Das Museum Wiesbaden in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden ist neben den Häusern in Kassel und Darmstadt sowie dem Archäologischen Landesmuseum Hessen mit den Standorten Keltenwelt am Glauberg und Römerkastell Saalburg eines der fünf Hessischen Landesmuseen. Es ist ein Zweispartenhaus für Kunst und Natur.
Geschichte mini|Porträt des Johann Isaak von Gerning, Ölgemälde von Angelika Kauffmann, 1798 mini|Vogelpräparate im Museum Wiesbaden, von Maximilian zu Wied-Neuwied.D. Hoffmann, F. Geller-Grimm: A catalog of bird specimens associated with Prince Maximilian of Wied-Neuwied and potential type material in the natural history collection in Wiesbaden. In: ZooKeys 353, 2013, S. 81–93 (Digitalisat).
Die Gründung der ursprünglich drei Museen geht auf die Bürger der Stadt und den 1814/1815 in Wiesbaden zur Kur weilenden Johann Wolfgang von Goethe zurück, der sehr auf die Gründung einer solchen Kultureinrichtung hingewirkt hatte. Er veranlasste 1825 den Frankfurter Privatsammler Johann Isaac Freiherr von Gerning, seine umfangreichen Sammlungen von Kunstwerken, Altertümern und Naturalien dem Herzogtum Nassau gegen Zahlung einer Leibrente zur Verfügung zu stellen. In Verantwortung der neu gegründeten Vereine, aber durch die herzögliche Regierung kontrolliert, konnten die Bürger Wiesbadens und der Region diese Sammlungen schnell erweitern.
Zusammen mit den Stücken des seit 1812 bestehenden Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung kristallisierten sich drei ursprünglich selbständige Museen heraus. Träger dieser Museen waren neben dem Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung der Nassauische Verein für Naturkunde und der Nassauische Kunstverein. Durch den Tod des Herzogs Friedrich Wilhelm (Nassau-Weilburg) im Jahr 1816 stand das für seinen Sohn gebaute Erbprinzenpalais an der Wilhelmstraße nun für andere Zwecke zur Verfügung. Im Gegensatz zu anderen Städten konnten schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt Räume für die auch von der Bürgerschaft zusammengetragenen Kulturgüter gefunden werden. Die drei Museen und die Landesbibliothek konnten so ab 1821 in das Palais einziehen, das heute Sitz der Industrie- und Handelskammer ist.
Durch rege Sammeltätigkeit und Neuerwerbungen wurde das Gebäude schon Mitte des 19. Jahrhunderts zu klein. Der Ruf nach einem Neubau wurde immer lauter.
Nachdem die drei Museen 1866 unter preußische Kontrolle gerieten, übernahm 1899 die Stadt Wiesbaden diese Einrichtungen. Die allgemeine Zustimmung fand dieser Wechsel auch deshalb, weil Wiesbaden am Ende des 19. Jahrhunderts über ausreichende Mittel verfügte, Kultur zu fördern.
Nach Plänen des Architekten Theodor Fischer konnte 1913 der Grundstein für einen Neubau mit drei Flügeln an der Ecke Wilhelmstraße/Rheinstraße gelegt werden.Museum Wiesbaden: Geschichte. Übergang in städtischen Besitz. Abgerufen am 16. Januar 2019. Zuvor hatte dort die Bankiersvilla Mons gestanden, in der bis 1906 das Empfangsgebäude des Ludwigsbahnhofs untergebracht war. Die Innenarchitektur der drei Häuser wurde maßgeblich von den drei Direktoren und den Kustoden beeinflusst, da doch unterschiedliche Bedürfnisse bestanden.
Als Erstes wurde am 1. Oktober 1915 die Gemäldegalerie eröffnet. Im selben Jahr konnte die Naturwissenschaftliche Sammlung zwar ebenfalls in den Neubau einziehen, aber erst nach Ende des Ersten Weltkriegs kam es am 15. Juli 1920 zur Wiedereröffnung des Naturwissenschaftlichen Museums und des Museums Nassauischer Altertümer.
