Die Polyvagal-Theorie wurde 1994 von dem US-amerikanischen Psychiater und Neurowissenschaftler Stephen Porges veröffentlicht, gilt allerdings bis heute als wissenschaftlich umstritten. Porges' Theorie untersucht dabei insbesondere, wie verschiedene Zustände des Nervensystems die Fähigkeiten von Menschen beeinflussen, mit anderen Menschen zu kommunizieren, soziale Bindungen einzugehen, auf Stress zu reagieren und emotionale Zustände zu regulieren.

Theorie Porges präsentierte die Polyvagal-Theorie erstmals in seiner Präsidentschaftsrede vor der Society of Psychophysiological Research in Atlanta am 8. Oktober 1994. Ein Jahr später wurde der Vortrag in der Fachzeitschrift Psychophysiology veröffentlicht.S. W. Porges: Orienting in a defensive world: mammalian modifications of our evolutionary heritage. A Polyvagal Theory. In: Psychophysiology. Band 32, Nummer 4, Juli 1995, S. 301–318, doi:10.1111/j.1469-8986.1995.tb01213.x, PMID 7652107 (Review). Die Theorie postuliert neben den zwei allgemein wissenschaftlich anerkannten funktionellen Unterteilungen des Vegetativen Nervensystems – Sympathikus und Parasympathikus – eine dritte Unterteilung, bei der dem Parasympathikus zwei Unterfunktionen zugeschrieben werden. Beim parasympathischen Anteil gäbe es demnach ein phylogenetisch älteres nicht myelinisiertes „dorsales“ sowie ein „jüngeres“, myelinisiertes „ventrales System“. Weiters wird erklärt, dass sich das primitive autonome Nervensystem niederer Wirbeltiere über den Prozess der Evolution zum differenzierteren autonomen Nervensystem der Säugetiere weiterentwickelt habeNicole Franke-Gricksch: Eine kurze Einführung in die Polyvagal-Theorie, abgerufen am 28. Februar 2022 und Reaktionsmuster auf bestimmte Umwelten dabei unterschiedliche Teile dieses autonomen Nervensystems aktivieren würden.

Bei Säugetieren dienten die beiden Äste des „vagalen Komplexes“ unterschiedlichen evolutionären Stressreaktionen: So stünden in einem Zustand sozialer Sicherheit flexible und adaptive Reaktionsmuster zur Verfügung, die mit einer erhöhten Aktivierung des „ventralen Vaguskomplexes“ einhergingen. Bedrohungserleben hingegen führe, um eine schnelle Flucht zu ermöglichen, zu einer Aktivierung des Sympathikus. Lässt schließlich die Bedrohung sich auch mittels Flucht nicht abwenden, ist bei Lebensbedrohung eine Erstarrung und Immobilisierung zu beobachten, die mit einer Aktivierung des „dorsalen Vaguskomplexes“ in Verbindung gebracht wird.Stephen Porges: The polyvagal theory: New insights into adaptive reactions of the autonomic nervous system. Cleve Clin J Med. 2009 Apr; 76(Suppl 2): S. 86–S90, doi:10.3949/ccjm.76.s2.17, , hier S. 3–4Jochen Peichl: Die inneren Trauma-Landschaften. Borderline, Ego-State-Täter-Introjekt. 2. Auflage, Schattauer, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-7945-2935-3, S. 197–199; 202

Die Theorie betont dabei die Bedeutung des physiologischen Zustands bei psychischen Störungen und leitet Strategien zur Beeinflussung der Aktivierungsmuster des vegetativen Nervensystems ab, die Porges mit seinen persönlichen Beobachtungen begründet.

Hierarchie Das autonome Nervensystem reagiere laut Porges in drei Reaktionsmustern, die sukzessive aktiviert würden und einer phylogenetischen Hierarchie folgen, bei der die primitivsten Systeme nur aktiviert würden, wenn die weiter entwickelten höheren Funktionen versagten. Der jeweilige physiologische Zustand bestimme dabei die Bandbreite des Verhaltens und folglich die psychologische Erfahrung.

Neurozeption Porges definierte für seine Theorie den Begriff „Neurozeption“ als Bezeichnung für die Fähigkeit des autonomen Nervensystems (ANS), die Umgebung – automatisch und ohne bewusste Wahrnehmung – laufend darauf zu prüfen, ob sie sicher, bedrohlich oder lebensgefährlich sei. Je nach Einschätzung aktiviere das ANS dabei einen der drei Zustände Sicherheit („ventraler Vaguskomplex“ aktiviert), Kampf/Flucht (Sympathikus aktiviert) oder Schreckstarre (Stupor) („dorsaler Vaguskomplex“ aktiviert). Anders als bei der Wahrnehmung (Perzeption) handele es hier daher um ein zwar durch einen Reiz wie bspw. Gefahr ausgelöstes, aber dennoch unmittelbares „Erkennen ohne Gewahrsein“.

