mini|Portraitfoto des Marinezahlmeisters und Photographen Gustav Adolph Riemer, (1842–1899)
Gustav Adolph (auch: Adolf) Riemer (* 9. Juli 1842 in Saarlouis; † 4. März 1899 in Dessau)Uwe Lüthje: Tagebuchs-Auszug betreffend die Reise S.M.S. ‚Hertha‘ nach Ost-Asien und den Südsee-Inseln 1874–1877 im Museum für Völkerkunde der Universität Kiel. S. 55–60; ub.uni-frankfurt.de war ein deutscher Marine-Offizier und Fotograf. Er diente auf mehreren Schiffen der preußischen bzw. deutschen Marine als Zahlmeister, vor allem im Ostasiatischen Kreuzer-Geschwader. Auf der Hertha nahm er von Oktober 1874 bis zum August 1877 an einer Weltumsegelung teil. Die von ihm unterwegs aufgenommenen Fotos, vor allem die aus Korea und der Südsee, zählen zu den ersten Aufnahmen aus diesen Weltregionen überhaupt. Ihnen wird ein hoher ethnographischer Wert beigemessen.Hermann Mückler: Riemer, Gustav Adolph: Stereo-Fotografien von der Reise S.M.S. Hertha nach Ost-Asien und den Südsee-Inseln. 1874–1877. Verlag bzw. Herausgeber: Antiquariat Kainbacher, Baden bei Wien, 2016, S. 4–9; academia.edu
Familie
Gustav Adolph Riemer war Sohn eines königlich-preußischen Unteroffiziers. Sein Vater diente im 36. Infanterieregiment.
Riemer heiratete am 21. Juli 1880 in Wilhelmshaven Martha Maria Specht (* 1. Mai 1860 in Berlin). Zu diesem Zeitpunkt wohnte Riemer in der Wilhelmshavener Straße 6.Uwe Lüthje: Tagebuchs-Auszug betreffend die Reise S.M.S. ‚Hertha‘ nach Ost-Asien und den Südsee-Inseln 1874–1877 im Museum für Völkerkunde der Universität Kiel. S. 59; ub.uni-frankfurt.de (PDF; 260 kB) Hermann Mückler: Riemer, Gustav Adolph: Stereo-Fotografien von der Reise S.M.S. Hertha nach Ost-Asien und den Südsee-Inseln. 1874–1877. Verlag bzw. Herausgeber: Antiquariat Kainbacher, Baden bei Wien, 2016, S. 7, 9 Seiten; ilab.org (PDF; 8,5 MB)
Berufsweg
Im Jahr 1859, also schon im Alter von 17 Jahren, trat Riemer in den Dienst der königlich-preußischen Marine ein, aus der ab 1871 die Kriegsmarine des Deutschen Reichs hervorging. Ein großer Teil der Dienstzeit des Marinesoldaten Riemer fällt in die Hochphase des deutschen Kolonialismus'.
Um die Mitte der 1880er Jahre entwickelte das noch junge Deutsche Reich zunehmend koloniale Ambitionen. Das deutsche Kolonialreich wurde durch Erwerbungen in Kamerun, Südwestafrika und Togoland im Jahr 1884 begründet. Ein Jahr später folgten Erwerbungen in Ostafrika sowie in Neuguinea, im Bismarck-Archipel sowie auf den mikronesischen Marshall-Inseln. Bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kamen weitere Gebiete in Mikronesien (Nauru 1888, Karolinen-, Marianen- und Palau-Inseln 1898) und Polynesien (Samoa 1899) sowie in Ostasien (Kiautschou 1900) zum deutschen Kolonialreich hinzu. Von zentraler Bedeutung für den deutschen Kolonialismus war der Ausbau der deutschen Marine und die Möglichkeit, Kriegsschiffe in die vom Deutschen Reich beanspruchten Gebiete zu entsenden. In dieser Epoche deutscher Kanonenbootpolitik diente Riemer unter anderem auf den folgenden Kriegsschiffen der preußischen bzw. deutschen Marine:
Meteor (1869 bis 1871), Hertha (Oktober 1874 bis August 1877), Stosch (von April 1881 bis November 1883), Stein (November 1883 bis Januar 1884)
Dienstzeit auf der SMS Meteor (1869 bis 1871)
mini|Die 1865 vom Stapel gelaufene S.M.S. Meteor
Von 1869 bis 1871 – und damit auch während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 – tat Riemer Dienst auf dem nach Westindien entsandten preußischen Kanonenboot Meteor, das unter dem Kommando des damaligen Kapitänleutnants Eduard Knorr (* 8. März 1840 in Saarlouis; † 17. Februar 1920 in Berlin-Wilmersdorf; am 18. Januar 1896 in den erblichen preußischen Adelsstand erhoben) stand.
