Der dritte Mann (Originaltitel The Third Man) ist ein in Schwarzweiß gedrehter britischer Film noir von Carol Reed aus dem Jahr 1949. Der Film entstand nach einem Drehbuch von Graham Greene. Hauptfigur ist der amerikanische Autor Holly Martins (Joseph Cotten). Er reist wegen eines Jobangebotes seines Freundes Harry Lime (Orson Welles) in das Wien der Nachkriegszeit und stößt dort auf kriminelle Machenschaften. In einer weiteren Hauptrolle ist Alida Valli zu sehen.
Zur Bekanntheit des Films trugen unter anderem das von Anton Karas auf der Zither gespielte Harry-Lime-Thema, die expressionistischen Kameraperspektiven, Orson Welles’ viel zitierte „Kuckucksuhr-Rede“ Auf: Dallas1972.Blog.de. 21. Juni 2012. und die finale Verfolgungsjagd durch die Wiener Kanalisation bei.
Handlung
Wien nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Stadt ist in Besatzungssektoren der vier Hauptsiegermächte USA, Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien aufgeteilt. Ein fünfter, internationaler Sektor, die Innere Stadt, wird von den vier Mächten gemeinsam (das heißt monatlich abwechselnd) verwaltet.
Der Amerikaner Holly Martins, Autor von billigen Wildwestromanen, ist finanziell am Ende. Ein Arbeitsangebot von seinem in Wien lebenden Jugendfreund Harry Lime kommt ihm gerade recht. Bei seiner Ankunft erfährt Martins, dass Harry kurz zuvor bei einem Verkehrsunfall direkt vor seinem Haus ums Leben gekommen sei. Bei der Beerdigung spricht ihn der britische Major Calloway an und eröffnet ihm, sein verstorbener Freund sei ein übler Schieber gewesen, was Martins empört zurückweist. Calloway empfiehlt ihm, mit der nächsten Maschine nach Hause zu fliegen.
Martins beginnt mit eigenen Recherchen und stößt auf eine Reihe merkwürdiger Zufälle: Harry wurde von seinem eigenen Fahrer überfahren. Zwei von Harrys Bekannten (Kurtz und Popescu), die mit ihm unterwegs waren, trugen den Sterbenden auf den Gehsteig, und Harrys Hausarzt Dr. Winkel, der zufällig wenige Minuten später zugegen war, stellte noch am Ort des Geschehens seinen Tod fest. Bei seinen Nachforschungen trifft Martins auch auf Harrys ehemalige Freundin Anna Schmidt, die als Schauspielerin im Josefstadttheater arbeitet. Bei einer Hausdurchsuchung werden Annas Papiere als Fälschung enttarnt und einbehalten. Da sie aus der Tschechoslowakei stammt und mit von Harry organisierten Papieren in Wien lebt, droht ihr eine Auslieferung an die sowjetische Besatzungsmacht.
Der Portier im Haus von Harrys Wohnung berichtet Martins arglos von einem „dritten Mann“, der geholfen habe, Harry über die Straße zu tragen. Als Martins ihn überreden will, eine Aussage bei der Polizei zu machen, kommt es zum Streit zwischen den beiden. Später bittet der Portier jedoch Martins, am Abend auf eine weitere Unterhaltung vorbeizukommen. Martins unterrichtet Popescu davon, dass der Portier einen dritten Mann gesehen habe. Als Martins zum verabredeten Zeitpunkt beim Portier eintrifft, ist der Portier tot, er wurde ermordet. Martins gerät selbst für einen Moment unter Verdacht. Nur knapp kann er nach einer Veranstaltung des British Council zwei zwielichtigen Verfolgern entkommen, die Popescu auf ihn hetzt.
Von Major Calloway wird er anschließend aufgeklärt, dass er sich mit der gefährlichsten Schieberbande von Wien angelegt habe. Harry Lime betrieb Geschäfte mit gestohlenem Penicillin, das zum Zweck der Gewinnmaximierung gestreckt wurde und bei den Behandelten zu dauerhaften Schäden bis hin zum Tode führte. Joseph Harbin, Mitarbeiter des Militärspitals und Mitglied von Harrys Bande, brachte Calloway auf diese Spur, doch der Mann sei seit ein paar Tagen verschwunden.
Martins besucht Anna, in die er sich verliebt hat, sie jedoch kann Harry nicht vergessen. Als er ihr Haus verlässt, bemerkt er in einem Hauseingang gegenüber einen Mann, den er erst für einen Verfolger hält, doch dann erkennt er in ihm zu seiner Verwunderung Harry. Martins läuft ihm nach, verliert ihn aber aus den Augen. Calloway ordnet daraufhin eine Exhumierung an. In Harrys Sarg liegt Calloways Informant Joseph Harbin.
