mini|350px|Modell des Rokumeikan im Edo-Tokyo-Museum. Rokumeikan (japanisch ) ist ein am 5. März 1957 veröffentlichtes Theaterstück in vier Akten. Verfasst wurde es vom japanischen Schriftsteller Yukio Mishima.

Das Stück war für seine Zeit einmalig durch seine Thematisierung komplexer politischer Intrigen, der Tücken von Liebe und Hass und des Konflikts zwischen politischer Macht und Liebe. Gleichzeitig behandelt Mishima das Thema Wahrheit und unterstreicht durch ständig wechselnde Erzählperspektiven seine These, dass absolute Wahrheit nicht existiert.

Das historische Drama spielt am 3. November 1886, dem 34. Geburtstag von Kaiser Meiji. Zur Zelebrierung wird ein Tanzball im titelgebenden Rokumeikan veranstaltet, der aber von Mitgliedern der Oppositionspartei gestürmt werden soll. Als ein Mitglied der Regierung dies mitkriegt, versucht es, sich alte Familientragödien zunutze zu machen, um den Vorsitzenden der Oppositionspartei unauffällig zu töten.

Nachdem Mishima im Vorjahr mit seiner Theaterstücksammlung Fünf moderne Nō-Spiele international einen Großerfolg verbuchen konnte, fasste er das Ziel seine in der Sammlung enthaltenen Stücke zu übertreffen. Dafür schrieb er insgesamt vier Monate an dem Stück, das später Rokumeikan werden sollte. Mishima selbst war stolz auf das Ergebnis und bezeichnete das Stück als sein „erstes kunstvolles Theaterwerk.“Über Rokumeikan. Mainchi Shimbun. 4. Dezember 1956. Veröffentlicht in: Yukio Mishima: Rokumeikan. Shincho Bunko. Dezember 1984. ISBN 978-4101050355.

Rokumeikan ist eines der bekanntesten Theaterstücke des Autors. Es gilt als Meisterwerk des Nachkriegstheaters und hat infolgedessen zahlreiche Adaptionen, Hommagen und Parodien mit sich gezogen. Allein im Jiyū-Gekijō-Theater wurde es von 2006 bis 2009 über 200 Mal aufgeführt und verbuchte über 100.000 verkaufte Tickets.Toru Matsumoto: Verschiedene Erklärungen des Bühnenerfolgs von 'Rokumeikan'. 2010. S. 86ff.Nobuko Arimoto: Ein wunderschönes Stück, mit enger Konstruktion. Veröffentlicht in: Toru Matsumoto: Separate Volume Taiyo Japanese Heart 175-Yukio Mishima. Heibonsha. Oktober 2010. S. 86f. ISBN 978-4582921755.

Wichtigste Charaktere Graf Kageyama Hisatoshi ein rücksichtsloser politischer Führer.

Gräfin Asako die Ehefrau Kageyamas.

Marquess Daitokuji Sueko eine Freundin von Asako.

Akiko Sueko Tochter der Marquess. Verliebt in Hisao.

Kiyohara Einosuke Führer der oppositionellen Rechten.

Hisao Einosuke der wütende und enttäuschte Sohn Kiyohara Einosukes.

Tobita Tenkotsu ein Assassine.

Kusano das Dienstmädchen der Kageyamas.

General Miyamura der führende General der Meiji-Regierung.

Noriko Miyamura die Ehefrau des Generals.

Baron Sakazaki und seine Ehefrau Sadako Sakazaki

Aufbau mini|Der Rokumeikan-Pavillon im Jahre 1883–1900. Das Stück ist in vier Akte geteilt:

Der erste Akt spielt in der Teestube (Senkantei) im Garten des Grafen Kageyama gegen 11 Uhr mittags. Der zweite Akt spielt am selben Ort gegen 13 Uhr. Der dritte Akt spielt im großen Tanzsaal des Rokumeikan gegen 16 Uhr. Der vierte Akt spielt im zweiten Stock des Gebäudes nach 21 Uhr.

Es gibt folglich zwei Bühnensets. In den ersten beiden Akten spielt das Stück im Teeraum des Grafen Kageyama. Die letzten beiden Akte spielen im titelgebenden Rokumeikan, der zum Zeitpunkt des Stücks vor erst drei Jahren errichtet wurde.

Handlung Erster Akt 3. November 1886 im Teeraum des Grafen Kageyama, 11 Uhr: Es ist der Geburtstag des Tennōs und es steht eine Besprechung an. Noriko, Sadako und Sueko sitzen im Teeraum und beobachten ihre Ehemänner durch ein Teleskop. Sie spekulieren über Asako, die Ehefrau des Grafen und wieso diese weder die große Feier am Abend noch die Teezeremonie besucht.

