Der zwölfjährige Jesus im Tempel ist ein großformatiges Gemälde von Max Liebermann, das sich in der Hamburger Kunsthalle befindet.
Es wurde 1879 auf der Internationalen Kunstausstellung im Münchener Glaspalast gezeigt und löste einen Skandal aus, da die Darstellung des Jesusknaben nicht den Konventionen entsprach. Der „ungewaschene Bube im schmutzigen Hemde“ habe einen „ordinären Schacherzug“ im Gesicht, der das religiöse Empfinden beleidige.Anonymer Autor E.F. im Bayerischen Landboten, 3. August 1879. Die antisemitischen Ausfälle veranlassten Liebermann, die Jesusfigur zu übermalen.
Biblische Erzählung Der zwölfjährige Jesus im Tempel ist eine Erzählung aus dem Lukasevangelium (), die in der christlichen Kunst häufig dargestellt wurde, zum Beispiel in Zyklen zum Marienleben.
Josef und Maria besuchen mit Jesus bei einem Pilgerfest den Jerusalemer Tempel. Bei der Rückreise merken sie erst verspätet, dass der Junge nicht bei Bekannten in ihrer Pilgergruppe ist; sie kehren nach Jerusalem zurück und suchen ihn dort.
Maria konfrontiert Jesus damit, dass Josef und sie um ihn in Sorge gewesen seien; er dagegen verweist darauf, dass sein Platz „in dem, was seines Vaters ist“, sein müsse: Da Gott sein Vater sei, sei der Tempel der für ihn naheliegende Aufenthaltsort.Das ist die gängige Erklärung. Der griechische Text lässt auch die Interpretation zu, dass Jesus sich mit den Angelegenheiten seines Vaters befasse (nämlich indem er mit den Lehrern Israels ein Gespräch über religiöse Themen führt). Vgl. Hans Klein: Das Lukasevangelium, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 155 und Anm. 46 und 47. Er kehrt dann aber mit Maria und Josef nach Nazareth zurück und verbringt dort seine weitere Jugend bis zu seinem öffentlichen Auftreten.
Bildbeschreibung links|mini|Das Gemälde vor der Überarbeitung (Richard Muther: Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert) links|mini|Skizze zu Der zwölfjährige Jesus im Tempel (Sammlung Villa Liebermann, Berlin-Wannsee) Liebermann gestaltet einen Raum, der mit Leuchter, Lesepult und Bänken an eine Synagoge im 19. Jahrhundert erinnert. Das Licht fällt von oben ein. Mehrere stehende und sitzende Männer sind um den stehenden Jesusknaben gruppiert. Im Zentrum der Komposition sieht man Jesus und zwei sitzende jüdische Gelehrte, die mit dem Tallit bekleidet sind und dem Jungen konzentriert zuhören. Sie sind mit dem stehenden Kind auf Augenhöhe und bilden mit ihm die zentrale Dreiergruppe, einen zum Betrachter hin offenen Halbkreis.Hildegard Frübis: Der ‚Fall‘ Liebermann. Entangled histories – Antisemitismus und Antimoderne im Streit um das Gemälde Der zwölfjährige Jesus im Tempel (1879), Göttingen 2019, S. 152. Ihre Zusammengehörigkeit wird auch farblich durch die weißen Gebetsmäntel bzw. die Tunika des Kindes unterstrichen. Die Anzughosen und der Umstand, dass einer der beiden sitzenden Männer entgegen der Tradition rasiert ist, weisen auf den bürgerlichen Stand dieser beiden Personen, während die übrigen Synagogenbesucher etwas ärmer zu sein scheinen.
Links von dieser Gruppe beugt sich ein modern gekleideter Mann im grünen Anzug über das Lesepult, rechts dagegen steht ein großer, leicht gebeugter Mann in schwarzem Kaftan und mit Pelzmütze (Spodik); er wendet dem Betrachter den Rücken zu und erinnert an einen traditionellen osteuropäischen Juden, wie man ihnen zur Zeit Liebermanns gelegentlich im Berliner Straßenbild begegnete. Diese beiden Männer rahmen die Szene. Der grün Gekleidete lächelt in einer Vorstudie wie amüsiert über den Eifer des Kindes; in dem Gemälde ist der Gesichtsausdruck anders, er scheint ernsthaft interessiert. Dass er sowie die beiden sitzenden Männer in einer Synagoge keine Kopfbedeckung tragen, ist ein weiterer Bruch mit der Tradition. Liebermann stellt hier möglicherweise Anhänger der Reformbewegung dar. Eine solche Interpretation setzt voraus, dass Liebermann sich mit den Strömungen des zeitgenössischen Judentums näher befasst hätte; das ist aber keineswegs sicher.Inna Goudz: Der Begriff der Jüdischen Kunst in der Kunstgeschichte. Versuch einer Definition. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, S. 80f.
