mini|Bushidō, der Kodex der Samurai, ist die primäre Inspiration für Mishimas Körperkult. Sonne und Stahl (jap. , Taiyō to tetsu) ist ein am 20. Oktober 1968 veröffentlichter autobiografischer Essay von Yukio Mishima.

Zentraler Betreff des Essays ist Mishimas Beziehung zu seinem eigenen Körper und vor allem seine Philosophie der Harmonie zwischen Feder und Schwert. In diesem Zusammenhang reflektiert der Autor seine persönlichen Erfahrungen zu Bodybuilding und Kampfkunst und damit einhergehend seine Persönlichkeitsfindung in den letzten zehn Lebensjahren. Mishima schildert in Form komplexer Metaphern seine Entwicklung vom introvertierten, intellektuell versperrten „Mann der Worte“ zu einem „Mann der Taten“.

Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich bei Sonne und Stahl nicht um eine Umschreibung des täglichen Lebens eines Bodybuilders. Stattdessen beinhaltet der Essay eine Reihe philosophischer Erwägungen, insbesondere die des Todes als ultimatives Erlebnis der Schmerzen.Makoto Ueda: Zu Sonne und Stahl. Veröffentlicht in: Izumi Hasegawa, Katsuhiko Takeda (Hrsg.): Yukio Mishima Encyclopedia. Meiji Shoin, Januar 1976. S. 239f. NCID BN01686605. Dieses Motiv ist auch in Werken anderer bekannter Autoren wie John Keats, Richard Wagner, Walt Whitman oder Friedrich Nietzsche zu finden.

Der Essay wurde ab dem letzten Quartal 1965 kapitelweise im Criticism publiziert, einem japanischen Literatur-Magazin des Literaturkritikers und nationalistischen Propagandisten Takeshi Maramatsu. Das letzte Kapitel erschien im Juni 1968, gefolgt von einer internationalen Vollbuchveröffentlichung am 20. Oktober 1968.Takashi Inoue: Sonne und Stahl. Veröffentlicht in: Takashi Inoue, Hideaki Sato, Toru Matsumoto (Hrsg.): Yukio Mishima encyclopedia. TsutomuMakoto. 11. Mai 2000. S. 218–221, ISBN 978-4-585-06018-5. Folglich umfasst der Essay auch Mishimas wechselnde Gedankengänge über den Zeitraum von drei Jahren und ordnet ältere Kapitel neu ein.

Obgleich ein kommerzieller Erfolg, wurde dem Essay bei seinem Erscheinen keine vergleichbare Aufmerksamkeit geschenkt wie dem fiktional-literarischen Wirken des Autors. Erst nach Mishimas gescheitertem Putschversuch auf das militärische Hauptquartier und seinem anschließenden rituellen Selbstmord griffen Historiker und Analytiker auf das Werk zurück, um Mishimas Motivation einordnen zu können. Sonne und Stahl wurde dadurch post mortem ein Verkaufsschlager und gilt nunmehr als eine der bedeutendsten Schriften im Werk des Autors.Yamanouchi Hisaaki: Yukio Mishima and His Suicide. In Modern Asian Studies. VI. Januar 1972. S. 1–16.John Spurling: Death in Hero's Costume: The Meaning of Mishima. Encounter. Mai 1975. S. 56–64.

Inhalt Einleitung Direkt zu Anfang macht Mishima klar, dass wenngleich der Essay auch ihn als Person betrifft, er das „Ich“ im Essay nicht direkt auf sich bezieht. Stattdessen handelt es sich bei dem „Ich“ um ein universelles Konzept. In der weiteren Zusammenfassung ist demnach nur noch von „dem Autor“ die Rede.

Der Essay beginnt mit einer zentralen These: Wörter seien ätzend und wie jedes ätzende Material – z. B. Magensäure – zerfressen sie am Ende sich selbst. Wörter brauchen nicht die Realität widerzuspiegeln, die Realität findet sich im Körper. Der Zweck von Wörter liegt darin, die Realität zu abstrahieren; nur durch Abstraktionen ist der Verstand in der Lage, die Realität zu verstehen. Im Prozess ändern Worte die Realität. Als der Autor jünger war, befand er sich deshalb selbst im Irrglauben, sein Körper sei eine Realität, die mit seinem Selbst nicht zusammenhängt. Als er eines Tages Straßenkünstler beim Bodybuilding beobachtet, kommt ihm die Idee, Sonne und Stahl als Metonyme für den Geist und den Körper zu verwenden.

