Das Bergbaurevier Chibinen befindet sich im Gebirgsmassiv der Chibinen nordöstlich der Stadt Apatity in der Oblast Murmansk auf der Halbinsel Kola in Russland. Die Chibinen gelten als eines der größten Alkaligesteinsmassive der Erde und umfassen die weltgrößte Nephelinsyenit-Intrusion.
Die geologische Erforschung des Gebiets begann in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Seit den frühen 1920er Jahren findet eine umfassende Erkundung statt, wobei gigantische Apatitlagerstätten (genauer Lagerstätten von Fluorapatit) entdeckt wurden. In der Folge nahm mit dem Tagebau Saamski () unweit des heutigen Kirowsk im Jahre 1929 das erste Bergwerk der Chibinen den Abbau von Apatit und Nephelin auf. Das Bergwerk Kukiswumtschorr (auch als Kirowsker (Apatit-)Bergwerk bekannt ), zu der der Tagebau Saamski gehörte, steht noch heute in Förderung.
In den Chibinen wird in sechs weiteren Bergwerken, die sich alle unmittelbar östlich an das Bergwerk Kukiswumtschorr anschließen, bis heute Apatit und Nephelin abgebaut: Bergwerk Juksporr, Bergwerk Apatitowy Zirk, Bergwerk Zentralny, Tagebau Koaschwa (mit dem Bergwerk Wostotschny), Tagebau Njorkpachk und Bergwerk Oleni Rutschej. In der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts wurden auch Molybdänit, Rinkit und Lovchorrit (als Quelle für Metalle der Seltenen Erden), Titanit, Pyrrhotin und Dolomit gewonnen.
Das gesamte Massiv der Chibinen weist lagerstätten- und fundpunktübergreifend eine enorme Mineralvielfalt auf. Bislang (Stand Juli 2021) wurden aus dem Revier 531 gültige Minerale beschrieben, und das Massiv ist derzeit Typlokalität für 122 Minerale – darunter die teilweise bereits in den 1880er/1890er Jahren gefundenen und als neu identifizierten, aber erst später vollständig beschriebenen Loparit, Yuksporit und Manganoneptunit.
Lage und Name
links|mini|Kirowsk in den Chibinen Die Apatit-Nephelin-Lagerstätten befinden sich im Alkaligesteinsmassiv der Chibinen (), die nördlich des Polarkreises in der Oblast Murmansk auf der Halbinsel Kola in Russland liegen. Die Chibinen besitzen bei annähernd kreisförmiger Kontur einen Durchmesser von etwa 45 km und sind das einzige echte Gebirge im europäischen Teil dieses Landes. Der mit Seehöhe höchste Gipfel des Massivs ist der Judytschwumtschorr. Aus orographischer und petrographischer Sicht weisen die Chibinen die Form eines sich nach Osten öffnenden Hufeisens auf, welches aus konzentrischen Gebirgsketten mit tief eingeschnitten, schneebedeckten Pässen besteht.
In der Mehrzahl sind die einzelnen plateau- oder kegel- bis spornförmigen Berge in den Chibinen, deren Namen fast ausschließlich aus dem Samischen stammen, die Quelle für die Bezeichnungen der Lagerstätten.
Bergbaugeschichte
Aktivitäten im 19. Jahrhundert mini|hochkant|Wilhelm Ramsay – Pionier der Erforschung der Chibinen Die Chibinen, so wie das gesamte Areal der inneren Halbinsel Kola, blieben bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts so gut wie unbekannt. Erst in der Folge der von finnischen Wissenschaftlern im Frühjahr und Sommer 1888 durchgeführten sogenannten Kola-Expedition rückten das Massiv der Lowosero-Tundren und später auch die Chibinen in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Bereits Wilhelm Ramsay und Victor Axel Hackman stellten für das Massiv der Chibinen ein jüngeres Alter als das Archaikum, eine lakkolithische Form und eine hauptsächlich nephelinsyenitische Zusammensetzung fest. Ramsay und Hackman waren auch die Erstbeschreiber einer größeren Anzahl von exotischen Alkaligesteinsarten aus den Chibinen, wobei sie viele der Bezeichnungen von lokalen Namen ableiteten. In allen Fällen handelt es sich um Nephelinsyenite und andere Alkaligesteine, wozu Chibinit, Lujavrit, Foyait, Ijolith, Malignit, Melteigit, Rischorrit, Turjait und Urtit zählen. Ungeachtet der damaligen limitierten Mittel und der insgesamt nur wenigen Wochen Aufenthalt konnten Ramsay und Hackman auch eine Kristallisationssequenz für die wichtigsten Gesteinsarten definieren, die wie folgt – vom Älteren zum Jüngeren – angegeben werden kann: Augitporphyrite → Nephelinsyenite (Khibinite und Foyaite) → Theralite, Ijolithe, Urtite → Umptekite und aplitische Nephelinsyenite → Monchiquite und Tinguaite → Pegmatite → Eudialyt-Aegirin- sowie Titanit-Gänge. Ferner erkannten sie in ihrem Material drei neue Minerale, die später als Loparit-(Ce), Yuksporit und Manganoneptunit beschrieben wurden.
