mini|hochkant=1.3|Das Carl-Schurz-Colleg in hellen Farben nach der Sanierung, 2006 Das Carl-Schurz-Colleg (CSC) – auch als Carl-Schurz-Haus bezeichnet, seltener als Carl-Schurz-Kolleg oder Carl-Schurz-Heim – war 1954 das zweite vom Studentenwerk Bonn errichtete Wohnheim und gleichzeitig der an der Universität Bonn stärkste Versuch, das Nachkriegs-Ideal eines Kollegienhauses in die Realität umzusetzen. Durch eine hohe zweckgebundene US-amerikanische Spende gefördert und daher nach dem Deutsch-Amerikaner Carl Schurz benannt, verfügte es über den höchsten Anteil an Gemeinschaftsräumen aller je in Bonn gebauten Studentenwohnheime. Diese Räume wurden anfangs vor allem für fächerübergreifende Arbeitsgemeinschaften des Hauses und für Studium-Universale-Angebote der Universität genutzt. Nach etwas über einem Jahrzehnt als Colleg im eigentlichen Sinne wurde dieser ganzheitliche Ansatz einer engen Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden unter einem Dach jedoch aufgegeben und das Haus in ein gewöhnliches Wohnheim umgewandelt. Die in eine der drei Wohnetagen integrierte Professorenwohnung wurde in mehrere Studentenzimmer aufgeteilt, als Bewohner wurden fortan auch Frauen zugelassen, und die Gemeinschaftsräume wurden abgetrennt und für andere international-studentische Zwecke genutzt wie z. B. Deutschkurse für ausländische Studierende oder für die Büros des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). In dieser Form bestand das Haus noch bis 2020, im Herbst 2021 wurde es abgerissen, da es einem Neubau weichen soll.

Ausgangslage Wohnsituation Anfang der 1950er-Jahre mini|hochkant|Abriss eines Altbaus nahe dem Bonner Hauptbahnhof

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war die Wohnungssituation in Bonn sehr angespannt. Durch die Zerstörungen des Bombenkriegs waren 40 % der Wohnungen in Bonn total zerstört, im universitätsnahen Bereich der Innenstadt sogar 95 %. Von den unbeschädigten Wohnungen wurden viele durch die Militärregierung beschlagnahmt. Im Vergleich zu anderen Städten ähnlicher Größe war Bonn zwar insgesamt weniger von Zerstörungen betroffen, dadurch jedoch wurde der Stadt ein großes Kontingent Flüchtlinge aus den Ostgebieten sowie ausgebombte Familien aus dem Westen zur Unterbringung zugewiesen. Nachdem die Einwohnerzahl Bonns in den letzten Kriegsmonaten auf unter 50.000 gesunken war, hatte sie im August 1946 wieder den Vorkriegsstand von rund 100.000 erreicht. 1945/46 wurden mehrere vormalige Verbindungshäuser (Rhenania, Arminia, Bavaria) als allgemeiner studentischer Wohnraum freigegeben, auch wurden zwei (mit Zentralheizung ausgestattete) Kriegsbunker im Stadtgebiet geräumt und den Studenten zur Verfügung gestellt, welche sie noch etliche Jahre weiternutzten.

Nachdem Bonn am 29. November 1949 zur Bundeshauptstadt gewählt worden war und dadurch ein Zuzug von Bundeseinrichtungen samt Parlamentariern, Beamten, Angestellten, Lobbyisten und zugehörigen Familien einsetzte, musste der Wohnungsmarkt einen weiteren Anstieg um etwa 20.000 Personen innerhalb von nur 4 Jahren bis auf über 130.000 Einwohner Ende 1953 verkraften.

Die Universität Bonn war im Sommersemester 1950 mit einer Gesamtzahl von rund 7.000 Studenten die zweitgrößte Universität aller westdeutschen Hochschulen; vor ihr rangierte lediglich die Universität München mit rund 10.000 Studenten, drittgrößte Universität war Mainz mit rund 6.000 Studenten. Bonn galt damit bereits als Massenuniversität. Der Frauenanteil in Bonn betrug 22 %, von den männlichen Studenten gehörten (bundesweit) Anfang der 1950er-Jahre knapp 30 % einer Verbindung an, Anfang der 1930er-Jahre hatte dieser Anteil noch bei rund 60 % gelegen. Während viele Verbindungsstudenten die Möglichkeit hatten, günstig in ihrem Verbindungshaus zu wohnen, blieb den übrigen Studenten nur die Wahl zwischen Elternhaus oder Untermiete in einer „Bude“ (mit entsprechender sozialer Kontrolle durch die Zimmerwirtin) oder einer preiswerten Gemeinschaftsunterkunft wie dem Bunker. Selbstorganisierte Wohngemeinschaften spielten noch keine Rolle, sie waren bis Ende der 1960er-Jahre völlig unbekannt. Die Reparatur kriegsbeschädigter Wohnungen führte oft zu einer erheblichen Qualitätssteigerung und damit zu einem für Studenten unerschwinglichen Mietpreis.

