Drescher war eine Unternehmensgruppe im Bereich Druck mit Sitz in Stuttgart, Rutesheim und Leonberg.
Sie war ehemals Deutschlands größtes Unternehmen, das Geschäftsdrucke, wie Briefpapier, Formulare und Werbeprospekte für mittelständische Unternehmen herstellte, Werbesendungen verschickte und Abrechnungen mit persönlichen Daten, wie Policen, Telefonabrechnungen für den Mobilfunk, Prämienabrechnungen und Wahlunterlagen versandte. 1998 umfasste die Unternehmensgruppe 53 Gesellschaften mit 2.151 Mitarbeitern.
Heute bestehen unter dem Namen Drescher Full-Service Versand GmbH noch zwei Unternehmen mit ca. 160 Mitarbeitern in Leonberg und Offenburg.
Geschichte
Die Anfänge
Drescher-Metzler KG Der Unternehmensberater Philipp Drescher (* 9. Februar 1906, † 17. Februar 1997) gründete 1947 zusammen mit dem Metzler-Verlag in Stuttgart eine Druckerei, die Formulare herstellte. Beide Parteien hielten jeweils 50 % an dem Unternehmen, das als Drescher-Metzler KG firmierte.
Das Stammhaus Metzler war bereits im Jahre 1682 von Augustus Metzler als Buchhandlung in Stuttgart gegründet worden. 1713 machte Johann Benedict Metzler aus dem Unternehmen einen Verlag und verlegte unter anderem Werke von Lessing, Schiller und Uhland. Bereits 1933 kam Philipp Drescher als freier Unternehmensberater zu der damals in der Stadtmitte Stuttgarts gelegenen Druckerei des Verlages. Bereits vor dem Krieg wurde in kleinem Umfang Formulare entworfen und hergestellt. 1943 wurden die Geschäfts- und Produktionsräume in der Stuttgarter Sophienstraße zerstört. Nur wenige ausgelagerte Maschinen blieben erhalten. Beim Wiederaufbau der Produktion im Jahre 1947 in gemieteten Räumen in Stuttgart wurde Philipp Drescher nun auch Teilhaber des neu gegründeten Unternehmens.Philipp Drescher: Firmenschrift der Unternehmensgruppe Drescher GmbH, Drescher Metzler KG und Drescher Paragon GmbH, 1966, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg
Weitere Firmengründungen von Philipp Drescher 1948 eröffnete Philipp Drescher ein werbegraphisches Atelier und entwarf Firmenzeichen, Geschäftsdrucken und Werbemitteln. Zu den entwickelten Firmenzeichen gehören die Marke und der Schriftzug “Quelle”, einer der ersten Aufträge des Ateliers.
1952 gründete er die Drescher-Paragon GmbH in Rutesheim. Sie war Lizenznehmerin der Lamson Paragon Ltd, London, damals größte europäische Formulardruckerei. Drescher-Paragon druckte Endlosformulare für die Datenverarbeitung.
Der Umzug nach Rutesheim Erst 1963 erfolgte der Umzug der Geschäftsleitung und Sitzverlegung von Stuttgart nach Rutesheim, dort entstand ein Verwaltungsneubau. Die O. T. Drescher GmbH, deren Geschäftsführer 1972 Heinz GraeberWalter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 398. wurde, entwickelte sich bald zum größten und wichtigsten Arbeitgeber des Ortes Rutesheim. Es entstanden zwei Produktionswerke. Weitere Grundstücksflächen werden erworben, um der Erweiterung des Unternehmens Rechnung zu tragen. Auch im Wohnungsbau war Drescher für seine Mitarbeiter tätig und wurde zum größten Grundbesitzer in Rutesheim. Drescher hatte damit maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Ortes.
Expansion Im Jahre 1978 begann Drescher mit einer weltweiten Expansion. Otwin T. Drescher, der Sohn von Philipp Drescher, kam in die Geschäftsführung der O. T. Drescher GmbH und gründete in Dayton, Ohio, USA, die Drescher Corporation. Ein Jahr später wurde in Berlin die Drescher Datendrucke GmbH & Co. KG gegründet und von der Pelikan AG 75 % der Druckerei Stäudle GmbH & Co. in Öhringen übernommen. In der Folgezeit wurden weitere Vertriebs- und Produktionsunternehmen in Frankreich, Holland, England, Österreich, Schweiz, Portugal, Tschechien, Ungarn, Türkei, Spanien, Niederlande und Polen gegründet.
1989 erwarb Drescher die PPC Card Systems GmbH in Paderborn und Groningen, Niederlande. Die beiden Gesellschaften produzierten Plastikkarten aller Art, inklusive Magnetstreifenkarten und Chipkarten. Zu den großen Kunden gehörten der Sparkassenverlag in Stuttgart.
