mini|Cover der englischen Erstausgabe von Mein Freund Hitler. Mein Freund Hitler (, Waga Tomo Hittorā) ist ein am 5. Dezember 1968 veröffentlichtes neoklassizistischesHiroshi Nara: Inexorable Modernity: Japan's Grappling with Modernity in the Arts. Lexington Books. 2007. S. 151. ISBN 978-0-7391-1841-2., humoristisches Theaterstück in drei Akten. Es wurde vom japanischen Schriftsteller Yukio Mishima verfasst und erschien in mehreren Sprachen auch in Buchform.
Mein Freund Hitler folgt im Stil historischer Fiktion den vier politischen Persönlichkeiten Adolf Hitler, Ernst Röhm, Gustav Krupp und Gregor Strasser um die Zeit des Röhm-Putsches und der Nacht der langen Messer. Die Geschichte schildert die Gedanken, Wünsche und Ziele der vier Charaktere kurz vor und nach den tragischen Ereignissen. Mishima legte Wert darauf, nicht die Politik in den Vordergrund zu stellen, sondern vor allem Themen wie Freundschaft, Liebe, Schönheit und Verrat – insbesondere in der Beziehung zwischen Röhm und Hitler – zu behandeln.
Das Stück erschien als Begleitwerk zum 1965 veröffentlichten Madame de Sade. Während dort alle Charaktere weiblich waren, diskutiert in Mein Freund Hitler ein vollständig männlicher Cast über Schönheit und Faschismus. Nach eigenen Aussagen wollte Mishima damit Kritiker bloßstellen, die ihm unterstellten, dasselbe Kunststück nicht auch mit dem anderen Geschlecht vollbringen zu können.Yukio Mishima: Memorandum zu 'Mein Freund Hitler'. Januar 1969. Gesammelt in: Yukio Mishima: Madame de Sade & Mein Freund Hitler. (Überarbeitete Ausgabe). Shincho Bunko. Juni 2003. S. 386ff.
Zu seinem Erscheinen erhielt Mein Freund Hitler positive Kritiken. Aufgrund seines gewagten Themas wurde es im Ausland aber nur vereinzelt aufgeführt, innerhalb Japans hingegen wird es bis heute gespielt.Michisuke Matsumoto: Rezension zur Premiere von 'Mein Freund Hitler'. Veröffentlicht in: Takashi Inoue, Hideaki Sato, Toru Matsumoto (Hrsg.): Yukio Mishima encyclopedia. TsutomuMakoto. 11. Mai 2000. S. 421–425. ISBN 978-4-585-06018-5. Die ethische Einordnung variiert; einige Rezensenten ordnen das Stück als „antifaschistisch“ ein, während andere meinen, es „huldige Faschismus.“
Die deutsche Übersetzung erschien 2013 beim Belleville-Verlag, München als Hardcover (ISBN 978-3-923646-75-3). Für die Übersetzung waren Antje Seilel und Olaf Möller zuständig.
Charaktere mini|Von links nach rechts: Adolf Hitler, Ernst Röhm, Gregor Strasser, Gustav Krupp.
Adolf Hitler Der Reichskanzler Deutschlands und Vorsitzender der NSDAP. Er repräsentiert Rechtsextremismus und Militarismus.
Ernst Röhm Sturmabteilungs-Führer Röhm ist ein rechtsextremer Soldat und glaubt, Hitler sei sein Freund. Von ihm stammt auch der Titel des Stücks.
Gregor Strasser Reichsorganisationsleiter der NSDAP und in ökonomischer Hinsicht Sozialist. Er repräsentiert die sogenannten „Nazi-Linken“ („Strasserismus“).
Gustav Krupp Der Aufsichtsratsvorsitzende einer Stahlfabrik und Symbol für den sogenannten „Todeskaufmann“ (en. „merchant of death“).
Aufbau mini|Der Sitzungssaal in der Reichskanzlei um 1930. Das Theaterstück erfolgt in drei Akten:
Der erste Akt spielt am 1. Juni 1934. Der zweite Akt spielt am nächsten Morgen, den 2. Juni 1934. Der Schlussakt spielt am 30. Juni 1934 um Mitternacht, der sogenannten Nacht der langen Messer.
Die vier Charaktere sind nur in den ersten beiden Akten gemeinsam zu sehen. Im dritten Akt kommen Ernst Röhm und Gregor Strasser nicht mehr vor.
Die Bühne ist in jedem Akt das Büro des Reichskanzlers in Berlin. In seinem Skript benutzt Mishima den altertümlichen und im Ausland geläufigeren Ausdruck „Saal des Reichsministerpräsidenten“.
