mini|hochkant|Qian Weichang 1935 Qian Weichang (, * 9. Oktober 1912 in Wuxi; † 30. Juli 2010 in Shanghai) war ein chinesischer Physiker und Politiker der Demokratischen Liga Chinas. Er war von 1983 bis zu seinem Tod Rektor der heutigen Shanghai-Universität und gilt als einer der Begründer der modernen Mechanik und Angewandten Mathematik in China.
Jugend und Studium Qian Weichang wurde am 9. Oktober 1912 als ältestes von fünf Kindern des Dorfschullehrers Qian Zhi (钱挚) im Dorf Qifangqiao (七房桥村) der Gemeinde Hongsheng (鸿声乡) des damaligen Kreises Wuxi, Provinz Jiangsu, in gebildeten aber ärmlichen Verhältnissen geboren. Sein Vater war ein älterer Bruder des berühmten Historikers Qian Mu (钱穆, 1895–1990). Von 1920 bis 1926 besuchte er diverse private Grundschulen, an denen sein Vater jeweils unterrichtete. Beim Auswendiglernen von Passagen aus den chinesischen Klassikern war Qian Weichang sehr gut, mit dem Rechnen hatte er jedoch Probleme. Ab 1922 unterstützte er seine Mutter nach Schulschluss bei der Kreuzstichstickerei, um zum Familieneinkommen beizutragen.
Ab Anfang 1927 besuchte Qian Weichang das Kreisgymnasium Wuxi. Bald darauf besetzte jedoch die Nationalrevolutionäre Armee im Rahmen des Nordfeldzugs Wuxi und die Schule stellte ihren Betrieb ein. Im Herbst jenes Jahres wurde Qian Mu am Provinzgymnasium Suzhou als Chinesischlehrer angestellt. Im Herbst 1928 nahm Qian Weichang auf Empfehlung seines Onkels an der Aufnahmeprüfung der Schule teil und wurde als schlechtester aller Prüflinge gerade noch aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er mit fast 16 Jahren insgesamt nur fünf Jahre die Schule besucht; das einzige, was ihn bei der Prüfung gerettet hatte, waren Chinesisch und Geschichte. In den drei Jahren, die er am Gymnasium Suzhou verbrachte, hatte Qian Weichang weiterhin große Schwierigkeiten in den naturwissenschaftlichen Fächern, bestand dann aber dank Nachhilfeunterricht, vor allem seines Mathematiklehrers, im Frühjahr 1931 das Abitur.
mini|hochkant|Wu Youxun In den folgenden Monaten machte er bei mehreren Universitäten Aufnahmeprüfungen, bestand diese auch und entschied sich auf Empfehlung von Qian Mu, der gerade als außerordentlicher Professor an die Universität Peking berufen worden war, für die ebenfalls in Peking angesiedelte Tsinghua-Universität. Eigentlich wollte Qian Weichang Chinesisch und Geschichte studieren, aber nach dem Mukden-Zwischenfall am 18. September 1931, zwei Tage nach seiner Ankunft in Peking, entschloss er sich, lieber Physik zu studieren, um die Rüstung Chinas zu unterstützen. Sein Enthusiasmus war jedoch größer als seine Kenntnisse. Da er beim Abitur im Fach Physik nur 5 von 100 Punkten erlangt hatte (während 70 erforderlich gewesen wären), lehnte Wu Youxun, der Dekan der Fakultät für Physik, sein Ansinnen ab. Erst nach Intervention von Qian Mu und anderen Professoren aus dessen Umfeld wurde er zur Probe aufgenommen.
Abgesehen von seinen mangelnden Grundkenntnissen hatte Qian Weichang auch mit dem Unterrichtsmaterial zu kämpfen, das an der Tsinghua-Universität bei den naturwissenschaftlichen Fächern ausschließlich auf Englisch war. Selbst die einfachsten Worte musste er in einem Lexikon nachschlagen. Sein Talent für das Auswendiglernen von Fakten war angesichts der modernen Unterrichtsmethoden von sehr begrenztem Nutzen. Bei den wöchentlichen Prüfungen fiel er siebenmal hintereinander durch. Schließlich gab ihm Wu Youxun ins Chinesische übersetzte Lehrbücher, und im folgenden Jahr bestand er schließlich eine Prüfung. Im Weiteren machte er rasante Fortschritte. Im Frühjahr 1935 machte er mit der zusammen mit einem Kommilitonen erstellten Arbeit „Bestimmung der atmosphärischen Elektrizität in Peking“ (北京大气电的测定) als Jahrgangsbester seinen Abschluss als Diplomphysiker. Auch körperlich war er gewachsen: während er bei Studienbeginn 1931 aufgrund von Mangelernährung und zahlreichen Krankheiten in der Kindheit nur 1,49 m groß war (an sich 1 cm zu wenig für die Tsinghua-Universität), maß er nun 1,66 m.