Martins lässt Harry über dessen Bekannte Kurtz und Dr. Winkel wissen, dass er ihn treffen will. Am Riesenrad im Wiener Prater kommt es zur Begegnung, dem Höhepunkt des Films. Beide Männer steigen in einen Waggon des Riesenrads ein. Während der Fahrt rechtfertigt Harry seine Penicillinfälschungen mit der Bedeutungslosigkeit des Lebens einzelner Individuen (wobei sich dem Zuschauer der Eindruck aufdrängt, dass er Martins jederzeit aus dem Waggon stürzen könne). Er gesteht sogar, seine ehemalige Geliebte Anna an die sowjetischen Beamten verraten zu haben, damit diese ihn in ihrem Sektor dulden, sie bedeute ihm nichts. Martins schlägt Harrys neuerliches Angebot, für ihn zu arbeiten, aus.
Calloway bedrängt Martins, Harry aus dem sowjetisch besetzten Sektor Wiens in einen von den Westalliierten besetzten zu locken. Als Gegenleistung will er Anna helfen, in den Westen auszureisen. Martins willigt ein. Als Anna am Bahnhof dahinterkommt, um welchen Preis ihre Abreise ermöglicht wurde, macht sie Martins heftige Vorwürfe und weigert sich, den Zug zu besteigen. Martins zieht seine Zusage zurück, Calloway zu helfen. Daraufhin führt Calloway Martins in ein Kinderspital, um ihm einige Opfer von Harrys Machenschaften zu zeigen. Schockiert erklärt sich Martins nun bereit, für Calloway als Lockvogel zu arbeiten und Harry der Polizei auszuliefern. Er verabredet sich mit ihm in einem Kaffeehaus.
Als Harry dort ankommt, wird er von Anna, die von dem Treffen erfahren hat, gewarnt. Er flieht in die weitverzweigte, durch alle fünf Sektoren Wiens verbundene Kanalisation, verfolgt von einem großen Polizeiaufgebot. Harry trifft Sergeant Paine tödlich, wird jedoch selbst von Calloway angeschossen. Als er durch einen Kanaldeckel entkommen will und diesen nicht öffnen kann, ist sein Schicksal besiegelt. Er nickt Martins zu und bittet ihn damit stillschweigend darum, ihn zu erschießen, was dieser mit Sergeant Paines Revolver auch tut.
Nach Harrys Beerdigung auf dem Wiener Zentralfriedhof wartet Martins in einer langen Schlusseinstellung in einer Allee des Friedhofs auf Anna. Doch sie geht an Martin vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Produktion Vorproduktion Der Filmproduzent Alexander Korda fragte bei Graham Greene an, ob er nach Kleines Herz in Not (Originaltitel: The Fallen Idol, 1948) ein neues Drehbuch für Regisseur Carol Reed schreiben könne. Greene erzählte ihm vom ersten Absatz einer Geschichte, den er Jahre zuvor auf einem Briefumschlag skizziert hatte:
Korda fand die Idee nicht in Ordnung. Greene dachte daran, den Schauplatz der Geschichte in Rom oder Paris anzusiedeln. Karl Hartl, in den 1920er Jahren in Wien Kordas Produktionsassistent und zur Zeit des Anschlusses Österreichs Leiter der Wien-Film, schlug ihm jedoch vor, die Handlung nach Wien zu verlegen und den Film an den Originalschauplätzen zu drehen.Vorwort zu Brigitte Timmermann, Frederick Baker: Der dritte Mann. Auf den Spuren eines Filmklassikers. Czernin, Wien 2002, ISBN 3-7076-0143-9, abgerufen am 2. April 2012.
Greene erhielt von Korda 10.000 britische Pfund und reiste nach Wien, um Recherchen anzustellen und einen Drehbuchentwurf abzuliefern. Als Inspiration dienten Greene ein Besuch der Kanalisation und der Bericht eines britischen Offiziers über einen in Wien tätigen Ring von Penicillin-Schiebern. Korda hatte für Greenes Betreuung am Drehort Wien die von ihm bereits für die Produktion von Anna Karenina engagierte britische Schriftstellerin und Regisseurin Elisabeth Montagu (1909–2002)Elizabeth Varley. (englisch). In: telegraph.co.uk. 1. Juni 2002, abgerufen am 18. September 2002. als Austrian Advisor (Titelsequenz) beigestellt. In Italien verfasste Greene anschließend ein Treatment. Wie Greene später notierte, wurde Der dritte Mann „nicht geschrieben, um gelesen zu werden, sondern um gesehen zu werden“.Graham Greene: Vorwort zu Der dritte Mann. 9. Aufl. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009, ISBN 978-3-423-11894-1, S. 7–10. Die nachfolgenden Drehbuchfassungen entstanden in enger Zusammenarbeit mit Carol Reed.Interview mit Graham Greene bei einer Veranstaltung des Guardian und des National Film Theater, 1984. Dabei wurden unter anderem die Nationalitäten einiger Charaktere und deren Motivation geändert. So wurde aus dem Briten Harry Lime ein Amerikaner, und die Nutzung seines Schieberrings zur Verbreitung antisowjetischer Propaganda wurde gestrichen.
