Walisische Literatur ist die Literatur von Autoren aus Wales oder von Autoren walisischer (auch: kymrischer) Sprache, die früher weit über die Grenzen des heutigen Wales hinaus verbreitet war.

Die keltische literarische Tradition der Lied- und Odendichtung in walisischer Sprache ist bis heute lebendig geblieben und wird auch von Amateurdichtern gepflegt. Das seit 1861 jährlich abgehaltene nationale Eisteddfod (Eisteddfod Genedlaethol Cymru) ist das größte Amateurkunstfestival in Europa, bei dem Dicht- und Vortragskunst immer noch eine große Bedeutung haben. Der Schwerpunkt der sich seit dem 19. Jahrhundert entwickelnden englischsprachigen Dichtung walisischer Autoren liegt jedoch im Bereich der Erzählung und des Romans.

Die alte und neue Literatur in walisischer Sprache wird im Englischen als Welsh-language literature bezeichnet, die englischsprachige Literatur von Autoren aus Wales als anglo-walisische Literatur oder Welsh literature in English.

Anfänge in nachrömischer Zeit Die Dichter und Sänger der Kelten waren kastenmäßig organisiert. Die Druiden als priesterliche Träger mündlich überlieferten Wissens wurden schon in römischer Zeit verfolgt und verloren ihre Bedeutung. Die Barden überlieferten die Erinnerung an die großen Geschlechter; die einflussreichsten unter ihnen (der Hofdichter pencerdd und der Kriegsdichter bardd teulu) wurden von Fürsten protegiert. Weniger geachtet waren die fahrenden Geschichtenerzähler.

Die ältesten Zeugnisse walisischer (altkymrischer) Literatur – es handelt sich um Preisgedichte oder heroische Oden (awdlau) für lokale Kleinkönige wie für Cynan Garwyn, König von Powys, und seinen Sohn Selyf, die gegen die Angelsachsen kämpften – stammen aus dem späten 6. Jahrhundert, sind aber nur in korrumpierter Form überliefert. Zu den namentlich bekannten Barden dieser Zeit zählen Taliesin und Aneirin. Ihre Biographien sind von Legenden umrankt. Taliesin stammt angeblich aus der Bretagne – die bretonische Sprache der britischen (bretonischen) Auswanderer nach Gallien hatte sich etwa im 6. Jahrhundert vom Walisischen getrennt. Beide Sänger sollen auch in einem der Königreiche von Hen Ogledd in Nordengland oder Südschottland gewirkt haben, wo sie Oden in kumbrischer Sprache – ein walisischer Dialekt, der vermutlich auch in Nordengland gesprochen wurde – für König Urien geschrieben haben sollen. Aneirin wird das Gedicht Y Gododdin über einen blutig gescheiterten Feldzug des nördlichen Königreichs Gododdin um das heutige Edinburgh gegen die Angeln zugeschrieben, das nur in einem Manuskript aus späterer Zeit erhalten ist.Y Goddodin — Text und Ubersetzung auf web.archive.org, abgerufen am 5. Juni 2022 Die ebenfalls als Manuskript des 14. Jahrhunderts in mittelwalisischer Sprache überlieferten „Gedichte Taliesins“ wurden zum größeren Teil wohl durch von ihm inspirierte Nachahmer bis zum 9. oder 10. Jahrhundert verfasst, die glaubten, dadurch an seiner Person teilzuhaben. Es handelt sich um Lobgedichte auf mythische Helden, Erzählungen aus dem Artuskreis, Elegien und christliche Hymnen. Die Übersetzer und Herausgeber einer Neuausgabe dieser Gedichte nehmen an, dass der Glaube an eine kollektive Identität der Autoren auf schamanistisches Gedankengut zurückgeht.Gwyneth Lewis, Rowan Williams (Hrsg.): The Book of Taliesin: Poems of Warfare and Praise in an Enchanted Britain. Prnguin, London 2019. mini|hochkant|Book of Taliesin (walisisch: Llyfr Taliesin). Unvollständiges Manuskript aus dem 14. Jahrhundert, Folio 13 (National Library of Wales).

Noch undeutlicher bleibt die Figur des Prinzen Llywarch Hen (um 600) aus dem damals keltischsprachigen Cumbria, der später nach Wales in Exil ging und zu den großen walisischen Barden gezählt wird. Unklar ist, ob er die ihm zugeschriebenen Gedichte wirklich verfasst hat. Sein Leben wird in dem etwa vom 9.–12. Jahrhundert entstandenen heroischen Gedichtzyklus Canu Llywarch Hen verewigt, der möglicherweise auf älteren Sagatexten beruht.Jenny Rowland: Early Welsh Saga Poetry: A Study and Edition of the 'Englynion’. Brewer: Cambridge 1990. Gänzlich sagenhaft ist die Figur des Myrddin, der später mit dem Zauberer Merlin identifiziert wurde.