Nach der Wiedervereinigung baute Drescher in den neuen Bundesländern einen flächendeckenden Vertrieb auf. In Schwarze Pumpe wurde ein Produktionsbetrieb aufgebaut.
1994 eröffnete Drescher das erste Zentrum für digitalen Druck. Ein Vier-Farben-Offsetdruck war jetzt auch schon für Klein- und Testauflagen wirtschaftlich. Die neuen Technologien erschlossen neue, seither nicht bediente Märkte. Im ganzen Bundesgebiet wurden Ladengeschäfte, sogenannte Print-Shops, errichtet. Insgesamt waren 80 solcher Shops geplant.
1995 gründete Drescher zusammen mit debis Systemhaus GmbH, eine Tochter der Daimler AG, die debis Systemhaus Drescher Document Management GmbH mit Sitz in Stuttgart. Das Unternehmen beschäftigte sich mit der Verarbeitung kundenspezifischer Daten, deren Ausdruck auf Belegen und dem kompletten Handling von großen Mengen an Computerausdrucken und spezialisierte sich auf Mobilfunkabrechnungen. Die Produktionsräume dieses Unternehmens befanden sich in Friedrichshafen. Der größte Kunde war debis Mobilfunk.
Ende der 1990er Jahre befasste sich die Unternehmensgruppe auch mit dem Erstellen von Internetauftritten.Volker Grub: Bericht des Konkursverwalters zur ersten Gläubigerversammlung für 16 Drescher-Gesellschaften am 6. November 1998 vor dem Amtsgericht Stuttgart, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Bestand Y 517
Otwin Drescher 1986 schied der Firmengründer Philipp Drescher aus Altersgründen aus der Geschäftsführung aus. Sein Sohn Otwin Tilo Drescher (* 11. September 1942, † 8. Mai 2021) übernahm die Führung. Unter ihm kam es zu einem Personalkarussell in der Geschäftsführung. Nach dem Tod von Philipp Drescher am 17. Februar 1997 wurde Otwin T. Drescher alleiniger Gesellschafter in der Drescher-Gruppe.Brigitte Bertram: Der Herbst der Patriarchen, Stuttgarter Nachrichten vom 8. August 1998
Der Niedergang Die Druckereibranche befand sich seit Mitte der 1990er Jahre in einer erheblichen strukturellen Krise. Im Markt gab es signifikante Überkapazitäten. Dies bedingte einen harten Preiskampf am Markt.Volker Paul: Einsicht - Verkauf von Familienunternehmen, Stuttgarter Zeitung vom 4. August 1998
Diesem Preisdruck konnte sich auch die Drescher-Gruppe nicht entziehen. Restrukturierungsmaßnahmen wurden jedoch nicht mit dem notwendigen Nachdruck verfolgt. In der Gruppe kam es zu erheblichen Fehlinvestitionen. Die neu eingeführten Printshops für digitale Drucke erforderten in den Jahren 1997 und 1998 Investitionen und Vorlaufkosten von 50 Mio. DM. Die Printshops liefen nur sehr schleppend an. Ein unzureichendes Controlling und ein Cash-Pooling über fast die gesamte Drescher-Gruppe durch die Holding Drescher GmbH, führten zu einer mangelhaften Kontrolle.
Die Konkursverfahren Im Jahre 1998 zählte die Drescher-Gruppe insgesamt 53 Gesellschaften, die einen Umsatz von insgesamt 450 Mio. DM erzielten und 2.151 Mitarbeiter weltweit beschäftigten. Die Unternehmensgruppe war vor allem für Versicherungsgesellschaften, Bausparkassen und den Mobilfunk tätig.