Nach seinem Abschluss blieb Qian Weichang – wieder auf Anraten von Qian Mu – als Doktorand an der Tsinghua-Universität. Doktoranden an der Fakultät für Physik erhielten damals einen Unterhaltszuschuss von 60 Yuan pro Monat, während er als Praktikant am Institut für Physik der Academia Sinica in Nanjing 100 Yuan verdient hätte. Qian Weichang erhielt jedoch ein Promotionsstipendium von 300 Yuan pro Jahr, gezahlt für drei Jahre, sodass er sich um seinen Lebensunterhalt keine Sorgen zu machen brauchte. Wu Youxun wurde sein Doktorvater, er befasste sich mit Spektralanalyse, speziell Atomspektroskopie, außerdem mit der Theorie von Lösungen. Nach dem Fall Pekings am 29. Juli 1937 musste er seine Promotion jedoch unterbrechen. Während sich Dozenten und Studenten der Tsinghua-Universität, einschließlich seines Doktorvaters, nach Kunming zurückzogen, wo zusammen mit der Universität Peking und der Nankai-Universität die Vereinigte Südwest-Universität gegründet wurde, ging Qian Weichang zunächst nach Tianjin und arbeitete ein Jahr lang als Gymnasiallehrer. 1939 begab er sich ebenfalls nach Kunming und unterrichtete an der Vereinigten Südwest-Universität Thermodynamik. Dort heiratete er am 1. August 1939 die Literaturwissenschaftlerin Kong Xiangying (孔祥瑛), eine Nachfahrin von Konfuzius in 75. Generation, die er im Dezember 1935 bei Studentenprotesten gegen die Kuomintang-Regierung kennengelernt hatte. Qian Weichang war 1935 einer der Mitbegründer der Nationalen Befreiungsfront (中华民族解放先锋队) gewesen, die später im Kommunistischen Jugendverband Chinas aufging.
Auslandsaufenthalt
Im Sommer 1939 bewarb sich Qian Weichang für ein Stipendium des Board of Trustees for the Administration of the Indemnity Funds Remitted by the British Government (中英庚款董事会), mit dem chinesischen Studenten aus Mitteln der ehemaligen Boxerentschädigung ein Auslandsstudium ermöglicht wurde. Für 20 Studienplätze gab es damals mehr als 3000 Bewerber. Qian Weichang wurde zusammen mit seinem späteren Kollegen Guo Yonghuai angenommen. Anfang 1940 reisten die beiden nach Kanada, wo sie sich an der University of Toronto an der Fakultät für Angewandte Mathematik einschrieben, Guo Yonghuai für Strömungsmechanik und Qian Weichang für Mechanik der Elastischen Körper, beides Fächer, die John Lighton Synge unterrichtete, der Dekan der Fakultät. Bei den üblichen Gesprächen mit den Studienanfängern stellte sich heraus, dass Qian Weichang sich bereits mit der Theorie elastischer Schalen und Platten befasst hatte, ein Gebiet, auf dem auch Synge forschte. Zusammen mit Synge verfasste er den Aufsatz The Intrinsic Theory of Elastic Shells and Plates, der in der Festschrift zum 60. Geburtstag (11. Mai 1941) von Theodore von Kármán erschien. Dank seiner Vorkenntnisse erlangte Qian Weichang im Juni 1941, nach nur einem Jahr, den Grad eines Diplommathematikers.
Bis zum Oktober 1941 hatte Qian Weichang den Aufsatz zu einer Dissertation mit gut 200 Seiten ausgebaut. Da man nach den Vorschriften der Universität mindestens drei Jahre dort studiert haben musste, um einen Doktortitel zu erlangen, verbrachte er die Zeit ab Frühjahr 1942 bei der Sonderkommission für Angewandte Mathematik des National Research Council of Canada. Am 17. Oktober 1942 hatte er seine Disputation. Ende 1942 wurde Qian Weichang ein reguläres Mitglied der American Mathematical Society und begab sich ans California Institute of Technology. Dort befasste er sich unter Theodore von Kármán, dem Leiter des Guggenheim Aeronautical Laboratory, mit der Berechnung des Winkels gekrümmter Leitschaufeln von Turbinen. Nachdem Qian Weichang im Juni 1943 offiziell seinen Doktortitel verliehen bekommen hatte, wechselte er mit der Gründung des Jet Propulsion Laboratory im November 1943 an diese Einrichtung, wo er mit Qian Xuesen, Guo Yonghuai und Lin Jiaqiao zusammenarbeitete. Nachdem am 9. Juli 1945 der White Sands Proving Ground in New Mexico in Betrieb genommen worden war, führte er dort Testflüge von Raketen mit Flüssigkeitstriebwerken durch.
