mini|Tontafel aus dem Ba‘al-Zyklus (Louvre, Inv. Nr. AO16641+16642)Louvre, Collections: tablette; fragment. mini|Ruinen des Ba‘al-Tempels Der Ugaritische Ba‘al-Zyklus ist ein fragmentarisch erhaltenes literarisches Werk in westsemitisch-ugaritischer Sprache aus der spätbronzezeitlichen Handelsstadt Ugarit im Nordwesten des heutigen Staats Syrien. Es besteht, soweit erhalten, in lockerer Szenen- und Motivfolge aus drei Teilen: dem Sieg des Wettergotts Ba‘al über den Meeresgott Yammu; dem Herrschaftsantritt Ba‘als und dem Bau seines Palastes; dem Konflikt Ba‘als mit dem Gott der Unterwelt, Motu, wobei Ba‘al unterliegt, später aber wieder aus der Unterwelt zurückkehrt, nachdem seine Schwester Motu besiegt hat., hier Sp. 691.Die Schreibweise der Namen im folgenden Artikel entspricht: Bernd Janowski, Daniel Schwemer (Hrsg.): Weisheitstexte, Mythen und Epen (= Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Neue Folge, Band 8). Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015.
Auffindung und Aufbewahrung Unter Leitung von Claude Schaeffer untersuchte ein Team der Mission Archéologique Française ab 1929 den Tell von Ras Schamra. Die Tontafeln mit keilalphabetischer Schrift und religiösem Inhalt wurden ab 1929 zum größten Teil im sogenannten Hohepriesterhaus (Maison de Grand Prêtre) gefunden, und zwar getrennt in zwei Räumen: Rituale und Götterlisten in Raum 1, Mythen und Epen in Raum 7. Das Hohepriesterhaus befindet sich im Bereich der Akropolis zwischen den beiden Tempeln von Ba‘al und Dagon.Ras Shamra 1929-1979, par la Mission Archéologique de Ras Shamra. Maison de l'Orient méditerranéen, Lyon 1979, S. 15. (Online)
Die vor dem Zweiten Weltkrieg gefundenen Objekte aus Ugarit wurden zwischen den Museen in Paris, Damaskus und Aleppo aufgeteilt; infolgedessen werden die Tontafeln mit dem Ba‘al-Zyklus in zwei Museen verwahrt:Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 188.
KTU 1.1 und 1.2: Paris, Louvre (Inv. Nr. AO 16640, AO 16640bis, AO 16643); KTU 1.3 und 1.4: Nationalmuseum Aleppo (Inv. Nr. M 3352, M 8217, M 8221); KTU 1.5 und 1.6: Paris, Louvre (Inv. Nr. AO 16641+16642 (Foto), AO 16636); KTU 1.8: Nationalmuseum Aleppo (Inv. Nr. M 3353).
Für die Texte aus Ugarit gibt es verschiedene Ordnungssysteme, von denen KTU am weitesten verbreitet ist. Die Abkürzung KTU steht für: Manfried Dietrich, Oswald Loretz, Joaquín Sanmartín (Hrsg.): Die keilalphabetischen Texte aus Ugarit einschließlich der keilalphabetischen Texte außerhalb Ugarits. 1. Teil: Transkription (= Alter Orient und Altes Testament.24/1). Butzon und Bercker, Kevelaer; Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn, 1976, ISBN 3-7666-8911-8, ISBN 3-7887-0485-3siehe auch: Abkürzungsverzeichnis Aus dem Buch Lieferung 1 Weisheitstexte I] TUAT, Band 3, Lieferung 1 Weisheitstexte I: KTU ≙ M. Dietrich, 0. Loretz und J. Sanmartin: Die keilalphabetischen Texte aus Ugarit einschließlich der keilalphabetischen Texte außerhalb Ugarits I, AOAT 2, 4, Kevelaer und Neukirchen-Vluyn I976
Verfasser, Entstehungszeit und -ort hochkant|mini|Wettergott Ba‘al mit Blitz. Fundort Ras Schamra, um 1350–1250 v. Chr. Kalksandstein, Louvre, Inv. Nr. AO 15775Christiane Ziegler et al.: Museen der Welt – Der Louvre. Ägypten, Vorderer Orient, Klassische Antike. Beck, München 1993, S. 154. In den Kolophonen nennt sich Ilimilku als Schreiber des Ba‘al-Zyklus, der nach eigenen Angaben auch als Beschwörer (ṯ‘y) für den König tätig war. Er lebte zur Zeit des Königs Niqmaddu III. (1225/1220–1215 v. Chr.).Bei Herbert Niehr bezeichnet als Niqmaddi IV. Vgl. zur Datierung Mark S. Smith, Wayne T. Picard: The Ugaritic Baal cycle. 2. Introduction with text, translation and commentary of KTU/CAT 1.3-1.4, Leiden 2009, S. 7 f. Ilimilku stammte aus dem Ort Šubanu, erhielt seine Schreiberausbildung wohl am Königshof von Ugarit und arbeitete danach für den Oberpriester Attenu.Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 179 f. Er nahm bereits umlaufende mündliche Erzählstoffe, brachte sie in eine Reihenfolge, redigierte sie und schrieb sie nieder. Sein Publikum war die Oberschicht von Ugarit. Allerdings ist für Ugarit keine Lesekultur anzunehmen, sondern die Rezitation von Mythen und Epen. Die Rahmenbedingungen für diesen mündlichen Vortrag sind nicht näher bekannt.Mark S. Smith, Wayne T. Picard: The Ugaritic Baal cycle. 2. Introduction with text, translation and commentary of KTU/CAT 1.3-1.4, Leiden 2009, S. 21 f.