Im Hintergrund erkennt man eine Wendeltreppe, die offenbar zur Frauenempore führt. Eine Frau steigt auf der Treppe herab – mit Kenntnis des Evangeliums identifiziert der Betrachter sie als Maria, die Mutter Jesu, die ihren Sohn gesucht hat. Dass ihr Gesicht vom Rahmen überschnitten wird, unterstreicht das Eilige ihres Kommens. Ein dunkel gekleideter Mann mit Schläfenlocken wendet sich aus der Männergruppe im Vordergrund zu ihr um, bezieht sie dadurch mit ein und wird so als Jesus’ Ziehvater Josef von Nazareth interpretierbar. Liebermann gibt diesen beiden Figuren im Bild allerdings eine sehr untergeordnete Bedeutung.
Der barfüßige Jesus trug vor der Übermalung eine Art unregelmäßig drapierte antike Tunika, kontrastierte also mit den zeitgenössisch gekleideten Personen, die ihn umgaben. Er hatte dunkle (möglicherweise rötlicheInes Baumgarth-Dohmen: Der zwölfjährige Jesus im Tempel, Max Liebermann, 2015, S. 78.) kurze Haare und Schläfenlocken. Der Junge war im verlorenen Profil zu sehen, seine Nase wirkt für ein Kind relativ groß, das Kinn spitz. Mit einem Ausfallschritt wendet sich der Junge seinen Gesprächspartnern zu. Die gestikulierenden Hände unterstützen offenbar eine lebhafte Argumentation.Inna Goudz: Der Begriff der Jüdischen Kunst in der Kunstgeschichte. Versuch einer Definition. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, S. 77.
Nach der Überarbeitung ist Jesus mit einem wadenlangen, regelmäßig fallenden weißen Gewand bekleidet und trägt Sandalen. Er hat nun schulterlanges blondes Haar und weiche, mädchenhafte Gesichtszüge. Die Arme sind nun enger am Körper, die Gestik der Hände ist zurückgenommen, so dass Jesus jetzt vergleichsweise introvertiert oder bescheiden wirkt.
Entstehung Liebermann hatte die Idee zu diesem Bild, als er 1876 während einer Hollandreise das Amsterdamer Judenviertel besuchte. Liebermann war dort sozusagen auf den Spuren Rembrandts unterwegs.Inna Goudz: Der Begriff der Jüdischen Kunst in der Kunstgeschichte. Versuch einer Definition. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, S. 85–91. Er fertigte erste Architekturskizzen der dortigen Portugiesischen Synagoge an. In der sefardischen Synagoge (Scola levantina) von Venedig entstanden 1878 weitere Studien; von hier übernahm Liebermann die geschwungene Treppe, die im Gemälde dann als Wendeltreppe umgesetzt wurde.Hildegard Frübis: Der ‚Fall‘ Liebermann. Entangled histories – Antisemitismus und Antimoderne im Streit um das Gemälde Der zwölfjährige Jesus im Tempel (1879), Göttingen 2019, S. 152.
Sowohl Rembrandts Darstellung des Themas auf zwei Radierungen als auch ein Gemälde von Matthias Stom (damals Gerrit van Honthorst zugeschrieben), das Liebermann wahrscheinlich in der Alten Pinakothek sah, wirkten auf Liebermanns Gestaltung der Figurengruppe ein. Die Lichtführung ist dagegen von Giambattista Tiepolo beeinflusst.
Der niederländische Caravaggist Matthias Stom hatte den Einfall, Jesus und die Schriftgelehrten auf Augenhöhe zu bringen, indem er das Kind stehend und seine erwachsenen Gesprächspartner sitzend darstellte (um 1640/45, Foto); das wird Liebermann übernehmen.