Evidenz & Kritik Die Existenz und angenommenen Funktionen der in der Polyvagal-Theorie postulierten „vagalen Systeme“ werden als weitgehend widerlegt angesehen. So wird etwa das „ventrale vagale System“ in Bezug auf die Gehirnanatomie als unvalide Fehlbezeichnung kritisiert; ferner gebe es keine Belege für seine, wie von Porges postuliert, herausragende Rolle bei sozialen Verhaltensweisen.Edwin W Taylor, Tobias Wang, Cleo A C Leite: An overview of the phylogeny of cardiorespiratory control in vertebrates with some reflections on the ‘Polyvagal Theory’. In: Biological Psychology 2022, Band , Nummer , S. 108382 doi:10.1016/j.biopsycho.2022.108382Winfried L. Neuhuber and Hans-Rudolf Berthoud, Functional anatomy of the vagus system: how does the polyvagal theory comply?, Biological Psychology, (2022) doi:10.1016/j.biopsycho.2022.108425.Deutsche Zeitschrift für Osteopathie. Heft 19, 2021, S. 34ff, abgerufen am 18. September 2021, doi:10.1055/a-1345-6051, siehe auch https://www.osteopathie-liem.de/blog/kritik-an-der-polyvagaltheorie/ Das „dorsale vagale System“ wiederum gehe nicht (wie von Porges behauptetPorges, S. W. (2018). Polyvagal theory: A primer. Clinical Applications of the Polyvagal Theory: The Emergence of Polyvagal-Informed Therapies, 50, 69.Porges, S. W. (2021). Polyvagal Theory: A biobehavioral journey to sociality. Comprehensive Psychoneuroendocrinology, 7, 100069, doi:10.1016/j.cpnec.2021.100069.) auf die Polyvagal-Theorie, sondern frühere Forschungen zurück.Leslie RA. Neuroactive substances in the dorsal vagal complex of the medulla oblongata: nucleus of the tractus solitarius, area postrema, and dorsal motor nucleus of the vagus. Neurochem Int. 1985;7(2):191-211. doi:10.1016/0197-0186(85)90106-8. PMID 20492915. Ferner sei seine Rolle in der Auslösung eines 'Freeze-Zustands' auf die Weiterleitung von Signalen anderer Hirnregionen beschränkt, und auch hierfür weniger wichtig als der „ventrale“ Nucleus Ambiguus (was den polyvagalen Annahmen direkt widerspricht), weshalb er nicht mit solcherlei passiven Defensivstrategien assoziiert werden sollte.

Auch die in der Polyvagal-Theorie postulierte Sonderrolle von Säugetieren in Bezug auf ihr Sozialverhalten sowie den Vagusnerv und seine Physiologie gilt, nachdem Ähnliches inzwischen auch bei evolutionär älteren Wirbeltieren beobachtet wurde, nicht mehr als wissenschaftlich stichhaltig.

So fand auch ein Aufruf von Paul Grossman – emeritierter Forschungsleiter der Abteilung für Psychosomatik und Innere Medizin der Universitätsklinik in Basel – auf der Forschungsplattform Researchgate mit der Bitte um empirische Belege für die Theorie wenig Beachtung. Woraufhin Grossman die These vertrat, dass es demnach höchste Zeit wäre, den Wert der Ideen von Stephen Porges noch einmal kritisch zu hinterfragen. Grossmann übersah dabei allerdings, dass basierend auf der Polyvagal-Theorie inzwischen eine Vielzahl von Studien wesentliche Erkenntnisse in der Entwicklungspsychologie geliefert hat. So konnte der Nachweis geführt werden, dass der vagale Tonus bei Frühgeborenen Einfluss auf die Eltern-Kind-Reziprozität und Entwicklung von Emotionen hat. Andere Arbeiten der Arbeitsgruppe um Ruth Feldmann konnten zeigen, dass die Polyvagal-Theorie eine gute Basis dafür darstellt, die Bedeutung von Körperkontakten für die Eltern-Kind-Beziehung ebenso wie frühe Traumata im Gefolge kriegerischer Auseinandersetzungen besser zu verstehen. Auch zur Erklärung der Sondendependenz hat die Polyvagal-Theorie einen großen Beitrag geleistet.

Weiterhin sind Konzepte wie zum Beispiel die „Neurozeption“ keineswegs neue Entdeckungen der Polyvagal-Theorie: „Neurozeption“ ist als „Bedrohungserkennung“ (threat detection) schon seit Jahrzehnten Gegenstand der Forschung, was in Porges' Veröffentlichungen allerdings nicht erwähnt wird. Gleiches gilt für die Annahme, dass körperliche Empfindungen eine zentrale Rolle bei Emotionen einnehmen, was sich bereits in früheren Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts wiederfindet, jedoch von Porges ebenfalls nicht erwähnt wird.

In einem Artikel aus dem Jahr 2021 allerdings gibt Porges an, dass seine Theorie nicht dazu gedacht sei, belegt oder falsifiziert zu werden. Dies widerspricht wissenschaftlichen Grundsätzen, wonach Theorien falsifizierbar sein sollten.

Literatur Stephen W. Porges: Orienting in a defensive world: Mammalian modifications of our evolutionary heritage. A Polyvagal Theory. In: Psychophysiology 1995, Band 32, Nummer 4, S. 301–318 doi:10.1111/j.1469-8986.1995.tb01213.x. S. W. Porges: The polyvagal perspective. In: Biological psychology. Band 74, Nummer 2, Februar 2007, S. 116–143, doi:10.1016/j.biopsycho.2006.06.009, PMID 17049418, (Review). Stephen W. Porges: Polyvagal Theory: A biobehavioral journey to sociality. In: Comprehensive psychoneuroendocrinology 2021, Band 7, Nummer , S. 100069 doi:10.1016/j.cpnec.2021.100069. Stephen Porges: Die Polyvagal-Theorie: Neurophysiologische Grundlagen der Therapie. Emotionen, Bindung, Kommunikation & ihre Entstehung. 2. Auflage. Junfermann Verlag, 2010, ISBN 978-3-87387-754-2. Gegenüberstellung der Argumente durch die Polyvagal-Akademie: polyvagal-akademie.com/kritik

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