mini|Park und Teilansicht des Sanatoriums Kilchberg, 2017 mini|Arealplan des Sanatoriums Kilchberg, 2017 Das Sanatorium Kilchberg ist eine Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Kilchberg am Zürichsee, etwa sieben Kilometer von der Zürcher Innenstadt entfernt. Das Behandlungsspektrum der Klinik umfasst alle psychischen Beschwerden. Die Gründung der Klinik unter dem Namen «Pflegeanstalt Mönchhof» (später «Privat-Heil- und Pflegeanstalt Kilchberg») 1867 stand im Zeichen einer philanthropisch-pietistischen Laienbewegung. 1904 erfolgte die programmatische Umbenennung in «Sanatorium Kilchberg». Damit einher ging eine tiefgreifende Neuausrichtung der Klinik, welche die weitere Entwicklung bis in die Gegenwart prägte. Das Sanatorium Kilchberg ist eine der ältesten privat geführten Kliniken in der Schweiz.

Lage Das Sanatorium Kilchberg liegt inmitten der gleichnamigen Gemeinde am Westufer des Zürichsees. Durch seine erhöhte Hanglage bietet es freien Ausblick über den Zürichsee auf das nördlich gelegene Zürich und südlich auf die Glarner Alpen. Die Gemeinde Kilchberg gehört zum Bezirk Horgen im Kanton Zürich.

Die bevorzugte Lage der Klinik wurde schon in der Gründungszeit der Einrichtung herausgestellt. In einem Prospekt der «Privat-Heil- und Pflegeanstalt Kilchberg» aus dem Jahr 1894 heisst es: «Ist man geneigt, auch der Lage einer Anstalt Bedeutung für das Wohlergehen ihrer Insassen zuzugestehen, so dürfen wir uns besonderer Vorzüge rühmen. – An der alten Strasse (…) nach Wollishofen über dem Zürichsee gelegen, ist dem Auge eine unvergleichliche Rundschau auf das vieltürmige Zürich, den See und seine lieblichen Gelände, die schneegekrönten Alpen geboten. (…) Mit dem Vorzuge einer so von der Natur begünstigen Lage verbinden sich alle Vorteile, welche die Nähe einer Metropole, wie Zürich, mit sich bringt, um den Insassen unserer Anstalt den Aufenthalt zu einem angenehmen und zweckdienlichen zu gestalten.»Prospekt der Privat-Heil- und Pflegeanstalt Kilchberg bei Zürich, 1894. Auch spätere, mit Fotografien oder Aquarellen illustrierte Prospekte heben die besondere Lage des Sanatoriums wiederholt hervor.

Aufgrund ihrer reizvollen landschaftlichen Umgebung zählte die Alte Landstrasse, an der sich die Klinik befindet, laut Gottfried Binder «zu den schönsten [Strassen] der Schweiz».Gottfried Binder: Das alte Kilchberg. Kilchberg/Zürich 1911, S. 33. Auch kulturell hat sie einen namhaften Klang: Neben den zahlreichen Künstlern und Schriftstellern, die an der Alten Landstrasse 70 im Sanatorium Kilchberg beherbergt wurden, sind zwei Anwohner besonders erwähnenswert: Conrad Ferdinand Meyer (von ihm erbautes Haus, Alte Landstrasse 170)Hans Wysling, Elisabeth Lott-Büttiker (Hrsg.): Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898). Verlag Neue Zürcher Zeitung, 1998, S. 278ff. und Thomas Mann (letzter Wohnsitz) mit seiner Familie (Alte Landstrasse 39).Thomas Sprecher, Fritz Gutbrodt: Die Familie Mann in Kilchberg. Wilhelm Fink Verlag, München 2000.

Organisation Seit 1974 ist das Sanatorium Kilchberg eine familiengeführte Aktiengesellschaft. Hauptgesellschafter ist Familie Schneider, die mit Walter Schneider auch den ersten Verwaltungsratspräsidenten stellte (1974–1988). Aus der operativen Führung zog sich die Familie 1990 zurück.

Das Sanatorium Kilchberg verfügt heute über zehn Stationen mit 183 Betten und unterhält zudem zwei Ambulatorien («Ambulantes Zentrum Kilchberg» und «Zentrum für Psychosomatik Zürich City»). Als Listenspital des Kantons Zürich erfüllt es seit 1991 einen staatlichen Versorgungsauftrag, insbesondere bei der psychiatrischen Akutversorgung. Drei Privat- und drei Spezialstationen sind schwerpunktmässig psychotherapeutisch ausgerichtet.

