mini|Ausstellung des Schatzes in Vejle mini|X10, der weltgrößte Goldbrakteat mini|X8 (Medaillon mit Einlagen) Der Schatzfund von Vindelev (oder Goldfund von Jelling) wurde 2020 auf einem Feld in Vindelev in Dänemark, etwa acht Kilometer nordöstlich von Jelling im Osten der jütischen Halbinsel, gemacht. Der Schatz aus der Germanischen Eisenzeit (5. und 6. Jahrhundert) besteht aus insgesamt 23 Fundstücken. Dazu gehören vier römische Münzen, 16 einseitig auf Goldblech geprägte Brakteaten teils ungewöhnlicher Größe mit einem Durchmesser von fast 14 cm und der goldene Beschlag einer Schwertscheide.
Das Ensemble ist archäologisch von außerordentlicher Bedeutung. Bisher wurden keine anderen untertassengroßen Goldscheiben wie die von Vindelev gefunden. Auch die handwerkliche Qualität der Schmuckstücke übertrifft die anderer Funde. Kulturgeschichtlich bedeutsam ist der Fund wegen der Bezüge zur nordischen Mythologie mehrere Jahrhunderte vor ihrer Verschriftlichungen in den Sagas, darunter die möglicherweise früheste Erwähnung des nordischen Gottes Wodan/Odin.
Fund
Das erste Stück des Schatzes wurde 2020 von dem Sondengänger Ole Ginnerup Schytz auf einem Feld in Vindelev, etwa acht Kilometer nordöstlich von Jelling in Jütland gefunden. Er benachrichtigte Mads Ravn, den Leiter der Forschungsabteilung im Museum Vejle, die in den folgenden Tagen die weiteren Goldobjekte barg. Die Fundstücke lagen nur etwa zehn Zentimeter unter der Oberfläche, also in der Pflugschicht. Trotzdem befand sich der Großteil der Funde innerhalb zweier nur vier Meter voneinander entfernter Bereiche, so dass davon ausgegangen werden kann, dass sich der Fundort nahe beim Deponierungsort befand. Nur drei besonders große Goldscheiben waren durch Pflugeinwirkung weiter transportiert und beschädigt worden. Ein Brakteat war in drei Teile gerissen worden (X12, X20 und X22), die im Abstand von 90 Metern voneinander aufgefunden wurden. Das Gesamtgewicht der gereinigten Objekte lag bei 794 Gramm.
Bei einer Nachbegehung wurde im März 2021 in etwas Abstand zu den bisherigen Funden ein vergoldetes Beschlagteil gefunden, das dem Nydam-Stil zugeordnet wurde. Ausgrabungen am Ort des Fundes durch Archäologen des Vejlemuseums im Spätsommer 2021 brachten Tonscherben, einige Glasfragmente, Reste von silbernen Fibeln und etwa 840 Pfostenlöcher zu Tage, die mehreren Gebäuden zugeordnet werden können. Die Untersuchung der den Fundstücken anhaftenden Erde und der Pfostenlöcher mit der Radiokarbonmethode ergab, dass beide aus derselben Periode stammen. Daraus ließ sich entnehmen, dass der Schatz sich innerhalb eines in Nordwest-Südost-Richtung orientierten Langhauses befunden hatte, das von weiteren, kleineren Häusern umgeben war. Dabei handelte es sich nach Ansicht der Archäologen um einen Fürstensitz mit der Halle des Fürsten in der Mitte.
Beschreibung Der Schatz enthält insgesamt 23 Fundstücke, die in der Literatur mit X1 bis X23 bezeichnet werden. Die Brakteaten erhielten zudem im Ikonographischen Katalog der Goldbrakteaten die laufenden Nummern IK 729 bis 739 sowie IK 740 für ein Bruchstück.
Neben vier römischen Münzen und sechzehn Goldbrakteaten teils ungewöhnlicher Größe wurde auch der goldene Beschlag einer Schwertscheide gefunden. Die Brakteaten wie auch die römischen Solidi sind jeweils mit einem Schmuckrand und teilweise prachtvoll verzierten Ösen versehen, sodass sie als Anhänger verwendet werden konnten.
