mini|Darstellung des Sprachwechsels im Herzogtum Schleswig um 1840.Basierend auf der Karte Sprachwandel in Schleswig 1840 des von der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinischen Geschichte herausgegebenen Historischen Atlas Schleswig-Holstein vom Mittelalter bis 1867, Neumünster 2004. Die Karte zeigt auch, dass vorherrschende Umgangssprache und Kirchensprache nicht immer deckungsgleich waren. mini|Die politische Stellung der Herzogtümer bis 1864
Die Dänischen Sprachreskripte von 1851 waren eine sprachpolitische Maßnahme der damaligen, konservativ geprägten dänischen Regierung mit dem Ziel, den Sprachwechsel zum Deutschen in den mittleren Teilen des Herzogtums Schleswig aufzuhalten und Schleswig nach der Niederschlagung der Schleswig-Holsteinischen Erhebung 1848/1849 durch Angleichung der Sprache und Kultur stärker an das Königreich Dänemark zu binden. Zu diesem Zweck wurde Dänisch als Unterrichtssprache in 58 Gemeinden im mittelschleswigschen Bereich, in denen Dänisch noch verbreitet war, aber sonst oft schon überwiegend Deutsch gesprochen wurde, eingeführt. In den Kirchen sollte wechselweise auf Deutsch und Dänisch gepredigt werden. Gerichtsverhandlungen sollten sich der Sprache bedienen, die von den betroffenen Personen bevorzugt wurde.
Schleswig selbst war mehrsprachig, wobei im Norden das Dänische, im Süden das Deutsche und in Teilen Nordfrieslands das Friesische vorherrschte. In den mittleren Gebieten (wie in Angeln und auf der Geest) verlief im 19. Jahrhundert ein Sprachwechsel (language shift) vom Dänischen zum Deutschen. Die Sprachenfrage war bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Aspekt der Schleswig-Holstein-Frage gewesen. Durch den wachsenden Nationalismus gewann die Muttersprache als Ausweis der nationalen Identität immer mehr an Bedeutung. Die Sprachreskripte sind somit als Ausdruck des dänischen Strebens nach einem in Sprache und Kultur einheitlichen Nationalstaat zu verstehen. Auf Seiten der deutschgesinnten Schleswig-Holsteiner führte der Versuch der zwangsweisen Danisierung jedoch zu gesteigertem Dänenhass und war mitwirkend beim Auseinanderbrechen des dänischen Gesamtstaats. Nach der dänischen Niederlage im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 wurden die dänischen Sprachreskripte aufgehoben. In der preußischen Provinz Schleswig-Holstein wurde dann ab 1871 die dänische Sprache in Nordschleswig mit ähnlichen Maßnahmen unterdrückt.
Vorgeschichte Das Herzogtum Schleswig war seit dem Mittelalter ein dänisches Lehen. Durch den Vertrag von Ripen 1460 bestand eine Personalunion mit dem Königreich Dänemark. Der Dänische Gesamtstaat war ein Vielvölkerstaat, der durch die Loyalität zum gemeinsamen Herrscher zusammengehalten wurde. Innerhalb des Gesamtstaats dominierte seit dem 15. Jahrhundert die deutsche Sprache als Sprache der Oberschicht und der Gebildeten. Deutsche bildeten im 18. Jahrhundert einen wesentlichen Teil der Oberschicht und des Kulturlebens der Hauptstadt Kopenhagen. Selbst die Könige aus dem Haus Oldenburg, ihre meist aus deutschen Herrscherhäusern stammenden Ehefrauen und die über Jahrhunderte aus deutschen Adelsfamilien rekrutierten Regierungsmitglieder sprachen häufig kein Dänisch. Erst unter Christian VII. wurde, vor allem als Reaktion auf die Regierung des Deutschen Johann Friedrich Struensee, Kritik an der Dominanz des Deutschen laut. Ove Høegh-Guldberg führte nach 1772 Dänisch als Kommandosprache des Heeres ein. Gleichzeitig entwickelte sich eine eigene dänische Literatur.
