. September die Behörden, den „Aktionsplan für Vulkankatastrophen“ (PEVOLCA) zu aktivieren und die „Vulkanampel“ für die Gemeinden El Paso und Los Llanos de Aridane an der Westseite der Cumbre Vieja sowie weitere Gemeinden im Süden und Osten des Gebirges von Grün auf Gelb zu setzen. Damit verbunden waren Hinweise, wie sich die betroffenen Einwohner auf eine mögliche Evakuierung vorbereiten sollten.
Am Morgen des 19. September gab es neben den zahlreichen schwächeren Erdbeben auch fünf flache Beben, die über der Magnitude 3,0 lagen, das stärkste mit 3,8 mbLg. Später, gegen 16:00 Uhr MESZ, stieg der vulkanische Tremor stark an. Der befürchtete Vulkanausbruch begann um 16:12 Uhr MESZ etwa 5 km nördlicher als das jeweilige Epizentrum der meisten vorher nur noch in einer Tiefe von etwa 1 km registrierten Erdbeben. Seine Ausbruchstellen befanden sich in etwa 920 m Höhe über dem Meeresspiegel am Westhang der Cumbre Vieja im Gemeindeteil Tacande von El Paso. Das war etwa 1200 m östlich des alten Vulkans Montaña Rajada.Dieser alte Vulkan liegt westlich der von der Lava des neuen Vulkans überdeckten Straße LP-212 und 1 km nördlicher als deren Einmündung in die Straße LP-2. Zunächst bildeten sich an mehreren Stellen von zwei längeren Spalten Lavafontänen, und zwei Lavaströme flossen den leicht bewaldeten Hang hinunter auf bewohntes Gebiet zu. Nach einer Stunde bildete sich oberhalb der ersten Ausbruchstelle eine Aschewolke, die bis 1500 m hoch reichte. Die Behörden setzten die Warnstufe auf Rot und begannen mit der Evakuierung der gefährdeten Wohngebiete westlich der Ausbruchstelle. Außerdem wurde die Katastrophenmanagement-Mission (EMSR546: Volcano eruption in La Palma, Spain) des Copernicus-Erdbeobachtungsprogrammes gestartet, um die Auswirkungen des Ausbruches zu erfassen.
Am Abend des 20. September war die Lava bereits etwa 2,9 km weit bis knapp über einen östlich von Todoque von Nord nach Süd verlaufenden Wasserkanal hinaus gekommen. In der Nacht vorher hatte sie schon die beiden Nord-Süd-Straßen LP-212 und LP-2 überquert. In den nächsten Tagen rückte ihre Front zwar mit einer Mächtigkeit von 8 bis 15 m Höhe, aber nur noch mit einer Geschwindigkeit von 4 m/h weiter vor. Am Abend dieses Tages öffnete sich etwa 700 m nördlich vom bisherigen Ausbruchszentrum eine neue Eruptionsspalte, woraufhin auch die im Norden anschließenden Wohngebiete in den Gemeindeteilen Tajuya und Tacande von El Paso evakuiert wurden. Insgesamt waren bisher etwa 6000 Einwohner von den Evakuierungen betroffen. Von der Copernicus-Mission wurden erste Karten veröffentlicht, die das Ausmaß des Lavastroms sowie die Zerstörungen von 320 Häusern zeigten.Lavaausbreitung - Situation zum 21.09.2021 - ÜbersichtskarteLavaausbreitung - Situation zum 21.09.2021 - Detailkarte
Am 22. September erreichte der Lavastrom Todoque etwa 30 Meter südlich des Ortskerns (Kirche San Pio X), überdeckte die Nord-Süd-führende Straße LP-213 auf einer Länge von etwa 15 Metern und stoppte danach für ein paar Tage. Der rückwärtige Lavastrom wurde jetzt an seinem Südrand breiter. Weil jetzt auch die LP-213 nicht mehr passierbar war, verblieb als einzige Nord-Süd-Verbindungsstraße auf der Westseite der Insel nur noch die küstennahe LP-2132 (Carretera de La Costa).Straßeninfrastruktur schwer beschädigt
Am 23. September waren nach Angaben der Copernicus-Mission 350 Häuser zerstört; die Lava bedeckte eine Fläche von 166 Hektar. Die durch das aufsteigende Magma verursachte Bodenanhebung stabilisierte sich auf einem Maximum von 28 cm. (spanisch, deutsches PDF verfügbar)
Am 24. September verstärkte sich der Tremor deutlich. Die Eruption veränderte sich zunehmend in eine explosive Phase. Um 15:15 Uhr gab es eine große Explosion. Auf Videoaufnahmen war eine Wilson-Wolke zu sehen. Bei der Explosion gingen Fensterscheiben in der Umgebung zu Bruch. Als Folge bekam der Krater Risse und eine neue Eruptionsspalte mit schnell fließender Lava tat sich auf. Durch die vielen Explosionen verstärkte sich die Aschewolke, aufgrund einer Änderung der Windrichtung ging auch auf der Ostseite der Insel Asche nieder. Die Umgebung des Vulkans wurde mit einer dicken Ascheschicht und mit Lapilli eingedeckt. Die Aschewolke erreichte 3500 m Höhe.Manfred Betzwieser: Explosive Vulkanphase hat eingesetzt. In: lapalma1.net. 9. Oktober 2021, abgerufen am 18. Oktober 2021. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez, der sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort machte, versprach finanzielle Entschädigungen für die zerstörten Häuser und auch für den verlorenen Hausrat. Laut RTVC/TelevisionCanaria waren am Abend bereits 452 Häuser zerstört.
