mini|Toni Halle Toni Halle (* 19. April 1890;In einem von Kowalzik abgedruckten Schreiben des Sächsischen Ministeriums für Volksbildung aus dem Jahre 1924 ist von der „Lehrerin Toni Halle aus Allenstein“ die Rede (Barbara Kowalzik: Lehrerbuch … S, 162), und im Internet finden sich auch Hinweise auf Leipzig als Geburtsort. † 2. August 1964 in Tel Aviv) war eine deutsch-israelische Pädagogin. 1937 gehörte sie zu den Begründern des Neuen GymnasiumsDer hebräische Name entspricht der Bezeichnung Neues Gymnasium wird aber in englischen Übersetzungen oft als New High School oder als Tichon Hadash wiedergegeben. 1995 wurde dem Schulnamen der Name von Jitzchak Rabin hinzugefügt. in Tel Aviv, dessen erste und langjährige Direktorin sie auch war. Nach Gershom Scholem war sie eine „der angesehensten und einflussreichsten Lehrerinnen“ Israels.Gershom Sholem: Von Berlin nach Jerusalem Laut Hila Kubo gab es in Israels Wissenschaft, Kultur, Recht oder Wirtschaft im Jahre 2007 keinen Bereich, in dem nicht wenigstens ein Absolvent des Neuen Gymnasiums beziehungsweise eine Schülerin oder ein Schüler von Toni Halle zu finden war.Hila Kubo: Sie hat für sie Schule gemacht

Leben vor der Auswanderung Über die Kindheit und Jugend von Toni Halle, deren Namen in der Rückübersetzung aus dem Hebräischen meist als Tony Hela wiedergegeben wird, ist wenig überliefert. Hinweise auf sie und über ihr Leben bis zu ihrer Auswanderung finden sich vorwiegend in den Erinnerungen zweier Freunde aus ihrer Studienzeit: Gershom Scholem und Werner Kraft. Scholem hatte die Germanistikstudentin Toni Halle im Wintersemester 1915/1916 über Grete Lissauer kennengelernt.Zu Grete Lissauer, die von Scholem häufig erwähnt wurde, gibt es keine konkreten Hinweise. Scholem selber beschrieb sie als „eine etwa 35jährige Dame“ und „Frau eines im Heeresdienst stehenden Extraordinarius der Medizin in Königsberg“, die er in einer Vorlesung von Ernst Troeltsch in Berlin kennengelernt habe, und die ihn „mit einigen jüdischen Studentinnen bekannt[gemacht]“ habe, darunter auch Toni Halle. (Gershom Sholem: Von Berlin nach Jerusalem, S. 79–81) Die Begegnung zwischen Halle und Scholem fand vermutlich noch in Berlin statt, bevor sich Scholem, Lissauer und auch Halle 1916 nach Heidelberg begaben. In einer Tagebuchaufzeichnung vom 8. Juli 1916 taucht sie bei Scholem als eines der „Heidelberger Mädels“ auf.Gershom Scholem Tagebücher. 1. Halbband: 1913–1917. 1916 wiederum lernte auch Werner Kraft, der mit Scholem durch Walter Benjamin bekannt geworden war, Toni Halle kennen – bei Scholem in Jena.

Kraft lernte hier auch Tonis Schwester Erna (1896–1996) kennen, mit der er ab 1922 verheiratet war. Er erwähnte auch eine weitere Schwester, die Bibliothekarin ElseWerner Kraft: Spiegelung der Jugend Über sie berichtete er im Juni 1938 aus Jerusalem an einen Freund: „Wir haben diesen Winter großen Kummer gehabt. Meine Schwägerin aus Berlin, die dort Bibliothekarin war und die Du vielleicht einmal bei uns gesehen hast, lebte seit einigen Jahren mit uns zusammen. Sie ist an einer furchtbaren Krankheit gestorben. Jede Hilfe war unmöglich. Ein seltener Mensch ist mit ihr dahingegangen.“Werner Kraft 1896–1991 Ebenfalls von Kraft stammt auch eine kurze biografische Skizze vom Vater der drei Halle-Schwestern, der einer der wenigen höheren Richter jüdischer Glaubenszugehörigkeit im preußischen Staatsdienst gewesen seiBarbara Kowalzik: Lehrerbuch:

Caspar Halles (1853–1923) Ehefrau Emma (1861–1908) war die Schwester von Paul Stettiner, dessen Lieblingsnichte Toni Halle gewesen sei. Das Ehepaar Halle hatte neben den drei schon erwähnten Töchtern auch noch einen Sohn, Arno, geboren in Labiau, der aber bereits 1902 im Alter von 15 Jahren in Allenstein verstorben war.Ortsfremd in Allenstein Verstorbene 1902