Lehre und Forschung Nach der Kapitulation Japans und dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwachte in Qian Weichang der Wunsch, in die Heimat zurückzukehren. Von Kármán versuchte zwar, ihn am CalTech zu halten, am 6. Mai 1946 schiffte er sich jedoch in Los Angeles nach China ein. Am 26. Mai 1946 betrat Qian Weichang in Shanghai wieder chinesischen Boden. Die Tsinghua-Universität bot ihm eine Professur an der Fakultät für Maschinenbau an, was er gerne annahm. Anfang August 1946 kehrte er nach Peking zurück und begann mit Beginn des Studienjahrs 1946/1947 Anfang September mit dem Unterricht. Damals herrschte in den von der Kuomintang kontrollierten Gebieten Chinas eine schwere Inflation. Sein Professorengehalt reichte nicht aus, um den Lebensunterhalt der Familie sicherzustellen, insbesondere nachdem Ende 1947 seine Tochter Qian Kailai (钱开来) geboren wurde. Daraufhin begann er auch an anderen Universitäten zu unterrichten. Neben der Tsinghua-Universität hielt er bis 1949 auch an der Universität Peking und der Yanjing-Universität fast alle Vorlesungen zu Angewandter Mechanik und Festigkeitslehre – 17 Lehrveranstaltungen pro Woche. Qian Xuesen, der zu jener Zeit als Professor am Massachusetts Institute of Technology tätig war und von seiner angespannten finanziellen Situation erfahren hatte, lud ihn 1948 ein, an das JPL zurückzukehren. Qian Weichang erhielt jedoch kein Visum für die USA.
Nach der kampflosen Übergabe Pekings an die Rote Armee am 31. Januar 1949 wurde im März 1949 an der Tsinghua-Universität eine Hochschulverwaltungskommission (清华大学校务委员会) eingerichtet, in die Qian Weichang als stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe Lehrbetrieb (副教务长) berufen wurde. Ab 1951 war Qian Weichang auch an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften aktiv. Im Januar 1951 genehmigte die Zentrale Volksregierung der Volksrepublik China (中华人民共和国中央人民政府, die Vorläuferorganisation des Staatsrats) die Einrichtung des Instituts für Mathematik der Akademie der Wissenschaften (中国科学院数学研究所) unter der Leitung von Hua Luogeng, das am 1. Juli 1952 seinen Betrieb aufnahm. Ende 1953 wurde am Institut für Mathematik ein Labor für Mechanik (力学研究室) eingerichtet, dessen Leitung Qian Weichang übernahm. Die beiden Forschungsgebiete des Labors waren die Mechanik fester Körper und Strömungsmechanik, man arbeitete eng mit der Tsinghua-Universität und der Universität Peking zusammen. 1952 hatte Qian Weichang zusammen mit anderen Professoren an der Universität Peking die Fakultät für Mechanik aufgebaut.
Am 26. April 1951 war Qian Xuesen, mittlerweile Professor am CalTech, im Rahmen der Kommunistenverfolgung unter Joseph McCarthy in Los Angeles unter Hausarrest gestellt worden. Erst am 5. August 1955 erhielt er nach Intervention von Premierminister Zhou Enlai die Erlaubnis zur Ausreise und traf am 8. Oktober 1955 in China ein. Wenig später, ab November 1955, begannen Qian Xuesen und Qian Weichang die Gründung eines eigenständigen Instituts für Mechanik voranzutreiben, nun nicht mehr mit Blick auf Grundlagenforschung, sondern mit der Zielsetzung, den Aufbau der chinesischen Industrie zu unterstützen. Am 5. Januar 1956 reichte die Chinesische Akademie der Wissenschaften einen entsprechenden Antrag beim Staatsrat der Volksrepublik China ein, der am 16. Januar genehmigt wurde. Als das Institut für Mechanik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften im September 1956 seinen regulären Betrieb aufnahm, hatte es Forschungsgruppen für die Mechanik der elastischen Körper, die Mechanik der plastischen Körper, die Dynamik von Flüssigkeiten und Gasen, Theorie der Steuerungs- und Regelungstechnik, Optimierungsrechnung, chemische Strömungsmechanik und physikalische Mechanik. Leiter des Instituts, das bereits sehr konkret auf Raketenbau ausgerichtet war, war Qian Xuesen, sein Stellvertreter Qian Weichang.
Verfolgung und Politisches Engagement