Die Hälfte der Gemäldegalerie sollte für wechselnde Ausstellungen dienen, die in den 1920er und frühen 1930er Jahren vom Nassauischen Kunstverein durchgeführt wurden. In dieser Zeit trugen auch Wiesbadener Bürger zu wichtigen Ergänzungen der Sammlungen bei. Die Naturwissenschaftlichen Sammlungen zeigten insbesondere systematische Ausstellungen zu Themen der Geologie, Paläontologie und Biologie. Erstmals wurden auch ökologische Aspekte präsentiert.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau zum Teil für militärische Zwecke genutzt. Mit wenigen Ausnahmen haben die Sammlungen den Krieg unbeschadet überstanden. Allerdings waren die Ausstellungen demontiert und die meisten Vitrinen beschädigt. Nur langsam konnten die Räume nach Sanierung ihre eigentliche Aufgabe zurückgewinnen. Diese Verzögerung hatte einen weiteren Grund: Die Amerikaner, die nach 1945 in Wiesbaden Station bezogen, machten das Museum zu einem Central Collecting Point. Dabei wurden temporär eingelagerte Kunstschätze gezeigt wie etwa die Büste der Nofretete oder das damals Rembrandt zugeschriebene Gemälde Der Mann mit dem Goldhelm.
Nach deren Rückgabe wurde ab den 1950er Jahren mit sehr sparsamen Mitteln wieder eine Sammlung aufgebaut. Clemens Weiler, der damalige Direktor des Kunstmuseums, hatte maßgeblichen Anteil am Aufbau der Alexej-von-Jawlensky-Sammlung, der heute bedeutendsten Sammlung des Hauses. Das Naturwissenschaftliche Museum wurde maßgeblich durch Friedrich Heineck wieder aufgebaut, der während des Krieges seiner Ämter enthoben war. In den Ausstellungen sollten insbesondere die Biome präsentiert werden. Der Wiederaufbau gelang nicht vollständig, auch deshalb, weil weiterhin Räume fremd genutzt wurden (zum Beispiel durch eine amerikanische Bibliothek und ein städtisches Archiv).
1973 kamen die drei Museen in den Besitz des Landes Hessen. Seit dieser Zeit sind sie in einem Dreispartenhaus, dem Museum Wiesbaden, vereint. Der Nassauische Kunstverein, der bis dahin im Museum untergebracht war, wurde in unmittelbarer Nachbarschaft in die historische Villa an der Wilhelmstraße 15 verlegt. Von 1987 bis 2010 war Volker Rattemeyer Direktor des Museums. Unter seiner Führung wurde es im Jahr 2007 von der Internationalen Vereinigung der Kunstkritiker AICA zum „Museum des Jahres“ gewählt. Von 2010 bis Sommer 2019 war Alexander Klar Direktor des Museums.
Von 1994 bis 1997 wurden durch die Kasseler Architekten Schultze und Schulze die Räume der Kunstsammlung, von 2003 bis 2006 die Dächer, der Eingangsbereich und der Vortragssaal grundlegend saniert und neue Ausstellungsräume der Kunstsammlung erschlossen. Von 2007 bis 2012 wurden Nord- und Südflügel saniert. Im Nordflügel wird seit 2013 die Naturhistorische Sammlung neu gezeigt. Die Sammlung Nassauischer Altertümer (SNA) wird nun im SAM – Stadtmuseum am Markt gezeigt. Im freigewordenen Südflügel werden die Alten Meister im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunst präsentiert: „Der chronologische Ablauf wurde zugunsten von Räumen zu den Themen ‚Religion‘, ‚Porträt‘, ‚Mythologie‘, ‚Stillleben‘ und ‚Landschaft‘ aufgegeben.“ mini|Wurde vom Museum im Jahr 2014 nach umfangreicher Provenienzforschung restituiert und anschließend in der großen Kampagne Wiesbaden schafft die Wende! zurückerworben: Hans von Marées: Die Labung, 1880 Seit 2015 ist das Museum Sitz der zentralen Stelle für Provenienzforschung des Landes Hessen, nachdem das Museum Wiesbaden sich zuvor mehrfach durch seine Rückgabepraxis und den anschließenden Wiedererwerb von Kunstwerken einen guten Ruf hinsichtlich der Aufarbeitung der eigenen Sammlungsgeschichte erworben hatte. Trotzdem gab es auch Kritik an der Entscheidung, die Stelle nicht an einer Universität anzusiedeln.
2017 erhielt das Museum mit der Sammlung Ferdinand Wolfgang Neess eine bedeutende Kollektion des Jugendstils und Symbolismus als Schenkung, die vom 29. Juni 2019 an dauerhaft im Südflügel des Hauses präsentiert wird.
Direktoren der Kunst 1929–1934: Eberhard Schenk zu Schweinsberg 1935–1945: Hermann Voss 1946–1972: Clemens Weiler 1972–1983: Ulrich Schmidt 1983–1987: Arnulf Herbst 1987–2010: Volker Rattemeyer 2010–2019: Alexander Klar seit 1. März 2020: Andreas Henning
Kunstsammlung mini|hochkant|Alexej von Jawlensky, Aufsteller in Jawlenskystraße, Wiesbaden, 2021 Die Kunstsammlung geht auf die ehemalige Sammlung des Frankfurters Johann Isaak von Gerning zurück. Durch Ankäufe, Schenkungen und Leihgaben ist die Kunstsammlung eine der wichtigsten in Deutschland geworden, vor allem im Gebiet des 19. und 20. Jahrhunderts.