Von Rembrandt gibt es eine Radierung des Knaben Jesus zwischen den Schriftgelehrten stehend (1652, Foto) und eine zweite Radierung (1654, Foto), welche Jesus in einer ähnlichen Gesprächssituation, aber sitzend zeigt. „In beiden Werken ist Jesus ähnlich wie bei Liebermann als einfaches Kind dargestellt, das eher mit seiner kindlichen Offenheit und Natürlichkeit als mit den Kenntnissen der Thora zu überzeugen scheint.“Inna Goudz: Der Begriff der Jüdischen Kunst in der Kunstgeschichte. Versuch einer Definition. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, S. 87. Auffällig ist 1654 der rechts stehende junge Mann, der dem Betrachter den Rücken zuwendet. Er trägt die Kleidung eines wohlhabenden Bürgers des 17. Jahrhunderts und ist durch Haartracht, Bart und Schläfenlocken als religiöser Jude zu erkennen; diese Figur hat die gleiche kompositorische Bedeutung wie der ältere gebeugte Mann im Kaftan auf dem Gemälde Liebermanns.Inna Goudz: Der Begriff der Jüdischen Kunst in der Kunstgeschichte. Versuch einer Definition. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, S. 87f.
Ende 1878 ließ sich Liebermann in München nieder und begann mit Einzelstudien zu den Figuren, deren Anordnung schon mehr oder weniger dem späteren Gemälde entsprach. Seine Modelle fand er nach eigenen Angaben in Münchener Spitälern.
Reaktionen Liebermanns Zwölfjähriger Jesus im Tempel wurde 1879 auf der Internationalen Kunstausstellung im Münchener Glaspalast gezeigt; dieses Werk befand sich dort in einem von 64 Sälen, deren Wände dicht an dicht mit Kunstwerken gefüllt waren. Es fiel aber direkt auf. Münchener Künstler wie Heinrich von Zügel und Lorenz Gedon lobten die Darstellung. Aber schon bei Ausstellungseröffnung reagierten der Prinzregent Luitpold und die königliche Familie negativ. Angeblich wurde das Gemälde deshalb umgehängt, was aber nicht mehr zu verifizieren ist.Martin Faass (Hrsg.): Der Jesus-Skandal. Ein Liebermann-Bild im Kreuzfeuer der Kritik, Berlin 2009, S. 63f.
Die Rezensionen sowohl der lokalen als auch der überregionalen Presse waren negativ, was Liebermanns Bild zunächst mit anderen im Glaspalast ausgestellten Werken des Realismus verband. Diese Werke galten als roh und trivial, da sie der bis dahin vorherrschenden idealistischen Kunstauffassung nicht entsprachen.Martin Faass (Hrsg.): Der Jesus-Skandal. Ein Liebermann-Bild im Kreuzfeuer der Kritik, Berlin 2009, S. 64. In der Kritik an Liebermanns Jesusbild verbanden sich ästhetische Werturteile, die Liebermann als Vertreter des Realismus trafen, mit ethnisch-rassistischen Argumentationsmustern.Hildegard Frübis: Der ‚Fall‘ Liebermann. Entangled histories – Antisemitismus und Antimoderne im Streit um das Gemälde Der zwölfjährige Jesus im Tempel (1879), Göttingen 2019, S. 158f. mini|Christus als Knabe im Tempel, Lithographie nach Menzel. Das göttliche Kind kontrastiert mit den stereotyp dargestellten Juden (1852, British Museum) mini|Fritz von Uhde: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Uhdes Jesus wird von zeitgenössischen armen Kindern umringt (1884, Museum der bildenden Künste Leipzig) Beim Zwölfjährigen Jesus im Tempel kam aber der Blasphemie-Vorwurf hinzu. Im Gegensatz etwa zu Menzel verzichtete Liebermann auf jeden Hinweis auf die Göttlichkeit des Jesusknaben; er bleibt ein einfacher jüdischer Junge. Liebermann interpretierte die Episode des Lukasevangeliums aus nichtchristlicher Perspektive. Friedrich Pecht kritisierte grundsätzlich, die biblische Erzählung sei ohne religiöse Ehrfurcht rein humoristisch aufgefasst – ein gewitztes Kind, das ein paar Greise zum Besten halte. Liebermann stelle Jesus als „den häßlichsten, naseweisen Juden-Jungen, den man sich denken kann“, dar. Auch die mit ihm diskutierenden Rabbiner behandle Liebermann respektlos als ein „Pack der schmierigsten Schacherjuden“.Friedrich Pecht: Die Münchener Ausstellung II. Die religiöse und die Historien-Malerei. In: Allgemeine Zeitung, 4. August 1879. (Digitalisat) In der Lokalpresse erschienen Leserbriefe, die Liebermann als Juden angriffen, der christliche Gefühle verletzt habe.Hildegard Frübis: Der ‚Fall‘ Liebermann. Entangled histories – Antisemitismus und Antimoderne im Streit um das Gemälde Der zwölfjährige Jesus im Tempel (1879), Göttingen 2019, S. 160–162.