Mehrsprachigkeit in Schleswig Schleswig war seit dem Mittelalter ein „Sprachkontaktgebiet“Mogens Dyhr: Der deutsch-dänische Sprachkonflikt in Schleswig im 19. Jahrhundert, in: Dieter Cherubim und andere (Hrsg.): Sprache und bürgerliche Nation, Berlin/New York 1998, S. 101–121; S. 101. und auch im 19. Jahrhundert vielsprachig. Die ländliche Bevölkerung, die etwa 90 % der Einwohner ausmachte,Ole Feldbæk: Dänisch und Deutsch im dänischen Gesamtstaat im Zeitalter der Aufklärung, in: Bohnen, Klaus / Jørgensen, Sven-Aage (Hrsg.): Der dänische Gesamtstaat. Kopenhagen – Kiel – Altona. Wolfenbüttler Studien zur Aufklärung Band 18. Tübingen 1992, S. 7–22. bediente sich im Alltag verschiedener Sprachen und Dialekte. Viele Schleswiger waren mehrsprachig. Etwa die Hälfte von ihnen nutzte wenigstens teilweise dänische Dialekte, vor allem die unterschiedlichen Dialekte des Sønderjysk (Südjütisch). Dabei wanderte die Zone, in der die dänischen Dialekte im Alltag vorherrschend waren, im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Norden. Das in Angeln und in Schwansen„Die Landschaft auf der südlichen Seite der Schley heißt Schwansen [...] Die Einwohner sind hier ebenfalls ächte Dänen, wenn auch ihre Mundart von einem Kopenhagener oder Norweger nicht leicht verstanden wird. [...] Jetzt hört die Dänische Sprache auch beym Landvolke auf und die Plattdeutsche tritt ausschließlich an deren Stelle.“ Aus: gesprochene Angeldänisch, mit seiner zunehmenden Durchsetzung mit deutschen Lehnwörtern eher eine Mischsprache als ein dänischer Dialekt, war schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts am Verschwinden. Südlich der Linie Schleswig–Husum wurde fast ausschließlich Niederdeutsch gesprochen. Zur Zeit des Sprachwechsels bildete sich schließlich im auf der Geest gelegenen Kirchspiel Viöl Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem südjütischen Dialekt Fjoldemål noch eine Sprachinsel. An der Westküste zwischen Husum und Wiedau waren die teilweise von Ort zu Ort unterschiedlichen Dialekte des Nordfriesischen verbreitet. Keine dieser Sprachen verfügte über eine Verschriftlichung oder gar Literatur. Die dänischen und friesischen Dialekte wurden als Regionalsprachen meist nur in einem lokal begrenzten Raum gesprochen, so dass für die überregionale Verständigung die Beherrschung mindestens einer weiteren Sprache nötig war. Da sich die Südschleswiger wirtschaftlich zumeist nach Süden orientierten, waren Deutschkenntnisse unverzichtbar.Jochen Bracker: Die dänische Sprachpolitik 1850–1864 und die Bevölkerung Mittelschleswigs. In: Zeitschrift für Schleswig-Holsteinische Geschichte 97 (1972), S. 127–226; S. 138.
Zusammen mit dem rein deutschsprachigen Herzogtum Holstein wurde Schleswig von der Deutschen Kanzlei verwaltet, deren Verwaltungssprache Hochdeutsch war. Die hochdeutsche Sprache hatte bereits um 1700 als alleinige Amtssprache das Niederdeutsche verdrängt. Dabei sprach nur die verhältnismäßig kleine städtische Oberschicht Hochdeutsch. Trotzdem war Hochdeutsch auch Kirchen- und Schulsprache in den Gemeinden südlich der späteren Clausen-Linie und in allen Städten. In den Landgemeinden nördlich davon wurde zumindest teilweise auf Reichsdänisch gepredigt – und im selben Gottesdienst aus dem deutschen Gesangbuch gesungen, denn ein dänisches Gesangbuch für Schleswig gab es lange nicht.Carl Ferdinand Allen: Geschichte der dänischen Sprache im Herzogthum Schleswig oder Südjutland. Schleswig 1858. 2. Teil, S. 5. Das Christelig Psalmebog von 1801 stieß in vielen pietistischen dänischsprachigen Gemeinden wegen seiner rationalistischen Prägung auf Ablehnung. In den Landschulen in Nordschleswig wurde häufig auf Dänisch unterrichtet, wobei dänischsprachige Schulbücher erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts eingeführt wurden. Die nicht verschriftlichten Volkssprachen und Dialekte wurden von weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten gezielt bekämpft. Das geschah einerseits, um Einheitlichkeit zu schaffen. Andererseits herrschte die Annahme, dass Bildung nur in der Hochsprache möglich sei. So lag der für das Verständnis der lutherischen Lehre notwendige Katechismus nur in der Hochsprache vor, weshalb die meisten Prediger großen Wert darauf legten, dass in den Schulen Hochdeutsch unterrichtet wurde. Auch in der Bevölkerung war die Ansicht verbreitet, dass Hochdeutsch die Sprache der Bildung sei. Deshalb nahm die Zahl der Eltern, die mit ihren Kindern deutsch statt dänisch oder friesisch sprachen, kontinuierlich zu. Damit änderte sich innerhalb weniger Jahrzehnte die Muttersprache. Der Gebrauch der dänischen Alltagssprache wurde zunehmend ein Unterschichtenphänomen. Aber gerade in Kreisen, in denen Hochdeutsch nur mangelhaft beherrscht wurde, sprach man der hochdeutschen Kirchensprache eine sakrale Bedeutung zu ähnlich der Liturgiesprache Latein in der katholischen Kirche.Jochen Bracker: Die dänische Sprachpolitik 1850–1864 und die Bevölkerung Mittelschleswigs. In: Zeitschrift für Schleswig-Holsteinische Geschichte 97 (1972), S. 127–226; S. 136. Nur vereinzelt erhoben sich Stimmen aus der Pastorenschaft, die für eine Angleichung der Kirchen- und Schulsprache an die Umgangssprache warben, um sicherzustellen, dass ihre Gemeinde die christliche Botschaft auch wirklich verstand.Lars N. Henningsen: Unter Dänemark. In: Ders.: Zwischen Grenzkonflikt und Grenzfrieden. Die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein in Geschichte und Gegenwart. Studieafdelingen ved Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig Nr. 65. Flensburg 2011, S. 11–48; S. 23.
