mini|hochkant=1.5|Le vite, Ausgabe 1568, Verlag Giunti, Florenz. Titelseite des ersten Bandes. Holzschnitt von Giorgio Vasari.

Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori e architettori (wörtlich „Die Leben der hervorragendsten Maler, Bildhauer und Architekten“), kurz Le vite (oder Le Vite), ist der italienische Titel der erweiterten zweiten Ausgabe der umfangreichen Sammlung von Künstlerbiographien, die der italienische Architekt und Maler Giorgio Vasari (1511–1574) verfasst und in Florenz veröffentlicht hat (erste Ausgabe 1550, zweite Ausgabe 1568). In diesem monumentalen Werk beschrieb Vasari in chronologischer Reihenfolge zahlreiche frühere und zeitgenössische italienische Künstler, darunter Leonardo da Vinci, Raffael und Michelangelo. Er widmete das Werk Cosimo I. de’ Medici.

Die Vite (im Deutschen auch Viten genannt) gelten als Vasaris Opus magnum. Sie sicherten ihm bleibenden Ruhm als Kunsthistoriograf und Pionier der Kunstgeschichte. Sie gelten als „Gründungstext der Kunstgeschichte“Katja Lemelsen: Der Gründungstext der Kunstgeschichte: Giorgio Vasaris Vite in einer neuen deutschen kommentierten Ausgabe Max-Planck-Gesellschaft, Forschungsbericht 2007. und sind trotz ihres literarischen Charakters eine wichtige Quelle zur Kunst der Renaissance.

Entstehung und Ausgaben mini|Die drei Bände der Ausgabe 1568

Vasari schrieb die erste Fassung seiner Vite zwischen 1545 und 1547, möglicherweise angeregt durch den Intellektuellen- und Künstlerkreis um Alessandro Farnese. Hierfür griff er auf eigene Vorarbeiten und Schriften von befreundeten Humanisten wie Paolo Giovio zurück, der Vasaris Projekt tatkräftig unterstützte. Vasaris parallel angelegte Sammlung von Zeichnungen, der Libro de’ disegni, war von ihm als Ergänzung gedacht und wird in den Lebensbeschreibungen auch immer wieder als Referenz genannt. Der Libro de’ disegni wurde nach seinem Tod auseinandergerissen; die Blätter befinden sich heute in einem Dutzend öffentlicher Sammlungen.

Die Erstausgabe in zwei Bänden erschien 1550 beim Verleger Lorenzo Torrentino in Florenz. Diese Ausgabe wird auch Edizione torrentiniana oder kurz Torrentiniana genannt. Die Biographien beginnen mit Cimabue (* ca. 1240; † ca. 1302) und enden mit Michelangelo (1475–1564). Michelangelo war von den beschriebenen Künstlern der einzige, der im Jahr 1550 noch lebte.

1568 erschien die zweite, korrigierte und stark erweiterte Ausgabe mit verändertem Titel in drei Bänden beim Verlag Giunti in Florenz. In der Edizione giuntina, kurz Giuntina, vermehrte Vasari die Zahl der Biographien erheblich. Er beschrieb nun auch eine Reihe von noch lebenden Künstlern und ergänzte am Ende eine Autobiographie (Descrizione dell’opere di Giorgio Vasari pittore & architetto aretino), die in der Erstausgabe noch nicht enthalten war. Außerdem fügte er Holzschnitte mit (großteils fiktiven) Künstlerporträts ein.

Titel Der Text auf der Titelseite der Erstausgabe (1550) lautet, mit Anpassung an die heutige Rechtschreibung: Le vite de’ più eccellenti architetti, pittori e scultori italiani, da Cimabue insino a’ tempi nostri: descritte in lingua toscana, da Giorgio Vasari, pittore aretino. Con una sua utile & necessaria introduzione a le arti loro.Vgl. originale Titelseite von 1550 im Artikel Giorgio Vasari bei monalisa.org oder in diesem Artikel bei welt.de. Vasari nennt die Architekten an erster Stelle, dann die Maler und Bildhauer. Die Darstellung reicht laut Titel „von Cimabue bis in unsere Zeiten“ und enthält „eine nützliche & notwendige Einführung“ Vasaris zu den Künsten. Als Sprache wird „Toskanisch“ angegeben, Vasari wird als Maler aus Arezzo vorgestellt.

Der Titel der zweiten Ausgabe (1568) lautet, mit Anpassung an die heutige Rechtschreibung: Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori e architettori. Die Maler (pittori) stehen nun also an erster Stelle. Die Architekten werden nicht mehr architetti, sondern architettori genannt. Ansonsten schwanken Schreibweisen und Formulierungen zwischen den Titeln der drei Bände (siehe Bild oben und drei Bilder unten). Beispielsweise lautet das italienische „und“ teils et, teils e; davor steht teils ein Komma, teils nicht. Bei Band 1 beginnt der Titel mit Le vite (wörtlich „Die Leben“), bei Band 2 und 3 mit Delle vite (wörtlich „Von den Leben“ oder „Über die Leben“).