Der Verlust im Jahr 1998 betrug insgesamt 35 Mio. DM. Die Verlustlage des Unternehmens führte dazu, dass die Drescher GmbH als Holdinggesellschaft, zusammen mit sieben weiteren Unternehmen der Gruppe am 13. Juli 1998 beim Amtsgericht Stuttgart Anträge zur Eröffnung gerichtlicher Vergleichsverfahren oder Konkursverfahrens stellte, denen bis zum 11. August 1998 die Anträge von acht weiteren Drescher-Gesellschaften folgten.Drescher-Gruppe will Vergleich erfüllen, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Juli 1998 Für 16 Drescher Gesellschaften eröffnete das Amtsgericht Stuttgart bis zum 1. Oktober 1998 die Konkursverfahren.Sechs Drescher Firmen gehen in Anschlusskonkurs, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. September 1998 Der Stuttgarter Rechtsanwalt Volker Grub wurde in allen Verfahren als Konkursverwalter bestellt.Volker Paul: Das Aus von Drescher wäre eine Katastrophe, Stuttgarter Zeitung vom 15. Juli 1998
Das Sanierungskonzept Der Verwalter Grub begann sofort nach seiner Bestellung in Zusammenarbeit mit den Geschäftsführern Otwin Drescher, Klaus Gromer, Heinz Graeber und Hans-Peter Kindsvater mit der Erarbeitung eines Sanierungskonzeptes für die Drescher-Gruppe. Da die Drescher-Gruppe Marktführer in ihrer Branche war, konnte und musste auf die Fachkenntnisse der leitenden Mitarbeiter zurückgegriffen werden. Mit Rücksicht auf die Notwendigkeit einer raschen Erarbeitung und Umsetzung eines solchen Konzeptes, wurde auf die Zuziehung externer Beratungsunternehmen verzichtet.Regina Tauer: Der Bedeutung Rutesheims bewusst - Vergleichsverwalter Grub will bis Mitte August Konzept vorlegen, Leonberger Kreis Zeitung vom 16. Juli 1998Grub schneidert Konzept für Drescher-Zukunft - Hauptgesellschafter der Druckereigruppe verliert sein Unternehmen, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. August 1998Volker Paul, Notoperation - Rettungsplan für Drescher, Stuttgarter Zeitung vom 19. August 1998
Die Sanierungsmaßnahmen waren:
Eliminierung unrentabler Produkte, hierzu gehörte vor allem die Stilllegung des digitalen Printshops sowie Aufgabe des Handels mit Computerzubehör Effizienzsteigerung im Vertrieb durch eine Gebietsneuordnung, mit der auf die Umsatzstärke einzelner Mitarbeiter im Vertrieb Rücksicht genommen wurde Umstellung von einer dezentralen Auftragsbearbeitung im Vertrieb auf eine zentrale Auftragsverarbeitung in der Verwaltung in Rutesheim Bereinigung der Produktionsstandorte und einer weitgehenden Konzentration auf das zweite Werk in Rutesheim. Aufgabe des Standortes in Berlin und des ersten Werkes in Rutesheim Investition in eine zweite Finishinganlage in La Wantzenau. Es handelt sich dabei um eine Maschine, die Leaflets, Flyer, Poster, Folder oder Broschüren in hohen Auflagen drucken, falzen, heften und personalisiert versenden kann. Ein Lagerabbau um mindestens 10 Mio. DM Vereinfachung der Firmenstruktur durch Reduktion der 53 Gesellschaften Verkauf oder Schließung nicht notwendiger Gesellschaften Abschluss eines Haustarifvertrages mit der IG Medien zur Erhöhung der betrieblichen Wochenarbeitszeit von 35 auf 37,5 Stunden. Dieses Vorhaben führte zu heftigen Auseinandersetzungen mit der IG MedienRegina Tauer: Belegschaft fordert Fakten, Leonberger Kreis Zeitung vom 11. August 1991. Nachdem die Belegschaft zunächst das Sanierungskonzept ablehnteBrigitte Bertram: Offener Brief der Drescher Beschäftigten an Grub - Kritik am Sanierungskonzept, Stuttgarter Nachrichten vom 26. August 1991 , fand es am Ende doch die Zustimmung durch den Betriebsrat.Brigitte Bertram: Betriebsräte unterstützen Grub-Konzept, Stuttgarter Nachrichten vom 10. September 1998 Zur Unterstützung der Belegschaft organisierte IG Medien eine Solidaritätskomitee mit Vertretern von Kirchen- und Gemeinderäten, Bundes- und Landespolitikern, Betriebsräten umliegender Unternehmen und Vereinen. Gründung von zwei Auffanggesellschaften, Drescher Druck und Marketing GmbH und Drescher Produktion GmbH, beide mit Sitz in Rutesheim, die einerseits den Vertrieb und die Verwaltung und andererseits die Produktion wahrnehmen sollten. Beide Gesellschaften übernahmen das ihnen zugeordnete Personal. Dies führte zu einer deutlichen Vereinfachung der Konzernstruktur. Beibehalten wurden die ausländischen Vertriebsgesellschaften und die weitgehend selbständigen Gesellschaften, wie debis Systemhaus Drescher GmbH, Stuttgart, PPC Card Systems GmbH, Paderborn, und die Produktionswerke Drescher WSA, La Wantzenau/Frankreich oder Drescher Polska Sp.z.o.o., Warschau/Polen.
Nach dieser Strukturbereinigung waren in der Drescher-Gruppe statt 53 nur noch 20 Gesellschaften tätig, die nach der Planung im Jahre 1999 noch 1.189 Arbeitnehmer beschäftigten, einen konsolidierten Umsatz von 327 Mio. DM und ein positives Ergebnis von 9,6 Mio. DM erzielen sollten. Dieser Sanierungsplan wurde umgesetzt.
Unternehmensveräußerungen