Mit Sonne und Stahl legte sich der Autor die Schwierigkeit auf, die Entdeckung seines Körpers mit Worten zu beschreiben. Da Worte aber ätzend sind, abstrahieren sie und folgend verstecken sie die Realität eher, als dass sie sie offenlegen. Weil er Worte benutzen muss, um Erfahrungen zu beschreiben, die Worte übersteigen, ist das Buch durchgängig mystisch und stellenweise schwer zu verstehen. Um seine Thesen dennoch greifbar zu machen, zählt er die signifikantesten Erfahrungen seines Lebens auf und erläutert deren Bedeutung.

Himmel und Sonne als Symbole der Tragik und des Todes mini|Ryō Kurusu, ein Pilot in der japanischen Luftwaffe. Die erste Erfahrung handelt von einer Gruppe junger Männer, die während einer religiösen Zeremonie einen schweren Schrein durch die Straßen Tokios tragen. Obwohl ihre Körper angespannt sind und sie evident erschöpft sind, sieht man Glück in den Gesichtern der Männer. Beim Tragen schauen sie in den Himmel, der durch seine Assoziation mit dem Ableben ein Sinnbild der Tragik ist. Eine untrainierte Person wäre nicht in der Lage, die Arbeit der Schreinträger zu erledigen und ihm bleibt somit auch der Zugang zu der ultimativen Tragik verwehrt, die erst durch die physische Anstrengung bewusst gemacht wird. Der Autor glaubt, dass seine Fixierung auf Wörter diesen Zugang erschwert hat.

Die nächste einschneidende Erfahrung des Autors ist seine erste bewusste Wahrnehmung der Sonne im Sommer 1945, dem „Sommer der Niederlage.“ Während seines Trainings für die Aufnahme in die Streitkräfte sieht er, wie die Sonne auf den Flügeln der Kriegsflugzeuge glitzert – solche Flugzeuge, die bewusst für Zerstörung und Tod gebaut wurden. Die Sonne wird seither für den Autor ein Symbol für den Tod und damit ein wichtiges Element des Himmels, der ein Symbol der Tragik ist.

Der Autor bemerkt, dass er aus Angst vor der Sonne und dem ihr innewohnenden Tod zunehmend nachtaktiv wurde. Um ihr zu entgehen, vertieft er sich in seine Bücher. Er umgibt sich nur noch mit Gleichgesinnten seines literarischen Kreises, die ähnlich „gestört“ waren. Alle dieser Literaten hatten „schlaffe Bäuche“ und lebten wie der Autor ein Leben für den Geist, anstatt für den Körper. Dieser Trugschluss wohnte dem Autor schon seit seiner Kindheit bei. Während andere Säuglinge ihre Existenz zunächst rein physisch ausleben und erst später ihren Geist in Form von Gedanken, Ideen und Wörtern wahrnehmen, war es beim Autor umgekehrt.

Der Autor bittet den Leser, sich einen Apfel vorzustellen. Die Haut des Apfels ist als einzige sichtbar, aber im inneren liegt sein eigentlicher Kern. Um eine wahre Existenz zu fühlen, muss der Kern mithin sichtbar, ergo aufgeschnitten werden, um den Kern zu präsentieren. Nur so kann der Kern, als Sinnbild für den menschlichen Geist, gesehen werden und selbst sehen. Dieser Moment, sein Tod, ist folglich der Höhepunkt der Existenz des Apfels. Gleichsam kann die wahre Natur des Menschen erst durch seinen Tod sichtbar werden.

Kraftsport und Gruppenidentifikation Als Kontrapunkt zu seinem nachtaktiven Selbst, beginnt der Autor mit Kraftsport und entwickelt eine enge Verbindung zu dem Stahl. Er versteht, dass die physische Transformation des Körpers bemerkenswert ähnlich zu der des Geistes ist – auch der Geist kann nur expandieren, wenn er kontinuierlich mit immer härteren Fragen konfrontiert wird; ebenso wachsen Muskeln nur, wenn sie kontinuierlich mit immer schwierigerem Gewicht konfrontiert werden. Stärke und Stahl seien unabhängig und dadurch verwandt zur Bedingung eines Individuums, um in der Welt zu leben. Dieses Konzept nennt der Autor die „Sprache des Körpers.“ Der Autor gesteht, dass er sich nach einem frühen Tod sehnt und intellektuell in der Nachkriegswelt unterfordert ist.