Schwerpunkte der Behandlung sind stressbedingte und psychosomatische Erkrankungen, Depressionen und Zwangsstörungen. Die Psychotherapie hat eine integrative Ausrichtung mit Fokus auf Kognitiver Verhaltenstherapie. Ergänzend werden Fachtherapien (Körper- und Bewegungstherapie, Physiotherapie, gestaltende Therapien, Musiktherapie), biologische Verfahren (Licht- und Wachtherapie, Esketamin-Behandlung, Transkranielle Magnetstimulation [rTMS], Elektrokonvulsionstherapie [EKT]) sowie Sozialberatung und Ernährungsberatung angeboten.

Geschichte

«Heil- und Pflegeanstalt Kilchberg» (1867–1903) In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Psychiatrie allmählich als eigenständige medizinische Fachrichtung. Parallel dazu entstanden in vielen europäischen Ländern Einrichtungen, in denen psychisch Erkrankte nach neuartigen Methoden behandelt wurden.vgl. hierzu etwa: Heinz, Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. München 2006, S. 59–88. In der Schweiz verlief die Entwicklung zunächst schleppend. Während zwischen 1800 und 1860 im Gebiet Deutschlands 94 Einrichtungen eröffnet wurden, waren es in der Schweiz lediglich sechs. Zürich hinkte selbst im schweizerischen Vergleich hinterher.August Zinn: Die öffentliche Irrenpflege im Kanton Zürich und die Nothwendigkeit ihrer Reform. Zürich 1863, S. 8ff. 1867 richtete der Kanton im ehemaligen Benediktinerkloster Rheinau eine «Irrenanstalt für Unheilbare» ein, 1870 die städtische «Irrenheilanstalt Burghölzli».

mini|Heil- und Pflegeanstalt Kilchberg um 1900 Neben staatliche Einrichtungen traten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermehrt private Heilstätten. Dazu zählte auch die «Pflegeanstalt Mönchhof», die Johannes und Maria Hedinger 1867 in Kilchberg gründeten. Vorbild für die inhaltliche Ausrichtung war das Männedorfer Bibelheim, in dem Johannes Hedinger zuvor tätig gewesen war. 1851 von Dorothea Trudel gegründet und ab 1862 von Samuel Zeller weitergeführt, bestimmten dort familiäre Gemeinschaft, tägliche Bibelstunden und Andachten den Alltag.Alfred Zeller: Samuel Zeller – Züge aus seinem Leben. 7., gek. u. durchges. Aufl. Lahr-Dinglingen 1979 (Erste Auflage 1914), S. 82ff. Den Tagesablauf in der «Pflegeanstalt Mönchhof» gestalteten Johannes und Maria Hedinger in ähnlicher Weise. Für die medizinische Behandlung war ein externer Arzt zuständig. Hedinger setzte bei der Therapie auf Handauflegen, Wasserkuren und vor allem auf persönliche Zuwendung. Er ermöglichte den Patienten viel Bewegung im Freien und beschäftigte sie im anstaltseigenen Landwirtschaftsbetrieb – eine Vorform der im 20. Jahrhundert von Hermann Simon begründeten Arbeitstherapie.Marietta Meier, Brigitta Bernet, Roswitha Dubach, Urs Germann: Zwang zur Ordnung. Psychiatrie im Kanton Zürich, 1870–1970. Chronos Verlag Zürich, 2007, S. 198–216. Um die wachsende Zahl an Patienten versorgen zu können, errichtete das Ehepaar Hedinger zwischen 1887 und 1890 ein neues Hauptgebäude, ein Wärterheim und einen weiteren Anbau. Zu dieser Zeit war die inzwischen in «Privat-Heil- und Pflegeanstalt Kilchberg» umbenannte Einrichtung die grösste privat geführte psychiatrische Institution im Kanton.Simone Koller: Einst Gebetsanstalt - heute moderne Klinik. In: Thalwiler, 2. Februar 1998.

Aufklärung von Missständen mini|hochkant|Fritz Brupbacher, 1898 Zwei Jahre lang wirkte Brupbacher im Sanatorium Kilchberg, ehe er eine eigene Praxis gründete und sich als Publizist und sozialistisch-anarchistischer Politiker einen Namen machte. Schon während seiner Zeit im Sanatorium Kilchberg gründete er die anarchistische Zeitschrift Junge Schweiz, von der bis 1900 insgesamt vier Nummern erschienen. Johannes Hedinger junior setzte die Arbeit seiner Eltern ab 1895 zunächst in alleiniger Verantwortung fort. Einen eigenen «Anstaltsarzt» gab es ab 1897.Prospekt Privat-Heil- und Pflegeanstalt Kilchberg 1894, Nachtrag 1897 (Zentralbibliothek Zürich).