mini|Nach der Darstellung der Sprachverhältnisse aus dänischer Sicht durch Carl Ferdinand Allen 1858Beilage zu Carl Ferdinand Allen: Geschichte der dänischen Sprache im Herzogthum Schleswig oder Südjutland. Schleswig 1858. war Dänisch bis zur Schlei die vorherrschende Sprache. mini|Die Karte von Franz Geerz von 1838 zeigt ein differenziertes Bild der Sprachverhältnisse in Schleswig (rosa = Dänisch, gelb = Friesisch, blau = Deutsch, rot = mehr Dänisch als Deutsch, grau = mehr Deutsch als Dänisch).Wiedergabe nach: Franz von Jessen: Haandbog i det nordslesvigske Spørgsmaals Historie, 1901, S. 176.
Die Sprache als Politikum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Bis zu den durch die Napoleonischen Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgelösten Krisen galt der dänische Gesamtstaat als fortschrittlicher Staat, in dem der Nationalität und Sprache der Einwohner keine über den Alltag hinausgehende Bedeutung eingeräumt wurde. Der dänische König erfuhr von allen Untertanen unabhängig von ihrer Muttersprache die gleiche Verehrung.
Die Sprachgesetze von 1806 und 1810 1806 löste sich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, dem das Herzogtum Holstein angehörte, auf. Der dänische König Christian VII. erklärte daraufhin das zum Deutschen Reich gehörende Herzogtum Holstein für einen „völlig ungetrennte[n] Theil“ des dänischen Königreichs. Ein Gesetz verlangte 1807 von allen Beamten der Herzogtümer die Beherrschung beider (Hoch-)Sprachen. Alle öffentlichen Verfügungen in beiden Herzogtümern sollten ab sofort zweisprachig erscheinen. Am 15. Dezember 1810 erließ Friedrich VI. dann ein Gesetz, nach dem Dänisch überall dort Verwaltungs-, Gerichts-, Schul- und Kirchensprache sein solle, wo die Bevölkerung im Alltag Dänisch spreche.Michael Bregnsbo: Die Einverleibung Holsteins im Jahre 1806 und die Reaktion Dänemarks auf die Auflösung des alten Reichs. In: Michael North / Robert Riemer (Hrsg.): Das Ende des Alten Reiches im Ostseeraum: Wahrnehmungen und Transformationen. Köln / Weimar 2008, S. 116–125. Die deutschen Beamten der Deutschen Kanzlei und in den Ämtern widersetzten sich der Einführung mit den Argumenten, dass sie erstens selbst kein Dänisch beherrschten und zweitens das in Mittelschleswig gesprochene „Rabendänisch“ von Reichsdänisch etwa soweit entfernt sei wie von Hochdeutsch. Immerhin wurde ein Lehrstuhl für dänische Sprache an der Universität Kiel eingerichtet und von allen künftigen Beamten in den Herzogtümern die Beherrschung der dänischen Sprache gefordert.Lars N. Henningsen: Unter Dänemark. In: Ders.: Zwischen Grenzkonflikt und Grenzfrieden. Die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein in Geschichte und Gegenwart. Studieafdelingen ved Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig Nr. 65. Flensburg 2011, S. 11–48; S. 25.