mini|Stärkebrunnen: rundes Becken mit Brunnenfigur auf einer zentralen Säule mini|Plätschern an einem Brunnen mini|Samsonbrunnen aus der Werkstatt Hans Gieng, 1547

Die Renaissancebrunnen sind öffentliche Laufbrunnen in der schweizerischen Stadt Freiburg im Üechtland. Sie tragen eine biblische oder allegorische Figur auf einem Brunnenstock, meist einer Säule. Die aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert stammenden Bauwerke versahen nebst der Versorgung der Bewohner mit Trinkwasser noch weitere wichtige Funktionen in der historischen Stadt. Von den zehn Figurenbrunnen aus der Renaissance sind alle zehn erhalten, die Brunnen jedoch teilweise verschoben und sämtliche originalen Figuren beziehungsweise Figurengruppen durch Kopien ersetzt und die Originale ins Museum für Kunst und Geschichte Freiburg überführt.

Mittelalterliche Wasserversorgung Die Trinkwasserversorgung von Freiburg wurde seit dem 16. Jahrhundert durch ein System von Laufbrunnen modernisiert. Zwar verfügte die Stadt schon früher über Laufbrunnen, darunter auch einige mit Figuren, aber nur aus Holz. Mit der Modernisierung sollten Säulen, Kapitelle und Skulpturen aus Stein die Holzstöcke und -skulpturen ersetzen.

Laufbrunnen werden mit fliessendem Wasser versorgt und von einer Quelle gespeist, die meist weit entfernt liegt und deren Wasser durch Röhren zu den Brunnen geführt wird. Sie haben gegenüber den Sodbrunnen den Vorteil, dass das Wasser ortsunabhängig von der Quelle geschöpft werden kann und sie bequemer für die Nutzung sind. Diese Vorteile ermöglichen es, unter Berücksichtigung eines gewissen Höhenunterschieds die Standorte der Brunnen nach städtebaulichen Gesichtspunkten auszuwählen. Die Topografie Freiburgs bot genügend Möglichkeiten, das benötigte Gefälle zu erreichen. Wie Einträge in historischen Rechnungsbüchern belegen, war die Stadt die Auftraggeberin der zehn Figurenbrunnen.

Brunnen zu erneuern oder neue zu errichten, war aufwändig. Um die Steine (Sandstein von Pont und La Molière, Kalkstein aus dem Jura, die man vor Ort auswählte) zu brechen und in die Stadt zu transportieren, musste man Steinhauer, Schiffleute und Karrer beschäftigen. Neben den städtischen Brunnenknechten waren Maurer, Steinmetze und Metallhandwerker für den Bau nötig. Für Anschlüsse, Röhren oder für Beckenbeschläge waren Blei, Kupfer und Eisen zu beschaffen und zu bearbeiten. Für den Brunnenstock und die farbig gefassten Figuren, die ihn bekrönten, war die Arbeit von Bildhauern und Malern gefragt. Nach beendeter Arbeit richteten Pflästerer die unmittelbare Umgebung her. Halbfertigprodukte wie Nussöl, Wachs oder Firnis für die Malerei waren bei verschiedenen Zulieferern zu beschaffen, Handlanger und Fachleute anzustellen. Und für alle war der Tageslohn, aber auch ein Trinkgeld vorzubereiten.

Heute haben die Figurenbrunnen – wie die Brunnen überhaupt – keine relevanten Funktionen mehr; sie sind zu reinen Denkmälern oder zu unverstandenem Dekor des öffentlichen Raums geworden. Sie spielen allenfalls noch als Sehenswürdigkeiten und fotogene Sujets für Touristen eine Rolle. Im 16. und frühen 17. Jahrhundert zählten sie zur lebenswichtigen Infrastruktur der Stadt. Die Bewohner holten an diesen Brunnen ihr Trinkwasser, benutzten es auch zum Waschen. Das Gebrauchtwasser goss man in die Abwasserrinne oder den Stadtbach, der teilweise vom Gewerbe genutzt und für die Brandbekämpfung auch in Weihern Wasser vorrätig hielt. Ausser der Trinkwasserversorgung und der Abwasserentsorgung, die mit jedem Brunnen verbunden war, hatten sie noch weitere Funktionen. Als die Mehrheit der Stadtbewohner noch nicht lesen und schreiben konnte, dienten die Figurenbrunnen auch der öffentlichen Information, und zwar in zweifacher Hinsicht. Erstens hatten sie eine identitätsstiftende Wirkung und wurden auch zur Legitimierung der städtischen Ordnung eingesetzt. Freiburg inszenierte sich mit seinen Figurenbrunnen als katholische Stadt, die ihre Stellung deutlich machte. Sie ermahnte ihre Bewohner mit biblischen Brunnenfiguren zu einem katholischen Glaubensbekenntnis und stellte sich auch politisch als Machtfaktor und der Eidgenossenschaft zugehörig dar, wie das Relief des Schweizer Schutzpatrons Bruder Klaus am Samariterinbrunnen deutlich macht. Zweitens erfüllten die Brunnen noch eine weitere Funktion: Als Ort der Kommunikation war der Brunnen auch ein Treffpunkt und Lebensmittelpunkt im täglichen Leben beim Wasserholen. Hier wurden Gebote und Verbote, Nachrichten, Meinungen und Neuigkeiten ausgetauscht und dazu Stellung genommen.