Alexander Korda vereinbarte in Hinblick auf den Verleih des Films in den USA eine Koproduktion mit David O. Selznick. So konnten Joseph Cotten und Alida Valli verpflichtet werden, die bei Selznick unter Vertrag standen. Im Gegenzug erhielt Selznick alle Einnahmen aus dem amerikanischen Markt und die künstlerische Kontrolle über die US-Fassung. Nach Zusage einer Gage über 100.000 US-Dollar übernahm Orson Welles die Rolle des Harry Lime. Welles gab in späteren Jahren an, seine Dialoge selbst geschrieben zu haben; eine Aussage, die Frederick Bakers Dokumentarfilm Shadowing the Third Man (2004) als unwahr hinstellt. Lediglich die „Kuckucksuhr-Rede“ wurde von Welles verfasst. Diese geht, nach Angabe verschiedener Quellen, wiederum auf ein Churchill-Zitat aus dem Jahre 1938 zurück.Unter anderem Kay Halle: Irrepressible Churchill – a treasury of Winston Churchill’s Wit. The World Publishing Co. 1966, S. 136. Sarah Johnstone, Tom Masters, Vesna Maric: London City Guide. Lonely Planet 2010, ISBN 978-1-74179-226-3, S. 94.
Im August 1948 trafen sich Reed und Greene mit Selznick, dem ein Mitspracherecht am Drehbuch zugesagt worden war, doch keiner seiner Vorschläge wurde übernommen. Dagegen konnte sich Reed mit seiner Ansicht, dass das Happy End des ersten Entwurfs (Holly Martins und Anna finden zusammen) nicht funktionieren würde, erfolgreich durchsetzen. In Greenes später veröffentlichtem Roman, der auf dem ersten Treatment basierte, wurde das Happy End aber beibehalten.
Dreharbeiten Die sieben Wochen dauernden Dreharbeiten in Wien begannen im Oktober 1948. Insgesamt wurden drei Aufnahmeteams parallel beschäftigt, davon eines ausschließlich für die Nachtaufnahmen, die Robert Krasker fotografierte. Um das Pflaster und die Straßen in den Nachtaufnahmen sichtbar zu machen, mussten diese von der Feuerwehr ständig nass gehalten werden. In einer Einstellung auf der Taxi-Fahrt zur Veranstaltung des British Council sieht man im Hintergrund ein Feuerwehrfahrzeug und die Feuerwehrmänner bei ihrer Arbeit. Ein weiteres Team drehte die Szenen in der Kanalisation. Beim dritten Team führte der österreichische Filmveteran Hans Schneeberger die Kamera, von ihm stammen unter anderem die Wien-Bilder der Eingangssequenz.
Orson Welles war nur zwei Wochen anwesend, daher wurden viele seiner Szenen ohne ihn bzw. mit Doubles gedreht. Darunter waren Aufnahmen in der Kanalisation, Harry Limes erster Auftritt mit der Katze und die Einstellung, in der Harry Lime plötzlich auf dem Schuttberg erscheint.
Der Film enthält auch im englischen Original deutschsprachige Dialogzeilen, die nicht synchronisiert wurden. Neben den österreichischen Darstellern sprechen auch die fremdsprachigen Hauptdarsteller einige deutsche Sätze, die meisten davon Alida Valli. Paul Hörbiger verstand kein Englisch, sprach aber seine englischen Sätze selbst, die er Wort für Wort auswendig lernte.Shadowing the Third Man. Großbritannien/Österreich/Frankreich/Japan/USA 2004, Regie: Frederick Baker.
Mit Bernard Lee und Robert Brown sind gleich zwei spätere Darsteller des „M“ in den James-Bond-Filmen als Angehörige der britischen Militärpolizei zu sehen.
Regieassistent war Guy Hamilton, später Regisseur mehrerer James-Bond-Filme.
Drehorte mini|Das Grab Harry Limes wurde links vom Grab der Familie Elchinger auf dem Weg fingiert. mini|Palais Pallavicini am Josefsplatz, im Film Limes Wohnhaus