Zivilisationskollaps, auch Zivilisationsuntergang oder Gesellschaftskollaps (), bezeichnet den Zusammenbruch bzw. Untergang einer Zivilisation. Da die heutige Menschheit üblicherweise als eine Zivilisation betrachtet wird, ist oft auch das Ende der gesamten menschlichen Zivilisation gemeint (siehe Globales existenzielles Risiko). Unter den Begriff fällt der komplette Kollaps durch Krieg oder Naturkatastrophen, wie auch ein radikaler Systemwechsel ohne Gewalteinwirkung.
Unabhängig von Größe oder Komplexität unterliegen praktisch alle Zivilisationen diesem Schicksal. Einige konnten sich wiederbeleben und transformieren wie China oder Ägypten, während andere sich nie erholten wie z. B. das Maya-Reich oder die Zivilisation der Osterinsel. Der Zivilisationszusammenbruch ist generell ein schneller Prozess und umfasst häufig nur wenige Jahrzehnte, geschieht aber nur selten abrupt, wobei es auch Zivilisationen gibt, die nicht zusammengebrochen sind, sondern nur graduell untergegangen sind, wie es beim Britischen Weltreich (British Empire) seit 1920 der Fall ist.
Kennzeichen für einen Zivilisationskollaps sind unter anderem die Reduktion sozioökonomischer Komplexität, das Versagen öffentlicher Dienste, der Sturz der Regierung, der Verlust kultureller Identität sowie ein Anstieg von Gewalt. Eine kollabierte Zivilisation kann auf einen primitiveren Stand fallen, von einer überlegenen Zivilisation absorbiert werden oder völlig untergehen. Der vollständige Untergang einer Zivilisation ist aber selten – meist sind neue Zivilisationen, die aus den Überresten der alten Zivilisation aufsteigen, ihr Nachfolger, trotz eines dramatischen Rückgangs an Komplexität. Darüber hinaus kann der Einfluss einer kollabierten Gesellschaft, wie z. B. des (west-)römischen Reiches, sehr lange über seinen Untergang hinaus andauern.
Mögliche Gründe eines Zivilisationskollapses umfassen aus traditioneller Forschungssicht Naturkatastrophen, Kriege, Hungersnöte, Epidemien und Entvölkerung. Anthropologen, Historiker und Soziologen haben eine Reihe weiterer Erklärungen für den Kollaps von Zivilisationen vorgeschlagen, bspw. Umweltveränderungen, Ressourcenknappheit, nicht nachhaltige Komplexität, Verfall des sozialen Zusammenhalts, wachsende soziale Ungleichheit, säkularer Rückgang kognitiver Fähigkeiten, Rückgang an Kreativität sowie Pech.
In jüngster Zeit wird von einer wachsenden Zahl an Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen, aber auch Militärs, vor dem möglichen oder sogar zunehmend wahrscheinlichen Zusammenbruch von großen Teilen oder sogar der gesamten menschlichen Zivilisation in naher Zukunft (21./22. Jahrhundert, teilweise sogar schon ab 2030) gewarnt. Als mögliche Ursachen des befürchteten globalen Zivilisationszusammenbruchs werden hierbei sowie in weiteren jüngeren Studien bzw. Veröffentlichungen unter anderem benannt:
das Überschreiten planetarer Grenzen, bspw. die sich verschärfende Klimakrise (drohendes Überschreiten von 1,5 °C globaler Erwärmung bereits 2030) und das globale Artensterben. das anhaltende Wachstum der Weltbevölkerung (+1,05 % bzw. +81,3 Mio. Einwohner 2020), die weltweite soziale Ungleichheit (Armut, Bildung, Gesundheit, politischer Einfluss, sozialräumliche Trennung), die unzureichenden zwischenstaatlichen Kooperationen (s. a. Warnung der Wissenschaftler an die Menschheit)
Während dieser Artikel den potentiellen Kollaps durch genannte Gefahrenquellen sowie die Gründe für vergangene Fälle von Zivilisationskollaps behandelt, kann ein Kollaps wie oben erwähnt natürlich auch durch das Ende der gesamten Zivilisation bzw. der Menschheit herbeigeführt werden. Mögliche Gründe hierfür wären, neben den genannten Überschreitungen planetarer Grenzen:
ein Krieg mit Kernwaffen eine globale Pandemie sowie der versehentliche oder böswillige Einsatz von Biowaffen Fortgeschrittene künstliche Intelligenz (AGI), die nicht auf menschliche Werte abgestimmt ist
Begriff und Konzept Joseph Tainter fasst gesellschaftlichen Zusammenbruch in seinem fundamentalen Werk The Collapse of Complex Societies (1988) als politischen Prozess, der sich innerhalb weniger Dekaden abspielt und einen substanziellen Verlust soziopolitischer Struktur bedeutet, dargestellt u. a. am Beispiel des Untergangs des Weströmischen Reiches, des im Westen bekanntesten Kollapsbeispiels.