Die schon im 4. Jahrhundert christianisierten Waliser gerieten seit dem 6. Jahrhundert in einen scharfen Gegensatz mit den zuwandernden heidnischen Angelsachsen. In dieser Situation trugen vor allem religiöse Führer wie der heilige David von Menevia (Mynyw, heute St Davids) zur Festigung einer walisischen Identität bei. Bischof Rhygyfarch verfasste im 11. Jahrhundert eine hagiographische Lebensdarstellung von Saint Davis in lateinischer Sprache, die später ins Mittelwalisische übersetzt wurde und zur Begründung des Kultes um den Heiligen beitrug.

Die walisischen Hymnen sind durch meist sehr strenge Vers- und Strophenformen geprägt. Der Cynghanedd basiert auf dem Zusammenspiel von Konsonanzen und Binnenreimen. Daneben gibt es Quatrains und Dreizeiler.

Seit Ende des 8. Jahrhunderts schrumpfte der keltische Sprachraum unter dem Druck der Angelsachsen; die Verbindung zwischen den keltischen Dialekten im Norden Englands (Cumbria) und in Cornwall und dem walisischen Sprachgebiet riss endgültig ab.

Mittelwalisische Literatur: Die Blütezeit der Hofdichtung 1100–1350 Mit der Entstehung eines normannischen Großreichs 1066 wurde dessen Einfluss auch in den bisher keltisch dominierten Teilen der britischen Inseln rasch deutlich; er führte zur Entwicklung einer verschriftlichten Literatur in mittelwalisischer (mittelkymrischer) Sprache. Aus dieser Zeit wurden die ersten Prosatexte wie die Geschichte von Culhwch ac Olwen (um 1100) aus der Artussage (walisisch: Artur) überliefert, und zwar zuerst im Llyfr Gwyn Rhydderch („Das weiße Buch von Rhydderch“) aus dem 14. Jahrhundert. Culhwch auf britannica.com Auch die Lieder aus noch früherer Zeit sind nur in mittelwalisischen Manuskripten erhalten.

Nach 1066 konnte man zunächst kaum zwischen der britischen (bretonischen) und den walisischen Quellen unterscheiden. Geoffrey of Monmouth (lat.: Galfridus Monemutensis, walisisch: Gruffudd ap Arthur, Sieffre o Fynwy, ca. 1095/1100–ca. 1154) verfasste unter Nutzung dieser Quellen vom Festland und von den britischen Inseln die Historia Regum Britanniae in lateinischer Sprache, die die Artussage enthielt.Diese taucht bereits in der im 9. Jahrhundert entstandenen, Nennius zugeschriebenen Historia Brittonum auf, doch war Artur dort nur ein Heerführer in zwölf Kriegen gegen die Sachsen. Nennius: Historia Brittonum: Arthurian Classics. 2019, ISBN 978-1-0783-3038-1 Seither versuchten fast alle walisischen Dichter, bei Behandlung historischer und heroischer Stoffe an den Sagenkreis um König Artus anzuschließen. Das Mabinogion ist eine Sammlung von älteren Prosaerzählungen, die im 12. und 13. Jahrhundert verschriftlicht wurden.Deutsche Übersetzung und Nachwort von Bernhard Maier: Das Sagenbuch der walisischen Kelten : Die vier Zweige des Mabinogion. dtv, 1999. Die Manuskripte umfassen mehrere Themenkomplexe, die z. T. aus dem Sagenkreis um den König stammen und erst im 19. Jahrhundert in englischer und moderner walisischer Übersetzung gedruckt und bald populär wurden. Das Llyfr Du Caerfyrddin („Das schwarze Buch von Carmarthen“) ist eine Sammlung von Gedichten, Preisgesängen und Erzählungen, die um die Mitte des 13. Jahrhunderts gesammelt wurden, und gilt als ältestes erhaltenes Manuskript, das allein in walisischer Sprache verfasst ist. Auch darin sind die Legenden um König Arthur und den Zauberer Merlin zu finden. mini|hochkant|Das schwarze Buch von Carmarthen, so benannt nach der Farbe seines Einbands Sowohl die Zunft der Barden als auch die der meist anonymen Geschichtenerzähler (cyfarwyddiaid, sing.: cyfarwydd) waren professionell organisiert und arbeiteten nach festen Regeln, die sowohl eine neunjährige Lehrzeit als auch die Bezahlung festlegten. Die Lob- und Klagelieder wurden mit Instrumentalbegleitung vorgetragen. Angeblich ließ Edward I. von England bei seinem Eroberungszug nach Wales im Jahr 1277 500 Barden verbrennen oder auf andere Weise ermorden, weil sie sich weigerten, ihm zu huldigen oder wohl eher, damit sie keinen Widerstand im Volk schüren sollten.