Asako war früher eine berühmte Geisha in Shimbashi und während die anderen Ehefrauen alle westliche Kleider tragen, besteht Asako weiter auf ihre traditionellen japanischen Kimonos. Sie entschied für sich, sich nicht in die politischen Geschäfte ihres Gatten einzumischen; deswegen besucht sie auch die Zeremonien nicht.

Nach einiger Zeit betritt Asako den Raum und die Marquess Sueko konsultiert sie wegen romantischer Komplikationen zwischen ihrer Tochter Akiko und Hisao. Hisao ist der Sohn Einosuke Kiyoharas, dem Vorsitzenden der oppositionellen Rechten (Jiyû Party). Den Anwesenden ist jedoch nicht bekannt, dass Asako eigentlich die Mutter von Hisao ist. Dessen Vater Einosuke steht politisch in jeder Hinsicht diametral zu der Regierungsspitze und positioniert sich eindeutig gegen die Verwestlichung Japans, welche durch die Rokumeikan-Halle symbolisiert wird.

Nachdem die Frauen die Szene verlassen, betritt Hisao die Bühne und Asako und Hisao treffen sich zum ersten Mal in über zehn Jahren. Während ihrer Konversation betont Hisao den Groll, den er gegen seinen Vater Einosuke hegt und seine Verzweiflung, nie seine Mutter kennengelernt zu haben. Einosuke hat sein Leben vollständig der Politik gewidmet und seinen Sohn beim apathischen Dienstmädchen zurückgelassen, das ihn in der Küche schlafen lässt. Hisao glaubt, sein Vater würde ihn bewusst bestrafen wollen, weil er ihn hasse. Sichtlich berührt entscheidet Asako Hisao die Wahrheit zu verraten, namentlich dass sie seine Mutter ist und mit Einosuke eine Liebesbeziehung geführt hat, als sie noch eine Geisha war.

Asako erfährt, dass Hisao plant, seinen Vater zu töten. Indem er ihn tötet, möchte Hisao klarmachen, dass dieser nicht aus politischen Gründen sterben wird, sondern aus persönlichen. Die Tötung ist somit eine bizarre Form, die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erlangen und seine Courage und Willensstärke zu beweisen.

Zweiter Akt 3. November 1886 im Teeraum des Grafen Kageyama, 13 Uhr: Asako bittet Einosuke, während der Abwesenheit des Grafen vorbeizukommen und beide sehen sich nach über 20 Jahren zum ersten Mal wieder. Sie fangen an sich zu lieben und Einosuke äußert Gewissensbisse wegen seiner Distanziertheit zu seinem geliebten Sohn Hisao.

Einosuke verfolgt den Plan, die Feier im Rokumeikan zu stürmen, doch Asako bringt ihn davon ab. Als ihr Ehemann Graf Kageyama zurückkommt, verlässt Einosuke unentdeckt die Szenerie. Zusammen mit Kusano, dem Dienstmädchen, belauscht Asako ihren Ehemann und Tobita bei einem privaten Gespräch. Dort findet sie heraus, dass Graf Kageyama plant, Einosuke zu töten und es wie einen Familienmord aussehen zu lassen. Kageyama traf Hisao vor einem Monat und fand dort über seinen Hass gegen seinen Vater heraus. Er fasst deshalb den Plan, Einosuke durch die Hand Tobita sterben zu lassen und die Schuld Hisao zuzuschieben.

Asako unterbricht das Gespräch und sagt ihrem Ehemann, dass erstens heute kein Einbruch Einosukes stattfinden wird und zweitens sie beschlossen hat, der Feier beizuwohnen. Kageyama versucht irritiert die Gründe für den plötzlichen Sinneswandel seiner Gatting zu verstehen, aber sie weigert sich weiter darauf einzugehen.

Dritter Akt mini|Farbholzschnitt tanzender Gäste im Großen Saal des Rokumeikan. 3. November 1886, Große Tanzhalle des Rokumeikan, 16 Uhr: Asako und Hisao tanzen miteinander. Nachdem er seine echte Mutter gefunden hat, fühlt sich Hisao wesentlich entspannter und auch seine Pläne, Einosuke zu töten, sind geschwunden.

Parallel überredet Graf Kageyama das Dienstmädchen Kusano, ihm die volle Wahrheit zu erzählen. Er erfährt von der Beziehung zwischen Einosuke, Hisao und Asako. Seinen Plan, Einosuke zu töten, möchte er aber dennoch nicht aufgeben. Als Kageyama Hisao auf der Feier trifft, provoziert er ihn. Er redet seine Männlichkeit klein, weil er im Moment der Wahrheit nicht den Mumm aufweist, seinen Vater zu töten. Als Hisao erfolgreich emotional aufgeladen ist, reicht ihm der Graf eine Pistole.