Es ist zu vermuten, dass Gustav Adolph Riemer dem um zwei Jahre älteren Eduard Knorr schon in seiner Jugendzeit begegnet ist, da beide in Saarlouis geboren wurden und ihre Väter einander kannten: Riemers Vater war Unteroffizier im 36. Infanterieregiment, das unter dem Kommando von Oberst Knorr stand, des Vaters von Eduard Knorr.Uwe Lüthje: Tagebuchs-Auszug betreffend die Reise S.M.S. ‚Hertha‘ nach Ost-Asien und den Südsee-Inseln 1874–1877 im Museum für Völkerkunde der Universität Kiel. S. 55–60; ub.uni-frankfurt.de (PDF; 260 kB)
Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, am 9. Oktober 1870, nahm Riemer an Bord der Meteor unter Kapitänleutnant Eduard Knorr an dem Gefecht mit dem französischen Aviso Bouvet vor Havanna teil. Dafür wurde er mit der königlich-preußischen Kriegsgedenkmünze 1870/71 ausgezeichnet.
Die Reparatur der Gefechtsschäden an der Meteor wurde durch die unter französischem Einfluss stehende spanische Verwaltung Kubas in die Länge gezogen, so dass das Kanonenboot erst am 13. April 1871 Havanna wieder verlassen und seinen Heimweg antreten konnte. Die Meteor lief entlang der US-Küste nach Neufundland, überquerte von St. John’s aus den Atlantik und erreichte am 13. Juni 1871 Plymouth. Zwölf Tage später traf die Meteor in Kiel ein, wo sie am 20. Juli 1871 außer Dienst gestellt wurde.
Dienstzeit auf SMS Hertha (Oktober 1874 bis August 1877)
An Bord der als Seekadetten-Schulschiff in Dienst gestellten gedeckten Korvette Hertha war Riemer für die Weltumsegelung von Oktober 1874 bis zum August 1877 als Zahlmeister eingesetzt. Der Kommandant dieser Reise war wiederum Eduard Knorr.
Die Hertha fuhr nach Ost-Asien und zu den Südsee-Inseln. Auf dieser Reise besuchte Riemer u. a. Madeira, Brasilien, das damals britische Singapur, das malaysische Borneo, das damalige Sultanat von Sulu, die Philippinen, China (Hongkong, Kanton, Amoy), Japan, die heute zu Japan gehörenden Bonin-Inseln, in Mikronesien die Marianen-Inseln, namentlich Guam sowie die Karolinen-Inseln und Palau, ferner Ost-Sibirien, in Polynesien: Samoa und Tonga sowie Neuseeland und Australien.
Die Hertha wurde im Seegebiet vor den Küsten Chinas und Japans eingesetzt. Von August bis Dezember 1875 wurde sie in einer Werft in Yokohama grundüberholt.
Danach war die Hertha längere Zeit in der Südsee eingesetzt, wo das Deutsche Reich koloniale Interessen verfolgte. Die mikronesischen Inseln standen damals noch nicht unter formeller deutscher Kolonialverwaltung. Um Freundschafts- bzw. Meistbegünstigungsverträge zwischen dem Deutschen Reich und Samoa sowie mit den Tonga-Inseln im Oktober und November 1876 abzuschließen, lief die Hertha Anfang Oktober 1876 in den Hafen von Apia ein, der Hauptstadt Samoas auf der Insel Upolu. Der deutsche Konsul dort war zu dieser Zeit Theodor Weber.
Während der Vertragsverhandlungen mit Samoa lief die Hertha zwischenzeitlich auch die Tonga-Inseln an. Während ihres Aufenthalts in Nuku'alofa, dem Hauptort auf der Insel Tongatapu, konnte am 1. November 1876 ein Handelsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Tonga abgeschlossen werden.
Im März 1877 traf die Hertha in Auckland mit der gedeckten Korvette Augusta zusammen, verließ am 16. März 1877 diesen neuseeländischen Hafen wieder und lief zunächst mehrere australische Häfen an.
Später, auf ihrer Heimreise, lief die Hertha Aden im Jemen, Port Said in Ägypten, Valletta auf Malta und Plymouth in Südwest-England an und erreichte nach fast dreijähriger Abwesenheit am 27. Juli 1877 wieder Kiel.
Über diese Reise hat Riemer 1878 im Selbstverlag ein umfangreiches Fotoalbum mit dem Titel „Tagebuchs-Auszug betreffend die Reise S.M.S. „Hertha“ nach Ost-Asien und den Südsee-Inseln 1874–1877“ mit mehr als 300 seiner Originalaufnahmen und einem begleitenden Text herausgegeben. Seine stereoskopischen Fotografien von dieser Reise wurden in August Fuhrmanns Kaiserpanorama gezeigt und von dem Fotoverleger Johann Friedrich Stiehm in Berlin verlegt.siehe: Verzeichniss der Original-Photographien, aufgenommen auf der Reise Sr. Majestät Schiff Hertha nach Ost-Asien und den Südsee-Inseln von dem Zahlmeister Herrn G. Riemer; in: Adolph Russell, Buch- und Kunst-Katalog. Gesammt-Verlags-Katalog des Deutschen Buchhandels. Ein Bild deutscher Geistesarbeit und Cultur ... Verlag Russell, Münster in Westphalen, 1881, Spalten 941/942, https://archive.org/details/buchundkunstkat05russgoog/page/n473/mode/2up
1880 heiratete Riemer in Wilhelmshaven die aus Berlin stammende Martha Maria Specht.
