hochkant|mini|alt=Schwarz-Weiß-Foto von We’wha. We’wha trägt ein traditionelles, helles Gewand, das bis zu den Unterschenkeln reicht und den gesamten linken Arm freilässt. Auf dem Gewand befinden sich mehrere Muster, unter anderem schwarze Dreiecke und weiße Linien auf schwarzem Hintergrund. Am rechten Ärmel und dem Ende des Gewands hängen weiße und schwarze Bommel. We’wha trägt daneben runde Ohrringe, eine bis zur Brust reichenden Steinchen-Halskette mit drei Ringen am Ende, einen schwarzen Gürtel mit weißen Rauten und schwarzen Dreiecken, unter dem Gewand eine bis zu den Füßen reichende graue Hose und pantoffel-ähnliche Schuhe. In der linken Hand hält We’wha ein weißes Körbchen mit schwarzen Linien. An den Seiten von We’whas kurzen, bis zu den Ohren geschnittenen schwarzen Haaren befinden sich lockenartige Kringel.|We’wha (etwa 1879–1896) We’wha [] (* 1849 in New Mexico; † 1896 ebenda) gilt als bekanntestes Mitglied der Lhamana, einer bis zum 20. Jahrhundert existierenden Randgruppe der Zuñi. Die Lhamana waren zwar männlichen Geschlechts, übernahmen aber zumeist Aufgaben, die üblicherweise von Frauen ausgeführt wurden. So bereitete We’wha Speisen zu und stellte Töpfer- sowie Webwaren her. Allerdings war We’wha auch in typischen Männerbereichen wie der Feldarbeit und der Leitung religiöser Rituale tätig. We’wha nahm damit eine spezielle Rolle unter den Lhamana ein, die meist nur körperlich schwere Frauenarbeiten ausführten. We’whas Geschlechtsidentität wurde auf der Grundlage unterschiedlicher anthropologischer Auffassungen kontrovers diskutiert.

Dank guter Englischkenntnisse genoss We’wha nicht nur bei benachbarten weißen Siedlern einen guten Ruf, sondern half auch der Ethnologin Matilda Coxe Stevenson bei deren Aufzeichnungen über die Zuñi. Im Rahmen dieser Mitarbeit traf We’wha auch den damaligen Präsidenten Grover Cleveland und trug dazu bei, das Volk der Zuñi in der US-amerikanischen Wissenschaft bekannter zu machen.

Frühe Jahre We’wha wurde 1849 im Pueblo Anthill at the Middle of the World an der heutigen Grenze zwischen Arizona und New Mexico geboren.Chuck Stewart: Gay and Lesbian Issues: A Reference Handbook. ABC-Clio, Santa Barbara 2003, ISBN 1-85109-372-9, S. 170. In diesem Jahr nahm der Stamm erstmals Kontakt mit in der Nähe wohnenden weißen Siedlern auf. Diese ließen die Zuñi unbehelligt und wurden im Gegenzug von ihnen bei territorialen Streitigkeiten mit den Navajo und Apachen unterstützt, mit denen die Zuñi verfeindet waren. Die Siedler schleppten jedoch die Pocken in den Ort ein, an denen We’whas Eltern vier Jahre später starben. Deswegen wurden die Kinder von einer Schwester des Vaters adoptiert. Trotz des neuen Umfelds blieb We’wha Mitglied in den Clans der Eltern, den Donashi:kwi sowie den Bit’chi:kwe, und nahm an deren traditionellen Riten teil.Will Roscoe: The Zuni Man-woman. University of New Mexico Press, Albuquerque 1991, ISBN 0-8263-1370-1, S. 30–31. Der Adoptivvater, José Palle, war ein Regenpriester und bekleidete damit eine in der Zuñi-Kultur hochrangige Position. We’wha war ab diesem Zeitpunkt Mitglied der reichsten Familie im Pueblo; ihre Behausung war die größte im Dorf und diente nicht nur Palle als Wirkungsstätte, sondern auch als Zeremonienraum der wichtigen Medizinleute Ihewe:kwe.Will Roscoe: The Zuni Man-woman. University of New Mexico Press, Albuquerque 1991, ISBN 0-8263-1370-1, S. 38.