Bei acht der Brakteaten handelt es sich um sogenannte A-Brakteaten, die eine oder seltener zwei männliche Büsten im Profil zeigen. Fünf Brakteaten (X4, X7, X11, X13 und X17) gehören zum C-Typ, bei dem neben oder unter der Büste ein Pferd und manchmal weitere Tiere oder Figuren abgebildet sind. Mehrere Brakteaten sind mit Runeninschriften versehen, die bislang jedoch nur zum Teil gedeutet werden konnten. mini|Brakteat X9, 10,3 cm groß, mit Streichholzschachtel als Größenvergleich; die beiden großen Löcher dienten zur Befestigung eines Beschlags zur Reparatur des schon zur Nutzungszeit entstandenen Risses; auf der Wange der abgebildeten Person ist ein Zirkelloch zu erkennen. Einige der Brakteaten sind außergewöhnlich groß. Zusammen wiegen die dreizehn Stücke 576 g, so viel wie hundert Brakteaten aus früheren Funden. X10 ist mit 13,8 cm Durchmesser der größte bekannte Brakteat, und vier weitere der Vindelever Brakteaten, der Größe nach X17, X20, X9 und X19, gehören zu den zehn größten je gefundenen Exemplaren. Die Mittelbilder, die mit etwa 3 cm dieselben Durchmesser haben wie bisher bekannte Vergleichsstücke, sind von oft mehreren konzentrischen Reihen gestempelter, teilweise figürlicher Verzierungen umgeben. Fast bei allen Brakteaten finden sich in der Mitte Zirkellöcher. Auch die Ösen sind durchweg prächtiger und mit aufwändigerer Goldschmiedekunst hergestellt als bei fast allen anderen bisher aufgefundenen vergleichbaren Stücken.
Alle Fundstücke bestehen aus Gold. Der Reinheitsgrad der einzelnen Stücke ist unterschiedlich. Während die römischen Solidi einen Feingehalt von 23 bis 24 Karat aufweisen, sind es bei den A-Brakteaten 21 bis 22 Karat und bei den C-Brakteaten und dem Medaillon X8 durchschnittlich nur 19 Karat.
Die Beschädigungen einiger Fundstücke sind darauf zurückzuführen, dass Deponierungsort später gepflügt wurde, wobei die dicht unter der Oberfläche liegenden dünnen Goldscheiben zerdrückt wurde. Die größten Brakteaten waren vor der Deponierung aufgerollt oder gefaltet worden. Unfachmännische Reparaturen, teils mit aufgelöteten Flicken, teils mit genieteten Beschlägen, bei mehreren Brakteaten verweisen auf Beschädigungen während der Nutzungszeit.
Um die Brakteaten nicht entfalten zu müssen, wurden sie im 3D-Imaging Center von Danmarks Tekniske Universitet mittels Computertomografie gescannt und mit Hilfe der damit gewonnenen Daten digital aufgefaltet und lesbar gemacht.
Römische Münzen mini|Zum Medaillon umgearbeiteter Solidus des Valentinian (X15) Die vier römischen Münzen zeigen die Kaiser Konstantin I. (306–337, X5), Constans (337–350, X6), Valentinian I. (364–375, X15) und Gratian (375–384, X2). Die Münzen von Konstantin, Constans und Gratian wurden in Trier geprägt, die des Valentinian in Thessaloniki. Alle vier Münzen wurden mit einem Schmuckrand eingefasst und mit Ösen versehen, die bei den Solidi des Konstanin und des Valentinian sehr kunstvoll gestaltet sind. Der um 336 geprägte Solidus des Konstantin ist stark abgegriffen, was für eine längere Nutzung vor der Umarbeitung zu einem Medaillon spricht. Bei den Solidi des Constans, bei dem die Prägung kaum noch erkennbar ist, und des Gratian dagegen zeigen auch der eher schlichte Schmuckrand und Öse starke Nutzungsspuren, was davon ausgehen lässt, dass die Solidi lange Zeit als Kettenanhänger getragen wurden.
Eine Verwendung römischer Münzen als Anhänger ist auch aus anderen Funden bekannt wie etwa aus dem Schatzfund von Brangstrup mit insgesamt 48 römischen Goldmünzen, von denen mehrere durchbohrt worden waren und vermutlich als Halsschmuck dienten. Das Besondere an dem Schatz von Vindelev ist, dass erstmals in Skandinavien gleich mehrere kunstvoll zu Anhängern umgearbeitete römische Münzen enthalten sind. Zudem handelt es sich um den ersten Fund, bei dem zu Anhängern umgearbeitete römische Goldmünzen und Brakteaten am selben Ort gefunden wurden.
Die Archäologin Helle Horsnæs stellte 2024 fest, dass die Schmucköse und der Zickzackrand des Valentinian-Solidus (X15) fast identisch sind mit der einer stempelidentischen, ebenfalls umgearbeiteten Münze des Valentinian, die zu einem in Zagorzyn bei Kalisz in Polen aufgefundenem Hort aus römischen Münzen, Schmuck und einigen Brakteaten gehört. Das Gold, mit dem die Münze eingefasst ist, ist dabei von geringerer Reinheit als das der Münze selbst. Horsnæs schloss daraus, dass beide Münzen in derselben, außerhalb des römischen Reichs liegenden Werkstatt zu Anhängern umgearbeitet wurden. Ein ähnliches Zickzackmuster findet sich auch als Umrahmung mehrerer Brakteaten, darunter auch X3 aus dem Vindelev-Schatz.