Scholems Tagebucheinträge geben keine klare Auskunft darüber, an welchen Orten sich Toni Halle wann aufgehalten hat, ob die Aufenthalte studienbedingt waren, oder nur einem Besuch dienten. Das gilt auch für einen Tagebucheintrag vom 10. September 1916, in dem Scholem über einen Vortrag Siegfried Lehmanns im Jüdischen Volksheim in Berlin berichtete: „Vor mir stand – Fräulein Halle als angenehme Überraschung und der Choros der jungen Mädchen Marke Jugendverein.“ Marke Jugendverein steht hier für den 1914 gegründeten Zionistischen Jugendverein Berlin, an dem sich Scholem eine Zeit lang beteiligte, und offenbar auch Toni Halle. Das könnte auch der Hintergrund sein für Kowalziks Aussage, dass Halle seit „ihrer Studienzeit der zionistischen Bewegung eng verbunden“ war. Was das konkret heißt, ist bei Kowalzik allerdings nicht weiter ausgeführt. Aussagen von Kraft und Scholem zeigen aber, dass sich Halle neben der hebräischen Sprache auch mit den jüdischen Schriften beschäftigte, wenngleich nicht immer vom Wohlwollen Scholems begleitet. So kommentierte er etwa in seinem Tagebuch eine Arbeit, die Toni Halle 1917 während ihres Studiums in Heidelberg für ein Seminar bei Karl Jaspers angefertigt hatte, mit den Worten: „Brief von Toni Halle mit dem entsetzlichen, ganz und gar thoralosen Chasidismus-Seminarreferat“.Gershom Scholem Tagebücher. 2. Halbband: 1917–1923. Gleichwohl belegen viele weitere Eintragungen in den Tagebüchern, dass Scholem einen intensiven intellektuellen Austausch mit Halle pflegte (wobei er sie noch im Juli 1918 mit „Sie“ und „Ihnen“ anredete).

Tagebucheinträge Scholems deuten an, dass in diesen Jahren Toni Halle – nicht ihre Schwester Erna – ein enges Verhältnis zu Werner Kraft hatte. So notierte er am 7. Juli 1918: „An Werner Kraft und Toni Halle ausführliche Briefe geschrieben.“ Am 18. November 1918 hieß es: „Ich denke mit größter Sorge an Werner Kraft. Er muß sich jetzt in einem unnennbaren Wirbel befinden, und ich flehe, daß er durch Toni Halle etwas im Zentrum finden möge, was nicht Selbstmord heißt und bedeutet. Aber ich weiß nicht, wie stark Toni ist. Die Lage ist verzweifelt.“ Am 26. April 1919 bemerkte er nach einem Gespräch mit Walter Benjamin über Kraft: „Und es ist gut, daß er [Kraft] Toni Halle hat.“ Während weiterhin Erna Halle bei Scholem keine Erwähnung findet, schrieb er am 22. Juli 1919 „an Escha [Elsa Burchhardt] und Toni/Werner Kraft wegen der Freiburger Semesterfrage, an die beiden letzteren sehr beschwörend“.

Kraft, der über seine Beziehung zu Toni Halle nichts berichtete, studierte seit dem Sommersemester 1919 in Freiburg im Breisgau – und zwar zusammen mit Erna und Toni Halle. „Ich ging zum Studium nach Freiburg, mit mir Toni und Erna. Diese zwei Semester, das war eine wunderbare Zeit, das war das neue Leben.“ Gleichwohl gab es wohl auch von Kraft nicht erwähnte Überlegungen, zum Wintersemester 1919/20 nach München zu wechseln, und 1919 hielt sich auch Toni Halle in München auf, wo sie sich mit Scholem und Käthe Ollendorf, der Noch-Ehefrau von Johannes R. Becher, traf. Hinzu kam ein enger Freund Scholems aus seiner Militärzeit: Gustav Steinschneider (1899–1981), der Enkel des von Scholem hochgeachteten Moritz Steinschneider. Gustav Steinschneider wurde später in Palästina der Lebensgefährte von Toni Halle und kurz vor ihrem Tod auch noch ihr Ehemann.

Über die Zeit bis 1922 gibt es keine Informationen und auch keine Belege für einen von Kubo behaupteten Studienaufenthalt in Paris nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Im Juli 1922 wurden Erna Halle und Werner Kraft durch Leo Baeck in Berlin getraut. Das Paar zog nach Leipzig und am 3. August 1923 wurde der Sohn Caspar geboren. Um diese Zeit kam auch Toni Halle nach Leipzig. Ob sie davor ein Lehrerseminar absolvierte, wie ebenfalls von Kubo behauptet, kann nicht überprüft werden. Sie war seit dem 1. Oktober 1923 Lehrerin an der Höheren Israelitischen Schule, und am 27. Juni 1924 genehmigte ihr das Sächsische Ministerium für Volksbildung dort die Leitung der privaten israelitischen Volksschule für Mädchen zu übernehmen. Kowalzik bezeichnete Halle in dem Zusammenhang als „akademisch gebildete Oberlehrerin für Deutsch und Sprachen“. Nach Kowalzik wohnte sie am Floßplatz „zusammen mit ihrer Schwester Erna und deren Ehemann“. Jörg Drews nennt allerdings für Werner Kraft und dessen Frau eine andere Adresse in Leipzig, und auch Kraft selber erzählte nur davon, wie er nach der Geburt seines Sohnes 1923 „heroisch um zwei Zimmer“ für seine Familie gekämpft habe. Toni Halle erwähnte er im Zusammenhang mit seiner Leipziger Zeit überhaupt nicht.