Das italienische vita hat hier die Doppelbedeutung „Leben“ und „Vita“ (Biographie). In deutschen Ausgaben wurden die Wörter Le vite verschieden übersetzt: Leben, Lebensbeschreibungen oder Lebensläufe. Im Englischen wird der Anfang des Titels, Le vite, gewöhnlich im Sinne von „Leben“ mit Lives oder The Lives übersetzt.Lives of the Most Eminent Painters, Sculptors, and Architects britannica.comThe Lives of the Most Excellent Painters, Sculptors, and Architects Angaben zum Buch bei penguinrandomhouse.comVgl. Lives of the Artists penguinrandomhouse.com; auf dem Buch selbst steht der Titel The Lives of Artists.

In der ersten Ausgabe von 1550 überschrieb Vasari die einzelnen Viten einfach mit den Namen der Personen und Zusätzen, z. B. Andrea Mantegna mantovano (sinngemäß „Andrea Mantegna aus Mantua“). In der zweiten Ausgabe (1568) beginnen die Überschriften von 155 Viten mit Vita di – und zwar durchweg im Singular, also auch bei den Sammelviten, in denen mehrere Künstler zusammen beschrieben werden, z. B. Vita di Nicola e Giovanni Pisani scultori et architetti (Vita von Nicola und Giovanni Pisano) oder Vita di Vittore Scarpaccia et altri pittori viniziani e lombardi (Vita von Vittore Scarpaccia und anderen venezianischen und lombardischen Malern). In den ab 2004 erschienenen deutschen Neuübersetzungen (Berliner Edition Giorgio Vasari) beginnen neu zusammengestellte Sammelviten teils mit Das Leben (z. B. Das Leben des Bramante und des Peruzzi),Giorgio Vasari: Das Leben des Bramante und des Peruzzi wagenbach.de teils mit Die Leben (z. B. Die Leben der Bildhauer des Cinquecento).Giorgio Vasari: Die Leben der Bildhauer des Cinquecento wagenbach.de.

Zahl der Viten Die erste Ausgabe von 1550 enthält 133 Viten.Wolfgang Kallab: Vasaristudien, Wien 1908, S. 300 f. (Digitalisat im Internet Archive).Zur Gliederung der Ausgabe 1550 siehe Gerd Blum: Zur Geschichtstheologie von Vasaris Vite (1550) (PDF), in: David Ganz, Felix Thürlemann (Hrsg.): Das Bild im Plural: Mehrteilige Bildformen zwischen Mittelalter und Gegenwart, Berlin 2010, S. 271–288, hier S. 283. Vasari übernahm sie nahezu alle in die zweite Ausgabe (1568); er strich nur die Vita von Galasso Galassi. Allerdings hat Vasari laut Wolfgang Kallab (Vasaristudien, 1908) in der zweiten Ausgabe „die in der ersten Ausgabe selbständigen Viten von zirka neun Künstlern, von denen er keine Bildnisse erhalten konnte, ganz willkürlich an andere angehängt“, sie also in Bestandteile anderer Viten umgewandelt. Ansonsten schrieb Vasari für die zweite Ausgabe zahlreiche neue Viten, vor allem zu seinen Zeitgenossen im Cinquecento.

Die zweite Ausgabe enthält laut Wolfgang Kallab 161 Viten. Carlo Maria Simonetti gibt dieselbe Zahl an.Carlo Maria Simonetti: La vita delle «Vite» vasariane. Profilo storico di due edizioni. Olschki, Florenz 2005, S. 121–125. Diese Zählung wird auch durch die Angabe bestätigt, dass beide Ausgaben zusammen 162 Viten enthalten, weil eine Vita (Galasso Galassi) nur in der ersten Ausgabe enthalten ist. Wenn Vasari darauf verzichtet hätte, einige vormals selbständige Viten in Bestandteile anderer Viten umzuwandeln, wäre die Zahl der Viten in der zweiten Ausgabe entsprechend höher (etwa 170 statt 161).