mini|hochkant|Albumcover der Kantate The Bards of Wales über die angebliche Tötung der Barden durch Edward I. von Karl Jenkins (2012) Trotz der englischen Eroberung erlebte die walisische Dichtung jedoch zunächst einen neuen Aufschwung. Zu den großen Dichtern (obgleich er selbst kein Barde war) zählt der von französischen Troubadours beeinflusste Dafydd ap Gwilym (um 1350). Mit ihm zog ein neuer Ton in die Sprache ein. Er vermied Archaismen und widmete sich neuen Themen, vor allem der erotischen Lyrik. Viele seiner Gedichte sind in dem um 1450 zusammengestellten Sammelwerk Llyfr Gwyn Hergest überliefert. Auch andere Barden wie Iolo Goch folgten dem neuen lebhaften Stil, der jedoch bald einem strengen Regelwerk wich. Goch, der für viele hochstehende Auftraggeber wie den Nationalhelden Owain Glyndŵr dichtete, verband auf meisterhafte Weise beide Aspekte in seiner berühmten Beschreibung der Tätigkeit eines Pflügers oder in der Schilderung seiner Vortragsreise (vermutlich 1387) in Form eines Dialogs zwischen Körper und Seele.Iolo Goch auf biography.wales

Die Reimkunst beruhte spätestens seit dem 14. Jahrhundert auf einem in der Folge immer umfassenderen und strengeren Regelwerk, das eine komplexe Klangharmonie von Betonung, Alliteration und Binnenreim (Cynghanedd) sicherstellen sollte. So galt z. B. die Regel, dass alle Konsonanten um den betonten Vokal in der ersten Vershälfte nach der Zäsur in derselben Reihenfolge wiederholt werden mussten (Konsonanz). Eine andere Metrik war das von Dafydd af Gwilym popularisierte Cywidd, wobei jeder Vers sieben Silben teils mit Binnenalliteration umfasst und im Endreim unbetonte und betonte Silben paarweise reimen müssen.cywidd auf britannica.com Das englyn ist eine ältere, wohl auf das 9. Jahrhundert zurückgehende epigrammatische Strophenform mit drei oder vier Versen und insgesamt 30 Silben, die wegen ihrer extremen Komprimiertheit entfernt an Haikus erinnert. Sie existiert in acht verschiedenen Formen, wobei die Regeln des Cynghanedd und Cywidd teils miteinander kombiniert werden.

Der Klangwert erhielt stets Vorrang vor dem Inhalt der Gedichte, die dadurch oft schwer verständlich waren, zumal sie trotz aller Sinnen- und Farbenfreude das Realistische meist nur andeuten und das Natürliche und Übernatürliche miteinander vermengen. Hinzu kommen eine Vorliebe für das Ornamentale sowie phantastisch-parodistische Übertreibungen.Zu den allgemeinen Stilmerkmalen keltischer Dichtung vgl. Pokorny, Tristram 1996, S. 206–208. Das Korsett dieser festen Regeln ließ kaum grundsätzliche Innovation zu, förderte aber die mündliche Weitergabe der Lieder und Geschichten.

Mit dem Niedergang ihrer lokalen Patrone im 14. Jahrhundert banden sich die Barden stärker an den englischsprachigen Adel. Das führte zum Verlust an Traditionen, zur Vereinfachung der komplizierten Regeldichtung und trug zur – wenngleich sehr langsamen – Verbreitung des Englischen bei. Mit dem Protestantismus kam unter Heinrich VIII. in den 1530er Jahren das Ende der Klöster, wodurch die Barden auch ihre letzten Unterstützer verloren. Der anglisierte Adel der Tudorzeit war nicht länger bereit, deren konservative Zunft zu unterstützen oder verpachtete seine Ländereien und wanderte nach England aus. Daraufhin brach die Bardenzunft im 17. Jahrhundert vollständig zusammen.

Anfänge der anglowalisischen Literatur seit 1500 Die frühesten Zeugnisse einer anglowalisischen Literatur stammen aus dem 15., allenfalls aus dem späten 14. Jahrhundert. Der Barde Ieuan ap Hywel Swrdwal († um 1480?) gilt als erster walisischer Urheber von Gedichten in englischer Sprache, wobei er die walisische Reimform und Orthographie benutzte.