Schon in den 1920er-Jahren hatte der Verein Studentenwohl, das spätere Studentenwerk, ein zentrales „Studentenhaus“ in der Nassestraße erbaut, welches neben einer Mensa, einer Druckerei, Lese- und Gesellschaftsräumen auch eine schlichte Gemeinschaftsunterkunft für wohnungslose Studenten anbot. Initiiert wurde der Bau vom damaligen Bonner Rektor Fritz Tillmann, zu dessen Ehren man vom Tillmanneum sprach. Es wurde jedoch im Krieg zerstört. Als erstes Nachkriegsheim wurde 1951 nach nur einjähriger Planungs- und Bauzeit das Newmanhaus mit Finanzhilfen des NRW-Kultusministeriums als Wohnheim der katholischen Hochschulgemeinde eingeweiht. Auch das Studentenwerk plante ab 1951 den Bau eigener Heime, und zwar nach den neuesten Konzepten.

Bildungspolitische Ansätze mini|Studentenbibliothek Bonn (1954)

Im Zweiten Weltkrieg hatte die deutsche Wissenschaft und Forschung unter dem Diktat nationaler Gleichschaltung gezeigt, zu welchen Höchstleistungen sie fähig war (beispielsweise bei der Entwicklung von Raketen), aber auch, wie gewissenlos sie sich den Zielen eines Verbrecherregimes unterordnen konnte – und dabei zum Beispiel unter Verachtung jeglicher Menschlichkeit barbarische Experimente an Menschen durchführte, ohne sich auch nur ansatzweise um ethische Fragen zu kümmern. Neben der eigentlichen Entnazifizierung sahen die Siegermächte daher die dringende Notwendigkeit einer Reeducation.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit entstand 1948 unter dem Einfluss der Westalliierten ein zentrales Dokument, das für viele Jahre ein wichtiger Referenzpunkt blieb: das Gutachten zur Hochschulreform, welches alsbald (aufgrund seiner Umschlagfarbe) als Blaues Gutachten bekannt wurde. Einer seiner drei Schwerpunkte lag auf der Bildung und Erziehung der Studenten. Einer umfassenden Bildung über die Grenzen des eigenen Faches hinaus maß das Blaue Gutachten nicht nur wissenschaftliche, sondern auch eine enorme gesellschaftliche Bedeutung zu.

So lagen dann zu Beginn der 1950er-Jahre bei der Diskussion um den Bau von Wohnheimen den pädagogisch-politischen Konzepten vier Aspekte zugrunde: „ein Interesse an der Verbreiterung der Allgemeinbildung, an der Fundierung einer staatsbürgerlichen Bildung, an der Einübung in demokratisches Handeln und an der Formung neuen Gemeinschaftslebens“. Mit Blick auf die britische und US-amerikanische Tradition der Colleges begann man im westlichen Nachkriegsdeutschland mit der Errichtung von Kollegienhäusern, in denen Professoren und Studenten nicht nur gemeinsam wohnen, sondern sich auch gemeinsam akademischer Bildung widmen sollten. Zu den ersten Versuchen dieser Art gehörten 1945 das Collegium Academicum an der Universität Heidelberg und 1949 das Collegium Gentium an der Universität Marburg. Auch der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) als Vertretung der primär Betroffenen stand bis Ende der 1950er-Jahre der Form eines sogenannten „Wohnheims mit Konzeption“ (also begleitenden Allgemeinbildungsprogramms) offen gegenüber und lehnte noch auf dem 5. Deutschen Studententag in Karlsruhe 1958 die lediglich aufs reine Wohnen ausgerichteten Heime vom Typ eines „Studentenhotels“ als zu anonym ab – erst Anfang der 1960er-Jahre kippte im VDS die Stimmung hin zum „Studentenhotel“ und der damit einhergehenden völligen individuellen Freiheit, aber auch Loslösung aus Gemeinschaften.