Die Ära Fersman mini|hochkant|Alexander Jewgenjewitsch Fersman Die nächste Phase der Erkundung der Chibinen begann erst nach der russischen Februarrevolution 1917, als der junge Staat dringend Ressourcen benötigte.
Die ersten systematischen mineralogisch-geochemischen Untersuchungen der Chibinen fanden unter der Leitung des Akademiemitglieds Alexander Jewgenjewitsch Fersman statt. Sie begannen im Herbst des Jahres 1920, als eine von Fersman geführte, mehr oder weniger unvorbereitete Gruppe von Studenten und jungen Lehrern unter dem ersten Schnee mit den ersten mineralogischen Aufsammlungen begann. Hierbei wurden bereits ungewöhnliche und seltene alkalische Minerale gefunden. Anschließend erkundeten von 1921 bis 1924 zahlreiche Abteilungen von Sommerexpeditionen ausführlich die Täler, Pässe und das Plateau der Chibinen. Es wurden genaue Karten erstellt, detaillierte Informationen zu den einzelnen Gesteinen gesammelt und erste Abschätzungen über die industrielle Verwertbarkeit verschiedener Erze abgegeben. Die ersten neuen Minerale (Manganoneptunit, Yuxporit, Murmanit, Loparit, Fersmanit) wurden beschrieben.
Im Jahre 1922 stieß der begeisterte Geologe Aleksander Nikolaewitsch Labunzow () zu den Expeditionen von Fersman. Zu dem Team von Fersman gehörten ferner u. a.: Elsa Maximilianowna Bonschtedt-Kupletskaja (). Mineralogin und Professorin am Institut für Geologie von Erzlagerstätten, Petrographie, Mineralogie und Geochemie (IDEM) der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Publizierte bereits in den frühen 1920er Jahren über die Mineralogie der Chibinen. Nach ihr wurde das Mineral Bonshtedtit benannt. Irina Dmitriewna Borneman-Starynkewitsch (). Chemikerin, leitete seit 1932 das chemische Labor des Explorationstrusts „Apatit“ und untersuchte die chemische Zusammensetzung von Mineralen. Seit 1975 Leiterin des Zentralen Chemischen Labors der IGEM. Nach ihr wurde das Mineral Bornemanit benannt. Pjotr Nikolajewitsch Tschirwinski (). Geologe und Petrograph, 1943–1953 Leiter der Sektion Petrographie der Staatlichen Universität Perm. Nach ihm wurde das Mineral Chirvinskyit benannt. Michail Pawlowitsch Fiweg (, auch Fiveg oder Vieweg). Geologe und Bergbauingenieur, Spezialist für nichtmetallische Minerallagerstätten, insbesondere Apatit. Leitete das erste Prospektionsteam für Apatit in den Chibinen (1928–1933). Nach ihm wurde das Mineral Fivegit benannt. Wasili Iwanowitsch Gerasimowski (). Geologe. Entdeckte 1934 zusammen mit Olga A. Worobjowa () industriell verwertbare Vorkommen von Loparit-Erz auf der Kola-Halbinsel. Leitete von 1954 bis 1979 das Labor für die „Geochemie magmatischer Gesteine“ am Institut für Geochemie und Analytische Chemie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Nach ihm wurde das Mineral Gerasimovskit benannt. Nina Nikolajewna Gutkowa (). Mineralogin, die sich intensiv mit den Chibinen und den Lowosero-Tundren beschäftigte und als erste die Eigenschaften des Apatits der Chibinen beschrieb. Entdeckte 1930 primäre Lovchorrit-Lagerstätten in den Chibinen und veröffentlichte 1928 die erste Liste der Minerale der Lowosero-Tundren. Nach ihr wurde das Mineral Gutkovait-Mn benannt. Ekaterina Jewtichijewna Kostyljowa-Labunzowa (). Mineralogin und Petrographin. Leitete seit 1958 die mineralogische Forschung in den Chibinen. Nach ihr wurde das Mineral Kostylevit sowie die Minerale der Labuntsovit-Gruppe benannt. Wladimir Iljitsch Kryschanowski (). Mineraloge. Kurator des Mineralogischen Museums, benannt nach A. J. Fersman in Moskau. Nach ihm wurde das Mineral Kryzhanovskit benannt. Boris Michailowitsch Kupletski (). Geologe und Petrograph am Institut für Geologische Wissenschaften der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Nach ihm (und seiner Frau) wurde