Die Themen der Brunnen wurden nicht willkürlich ausgesucht. Oft war der Ort des Brunnens massgebend für die Wahl des Themas. Wie der Johannes-, der Petrus- und der Annabrunnen nahelegen, ging die Wahl der Heiligenfigur auf eine in der Nähe gelegene Kirche zurück. Das war aber nicht das einzige Auswahlkriterium.Marion Gartenmeister: Brunnen im Stadtbild. Ikonographie und Repräsentationsformen in Freiburg des 16. Jahrhunderts. In: Hans-Joachim Schmidt: Stadtgründung und Stadtplanung — Freiburg/Fribourg während des Mittelalters = Fondation et planification urbaine — Fribourg au moyen âge. Lit Verlag, Wien / Berlin / Zürich 2010, ISBN 978-3-643-80017-6, S. 115–148 (= Geschichte, Forschung und Wissenschaft. Bd. 33). Die Heldenfiguren des Kampfes (Georgsbrunnen, Zornesbrunnen, Fähnrich des Treuebrunnes, Samsonbrunnen, Wildemannbrunnen) entsprechen dem Zeitgeist. Das 16. Jahrhundert war das goldene Zeitalter des Söldnerdiensts, der sich in der Eidgenossenschaft rasch ausgebreitet hatte, bis ihm die Reformation in Bern und Zürich allmählich einen Riegel schob.

Ikonografisches Programm Die Figurenbrunnen haben ikonographische Bedeutung. Sechs der insgesamt zehn Figurenbrunnen stellen sakrale Themen dar. Drei davon zeigen Skulpturen aus dem Bereich des Neuen Testaments: der Annabrunnen (1559–1560), der Samariterinbrunnen (1550–1551) und der Johannesbrunnen (1547). Zwei weitere schmücken Heiligenstatuen: der Georgsbrunnen (1524–1525) und der Petrusbrunnen (1592). Das Alte Testament ist mit der Darstellung des Samson auf dem gleichnamigen Brunnen vertreten. Damit thematisieren mehr als die Hälfte dieser Säulenbrunnen ein sakrales Thema. Im Vergleich dazu stellen in Bern von insgesamt zwölf Figurenbrunnen dieser Zeit nur drei, also ein Viertel, ein sakrales Thema dar.

Georgsbrunnen Der Georgsbrunnen wurde 1524 auf dem Platz vor dem Rathaus anstelle eines älteren Brunnens mit dem heiligen Georg als Holzstatue aufgestellt. Den Drachentöter Georg schuf Hans Geiler aus Stein. Der Heilige Georg wird als geharnischter Ritter zu Pferd dargestellt, der den Lindwurm besiegt und damit die Prinzessin rettet. Diese ist unter dem linken Vorderhuf des Pferdes als Hochrelief dargestellt. Sie kniet auf einem Felsen. Das begleitende Schaf macht sie als heilige Margareta erkennbar. Die Lanze (verschwunden), die Zügel und das Gebiss sind aus Metall.Marcel Strub: Les monuments d’art et d’histoire du canton de Fribourg. Tome I: La ville de Fribourg. Introduction, plan de la ville, fortifications, promenades, ponts, fontaines et édifices publiques. Bâle: Birkhäuser, 1964, (= Les monuments d’art et d’histoire de la Suisse. Hrsg. v. Société d’histoire et de l’art en Suisse, vol. 5) S. 216–220.

In der mittelalterlichen Bildsprache ist das Motiv des heiligen Georg als Drachentöter geläufig. Er wird verehrt als Ritter Gottes und der Religion, als Besieger des Bösen und Schlachtenhelfer. Kurz vor der Aufstellung der Brunnenfigur entschied sich die Freiburger Regierung gegen das Luthertum. Auf diesem Hintergrund nimmt der Drachenkampf eine religionspolitische und missionarische Bedeutung an. Mit dem Georgsbrunnen positionierte sich Freiburg in der damals aktuellen Konfessionsfrage in einer kämpferischen Art für den Katholizismus.

