mini|Teresa Gisbert, 2008 mini|Teresa Gisbert in ihrer Bibliothek, 2008 Teresa Gisbert Carbonell, verheiratete Teresa Gisbert de Mesa (* 30. November 1926 in La Paz, Bolivien; † 19. Februar 2018 ebenda) war eine bolivianische Forscherin, Architektin, Restauratorin und Historikerin.
Leben Teresa Gisbert wurde 1926 als Tochter von Rafael Gisbert und María Carbonell in der Stadt La Paz geboren. Ihre Eltern stammten aus einer katalanischsprachigen Familie, die sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Bolivien niederließ. Ihre Mutter stammte aus Barcelona, ihr Vater war Teil einer Familie von Textilarbeitern aus Alcoy in der Provinz Alicante. Ihre Grund- und Sekundarschulausbildung absolvierte sie an der Schule Santa Ana in ihrer Heimatstadt. Sie setzte ihre Ausbildung fort, indem sie sich Ende der 1940er Jahre an der Universidad Mayor de San Andrés (UMSA) für den Studiengang Architektur einschrieb, wo sie eine der ersten und oft die einzige Frau in ihrer Klasse war. Sie schloss ihr Studium 1950 ab und studierte anschließend Kunstgeschichte in Spanien.
Nach ihrem Abschluss als Architektin heiratete sie noch im selben Jahr, am 21. Oktober 1950, den Architekten und Historiker José de Mesa. Sie hatten vier Kinder: Carlos, später Präsident von Bolivien; Andrés, Architekt; Isabel, Schriftstellerin; und Teresa Guiomar, Künstlerin. Im Laufe ihres Lebens sammelte das Ehepaar eine bedeutende Sammlung von Dokumenten zur bolivianischen Kunst und Geschichte zusammen. 2019 wurde die mindestens 40.000 Objekte umfassende Sammlung, darunter Bücher, Fotografien und Kunstwerke, von ihren Söhnen der Fundación del Banco Central de Bolivia geschenkt.
Im Jahr 1953 arbeitete sie als Forscherin am Consejo Superior de Investigaciones Científicas in Madrid. Danach begann sie, an der UMSA zu unterrichten, zunächst an der Fakultät für Architektur und ab 1966 an der Fakultät für Philosophie und Literatur im Studiengang Geschichte. Während der Universitätsrevolution von 1970 wurde sie zusammen mit ihrem Mann von der UMSA ausgeschlossen.
Im Jahr 1958 erhielten Gisbert und Mesa ein Guggenheim-Stipendium, das zu Aufenthalten in New York City, Mexiko und Cuzco (Peru) führte. Aus diesen Reisen entstand ihr Buch Historia de la pintura Cuzqueña (Geschichte der Cuzco-Malerei). 1962 nahm sie an einer Expedition teil, um die gesamte koloniale Kunst rund um den Titicacasee auf der peruanischen und bolivianischen Seite zu erfassen. Zwischen 1962 und 1966 restaurierte sie zusammen mit Mesa das Gebäude des Nationalen Kunstmuseums (Museo Nacional de Arte). Sie führte umfangreiche Forschungsarbeiten durch, die ihr 1965 mit dem Werk Historia y Cultura Boliviana (Bolivianische Geschichte und Kultur) die Aufnahme als Vollmitglied in die Nationale Akademie der Wissenschaften Boliviens (Academia Nacional de Ciencias de Bolivia) einbrachten. Sie war die erste Frau, die in die Akademie aufgenommen wurde. 1967 erhielten sie und Mesa ein zweites Guggenheim-Stipendium und verbrachten ein Jahr in Europa, mit Sitz in Madrid, wo sie das Ehrenamt eines bolivianischen Kulturattachés in Spanien ausübten. Auf diese Weise konnte sie ihre Theorie des „Andenbarock“ (Barroco andino oder auch Arquitectura mestiza) vertiefen.
Zwischen 1970 und 1976 war sie Direktorin des Nationalen Kunstmuseums und Präsidentin der Bolivianischen Gesellschaft für Geschichte.
Studien zur Kunst der Anden mini|La Virgen del Cerro, unbekannter Künstler, Ölgemälde, ca. 1720; eines der von Gisbert analysierten Bilder.
Im Jahr 1994 wurden sie und Mesa von der Getty Foundation eingeladen, Studien zur Kunst der Anden durchzuführen.
Mit der Veröffentlichung von Iconografía y Mitos Indígenas en el Arte (1980), ihrem wichtigsten Werk, versuchte Teresa zu verstehen, wie die koloniale Unterwerfung auf die lokalen Gesellschaften gewirkt hat, vor allem aber, wie diese Unterwerfung in Kunstwerken rezipiert und umgedeutet wurde. Basis waren Interpretationen bedeutender Kunstwerke wie La Virgen del Cerro von 1720 oder des Altarbildes Retablo de Tata Santiago – Illapa. Ziel war es zu zeigen, wie ein ganzes System gegenseitiger Aneignungen zwischen verschiedenen Kulturen funktioniert, das weit über Synkretismus hinausgeht. Ihre Arbeit ermöglichte die Feststellung, dass die Barockkunst in den amerikanischen Ländern, insbesondere in der Andenregion, ihre eigenen Merkmale hatte, weshalb sie den allgemein anerkannten Begriff des Mestizo-Barock prägte. Das Ergebnis ihrer jahrelangen Arbeit war schließlich die erste umfassende Geschichte der Kunst in Bolivien im Jahr 2012, Historia del arte en Bolivia. Sie und Mesa waren Leitfiguren einer ganzen Generation von Kunsthistorikern und Restauratoren in Bolivien, Peru und anderen lateinamerikanischen Ländern.
Ihre Katalogisierungs-, Aufzeichnungs- und Interpretationsarbeit war in den Anden bahnbrechend:
Teresa Gisbert starb am 19. Februar 2018 im Alter von 91 Jahren.
Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl) Verdienstmedaille, verliehen von der Regierung von Spanien (1973) Orden de Isabel la Católica, verliehen von der Regierung von Spanien (1975) Preis für Kultur, verliehen von der Fundación Manuel Vicente Ballivián (1984) Auszeichnung mit dem Orden del Cóndor de los Andes, verliehen von der Regierung von Bolivien (1987) Premio Nacional de Cultura von Bolivien (1995) Großkreuz (Gran Cruz) des Orden El Sol del Perú (2004)
Werke (Auswahl) Der von Thérèse Bouysse-Cassagne, emeritierte Forschungsdirektorin des CNRS, 2018 verfasste Nachruf enthält eine vollständige Bibliografie von Teresa Gisbert. Monografien
mit José de Mesa
mit weiteren Mitautoren
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Autor Kategorie:Sachliteratur Kategorie:Kunsthistoriker Kategorie:Architekt (Bolivien) Kategorie:Hochschullehrer (La Paz) Kategorie:Träger des Ordens El Sol del Perú (Großkreuz) Kategorie:Bolivianer Kategorie:Geboren 1926 Kategorie:Gestorben 2018 Kategorie:Frau