Die Akropolis von Ugarit wurde um 1250 v. Chr. bei einem schweren Erdbeben beschädigt. Die Einwohner bauten danach den Ba‘al-Tempel wieder auf. Die Arbeiten kamen aber anscheinend bis zur Zerstörung Ugarits nicht zum Abschluss, so dass für den Kult Ba‘als provisorisch ein Gelände unter freiem Himmel genutzt wurde; von hier stammt auch die Ba‘al-Stele (Foto). Die Bedeutung der Bauarbeiten spiegelt sich in der zentralen und ausführlichen Darstellung des Palastbaus für Ba‘al im Werk Ilimilkus.Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 181 f.
Protagonisten und Schauplätze Die Göttergesellschaft, deren Mitglieder im Mythos auftreten, ist hierarchisch gegliedert. An der Spitze steht der Göttervater El mit seiner Partnerin Ascherah. Unter ihnen stehen drei Bereichsgötter: Ba‘al (Wetter), Yammu (Meer und Flüsse) und Motu (Unterwelt). Verglichen mit dem biblischen JHWH und dem babylonischen Marduk, sind der Herrschaft Ba‘als deutlich Grenzen gesetzt, und für seinen Erfolg ist er immer auf Unterstützung anderer Gottheiten angewiesen.Mark S. Smith: The Ugaritic Baal cycle. 1. Introduction with text, translation and commentary of KTU 1.1-1.2, Leiden 1994, S. xxvi. Vgl. zur begrenzten Herrschaft Ba‘als Mark S. Smith, Wayne T. Picard: The Ugaritic Baal cycle. 2. Introduction with text, translation and commentary of KTU/CAT 1.3-1.4, Leiden 2009, S. 16–20. Eine Stufe tiefer stehen Götter, die auf ein Gebiet spezialisiert sind und den höheren Göttern ihre Fertigkeiten anbieten. Die unterste Stufe nehmen verschiedene Götterboten ein.Mark S. Smith: The Ugaritic Baal cycle. 1. Introduction with text, translation and commentary of KTU 1.1-1.2, Leiden 1994, S. xxiii f.
Die Gottheiten des ugaritischen Pantheons wohnen nicht im Himmel, sondern in teils konkret bezeichneten irdischen Regionen, gern auf Bergen. Daher sind sie öfter auf Reisen zwischen ihren Wohnsitzen. Dabei fällt auf, dass ihre Beziehung zu menschlichen Städten nicht thematisiert wird (nicht einmal zur Stadt Ugarit). Das ist ganz anders als in Mesopotamien, wo die Götter einerseits im Himmel weilen, andererseits aber ihre irdischen Kultstätten besuchen.Mark S. Smith, Wayne T. Picard: The Ugaritic Baal cycle. 2. Introduction with text, translation and commentary of KTU/CAT 1.3-1.4, Leiden 2009, S. 43.
Els Wohnsitz hat im Ba‘al-Zyklus keinen konkreten geographischen Bezug. Ikonographisch ist Els Residenz mit Wasser assoziiert. Eine ugaritische Beschwörung gegen Schlangenbiss (KTU 1.100.3) lokalisiert sie „an der Quelle der zwei Flüsse“. Als geographische Lokalisierung von Els Berg wurde der Jebel el-Munēṭireh im Libanon-Massiv vorgeschlagen, wo nahe beieinander der Nahr Ibrahim aus der Afqa-Grotte entspringt und eine weitere Quelle, Neba‘ el Arba‘īn, einen intermittierenden See (Birket el-Yammuneh) speist.Marvin H. Pope: El in the Ugaritic Texts. Brill, Leiden 1955, S. 76. Ba‘al residiert – seit er dort einen eigenen Palast besitzt – mit seinen drei Töchter-Bräuten Pidrayu, Tallayu und Arṣayu auf dem Berg Ṣaphon, der durch reiche Niederschläge ausgezeichnet ist. Der Handwerkergott Kotharu-wa-Ḫasisu wohnt in Memphis und Kreta (Kaftor), Orten, die durch den Handel mit Ugarit verbunden waren.Mark S. Smith: The Ugaritic Baal cycle. 1. Introduction with text, translation and commentary of KTU 1.1-1.2, Leiden 1994, S. xxiv.