Dienstzeit auf der Stosch (April 1881 bis November 1883)
mini|Die Stosch in Kiel, 1894
Riemer war von April 1881 bis November 1883 als Geschwader-Zahlmeister des „Ostasiatischen Kreuzer-Geschwaders“ auf der Stosch eingesetzt,Uwe Lüthje: Tagebuchs-Auszug betreffend die Reise S.M.S. ‚Hertha‘ nach Ost-Asien und den Südsee-Inseln 1874–1877 im Museum für Völkerkunde der Universität Kiel. S. 59 auf der der deutsche Diplomat Max von Brandt im Mai 1882 zu den Verhandlungen des ersten deutsch-koreanischen Vertrages nach Korea reiste.
Am 15. April 1881 trat die Stosch ihre Reise um das Kap der Guten Hoffnung herum an und traf im September 1881 mit den übrigen Schiffen des deutschen Kreuzergeschwaders vor Tschifu (China) zusammen. Das Einsatzgebiet des Ostasiatischen Kreuzer-Geschwaders war im Wesentlichen die Seegebiete und Häfen an den Küsten Chinas und Japans.
Am 24. Dezember 1882 trafen die Stosch und die Elisabeth vor Amoy zusammen. Dort hatte der deutsche Gesandte nach Zollstreitigkeiten über von den Chinesen beschlagnahmte Zuckersiedepfannen militärische Hilfe angefordert. In die Geschichte der deutsch-chinesischen Beziehungen ist dieser Zwischenfall, der von den Mannschaften der Stosch und der Elisabeth im deutschen Sinne bereinigt wurde, als „Pfannenkrieg von Amoy“ eingegangen.
Ab September 1883 wurde die Stosch auf einer Werft in Hongkong generalüberholt.
Dienstzeit auf der SMS Stein (November 1883 bis Januar 1884)
mini|Die Stein, 1893
Im November 1883 wurde die bisherige Besatzung der Stosch durch die Besatzung ihres Schwesterschiffes Stein abgelöst. Die bisherige Besatzung der Stosch trat auf der Stein am 10. November 1883 ihre Heimreise an und erreichte Wilhelmshaven am 6. Januar 1884.
Auch über diese Reise veröffentlichte Gustav Adolph Riemer einen umfangreichen Bildband, der im Verlag von F. A. Brockhaus, Leipzig, erschien. Das Werk war zunächst wohl auf fünf Bände angelegt; erschienen sind aber nur zwei Bände mit zusammen 117 Photos im Lichtdruckverfahren. Der „Verein zur Pflege der Photographie und verwandten Künste“ zu Frankfurt a. M. hat dieses Werk Riemers bei seiner Herausgabe im Oktober 1884 prämiert.Uwe Lüthje: Tagebuchs-Auszug betreffend die Reise S.M.S. ‚Hertha‘ nach Ost-Asien und den Südsee-Inseln 1874–1877 im Museum für Völkerkunde der Universität Kiel. S. 60
Riemers weiterer Berufsweg bis Ende Mai 1888
Ab 1877 hat G. A. Riemer seinen Dienst vorwiegend in Wilhelmshaven versehen. Als dort am 9. März 1879 die Freimaurerloge „Wilhelm zum silbernen Anker“ gestiftet wurde, gehörte Riemer zu deren Gründungsmitgliedern. Dieser Loge gehörte er bis zu seinem Tod an.
Riemer wurde gemäß einer „Allerhöchsten Cabinets Ordre“ (A.C.O.) vom 7. Februar 1888 mit Ablauf des Monats Mai 1888 aus dem Dienst der Kaiserlichen Marine mit der gesetzlichen Pension in den Ruhestand verabschiedet.
Von seinen 29 Dienstjahren bei der Marine ist Riemer insgesamt neuneinhalb Jahre auf See gewesen.
Riemers weiterer Lebensweg bis zu seinem Tod am 4. März 1899
Wie das Leben von G. A. Riemer nach dem Ausscheiden aus der Marine verlaufen ist, und ob er sich weiterhin mit der Fotografie beschäftigt hat, ist unbekannt.
In seinem 57sten Lebensjahr ist Gustav Adolph Riemer am 4. März 1899 in Dessau gestorben.
Beförderungen
1867 Marine-Verwalter im Range eines Deckoffiziers 18. März 1871 Marine-Unterzahlmeister 25. März 1874 Marine-Zahlmeister 14. April 1887 Marine-Oberzahlmeister
Bedeutung als Fotograf
mini|Die „Hertha-Reise“ im Kaiser-Panorama in Leipzig, 10. Nov. 1886