Die Zahl der mit einer Vita gewürdigten Künstler ist wesentlich höher als die Zahl der Viten, weil in vielen Viten laut der jeweiligen Überschrift mehrere Künstler zusammen beschrieben werden. Schon die erste Ausgabe enthielt einige solche Sammelviten, die zweite Ausgabe enthält mehr als 30 Sammelviten. In den Überschriften der zweiten Ausgabe werden fast 200 Künstler namentlich genannt. In einigen Überschriften der zweiten Ausgabe, vor allem im zweiten Band, steht am Ende eine Gruppe von Künstlern, zum Beispiel „… und andere friaulische Maler“. Die Namen der zu dieser Gruppe gehörenden Künstler tauchen dann erst im weiteren Text auf. Unabhängig von der Benennung einer solchen Gruppe werden zahlreiche weitere Künstler in den Viten behandelt oder erwähnt, deren Name nicht in der Überschrift der jeweiligen Vita steht.

Bedeutung Begründung der Kunstgeschichte mini|Giorgio Vasari, Selbstporträt (zwischen 1550 und 1567), Galleria degli Uffizi, Florenz

Giorgio Vasari gilt wegen seines Bemühens um eine chronologisch geordnete Darstellung einer Entwicklung der Künste als Begründer der Kunstgeschichte bzw. der Kunstliteratur wird deshalb bis heute oft als „Vater der Kunstgeschichte“ bezeichnet.Lee Sorensen: Vasari, Giorgio Dictionary of Art Historians, arthistorians.info Er stellte nicht nur die Lebensstationen und die Werke der Künstler dar, sondern versuchte auch deren Lebens- und Arbeitsumstände zu schildern, etwa ihre Beziehungen untereinander sowie zu Sammlern und Mäzenen.Die Viten des Giorgio Vasari LMU München, 21. Oktober 2015. Obwohl die historischen Angaben bei Vasari unzuverlässig, fehlerhaft oder sogar erfunden sind, stellen seine Vite nach wie vor eine wichtige Quelle zur Kunst des Spätmittelalters und der Renaissance in Italien dar.

Vasari prägte über Jahrhunderte das Bild der italienischen Renaissance und die Vorstellung, dass fähige Künstler herausragende Persönlichkeiten seien. In seinem Bemühen um eine Aufwertung der Künstler erhob er sie durch die Zuschreibung von „Geistesaristokratie“ und durch echte oder auch erfundene Genealogien in einen adeligen Rang, in einen neuen „Adel der Kunst“. Laut dem Kunsthistoriker Matteo Burioni erhöhte die Erwähnung eines Künstlers bei Vasari die Wahrscheinlichkeit, dass seine Werke überliefert wurden.

Inhaltliche Fehler, literarische Qualität Der amerikanische Kunsthistoriker Paul Barolsky deutete in seinem Buch Why Mona Lisa smiles and other tales by Vasari (1991) die Vite als ein bewusst literarisch konzipiertes Werk. Vasari habe keine historische Quelle mit vielen „Fehlern“ verfasst, sondern eine Sammlung von Novellen nach erkennbaren Vorbildern, von Dante Alighieri und Francesco Petrarca bis zu Zeitgenossen. Er habe unter anderem Episoden aus Boccaccios Decamerone oder Franco Sacchettis Novellen übernommen, bisweilen in die eigene Zeit versetzt und dieses fiktive Material in seine Biographien eingestreut. Weitere Anekdoten habe Vasari selbst erfunden, sogar ganze Malerpersönlichkeiten habe er frei erfunden, etwa Morto da Feltre. Die meisten bildhaften Episoden in den Vite hätten keine Quelle, seien aber meisterlich zu glaubhaften Lebensläufen verknüpft und vierhundert Jahre lang als authentische historische Quelle missverstanden worden.Paul Barolsky: Why Mona Lisa Smiles and Other Tales by Vasari. Pennsylvania State University Press 1991. Deutsche Ausgabe: Warum lächelt Mona Lisa? Vasaris Erfindungen. Übersetzt von Robin Cackett. Wagenbach, Berlin 1996, ISBN 3-8031-3579-6.

Barolsky verfolgte diese Interpretation in Giotto’s father and the family of Vasari’s Lives (1992) weiter und arbeitete dabei „Aspekte einer möglichen Sozialgeschichte der Renaissancekunst“ heraus, wie die Kunsthistorikerin Christine Tauber in einer Rezension der deutschen Übersetzung schrieb. Tauber bestätigte fiktive Elemente in den Vite. Andererseits warf sie Barolsky unwissenschaftliches Vorgehen vor, darunter den Verzicht auf Fußnoten und das Hantieren mit bloßen Assoziationen.Christine Tauber: Eltern nach Wahl: Paul Barolskys Familiengeschichte der Renaissancekunst In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Oktober 1996.

Sprachlicher Einfluss Zentrale Begriffe der Kunstgeschichte gehen auf Vasari zurück, darunter die Begriffe Gotik (Vasari empfand die mittelalterliche Kunst als fremdartig, barbarisch – italienisch gotico) und Manierismus.