Inhalt KTU 1.1. hochkant|mini|Statuette einer sitzenden Gottheit (El), Fundort Ras Schamra, 14. Jahrhundert v. Chr. Bronze vergoldet, Höhe 13,5 cm. Nationalmuseum Damaskus, Inv. Nr. RS 23A Defined Protocol for In Situ Micro-XRF Compositional Analysis of Bronze Figurines from the National Museum of Damascus, Syria Die erste Szene zeigt die Gottheiten El und Yammu im Gespräch über ein Bankett auf dem Berg Ṣaphon. Es wird deutlich, dass El den Meeresgott Yammu gegenüber Ba‘al bevorzugt und ihn als Herrscher über die Götter einsetzen will. Yammu soll als Sohn Els proklamiert, Ba‘al dagegen vertrieben werden.Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 189–195.
KTU 1.2. Die zweite Tafel beginnt mit dem Streit zwischen Aliyanu Ba‘alDer Name bedeutet „Siegreicher Ba‘al“. Vgl. Art. Ba’lu/Had(d)a(d). In: Douglas R. Frayne, Johanna H. Stuckey: A Handbook of Gods and Goddesses of the Ancient Near East: Three Thousand Deities of Anatolia, Syria, Israel, Sumer, Babylonia, Assyria, and Elam. Penn State University Press, Pennsylvania 2012, S. 43–46. und Yammu, der hier als „Herrscher Fluß“ tituliert wird, somit über Süß- und Salzwasser verfügt.Der ugaritische Mythos unterscheidet nicht zwischen Salz- und Süßwasser, daraus ergibt sich der Doppelcharakter des Yammu, der als „Fürst Meer“ oder „Richter Fluss“ angesprochen werden kann. Vgl. Yammu entsendet Boten in die Götterversammlung auf dem Berg Lelu, die von El geleitet wird. Sie sollen die Herausgabe Ba‘als fordern. Ba‘al steht vor El,Dies bedeutet wohl, dass er El bei Tisch aufwartet. während die Gottheiten tafeln. Die Botschaft Yammus nehmen sie mit gesenkten Köpfen auf. Ba‘al fordert sie auf, den Blick zu erheben und den Boten zu antworten. Diese treten selbstbewusst dem Göttervater El gegenüber, der ihrem Wunsch entspricht:Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 197 f.
In seinem Zorn erschlägt Ba‘al Yammus Boten. (Die folgende Kolumne ist zerstört und kann nicht übersetzt werden.)
El beauftragt den Handwerkergott Kotharu-wa-Ḫasisu („Geschickt und weitsichtig“) damit, „im Dunkel, im bitteren Feld des Meeres“ einen Palast für Yammu zu errichten.Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 199.
Nach einigen nicht lesbaren Zeilen trifft man Ba‘al im Gespräch mit seiner Partnerin Anat und Kotharu-wa-Ḫasisu an. Letzterer tituliert Ba‘al als „Wolkenfahrer“Dahinter steht die Vorstellung, dass Baʿlu auf einem von zwei Stieren gezogenen Wagen fährt. Vgl. Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 200 Anm. 112. und kündigt ihm Sieg und künftige Herrschaft an. Sodann fertigt er die Doppeläxte Yagariš und Ayyamur an, mit denen Ba‘al Yammu den Schädel spaltet und ihn zu Boden streckt. Die Göttin Astarte bestärkt ihn darin, Yammu zu zerschmettern, gänzlich zu töten und selbst die Herrschaft anzutreten. (Der Rest der Tafel ist unlesbar.)Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 200–202.
KTU 1.3. (Am Beginn der ersten Kolumne fehlen Zeilen.) Auf dem Berg Ṣaphon tafelt Ba‘al zu Musikbegleitung und in Anwesenheit seiner Töchter-Bräute Pidrayu, Tallayu und Arṣayu. (Der Rest der Kolumne und der Beginn der nächsten Kolumne sind nicht erhalten.)
Die nächste Szene zeigt die Göttin Anat im Kampf gegen menschliche Feinde, buchstäblich in Blut watend.Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 203. Von ihrem Triumph erfreut, hält sie schließlich inne, reinigt und schmückt sich. (Es folgt wieder eine Textlücke.)
Ba‘al entsendet seinen Boten Gapnu-wa-Ugaru („Weinstock-und-Acker“) zu Anat: Sie möge ihn auf dem Berg Ṣaphon besuchen, da er ihr etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Von weitem sieht Ba‘al das Kommen Anats und bewirtet sie. Dann teilt er ihr mit, dass er einen Palast wünscht, wie ihn die anderen Götter besitzen. Anat ist zuversichtlich, dieses Anliegen beim Göttervater El durchsetzen zu können, da El ihr zugewandt sei und sie ihm; nötigenfalls will sie Gewalt gebrauchen:Herbert Niehr: Der Ba‘al-Zyklus (KTU 1.1-6 + 1.8), Gütersloh 2015, S. 209.