Am 25. September gab es einen Teilkollaps des neuen Vulkankegels, wobei ein Teil der Westflanke abrutschte. Am 26. September setzte sich der Lavastrom vor Todoque wieder in Bewegung und verschüttete am Nachmittag den Ortskern samt Kirche und anschließend den westlichen Ortsteil. An der Steilküste in der Nähe des Hafens von Tazacorte ereignete sich möglicherweise aufgrund der anhaltenden Erschütterungen durch den Vulkan auf die Insel ein kleinerer Felssturz, bei dem Steinmassen ins Meer fielen; nach damals der kanarischen Tageszeitung El Día vorliegenden Informationen über den Vorfall stand der Abbruch nicht im Zusammenhang mit dem Vulkanausbruch. Nach einer Auswertung von Stereobildern der Pléiades Erdbeobachtungssatelliten bedeckte die Lava eine Fläche von 262 Hektar bei einer durchschnittlichen Höhe von 12 m und einer Maximalhöhe von 50 m. Am 27. September gab es eine mehrstündige Ruhephase des Vulkans. Zwischen 6 und 7 Uhr Ortszeit verringerte sich der vulkanische Tremor und die Eruptionen am Vulkanschlot. Im Laufe des Tages kam es nur zu kleineren Ascheeruptionen. Zwischen 17 und 18 Uhr Ortszeit erhöhte sich der vulkanische Tremor wieder und kurz nach 18 Uhr Ortszeit erfolgten neue Eruptionen, zu Beginn hauptsächlich mit Ascheauswurf und etwa eine Stunde später wieder strombolianischen Typs.
mini|hochkant=4|Ausbreitung der Lava an bestimmten Tagen im September (fortlaufend von rechts nach links) Am 28. September stellte das Instituto Geográfico Nacional jedoch fest, dass einer der Vulkanausgänge im nördlichen Teil des Vulkans seine Aktivität verändert hat und daher nun der hawaiianische Typ des Vulkanausbruchs überwiege. Bei dieser Art von Eruption verläuft der Prozess in der Regel ruhiger, weil die Lava noch flüssiger ist, die Gase leicht freigesetzt werden und es keine Explosionen gibt. In der Folge traten große Lavamengen aus. In der Nacht zum 29. September erreichte die Lava bei der Playa Nueva die Küste und floss in den Atlantik. Dadurch wurde auch die küstennahe und letzte noch offene Straßenverbindung, die LP-2132 (Carretera de La Costa) zwischen Nord und Süd auf der Westseite von La Palma unterbrochen. Das Gebiet südlich des Lavastroms um Puerto Naos mit seinen Bananenplantagen war nun nur noch auf Nebenwegen erreichbar. Die Regierung in Madrid erklärte La Palma zum Katastrophengebiet.
Im Verlauf des Tages schob die Lava ein Mündungsdelta von 500 m Breite ins Meer hinaus. Es befindet sich etwa 1 km (Mitte zu Mitte) nördlich der bei der San Juan-Eruption 1949 entstandenen Lava-Plattform. Durch den Lavaaustritt hat sich die Fläche der Insel um 17,2 Hektar vergrößert; die Lava ist dort 24 m tief ins Meer geströmt. Der Rest der Lavaströme ist praktisch inaktiv. Nach Angaben der Copernicus-Mission vom 29. September war eine Landfläche von 338,3 Hektar von Lava bedeckt; der Ascheauswurf beeinflusste 1753 Hektar. Bislang sind 981 Gebäude vom Lavafluss betroffen, davon 855 zerstört. Das Institut für Geowissenschaften (IGEO) veröffentlichte erstmals die aktuelle Einordnung des Ausbruchs in die Stufe 2 auf der Skala von 0 bis 8 des Vulkanexplosivitätsindex (VEI).
Oktober 2021
Am 1. Oktober wurden 18 Beben der Magnitude 2,0 bis 3,6 registriert, davon vier stärker als 3,0, ähnlich viele, wie in den vorangegangenen Tagen. Eine intensivere vulkanische Tätigkeit führte u. a. zum Aufbruch von zwei neuen Spalten im Abstand von nur 15 m voneinander, etwa 600 m nordwestlich des aktiven Vulkankegels in bereits bewohntem Gebiet. Der neue Lavastrom zerstörte weitere Teile von El Paraíso, ehe er sich später wieder mit dem Hauptstrom vereinigte. Das neue Lavadelta hat sich schon 475 m weit ins Meer vorgeschoben, bei einer Maximaltiefe von 30 m, und bedeckt nun eine Fläche von 27 Hektar. (spanisch)