Bei der Restaurierung von 1761 ersetzte Tschupphauer das von Geiler geschaffene Kapitell durch ein neues Kompositkapitell und den einfachen durch einen gedrehten Säulenschaft. Zudem reparierte er die Figurengruppe. Gottfried Locher erneuerte die farbige Fassung, von der keine Spuren mehr vorhanden sind.

Samsonbrunnen

Der Samsonbrunnen , ein Werk aus der Werkstatt von Hans Gieng, stammt aus dem Jahr 1547 wie der Johannesbrunnen. Auch dieser Brunnen war ursprünglich farbig gefasst. Das Becken wurde 1857 aus den bestehenden Teilen vollständig rekonstruiert und 1957–1958 vollständig ersetzt. Gleichzeitig wurden bei dieser letzten Arbeit die Skulpturen inklusive Säule durch Kopien aus Metzer Stein vom Bildhauer Théo Aeby ersetzt und der ganze Brunnen, der ursprünglich an zentraler Stelle des Platzes stand, an den heutigen Standort in die Nordwestecke des Platzes neben die Liebfrauenkirche verschoben. Die originalen Skulpturen befinden sich seither im Museum für Kunst und Geschichte Freiburg.

Das achteckige Brunnenbecken besteht aus acht Platten aus Solothurner Kalkstein, zusammengehalten durch eiserne Reifen. Eines der Felder auf den Steinplatten ist mit einem Relief verziert. Es stellt das Wappen der Stadt dar (stark verwittert). Die Brunnenröhren und die Muffen dürften laut Strub von ungefähr 1760 stammen. Der Schaft der 115 cm hohen Säule, aus Neuenburger Kalkstein, ist teilweise kanneliert und mit einer Girlande verziert, die an vier stilisierten Blüten aufgehängt ist, von denen vier Stützen herabragen. Das 66 cm hohe Kompositkapitell mit Akanthusdekoration weist geflügelte Puttenköpfe anstelle der stilisierten Blüten im Abakus auf. Der 151 cm hohe Samson in einer Fantasierüstung bändigt den Löwen. Die Löwenzunge ist aus Eisen (bei der Kopie nicht mehr vorhanden).

Die Brunnenfigur stellt das alttestamentliche Motiv des Samson dar, der Stärke symbolisiert. Dieses Motiv war seit dem romanischen und gotischen Mittelalter sehr geschätzt, weil der biblische Held die Figur Christi, des Besiegers des Dämons, darstellte; es wurde auch in der Renaissance gern dargestellt. Dabei handelt es sich sowohl um die körperliche Stärke wie auch um den Mut. In der Renaissance muss das Motiv eine ähnliche Bedeutung gehabt haben, aber mit einer religiösen Note.Marcel Strub: Les monuments d’art et d’histoire du canton de Fribourg. Tome I: La ville de Fribourg. Introduction, plan de la ville, fortifications, promenades, ponts, fontaines et édifices publiques. Bâle: Birkhäuser, 1964, (= Les monuments d’art et d’histoire de la Suisse. Hrsg. v. Société d’histoire et de l’art en Suisse, vol. 5) S. 222–224. Als Vorläufer Christi zerreisst Samson dem Löwen das Maul, der für den Dämon und Teufel steht. Neben der sakralen Deutung des Samson als Präfiguration Christi kann er auch allegorisch gedeutet werden. Der Löwenkampf steht in diesem Fall für das Bezwingen des Bösen und wird als Symbol der Stärke verstanden. Am Samsonbrunnen ist der moralische Kampf des Menschen gegen das Böse ins Bild gesetzt. Er zeichnet ein kämpferisches Bild der Stadt, wie man es ähnlich auch am Georgsbrunnen vorfindet. Im Kontext der Reformation kann dieser Brunnen ähnlich wie der Georgsbrunnen als Stellungnahme der Stadt gegen die Reformation gelesen werden, obwohl am Brunnen selbst keine bildlichen Verweise mit antireformatorischen Hinweisen vorhanden sind. Bern besitzt einen «protestantischen» Samson, der drei Jahre vor dem «katholischen» Samson von Freiburg entstand. Inspiriert ist die Freiburger Darstellung von einem Druck von Albrecht Dürer. Gieng behielt Dürers Begeisterung und Leichtigkeit bei, indem er seine Gruppe auf eine realistischere, klassischere Art darstellte.

Johannesbrunnen mini|Johannesbrunnen aus der Werkstatt Hans Gieng links|mini|Kapitell des Johannesbrunnens aus der Werkstatt Hans Gieng, 1547