mini|Ferdinand Hodler: Bildnis Willy Russ, 1911, Musée d’Art et d’Histoire de Neuchâtel Willy Russ, auch Willy Russ-Young (geboren am 5. September 1877 in Neuenburg NE; gestorben am 16. Januar 1959 ebendort), war ein Schweizer Unternehmer, Kunstsammler, Museumskurator und Mäzen. Er leitete seit 1925 das Familienunternehmen Suchard. Seine Kunstsammlung umfasste Werke französischer und Schweizer Künstler aus der Zeit des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Den Schwerpunkt stellten Bilder des mit Russ befreundeten Ferdinand Hodler dar. Teile der Sammlung befinden sich heute im Musée d’art et d’histoire in Genf und im Musée d’art et d’histoire de Neuchâtel in Neuenburg.
Leben Familie Willy Russ kam 1877 in Neuenburg zur Welt. Sein Vater Carl Ruß (auch Karl Russ) stammte aus dem deutschen Ort Wald, einem heutigen Stadtteil von Solingen. Seine Mutter Eugénie war die Tochter von Philippe Suchard, Begründer des Neuenburger Schokoladenunternehmens Suchard. Nach dem Tod des Grossvaters 1884 übernahm sein Vater die Leitung des Unternehmens. In seinen Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1914–1918 beschrieb Willy Russ den Alltag einer grossbürgerlichen Familie in Neuenburg abseits des Krieges in Europa, seine Arbeit im Unternehmen und sein Interesse an den bildenden Künsten und an der Musik. Diese 1924 in Auszügen für die Familie zusammengefassten Gedanken wurden 2015 publiziert.Philippe Henry, Jean-Pierre Jelmini (Hrsg.): Willy Russ souvenirs de 1914 à 1918. 1926 veröffentlichte er eine Biografie über seinen Vater Carl Ruß.Willy Russ: Karl Russ-Suchard 1838–1925.
Willi Russ heiratete in erster Ehe Emily-Isabella Young. Vom Nachnamen seiner Frau leitet sich sein Allianzname Russ-Young ab.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 369. In zweiter Ehe war er mit der aus den Niederlanden stammenden Maria-Anna Scholten verheiratet.
Ausbildung und Beruf Russ besuchte zunächst das Lycée in Neuenburg. Danach begann er eine kaufmännische Lehre in Winterthur, die er in Frankfurt am Main und London vertiefte. Er setzte seine Sprachausbildung in Schottland fort und hielt sich anschliessend sechs Monate in Irland auf.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 369. Es folgte ab 1897 eine Lehre als Chocolatier im Familienunternehmen Suchard. Er durchlief dort die verschiedenen Hierarchieebenen und wurde 1925 schliesslich Direktor und Verwaltungsratspräsident von Suchard.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 369.
Musikalisches Interesse Bereits als Kind zeigte Russ ein ausgeprägtes musikalisches Interesse.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 376. Er galt als talentierter Geiger und nahm während der Zeit seiner kaufmännischen Ausbildung parallel Musikunterricht. Am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main gehörte Willy Heß zu seinen Lehrern; in London studierte er an der Royal Academy of Music bei Émile Sauret.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 369. Durch Sauret lernte Russ bedeutende Geiger wie Eugène Ysaÿe und Pablo de Sarasate kennen. Später traf er weitere Musiker wie Ignacy Jan Paderewski, Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré und das Trio Alfred Cortot, Jacques Thibaud und Pau Casals.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 376. In Neuchâtel traten zwischen 1921 und 1923 verschiedene internationale Künstler in der als Konzertsaal genutzten Bildergalerie seines Hauses auf. Zudem gehörte Russ zu den Mitbegründern der Musikschule Conservatoire de musique de Neuchâtel.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 369. Die zahlreichen persönlichen Begegnungen mit Musikern beschrieb Russ in seinen Veröffentlichungen Quelques artistes que j’ai connus und Autographes de musiciens célèbres. Später erhielt er von Saurets Tochter, Elisabeth Edwards, eine Sammlung mit signierten und gewidmeten Fotografien bekannter Musiker des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Diese Sammlung überliess Russ 1957 der Bibliotheque de la Ville de Neuchâtel.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 376.
Kunstsammlung Bereits in der Schulzeit interessierte sich Russ für Malerei. Dies verband ihn mit seinem Freund Edmond Bille, der später als Künstler Bekanntheit erlangte. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 369. Als Erwachsener lernte Russ in Winterthur bedeutende Kunstsammler wie Richard Bühler, Hedy Hahnloser-Bühler, Arthur Hahnloser sowie Theodor, Georg und Oskar Reinhart kennen, mit denen er seine Begeisterung für zeitgenössische Kunst teilte. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 369. In seiner Heimatstadt war Russ Mitglied der Société des peintres, sculpteurs et architectes suisses (Neuenburger Sektion der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten). Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 369.
Als Sammler ging Russ nicht systematisch vor, sondern verstand sich als Liebhaber von schönen Dingen. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 374. Neben Werken der bildenden Kunst erwarb er auch Kunsthandwerk wie chinesisches Porzellan, Perserteppiche oder japanische Bronzen. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 374. Bei den Werken der Malerei und Skulptur fokussierte er sich auf die Zeit zwischen 1860 und 1950, schloss dabei jedoch bewusst Werke des Expressionismus, Kubismus, Surrealismus und der Abstraktion aus. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 370. Russ baute seine Sammlung nicht kontinuierlich auf, sondern trennte sich im Lauf der Jahre von einzelnen Werken oder von ganzen Sammlungsgebieten.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 374.