Andere, insbesondere als Reaktion auf das bekannte Werk Collapse (2005) von Jared Diamond, argumentieren in jüngerer Zeit, dass Gesellschaften, die als Beispiele für gesellschaftlichen Zusammenbruch dienen, besser durch Resilienz und soziale Transformation oder Reorganisation verstanden werden können, insbesondere wenn Kollaps als vollständiges Ende politischer Systeme verstanden wird, was nach Shmuel Eisenstadt nirgendwo stattgefunden hat. Eisenstadt betont, dass als entscheidender präventiver Zweck der Untersuchung gesellschaftlichen Kollapses klar zwischen vollständigem oder teilweisem Abstieg sowie Möglichkeiten der Regeneration unterschieden werden muss.
Der Sozialwissenschaftler Luke Kemp analysierte Dutzende Zivilisationen, welche er als Gesellschaften mit Landwirtschaft, verschiedenen Städten, militärischer Dominanz in ihrer geographischen Region und einer kontinuierlichen politischen Struktur definierte, für den Zeitraum von 3000 v. Chr. bis 600 n. Chr. und berechnete, dass die mittlere Lebensspanne einer Zivilisation etwa 340 Jahre beträgt.
Von diesen Gesellschaften waren die dauerhaftesten das Reich von Kusch in Nordostafrika (1.150 Jahre), das Reich von Aksum in Afrika (1.100 Jahre) und die Vedische Zivilisation in Südasien sowie die Olmeken in Mesoamerika (beide 1.000 Jahre), während die kurzlebigsten die Qin-Dynastie in China (14 Jahre) und das Nandareich in Indien (24 Jahre) waren.
Eine statistische Analyse von Zivilisationen durch den Spezialisten für komplexe Systeme Samuel Arbesman schlägt vor, dass ein Kollaps grundsätzlich ein zufälliges Ereignis ist und nicht altersabhängig. Diese Analyse korrespondiert mit der Rote-Königin-Hypothese, die besagt, dass für eine Spezies in schwierigen ökologischen Bedingungen das Aussterben eine ständige Möglichkeit ist.
Gegenwärtige Diskussionen über gesellschaftlichen Kollaps streben danach, zivilisatorische Resilienz, d. h. Selbsterhaltung bzw. Widerstandsfähigkeit, durch Vorschläge zur gesellschaftlichen Transformation zu erreichen.
Ursachen vergangener Kollapse von Zivilisationen
Naturkatastrophen Naturkatastrophen können zum Zusammenbruch von Zivilisationen beitragen oder ihn direkt herbeiführen.
Vulkanausbrüche Vulkanausbrüche (minoische Eruption ca. 16. Jahrhundert v. Chr. (Akrotiri auf Santorin, Pompeji/Herculaneum, römisches Reich, 79 n. Chr. u. a.) haben in historischer Zeit mehrfach ganze Städte bzw. Regionen ausgelöscht.
See- und Erdbeben Extreme See- oder Erdbeben können ebenfalls verheerende Auswirkungen auf lokale Gesellschaften haben, wie z. B. dasjenige vom 21. Juli 365 im östlichen Mittelmeer mit seinen verheerenden Tsunamis, das weitläufig Siedlungen und Städte (in Alexandria überliefert etwa 50.000 Tote) zerstörte.
Hitzewellen und Dürren Die hochentwickelte Indus-Kultur bestand seit etwa 3000 v. Chr., umfasste das heutige Pakistan sowie das nordwestliche Indien und kleinere Teile des heutigen Afghanistan und kollabierte um 1700 v. Chr. Wenngleich die Indus-Schrift umstritten und nicht entziffert ist und damit ihr Untergang rätselhaft bleibt, gibt es Hinweise auf Naturkatastrophen. Zeichen eines graduellen Niedergangs begannen um 1900 v. Chr., und 200 Jahre später waren die meisten Städte verlassen. Archäologische Funde legen einen Anstieg von Gewalt und Infektionskrankheiten wie Lepra und Tuberkulose nahe. Historiker und Archäologen glauben, dass eine ernste und lange anhaltende Dürre und ein Handelsniedergang mit Ägypten und Mesopotamien den Kollaps verursachten.