In der Zuñi-Kultur wurden damals manche Kinder als Lhamana identifiziert; dies bedeutete, dass sie trotz ihres biologisch männlichen Geschlechts frauentypische Aufgaben wie Handarbeiten oder Kochen erlernten. Sie trugen sowohl Männer- als auch Frauenkleidung. Einzelne Lhamana waren daneben in für Männer vorgesehenen Gebieten wie der Jagd aktiv.Matilda Coxe Stevenson: The Zuni Indians: Their Mythology, Esoteric Fraternities, and Ceremonies. BiblioLife, Charleston 2015, ISBN 978-0-8263-1370-6, S. 380.Brian Joseph Gilley: Becoming Two-Spirit: Gay Identity and Social Acceptance in Indian Country. University of Nebraska Press, Lincoln 2006, ISBN 0-8032-7126-3, S. 8. We’wha nahm im Alter von zwölf Jahren erstmals an religiösen Ritualen für Jungen teil, wurde einige Jahre später jedoch von Frauen unterrichtet. Sie brachten We’wha unter anderem die Zubereitung von Maismehl sowie das Töpfern bei.

Zur selben Zeit, im Jahr 1864, gewannen die Siedler mit dem Stamm eine Schlacht gegen die Navajo. Nachdem diese in ein Indianerreservat verbannt worden waren, ließen sich einige Zuñi, unter anderem auch We’whas Familie, in dem von ihnen verlassenen Gebiet nieder. We’wha war für die dortige Farm verantwortlich, übernahm also erneut eine in der Zuñi-Kultur typische Männeraufgabe.Will Roscoe: The Zuni Man-woman. University of New Mexico Press, Albuquerque 1991, ISBN 0-8263-1370-1, S. 38–40.

Zusammenleben mit Missionaren Anfang der 1870er Jahre kümmerte sich We’wha weiterhin um die familieneigenen Felder, übernahm aber wegen des zunehmenden Alters der Tante zusammen mit einer Schwester auch vermehrt Haushaltstätigkeiten. 1877 kamen evangelische Missionare im Zuge der Peace Policy der Grant Administration in der Siedlung an. Diese Strategie sah vor, indigene Einwohner der USA nicht wie bislang üblich in Reservaten von der restlichen Bevölkerung abzuschotten, sondern sie durch Bekehrung zum Christentum in die Gesellschaft zu integrieren.Will Roscoe: The Zuni Man-woman. University of New Mexico Press, Albuquerque 1991, ISBN 0-8263-1370-1, S. 42.

Taylor Filmore Ealy, ein presbyterianischer Geistlicher und Arzt, lebte ab dem 12. Oktober 1878 mit seiner Ehefrau, zwei Töchtern und einem Aushilfslehrer im Pueblo. Mit letzterem sollte er die Schule leiten, die ein Jahr zuvor für die Stammeskinder gebaut worden war.Will Roscoe: The Zuni Man-woman. University of New Mexico Press, Albuquerque 1991, ISBN 0-8263-1370-1, S. 43. We’wha half Ealys Frau bei der Betreuung ihrer Kinder sowie der Hausarbeit, nähte zusammen mit ihr Kleidung für Dorfbewohner und unterrichtete gelegentlich in der Schule.Norman J. Bender: Missionaries, Outlaws, and Indians. University of New Mexico Press, Albuquerque 1984, ISBN 0-8263-0758-2, S. 153. Das Ehepaar entlohnte We’wha dafür mit hochwertigen Kleidern. 1881 verließen die Missionare die Siedlung wieder, da Missionserfolge ausblieben, die Schule so gut wie keinen Einfluss auf die Einwohner hatte und zuletzt ungenutzt geblieben war.Will Roscoe: The Zuni Man-woman. University of New Mexico Press, Albuquerque 1991, ISBN 0-8263-1370-1, S. 46.

Freundschaft mit Matilda Coxe Stevenson We’wha lernte 1881 die Ethnologin Matilda Coxe Stevenson kennen.Darlis Miller; Louis A. Hieb: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8061-3832-9, S. 40. Stevenson befand sich mit ihrem Ehemann James Stevenson im Auftrag der Smithsonian Institution auf einer Forschungsexpedition zu den Zuñi und zeigte sich bei ihrer Ankunft laut Tagebuchaufzeichnungen von We’whas Freundlichkeit und Intelligenz beeindruckt. Sie notierte auch, dass We’wha von den Erwachsenen des Pueblo aufgrund eines selbstbewussten, zornigen Temperaments zugleich respektiert und gefürchtet, dafür aber von den Kindern wegen des gütigen Umgangs mit ihnen sehr gemocht wurde.Matilda Coxe Stevenson: The Zuni Indians: Their Mythology, Esoteric Fraternities, and Ceremonies. BiblioLife, Charleston 2015, ISBN 978-0-8263-1370-6, S. 37.