Inzwischen hatten sich die Rahmenbedingungen vollständig geändert: Nachdem der kantonale Regierungsrat 1886 eine stärkere staatliche Kontrolle privater Einrichtungen angeordnet hatte, führte die Sanitätsdirektion ab 1890 vierteljährliche Routine-Inspektionen ein. Der zuständige Bezirksarzt rügte in den folgenden Jahren wiederholt Missstände in der Pflegeanstalt Kilchberg (und anderer Einrichtungen).StAZH H317/94 (Staatsarchiv des Kantons Zürich): Aus dem Protokoll des Regierungsrathes 1894. 688. Hedinger’sche Anstalt. Die Kritik galt nicht nur der Verpflegung und Betreuung der Patienten, sondern auch den Arbeitsbedingungen des Wärterpersonals. Johannes Hedinger setzte sich gegen die Vorwürfe zur Wehr. Im Jahresbericht pro 1899 hielt er fest: «Wo so oft die Thore staatlicher Anstalten in Folge Überfüllung oder anderer Ursachen vielen Hilfesuchenden verschlossen blieben, da hat hiesige Anstalt sich nach Kräften hilfsbereit erwiesen und die Thüre auch den Ärmsten geöffnet.»Privat-Heil- und Pflegeanstalt Kilchberg, Jahresbericht pro 1899.

Im Berichtsjahr 1899 betreute die Pflegeanstalt Kilchberg 185 Männer und 171 Frauen aus der Schweiz sowie aus dem nahen und fernen Ausland. Als im Frühjahr 1900 ein Teil des Wartpersonals wegen unzureichender Arbeitsbedingungen in den Streik trat, geriet die Pflegeanstalt noch stärker unter Druck. In die Auseinandersetzung war auch der später als Arbeiterarzt, Publizist und Sozialist berühmte Fritz Brupbacher verwickelt, der zwischen 1899 und 1901 als Arzt und später als Ärztlicher Leiter in Kilchberg wirkte. Brupbacher lancierte einen Artikel in der sozialistischen Zeitung Volksrecht, in dem er Johannes Hedinger scharf angriff.Fritz Brupbacher: Die Stellung des Wartpersonals in der Heil- und Pflegeanstalt Kilchberg. In: Volksrecht, Sozialdemokratisches Tagblatt. 4. Jg. Nr. 25, 31. Januar 1901. Auch nach dem Ende des Streiks und der Entlassung Brupbachers blieben die Pflegeanstalt Kilchberg und ihr Leiter öffentlich umstritten. 1903 zog sich Johannes Hedinger zurück und verkaufte die Anstalt.

Von der Pflegeanstalt zum Sanatorium (1904–1913) Mit der Übernahme durch die Gesellschaft «U. Rutishauser & Cie.» am 1. März 1904 vollzog die Klinik eine tiefgreifende Neuausrichtung, die sich unmittelbar in der Umbenennung in «Sanatorium Kilchberg» niederschlug. Für das veränderte therapeutische Konzept zeichnete zunächst Max Kesselring verantwortlich, bereits seit 1903 ärztlicher Leiter in Kilchberg. Kesselring war ein international erfahrener Psychiater in der Tradition der Reformbewegung, die auf John Conolly (1794–1866)Marietta Meier, Brigitta Bernet, Roswitha Dubach, Urs Germann: Zwang zur Ordnung. Psychiatrie im Kanton Zürich, 1870–1970. Chronos Verlag Zürich, 2007, S. 20f. zurückging und den Verzicht auf Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie forderte.vgl. hierzu: Max Kesselring: Hygiene des Geistes. Ein Beitrag zu persönlicher und sozialer Kultur. In: Hochland, Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst Hrsg. Von Carl Muth. 6. Jahrgang, Viertes Heft (1909), S. 393–408. Als zukunftsweisend und bis heute prägend erwies sich aber die Orientierung an der Leitidee des Sanatoriums, das – zumal in der Schweiz – bis dahin eher Lungen- und Höhenheilstätten vorbehalten war.Im Schweizerischen Bäderbuch aus dem Jahr 1926 führt Emil Cattani das Sanatorium Kilchberg als Nervensanatorium unter den «Spezialsanatorien» für die Behandlung «von funktionellen Neurosen, insbesondere Neurasthenie und Hysterie». Vgl.: Heilquellen, Klimatische Kurorte und Sanatorien der Schweiz. Schweizerisches Bäderbuch. Hrsg. im Auftrag der schweizerischen Gesellschaft für Balneologie und Klimatologie. Zürich 1926 (3. Auflage), S. 145.

1906 veräusserte «U. Rutishauser & Cie.» das Sanatorium an eine Genossenschaft, die bis 1913 Eigentümerin blieb und den einmal eingeschlagenen Kurs unter der ärztlichen Leitung von W. Buser fortsetzte: Physio- und Hydrotherapie gewannen zunehmend an Bedeutung, die Psychoanalyse wurde als Therapieverfahren im stationären Kontext etabliert. 1913 trat Buser der noch jungen «Internationalen psychoanalytischen Vereinigung» bei.

mini|hochkant|Hans Huber mini|hochkant|Emil Huber

Ära Huber (1913–1946)

Auf- und Ausbau des Sanatoriums