Das Museum Wiesbaden ist bemüht, NS-Raubkunst im eigenen Bestand zu identifizieren und gegebenenfalls den rechtmäßigen Erben zurückzugeben. Im Oktober 2014 startete das Museum deshalb eine spektakuläre Aktion „Wiesbaden schafft die Wende!“. Das 1935 durch die Nazi-Herrschaft geraubte Gemälde Die Labung von Hans von Marées gelangte 1980 in den Besitz des Museums. Es wurde im Rahmen dieser Aktion zwar weiterhin gezeigt, aber nun nur noch die Rückseite. Erst als Anfang November bereits durch Spenden genügend Geld für den nun rechtmäßigen Kauf gesammelt war, konnte das Gemälde wieder gewendet werden.
Aktion „Entartete Kunst“ 1937 Die Nationalsozialisten requirierten 1937 in einer konzertierten Aktion aus öffentlichen Sammlungen in Deutschland Werke, die oder deren Urheber sie aus politischen oder rassistischen Gründen als „entartet“ betrachteten. Der größte Teil dieser Werke wurde vernichtet. Das Nassauische Landesmuseum, einer der Vorgänger des Museums Wiesbaden, gehörte zu den Museen mit den größten Verlusten. Nachgewiesen sind weit über 500 Arbeiten. Maßgeblich wirkte Hermann Voss mit. Betroffen waren Werke von Friedrich Ahlers-Hestermann, Josef Albers, Alexander Archipenko, Rudolf Bauer, Willi Baumeister, Max Beckmann, Umberto Boccioni, Max Buchartz, Carl Buchheister, Heinrich Campendonk, Carlo Carrà, Marc Chagall, Giorgio de Chirico, Hans Christiansen, Lovis Corinth, Walter Dexel, Walter Denecke, Otto Dix, Josef Eberz, Alois Erbach, Edmund Fabry, Lyonel Feininger, Conrad Felixmüller, Oskar Fischer, Werner Gilles, Otto Gleichmann, Natalja Gontscharowa, Werner Gothein, Rudolf Großmann, George Grosz, Jacoba van Heemskerck, Erich Heckel, Ludwig Hirschfeld-Mack, Bernhard Hoetger, Karl Hofer, Ernst Isselmann, Johannes Itten, Andreas Jawlensky, Alexej von Jawlensky, Mely Joseph (1886–1920), Wassily Kandinsky, Edmund Daniel Kinzinger, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin, Michail Larionow, Wilhelm Lehmbruck, Rudolf Levy, Walter Albert Lindgens, El Lissitzky, August Macke, Franz Marc, Gerhard Marcks, Ewald Mataré, Carlo Mense, Robert Michel, H. Michelsheim (möglicherweise Michel Heim, 1899–1947), Oskar Moll, Johannes Molzahn, Georg Muche, Otto Mueller, Heinrich Nauen, Emil Nolde, Max Pechstein, Max Peiffer-Watenphul, Pablo Picasso, Enrico Prampolini, Otto Ritschl, Christian Rohlfs, Edwin Scharff, Franz Schaurte (* 1886), Oscar Schlemmer, Karl Schmidt-Rottluff, Lothar Schreyer, Georg Schrimpf, Max Schulze-Sölde, Kurt Schwitters, Paul Adolf Seehaus, Gino Severini, Fritz Stuckenberg, Arnold Topp, Joseph Vinecky (1882–1949), William Wauer, Gustav Heinrich Wolff, Wilhelm Thylmann (möglicherweise Wilhelm Thielmann) und ein nicht identifizierter Künstler A. K.Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, FU Berlin
Skulpturen-Sammlung In der Kunstsammlung spielen die Skulpturen keine bedeutende Rolle. Allerdings sind einige interessante Arbeiten vertreten. Die französische Skulptur des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wird mit einem Werk eines ihrer Hauptvertreter präsentiert, Aristide Maillols Badende. Die deutschen Bildhauer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind vertreten durch Max Klinger (Bildnisbüste Friedrich Nietzsche, um 1910), Franz von Stuck, Georg Kolbe, Wilhelm Lehmbruck, Gerhard Marcks, Emy Roeder und Ernst Barlach (Der Tod, 1925).
Grafische Sammlung