das Mineral Kupletskit benannt. mini|hochkant|Aleksander N. Labunzow Aleksander Nikolaewitsch Labunzow. Nahm seit 1922 an geologischen Expeditionen auf die Kola-Halbinsel teil, war 1923–1926 einer der Entdecker der Apatit-Lagerstätten der Chibinen (u. a. 1926 die Lagerstätte im Kar Apatitowy Zirk) und fand 1926 in den Chibinen die ersten Lovchorrit-Erze. Von 1929 bis 1933 Leiter des Explorationstrusts „Apatit“. War Entdecker und Erstbeschreiber der Minerale Pamirit (heute Forsterit) und Fersmanit. Nach ihm (und seiner Frau Ekaterina Jewtichijewna Kostyljowa-Labunzowa) wurde das Mineral Labuntsovit (heute Labuntsovit-Mn) sowie die anderen Vertreter der Labuntsovit-Gruppe benannt. Wladimir Iwanowitsch Vlodavets (). Petrograph und Vulkanologe. Führte ab 1922 petrographische Forschungen auf der Kola-Halbinsel durch. Nahm die erste industrielle Bewertung der Apatitlagerstätte am Berg Kukiswumtschorr vor, welche die große industrielle Bedeutung der Lagerstätte bewies. War Organisator und erster Direktor (1935–1936) der vulkanischen Station Kamtschatka, untersuchte dort eine Gruppe aktiver und erloschener Vulkane. Wechselte Anfang 1963 zusammen mit dem Labor für Vulkanologie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR an das neu gegründete Institut für Vulkanologie der sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Nach ihm wurde das Mineral Vlodavetsit benannt.
Alle nach diesen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern benannten Minerale haben ihre Typlokalität in den Chibinen oder in den Lowosero-Tundren (nulla regula sine exceptione: Vlodavetsit, Kryzhanovskit). Zu beachten ist der hohe Frauenanteil an dieser Forschergruppe. Ähnliches stellte Cornelius Searle Hurlbut fest, als er am 17. Internationalen Geologenkongresses im Juli 1937 in Moskau teilnahm. Anlässlich der Nordexkursion besuchte er auch die Titanit-Lagerstätte am Berg Juksporr und fand es „interessant festzustellen, dass die Leiterin des Titanit-Bergwerks eine Frau ist und dass etwa die Hälfte der Arbeiter, wie anderswo in Russland, Frauen sind“.
Der im südlichen Teil der Chibinen operierende, durch Aleksander Nikolaewitsch Labunzow und Boris Michailowitsch Kupletski geleitete Expeditionsteil entdeckte im Sommer 1923 an den Südhängen des Berges Raswumtschorr (Berg des grasigen Tales) Bruchstücke von aus dem Moos ragendem feinkörnigem Apatit. Zwei Jahre später konnte Labunzow auf einer Fläche von über 10.000 m² Ausbisse von Apatit-Nephelin-Gesteinen lokalisieren. Anfang November 1926 organisierten die Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Versuchsstelle in den Chibinen I. G. Eikhfeld und G. M. Kreps die Gewinnung der ersten technologischen Probe von Apatit-Erz. Etwa 100 Pud Apatit (1 Pud entspricht 18,28 kg) wurden aus dem Ijolith-Sporn am Berg Raswumtschorr gewonnen, auf Rentieren ins Tal transportiert und zur Untersuchung eingeschickt. Im Sommer 1927 wurde die Suche nach Apatit fortgesetzt. Fersman und Kupletski entschlüsselten den geologischen Bau des Massivs und prognostizierten Flächen mit Vorkommen von Apatit-Erz, die sich später als die weltgrößten Apatitlagerstätten herausstellten. Diese Entdeckung beeinflusste nicht nur die Wirtschaft der jungen UdSSR, sondern auch die Weltlandwirtschaft. Damit war die lange Etappe des Studiums der Chibinen durch Einzelreisende und kleine Abteilungen beendet. Die Ära der komplexen wissenschaftlichen und industriellen Entwicklung des Gebirges begann. Im Bereich der Berge Kukiswumtschorr, Juksporr und Raswumtschorr wurden große Erzkörper von Apatit-Nephelin-Gesteinen gefunden; in der Folge konnten die geologische Struktur des Massivs weiter verfeinert und die wichtigsten Arten von Pegmatit-Erzgängen sowie deren geologische Position entschlüsselt werden.