Der Autor realisierte, dass ihm für einen echten, tragischen Tod die Identifikation mit einer Gruppe fehlt. Vermehrt interessiert er sich für die japanischen Kamikazeflieger. Diese haben ihren Körper bereits bis aufs Äußerste trainiert, um Flieger werden zu können. Durch ihre Todespoeme haben sie auch mit ihren Worten die Tragik auf ein Hoch gebracht. Die Flieger gibt es zwar nicht mehr, sie halten dem Autor aber vor, nach welcher Gruppe er sich sehnt: den Kriegern. Er beschreibt die aus Hartholz gefertigte Eingangshalle des Anwesens eines Samurai an einem kalten Wintertag: das Samurai-Anwesen steht für Stabilität, Solidarität und japanische Tradition; der kalte Wintertags steht für Minimalismus und den Tod; das Hartholz symbolisiert das Bodybuilding. Um die Szene zu komplettieren, wird das Holz aufgeschnitten und präsentiert seine „Muskulatur“, außerdem wird es poliert und repräsentiert Perfektion. Der Autor erinnert den Leser an eine frühere Lektion: nicht bloß das zu verbildlichen, das die Worte schildern, sondern auch das, was sie nicht schildern. Der Samurai wird nämlich gar nicht erwähnt, es ist nur von seinem Anwesen die Rede. Genauso ist das Anwesen, das in seiner Fülle die Kombination das Idealbild Mishimas verkörpert, nur ein Konzept, eine Anreihung an „Worten.“ Um diese Worte zu transformieren, muss der Samurai das Anwesen betreten; die Worte müssen folglich zu Taten werden.

Ein „ehrenwerter Tod“ Der Autor verweist den Leser darauf, dass nun der letzte Teil des Puzzles eingesetzt wurde: die Tragik eines Selbst wurde nun mit der Tragik einer Gruppe fusioniert. Dies sei ein notwendiger Schritt vor dem eigenen Ableben, denn nur für einen Selbst den tragischen Tod zu sterben, wäre ein egoistischer und sinnloser Tod. Wenngleich der Autor eine Vielzahl an „höheren Gründen“ anerkennt, durch die der Tod ein „ehrenwerter Tod“ wird, schließt er für sich persönlich einen religiös motivierten Tod aus. Für den Tennō hingegen zu sterben – der als direkter Repräsentant Amaterasus Japan verkörpert – ist ein „höherer Grund“ für den sich der Autor entscheiden möchte: er stirbt folglich für die japanische Kultur.

Epilog: F–104 Im Epilog der Erzählung beschreibt der Autor die Vorstellung, in einem Lockheed F-104 um den Fuji zu fliegen. Die Erfahrung ist einschneidend, da sie dem Autor ermöglicht, die Sonne und Wolken näher betrachten zu können. Er vergleicht die Wolken mit einer Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschluckt. Ähnlich wie die Schlange alle Polaritäten verschwinden lässt, glaubt der Autor, dass auch Sonne und Stahl eins werden, wenn sie von der Erde entfernt sind.

Gedicht: Ikarus mini|Der Fall des Ikarus, Musée Antoine Vivenel, 17. Jh. Der Essay wird durch ein kurzes Gedicht mit dem Namen Ikarus beendet, benannt nach der gleichnamigen Gestalt aus der griechischen Mythologie, die zum Himmel hinaufsteigen sollte, aber scheiterte und starb, weil die Sonne seine Flügel verbrannte. Das Gedicht besteht aus sechzehn Zeilen, vierzehn davon in Fragestellung. Nach einer langen Erklärung seines Lebens, stellt Mishima – ab hier wieder unter seinem Namen – fest, dass er wie Ikarus gescheitert ist. Genauer ist sein Wunsch, sein Wesen durch Worte auszudrücken in den letzten Jahren kläglich gescheitert. Die einzige Möglichkeit, die Fragen des Gedichtes zu beantworten, ist somit die Tat. Er ist nunmehr ein „Mann der Taten“.

Aufbau Sonne und Stahl ist in drei ungleichmäßige Teile aufgeteilt. Den Hauptteil bildet ein langer Essay, in dem Mishima seine eigene Lebensgeschichte mit Fokus auf seine intellektuelle, spirituelle und physische Entwicklung Revue passieren lässt. Dem folgt ein kürzerer Essay Epilog – F104, in dem er einen Flug am Fuji beschreibt. Sein kurzes Gedicht Ikarus rundet das Werk ab.

Themen Schmerz wahrnehmen und wertschätzen mini|Mark Aurel begründete in Selbstbetrachtungen die Theorie der Unbequemlichkeits-Konfrontation.