Kältewellen Die Klimaanomalie von 536 bis 550 mit sehr niedrigen Temperaturen und länger verdunkelter Sonne im Mittelmeerraum, wahrscheinlich auf große Mengen Vulkanismus-Aerosole zurückzuführen, bereitete dem Oströmischen Reich wohl Missernten und eine Hungersnot. Endzeitängste und Verunsicherung der Bevölkerung sind überliefert, gleichzeitig tobten Angriffe der wohl ebenfalls hungernden Ostgoten auf das Oströmische Reich, 541–544 brach die Justinianische Pest in der Bevölkerung aus, die unter Nahrungsmangel und eventuell Vitamin-D-Mangel litt.
Hochwasser Die erste Marcellusflut vom 16. Januar 1219 forderte an der deutschen Nordseeküste schätzungsweise 36.000 bis 50.000 Todesopfer. Das Magdalenenhochwasser vom Juli 1342 gilt als möglicherweise schlimmstes Hochwasser des 2. Jahrtausends im mitteleuropäischen Binnenland. An vielen Flüssen wurden die höchsten je verzeichneten Wasserstände registriert. Die Abflussmaxima der Modellrechnungen entsprechen einem statistischen Wiederkehrwert von 10.000 Jahren. Die Masse des erodierten Bodenmaterials betrug ca. 13 Milliarden Tonnen. Das entspricht etwa der Menge, die bei normalen Wetterbedingungen in 2000 Jahren verloren geht. Allein in der Donauregion starben über 6.000 Menschen. Die zweite Marcellusflut vom 16. Januar 1362 führte zum Untergang von Rungholt und dem Verlust einer englischen Stadt; 100.000 ha Land gingen verloren.
Wirbelstürme Der tropische Wirbelsturm Bhola, Bangladesch (damals Ostpakistan)/Indien vom 3. bis 13. November 1970 forderte geschätzt 300.000 bis 500.000 Todesopfer. Die aus ostpakistanischer Sicht völlig unzureichende Hilfsleistung und -verteilung aus Pakistan erzwang im Anschluss Neuwahlen. Die Awami-Liga siegte in Ostpakistan erdrutschartig, die eskalierende Situation führte zum Bangladesch-Krieg, der mit der Unabhängigkeit Bangladeschs von Pakistan endete.
Feuer Das Beispiel der Buschbrände in Australien (Juni 2019 bis März 2020) zeigt eine ungewöhnlich starke Naturzerstörung, welche zumindest punktuell alle Bundesstaaten bzw. Territorien des Landes erfasste und im Ergebnis mehr als 20 % der bewaldeten Flächen Australiens vernichtete. Berechnungen zufolge kamen ca. eine Milliarde Säugetiere, Vögel und Reptilien – ohne Fledermäuse, Wirbellose, Insekten oder Frösche – ums Leben, darunter etwa 33.000 der ca. 80.000 Koalas Australiens. Der Lebensraumverlust könnte gefährdete Arten ausrotten. Die während der Buschbrände aufgetretenen 38 Feuerwolken (Pyrocumulonimbus) reichten bis in die Stratosphäre und waren aufgrund ihrer Windgeschwindigkeiten sowie ihrer Wärmeleistung weder am Boden noch aus der Luft zu bekämpfen.
Invasion Eine rätselhafte lose Allianz räuberischer Seevölker wurde als einer der Hauptgründe für den späten Bronzezeitkollaps im östlichen Mittelmeer identifiziert. Möglicherweise waren die Seevölker selbst Opfer von Umweltänderungen, die zu weit verbreitetem Hunger führten und im Kollaps niederschlugen. Nach der Schlacht von Kadesh gegen die Ägypter 1285 v. Chr. zeigte das Reich der Hethiter Zeichen des Niedergangs. Angriffe der Seevölker beschleunigten den Prozess, während interne Machtkämpfe, Missernten und Hunger als weitere Faktoren dazu beitrugen. Die Ägypter, mit welchen die Hethiter einen Friedensvertrag schlossen, lieferten Letzteren Nahrung in Hungerzeiten, allerdings reichte das nicht aus. Um 1200 vor Christus eroberten die Seevölker einen Hafen an der kleinasiatischen Westküste, was die Hethiter von ihren Handelsrouten für Getreidelieferungen abschnitt. Ḫattuša, die Hethiterhauptstadt, wurde zerstört. Während einige Territorien der Hethiter weiterbestanden, wurden diese von den Assyrern im 7. Jahrhundert vor Christus besetzt.
Die Minoische Kultur auf Kreta basierte auf religiösen Ritualen sowie Seehandel. Um 1450 v. Chr. wurde sie vom mykenischen Griechenland absorbiert. Um 1200 v. Chr. geriet die mykenische Kultur selbst in einen Abstieg aufgrund vielfältiger militärischer Konflikte einschließlich der dorischen Invasion aus dem Norden und Attacken der Seevölker.