Vierter Akt 3. November 1886, Große Tanzhalle des Rokumeikan, nach 21 Uhr: Eine Vielzahl japanischer Eliten und Würdenträger betreten die Halle und grüßen einander. Nach einiger Zeit hört Asako von einem Diener, dass Einosukes Parteifreunde in das Rokumeikan eingebrochen sind. Um eine Stürmung der Feier zu verhindern, rennt Asako trotz Lebensgefahr in den zweiten Stock und versucht die Gruppe aufzuhalten.

Als Hisao von den Einbrechern erfährt, glaubt er, sein Vater habe ihn und Asako verraten. Er geht nach draußen und zwei Pistolenschüsse sind zu hören. Der aufgebrachten Asako wird erzählt, jemand habe Hisao getötet und wäre danach weggerannt.

Asako trifft Einosuke, schreit ihn an und stellt ihn zur Rede. Er erzählt ihr, dass es sich bei den Einbrechern nicht um seine Parteimitglieder handelt und Hisao ihn darum gebeten, von seinem eigenen Vater getötet zu werden. Einosuke habe sein Wort gehalten und die Feier nicht gestürmt. Asako glaubt ihm.

Außer sich vor Wut geht Asako zu ihrem Ehemann und trennt sich von ihm, um ihr Leben mit Einosuke fortzuführen. Inmitten des Streites des Ehepaares verlässt Einosuke das Rokumeikan. Plötzlich ertönt ein lauter Pistolenschuss außerhalb des Gebäudes. Der Vorhang schließt sich und der Zuschauer wird im Unklaren darüber gelassen, wer den mysteriösen Schuss abgegeben hat.

Charakteristika mini|Für Rokumeikan bediente sich Mishima zu großen Teilen am traditionellen Kabuki-Theater. Ein Grund für den Erfolg von Rokumeikan ist sein einzigartiger Präsentationsstil. Mishima zog für das Stück Inspirationen aus mehreren, eigentlich gegensätzlichen klassischen Theaterströmungen und vermischte diese in ein Gesamtpaket.

Hinsichtlich seiner Dialoge bedient sich Rokumeikan dem modernen Shingeki-Theater. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass es die im Kabuki-Theater vorgeschriebene „gekünstelte Sprache“ ablehnt und sich stattdessen der Sprache der jeweiligen Zeit anpasst.Laurence Kominz: Mishima on Stage The Black Lizard and Other Plays. The Center for Japanese Studies, University of Michigan. S. 4. 2007. Auch dem folgte Mishima jedoch nur bedingt, da er für das Stück zwar nicht die Kabuki-Sprache verwendet, aber auch nicht die Spracheigenheiten aus der Meiji-Zeit. Stattdessen schrieb Mishima das Stück bewusst in der gehobenen Sprache der Taishō-Zeit, da diese den Höhepunkt der Aristokratie darstellt.

Gleichzeitig sind die Gefühle der Charaktere dem Zuschauer jederzeit bekannt, wie im klassischen Kabuki-Theater. Asako beispielsweise versteckt ihre Gefühle vor ihrem Ehemann Graf Kageyama, legt sie dem Publikum aber offen.Isoda Koichi: Shôchô teki satsujin to gendai – Rokumeikan no ningen. In NLT, NLT program No.6. New Literary Theatre. S. 25ff. 1967. Ebenso nutzt Mishima in Rokumeikan das Kabuki-Stilmittel, wichtige Stellen der Geschichte durch laute Geräusche deutlich zu machen. Als Pistolenschüsse zu hören sind, gesteht Asako ihre wahren Gefühle und Hisao gesteht den geplanten Mord an seinem Vater.Takeo Okuno: Rokumeikan ni tsuite. Bungaku-za. S. 10–13. 1956. Auch Elemente des wari zerifu finden sich in dem Stück wieder, namentlich die Eigenheit, Charaktere, die dieselbe Emotion teilen, den gesprochenen Satz gemeinsam enden zu lassen. Die Darsteller des Stücks folgen einer strikten Choreo; auch das ist ein Element des klassischen Kabuki-Theaters und im Shingeki-Theater eher verrucht.

Mishima verfolgte das Ziel, „das einem Schema folgende Schauspiel mit intensiven, psychologisch glaubhaften Emotionen“ zu schmücken. Der Fokus auf Emotionen und Gedanken entspringt einer weiteren traditionellen Theaterform, dem Nō-Theater.

Analysen (Auswahl) Die komplexen Beziehungsdynamiken und Themen von Rokumeikan wurden Gegenstand zahlreicher Analysen. Die wohl prominentesten Theorien sind hier aufgeführt, es handelt sich aber mitnichten um eine vollständige Aufzählung.

Feministische Interpretation Rokumeikan wurde als Kommentar zu den verschiedenen Frauenrechtsströmungen zur Meiji-Zeit interpretiert: der direkten, konfrontativen und der indirekten, persönlichen – hier porträtiert durch Asako.