Auch von dem Konstantin-Solidus ist ein Parallelstück im Schatz von Szilágysomlyó in Rumänien bekannt.
A-Brakteaten Die A-Brakteaten zeigen eine, teilweise zwei nach links blickende männliche Büsten. Diese älteste Form der Brakteaten ist den Kaiserbildern römischer Münzen nachempfunden. Die Abgebildeten sind meist bartlos und kurzhaarig und tragen einen an das römische Kaiserdiadem erinnernden Kopfschmuck. Die in Vindelev gefundenen Exemplare sind aus reinerem Gold als die C-Brakteaten. Die Inschriften imitieren zumeist lateinische Buchstaben, nur auf X16 sind einzelne Runen zu erkennen.
A-Brakteaten mit Zwillingsköpfen Die mit X10 / IK 733 bezeichnete Scheibe ist mit 123,7 g und einem Durchmesser von 13,8 cm der weltgrößte bisher gefundene Gold-Brakteat. Der dreieckige Anhänger und die Ösen sind kunstvoll in Filigranarbeit gestaltet. Da die dünne Goldscheibe aufgerollt und zerdrückt ist, wurde das Motiv in der Mitte, zwei identische Männerköpfe mit Diadem, erst bei der digitalen Auffaltung sichtbar. In mehreren konzentrischen Reihen um die Mitte sind mit Stempeln aufgebrachte Ornamente und kleine Köpfe angeordnet. Anders als die anderen Brakteaten besitzt er keinen Rand aus Perlendraht. Vermutlich hatte er sogar ursprünglich einen Durchmesser von etwa 15,6 cm, denn Morten Axboe konnte nachweisen, dass am Rand des Brakteats vor der Deponierung etwa 8–10 mm abgeschnitten wurden. Reste mindestens einer Reihe Schlangenköpfe haben sich neben der Öse erhalten. mini|Brakteat X20 Ein ähnliches Motiv zeigt der in drei Stücke zerbrochene Brakteat X20 (+ X12 + X22) / IK 734, mit einem Durchmesser von 11,4 cm und einem Gesamtgewicht von 74,83 g ebenfalls von beeindruckender Größe. Die Ösen und der dreieckige Anhänger, die wie bei X10 in kunstvoller Filigranarbeit gearbeitet sind, sind – vermutlich durch Pflugeinwirkung nach der Deponierung – abgerissen. Das Mittelbild zeigt zwei identische, mit einer Tiara geschmückte Büsten im Profil, die in dieselbe Richtung blicken und mit von Fibeln auf einer Schulter zusammengehaltenen Umhängen bekleidet sind. Zwischen den Köpfen schwebt eine Triskele. Vor den Gesichtern befinden sich einige lateinische Majuskeln. Auch bei X20 ist die Mitte von mehreren konzentrischen Reihen gestempelter Ornamente umgeben, darunter eine Reihe Pferdeköpfe und eine Schlange.
Ähnliche Brakteaten mit Zwillingsköpfen und Triskele sind aus Gudme bekannt, wo sie auf das 5. Jahrhundert datiert werden. Sie werden in der Forschung als A4-Brakteaten klassifiziert. Ob es sich dabei um Zwillingsgottheiten oder um königliche Brüder handelt, wie sie antike und frühmittelalterliche Schriftsteller für verschiedene germanische Völker erwähnen, ist in der Forschung noch nicht geklärt. Die Pferdeköpfe auf X20 könnten auf Pferdegottheiten wie die von Tacitus um 100 n. Chr. erwähnten und mit den Dioskuren gleichgesetzten Alcis hinweisen.
Weitere A-Brakteaten X1 / IK 729 zeigt die Figur in der bestickten trabea triumphalis, der Zeremonialtoga eines Konsuls, und erhobener rechten Hand, die einen ringförmigen Gegenstand hält. Das zentrale Bild ist von lateinischen Majuskeln umgeben, die allerdings keinen Sinn ergeben. Hier ist die Ähnlichkeit zu römischen Kaisersolidi besonders augenfällig, auf denen der Kaiser als Konsul, dessen einzige Funktion in der Spätantike die Ausrichtung der Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe war, eine mappa, ein zeremonielles Tuch, in der Hand hielt, das er fallen ließ, um den Beginn der Spiele zu signalisieren. Es sind mehrere römische Münzen bekannt, die als direkte Vorbilder gedient haben können.