Beispielhaft hierfür ist seine Sammlung mit Werken französischer Künstler. Diese entsprach in der Zusammensetzung denen anderer zeitgenössischer Schweizer Sammler und umfasste auch Werke von in Frankreich lebenden ausländischen Künstlern. So besaß Russ Gemälde des Romantikers Eugène Delacroix, der Realisten Camille Corot, Gustave Courbet, Honoré Daumier und von Adolphe Monticelli. Hinzu kamen Werke des Impressionismus, etwa von Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, Alfred Sisley, Edgar Degas und Camille Pissarro.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 370–371. Zu den herausragenden Beispielen spätimpressionistischer Malerei gehörten die Werke Waldinneres von Paul Cézanne (heute Fine Arts Museums of San Francisco) und Wäldchen von Vincent van Gogh (Privatsammlung).
Andere Bilder der Sammlung stammten von den Fauves Henri Matisse, Albert Marquet, André Derain, Henri Manguin und Maurice de Vlaminck oder von den Nabis Pierre Bonnard und Maurice Denis. Darüber hinaus gab es Bilder von Maurice Utrillo und den Symbolisten Eugène Carrière und Odilon Redon.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 371. Zwischen 1922 und 1924 trennte sich Russ vom Grossteil seiner Sammlung mit Werken ausländischer Kunst, um sich auf Bilder Schweizer Künstler zu konzentrieren.Dorothy M. Kosinski, Joachim Pissarro, MaryAnne Stevens: From Manet to Gauguin: Masterpieces from Swiss private collections, S. 127. So verkaufte er an die Galerie Paul Valloton in Lausanne allein drei Werke von Renoir, zwei Arbeiten von Vuillard, ein Seestück von Courbet, ein Gemälde von Daumier, ein Bild von Pablo Picasso und sein Landschaftsbild von van Gogh.Marina Ducrey, Guy Ducrey: La Galerie Paul Vallotton : depuis 1913, S. 58.
Im Mittelpunkt seiner Sammlertätigkeit stand von Beginn an das Werk von Ferdinand Hodler. Er hatte dessen Bilder bereits 1896 während der Schweizerischen Landesausstellung in Genf gesehen, konnte sich aber zunächst nicht mit den dort gezeigten Motiven der Landsknechte anfreunden. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 372. Dies änderte sich 1900, als Russ Landschaftsbilder von Hodler sah. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 372. Entsprechend war seine erste Erwerbung eine Darstellung des Thunersees. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 372. In den Folgejahren kaufte er zahlreiche weitere Werke des Malers. Als 1923 seine Hodler-Sammlung publiziert wurde, umfasste sie 92 Gemälde und 75 Zeichnungen. Bis dahin und auch später gab es keinen derart grossen Bestand an Hodler-Arbeiten in privater Hand. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 373. Er umfasste Porträts und Selbstbildnisse, Akte, Landschaften und Werke mit historischen oder symbolischen Themen. Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 373. Russ widmete sich bis zu seinem Tod 1959 intensiv dem Schaffen Hodlers. Er lernte den Maler 1911 persönlich kennen, als dieser sein Porträt malte, das sich heute im Musée d’Art et d’Histoire de Neuchâtel befindet. 1945 veröffentlichte er seine Erinnerungen an Ferdinand Hodler.Erschienen in deutscher und französischer Sprache: Mes souvenirs sur Ferdinand Hodler bei Editions de l’Arbalète in Lausanne; Meine Erinnerungen an Ferdinand Hodler im Aare-Verlag in Bern.
Die vorbehaltlose Begeisterung für Hodlers Werke wich bei Russ mit den Jahren einer differenzierten Haltung zum Schaffen des Künstlers. Während er weiterhin die Landschaftsbilder bewunderte, sah er andere Werke des Künstlers kritischer. Vor dem Hintergrund seines Umzuges in die Neuenburger Villa Eugénie 1928 und wirtschaftlichen Faktoren in den 1930er Jahren entschloss sich Russ, einen grossen Werkblock mit Holderarbeiten 1939 an das Musée d’art et d’histoire in Genf zu verkaufen. Auf diese Weise gelangten 58 Gemälde und 72 Bleistiftzeichnungen Hodlers in den Besitz des Museums.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 373. 1950 überliess er eine Reihe von Werken Hodlers dem Museum in Neuenburg. Andere Arbeiten gelangten durch Verkauf ins Kunstmuseum BaselIm Kunstmuseum Basel befindet sich ein Selbstbildnis von Hodler aus der vormaligen Sammlung Russ., ins Kunsthaus ZürichIm Kunsthaus Zürich befindet sich das Bild aus der vormaligen Sammlung Russ., ins Kunstmuseum LuzernIm Kunstmuseum Luzern befindet sich das Bild Die Uhrmacherwerkstätte in Madrid und an private Sammler wie Arthur Stoll und Oskar Reinhart.Nicole Quellet-Soguel: La collection Willy Russ-Young (1877–1959): Hodler et les figuratifs «classiques», S. 374.