Laut Stevenson erledigte We’wha für Männer vorgesehene rituelle sowie richterliche Aufgaben und kam gleichzeitig Frauenverpflichtungen wie Kleiderwäsche und Gartenarbeit nach.Suzanne Bost: Mulattas and Mestizas: Representing Mixed Identities in the Americas, 1850–2000. University of Georgia Press, Athens 2005, ISBN 0-8203-2781-6, S. 137 ff. Durch regelmäßige Besuche Stevensons zwischen 1881 und 1896 entstand zwischen ihr und We’wha eine enge Freundschaft; We’wha stärkte in dieser Zeit dank immer besserer Englischkenntnisse zudem die Beziehung zwischen den Zuñi und den Weißen. mini|alt=Schwarz-Weiß-Foto von We’wha. We’wha sitzt auf dem Boden und webt an einem Webkamm eine Art dunkelfarbigen Schal mit schwarzen Dreickemustern auf weißem Hintergrund. Bis auf die Ohrringe trägt We’wha dieselben bereits vorher erwähnte Kleidung und Schmuck.|We’wha beim Weben (etwa 1879–1896) Bei ihrem ersten Besuch erklärte Stevenson dem Stamm die Verwendung von Seife. Kurz darauf begann We’wha, die Kleider der Missionare damit zu waschen, und erhielt dafür stets einige Silberdollar. We’wha ging schließlich zum Fort Wingate und reinigte die Kleidung der Soldaten sowie der Familie eines Hauptmanns. We’wha wusch auch für Siedler von außerhalb und gehörte damit zu den wenigen Zuñi, die gegen Bezahlung für die weiße Bevölkerung arbeiteten. Diese Personen waren hauptsächlich Lhamana, da sie handwerklich geschickter als die Männer des Stammes, aber körperlich stärker und ausdauernder als die Frauen waren.Matilda Coxe Stevenson: The Zuni Indians: Their Mythology, Esoteric Fraternities, and Ceremonies. BiblioLife, Charleston 2015, ISBN 978-0-8263-1370-6, S. 380 ff. 197x197px|mini|alt=Schwarz-weiß-Foto von We’whas Arbeit an einem Webstuhl. We’wha sitzt dabei auf einer Wiese. We’wha trägt ein bis zu den Füßen reichendes Gewand, dessen Ärmel weiß sind, der Rest ist hingegen schwarz. We’wha trägt eine ähnliche Halskette wie vorher, diesmal stecken in einigen der Steinchen Stacheln. Hinter beziehungsweise über We’wha sind Baumblätter und Bäume zu sehen.|We’wha am Webstuhl während eines Besuchs in Washington, 1886 Stevenson bat We’wha 1885, traditionelle Zuñi-Tonwaren anzufertigen, die im National Museum of American History in Washington, D.C. ausgestellt wurden. Sie handelte dabei nicht uneigennützig: Weil ihre durch We’whas Mithilfe entstandenen Berichte über das Volk der Zuñi auf großes Interesse gestoßen waren, wollte sie We’wha einflussreichen Personen vorstellen, um Fördergelder für weitere Expeditionen und neue Mitglieder für die von ihr geleitete Women’s Anthropological Society of America einzuwerben.Eliza McFeely: The Zuni and the American Imagination. Farrar, Straus and Giroux, New York City 2015, ISBN 978-0-8263-1370-6, S. 44.Darlis Miller; Louis A. Hieb: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8263-1370-6, S. 72. We’wha töpferte nicht nur, sondern webte auch und stellte zahlreiche Körbe, Kleider, Decken und Schärpen her, die die Aufmerksamkeit des damals populären Nature Writers George Wharton James auf sich zogen.George Wharton James: New Mexico the Land of the Delight Makers: The History of Its Ancient Cliff Dwellings. The Page Company, Boston 1920, ISBN 0-936755-12-1, S. 62 ff.

Im Zuge der Ausstellung reiste Stevenson im Dezember 1885 mit We’wha und weiteren Zuñi nach Washington, wo We’wha ein halbes Jahr bei den Stevensons lebte und die Mitglieder der gehobenen Gesellschaft sich von We’whas ihrer Ansicht nach charmanten Persönlichkeit begeistert zeigten. Schließlich wurden We’wha und Stevenson sogar im Weißen Haus von Präsident Grover Cleveland empfangen. We’wha machte auf ihn und seine Frau ebenfalls einen sehr positiven Eindruck, und er unterhielt sich mit Stevenson über die Bedeutung ihres Fachgebiets und ihrer Forschungen.Darlis Miller; Louis A. Hieb: Matilda Coxe Stevenson: Pioneering Anthropologist. University of Oklahoma Press, Norman 2007, ISBN 978-0-8263-1370-6, S. 80. Stevensons Bekanntheit in wissenschaftlichen Kreisen nahm dadurch so zu, dass sie einige Jahre später als erste Frau eine Anstellung an der Smithsonian Institution erhielt.Nancy J. Parezo: Hidden Scholars: Women Anthropologists and the Native American Southwest. University of New Mexico Press, Albuquerque 1993, ISBN 0-8263-1428-7, S. 42.

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