Die Rolle des amerikanischen Hochkommissars

Eine entscheidende Rolle für die Gründung des Carl-Schurz-Collegs spielte der amerikanische Hohe Kommissar John Jay McCloy kurz vor Ende seiner Amtszeit 1952. Während des Ersten Weltkriegs nahm er als 23-Jähriger kurz vor dem Waffenstillstand 1918 an Gefechten nahe dem 60 km südlich von Bonn gelegenen Koblenz teil. Über die anschließende Besatzungszeit sagte er später: „Viele von uns, die während des Ersten Weltkriegs an der Besetzung Deutschlands beteiligt waren (...), hatten erfahren, wie bitter diese Besetzung war.“ 1930 heiratete er die Deutsch-Amerikanerin Ellen Zinsser. Deren Cousine Auguste Zinsser hatte 1919 den damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer geheiratet, so dass sie mit den Verhältnissen in Deutschland bestens vertraut war. McCloy reiste in den 1930er-Jahren öfters beruflich nach Deutschland und erhielt dabei Kontakt zu Größen des NS-Regimes. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er im US-Kriegsministerium. Wenige Wochen vor Kriegsende kam er nach Deutschland und reiste zu einigen von der US-Armee eroberten Gebieten – unter anderem durch Köln, Bonn und zur Festung Koblenz-Ehrenbreitstein.

mini|Das zerstörte Koblenz (1945), links oben das ausgebrannte Schloss, rechts der Friedrich-Ebert-Ring

Nachdem McCloy von 1947 bis 1949 bei der Weltbank arbeitete, die eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau Europas einnahm, wurde er am 2. September 1949 amerikanischer Hochkommissar in Deutschland. Dieses Amt stellt eine Übergangsstufe von der reinen Militärregierung hin zu diplomatischen Beziehungen über Botschafter dar, welche es noch nicht geben konnte, da (West-)Deutschland bis zum Inkrafttreten des Deutschlandvertrags 1955 unter Besatzungsstatut stand. Direkter Vorgänger von McCloy war US-Militärgouverneur General Clay. McCloy residierte die meiste Zeit in Bad Godesberg, damals noch eine selbständige Stadt unmittelbar südlich von Bonn. Zwei Wochen nach McCloys Amtsantritt wählte der 1. Deutsche Bundestag in Bonn Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (BRD).

McCloy legte Wert darauf, die BRD als einen starken Partner in die westliche Staatengemeinschaft einzugliedern. Besonderes Augenmerk legte er unter anderem auf Demokratisierungs- und Erziehungsprozesse. In diesem Zusammenhang spendete er 200 000 DM als einen wesentlichen Zuschuss zur Errichtung des ersten Wohnheims des Bonner Studentenwerks, des Tillmannhauses, welches am 8. Mai 1952 feierlich eröffnet wurde. Über das Konzept des Tillmannhauses sagte Rektor Ernst Friesenhahn am 10. November 1951: „Das hier in diesem Hause entstehende Heim soll weder ein reines Studentenhotel, noch ein ausgesprochenes College sein. Das Studentenwerk will die Dinge sich organisch aus diesem ganzen Haus und seiner Arbeit heraus entwickeln lassen.“

Knapp zwei Monate nach Eröffnung des Tillmannhauses bewilligte McCloy am 2. Juli 1952 eine mehr als doppelt so hohe Spende zum Bau eines weiteren „Studentenzentrums“, das aber ausdrücklich nicht nur dem Wohnen, sondern auch „integrierten Programmen der Allgemeinbildung“ dienen sollte – vom Studentenwerks-Vorsitzenden Herbert Elbel übersetzt mit „Möglichkeiten erweiterter akademischer Erziehung“. Im englischen Original lautete die Zweckbestimmung: „This Grant-in-Aid is made for the purpose of assisting the Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn, its Rector and Senate, in establishing a Student Center to provide students of the university with better facilities for enriched student life and for integrated programms of general education, as well as more adequate residential halls.“ Einen Monat später, am 1. August 1952, endete McCloys Amtszeit als Hochkommissar in Deutschland.

Finanzierung und Bau mini|McCloy (Mitte mit Hut und Tasche) in Berlin (1945)