Bei Hila Kubo heißt es unter Berufung auf Halles Nichte, Toni Halle und ihre Schwester seinen Mitglieder des Wandervogels gewesen. Es gibt kein Belege dafür, und nach dem oben skizzierten Werdegang hätte es sich vermutlich eher um eine Mitgliedschaft im zionistischen Ableger des Wandervogels gehandelt haben dürfen, dem jüdischen Wanderbund Blau-Weiß. Auch dafür gibt es keine Belege, auch wenn Scholem Toni Halle im Zusammenhang mit seinen Auseinandersetzungen mit dem Blau-Weiß kurz erwähnte. Denkbar ist aber, obwohl ebenfalls nicht belegt, dass Halle während ihres Studiums in Freiburg Kontakte zum 1919 gegründeten zionistischen Ausbildungsgut Markenhof hatte, wie das in einem Artikel aus dem Archiv des Kibbuz Beit Zera vermutet wird. Sicher ist man sich dort aber, dass sie mit Benjamin Porat befreundet war, der zu den Gründern von Beit Zera gehörte und früher zum Jung-Juda-Kreis um Gershom Scholem.Tony Hela - und ihre Verbindung zum Markenhof (siehe Literatur)

Unklar ist auch wann Toni Halle, die ja von Joseph Walk als Halle, Toni, Dr.phil. vorgestellt wurde (siehe Literatur), promoviert wurde.Walk bezieht sich dabei auf das oben schon erwähnte Buch Lexikon der Persönlichkeiten in Eretz Israel, 1799–1948, das aber nur auf Hebräisch vorliegt. Auf der israelischen Wikipedia-Seite wird die Promotion als Abschluss ihres Studiums hingestellt, wofür es jedoch keine Belege gibt. Ein Hinweis auf eine Dissertation findet sich auch nicht im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, wo ihr Name nur im Zusammenhang mit dem Nachlass von Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv erwähnt wird.Nachlass Gustav Steinschneider im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main Gegen eine zum damaligen Zeitpunkt schon erfolgte Promotion spricht auch, dass sie im Verzeichnis der Lehrkräfte der Mädchenschule ab 1. April 1924 ohne Doktor-Titel aufgeführt wird, obwohl der Titel bei vielen ihrer Kollegen auf der Liste verzeichnet ist.Sächsisches Staatsarchiv: SHStAD, MfV, Nr. 11864/396, Bl. 205 Akten des Ministeriums des Kultus und öffentlichen Unterrichts. Sachbetreff: Dr. Carlebach’sche (israelitische) Privatschule in Leipzig In dem schon erwähnten Schreiben des Sächsischen Ministeriums für Volksbildung vom 27. Juni 1924 wird sie ebenfalls nur als „Lehrerin Toni Halle“ erwähnt, und nicht mit einem akademischen Titel.

Leben in Palästina und Israel 1926 wanderte Toni Halle nach Palästina aus. Für Kowalzik, für die damit ihre Befassung mit Halle endete, war dieser Schritt die Folge von Halles langjähriger Nähe zur zionistischen Bewegung. Andere Begründungen oder Selbstzeugnisse befinden sich allenfalls in Halles Nachlass im Samuel-Hugo-Bergmann-ArchivArchivalien von Toni Halle befinden sich im Samuel-Hugo-Bergman-Archiv der National Library of Israel. in Jerusalem. Informationen über ihr Leben und Wirken in Palästina/Israel stammen deshalb, abermals aus zweiter Hand, diesmal aber überwiegend aus den Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler, die im Zusammenhang mit dem 75-jährigen Jubiläum der Schule zusammengetragen oder in Zeitungsartikeln verarbeitet wurden.

Toni Halle unterrichtete in Palästina zunächst an einem Seminar der religiösen Misrachi-Bewegung in Jerusalem, mit dessen Geist sie sich aber nicht identifizieren konnte. Sie traf sich 1927 mit Werner Kraft und dessen Familie in Florenz, zog nach Tel Aviv und unterrichtete hier am 1927 gegründeten und nach Max Nordau benannten Nordia-Gymnasium.