Handlung Erster Akt 1. Juni 1934 im Saal des Reichsministerpräsidenten, Berlin, auf dem Balkon: Hitler, Vorsitzender der NSDAP und seit einem Jahr Reichskanzler, hält eine öffentliche Rede. Seine beiden Freunde Gustav Krupp und Ernst Röhm betreten die Bühne, um Hitlers Rede zu begutachten.
Sie diskutieren über das „Eisenbukett“, eine Metapher Krupps, um den industriellen Fortschritt zu beschreiben. Zum Ende der Rede stellen sich beide die Frage, wie die neuen Fortschritte genutzt werden können, um Hitler zu einem besseren Führer zu machen.
Gregor Strasser betritt die Bühne, ein langjähriges Parteimitglied und innig mit Röhm verfeindet. Krupp bezeichnet ihre Beziehung als die „eines Hundes und einer Katze.“ Strasser argumentiert, dass alle durch den Krieg erwirtschafteten Profite zurück an das Volk verteilt werden müssen, worauf Röhm wütend wird und ihn einen Sozialisten nennt.
Als die Rede fertig ist, schließt sich Hitler der Gruppe an und erfragt die Reaktionen des Publikums. Die Gruppe sagt ihm, seine Rede wäre ausgezeichnet. Röhm nennt ihn gar einen „Künstler.“
Zweiter Akt 2. Juni 1934, nächster Morgen, im Saal des Reichsministerpräsidenten in Berlin: Nach dem Frühstück trifft sich Hitler mit Röhm und empfiehlt ihm, eine Auszeit von seiner Tätigkeit als Führer der Sturmabteilung zu nehmen. Er bittet ihn solange Krankheit und Waffenstillstand zu simulieren, bis der derzeitige Reichspräsident Paul von Hindenburg stirbt und Hitler neuer Präsident wird.
Hitler, durch die Absprache nun Kommandant der Armee, verfolgt den Plan unbequeme Abweichler innerhalb der Partei auszuschalten. Er redet allein mit Röhm über den „engen Verbund ihrer Freundschaft“ und dass er bedauert so beschäftigt zu sein, dass er „kaum noch Zeit“ hat, sich mit ihm wie in den „guten alten Zeiten“ nur so zu unterhalten. Er beschließt für einen Tag eine Auszeit von der Politik zu nehmen, um Zeit mit Röhm verbringen zu können:
Hitler verlässt die Szene. Nachdem er das Gespräch belauscht hatte, kommt Krupp zu Röhm. Er verspottet Röhms Hingabe zu Hitler und sagt: „Du siehst aus, als wärst du von einem Blitz getroffen worden.“ Röhm ist beschämt und bittet ihn heraus.
Strasser kommt hinzu und schlägt Röhm ein strategisches Umdenken vor, um sich nicht zu sehr von Hitler abhängig zu machen. Er warnt ihn: „So wie ich ihn einschätze, könnte er uns jederzeit töten.“ Trotz intensiver Diskussionen weigert sich Röhm, Strassers Prognosen Gehör zu verleihen. Er macht deutlich, dass er kein Interesse an einem Plan hat, der Hitler hintergeht.
Dritter Akt 30. Juni 1934 um Mitternacht im Saal des Reichsministerpräsidenten, Berlin: Im Rahmen der Nacht der langen Messer respektive des Röhm-Putsches hat Hitler sowohl Strasser als auch Röhm töten lassen.
Hitler ruft Krupp in sein Büro, um sich zu rechtfertigen. Dieser sagt aber: „Adolf, gut gemacht. Du hast mit dem zurückgegebenen Schwert links und rechts von dir geschnitten.“ Hitler nickt zustimmend und sagt: „Es stimmt, in der Politik muss man den Mittelweg gehen.“
Erklärung des Titels Mein Freund Hitler sorgte bei Erscheinen für Verwirrung, da viele Rezensenten dachten, Mishima spreche aus seiner Sicht. Tatsächlich ist der Titel aus Sicht Röhms gesprochen, der bis zu seinem tragischen Tod fest an seine Freundschaft mit Hitler geglaubt hatte.Maiko Minako: Rezension. Veröffentlicht in: Izumi Hasegawa, Katsuhiko Takeda (Hrsg.): Yukio Mishima Encyclopedia. Meiji Shoin. Januar 1976. S. 469f. Durch den Titel wird auch das zentrale Thema des Theaterstücks deutlich, das sich nicht etwa um Politik, sondern um Werte wie Freundschaft, Liebe und Verrat dreht.
Themen Mishima äußerte seinen Wunsch, aus Mein Freund Hitler kein politisches Drama zu machen, sondern universellere Themen wie Freundschaft, Liebe, Loyalität und Verrat zu behandeln.
Verwischte Grenze zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit Nach seinem internationalen Großerfolg mit Madame de Sade fühlte sich Mishima herausgefordert, ein männliches Pendant zu erschaffen. Ihm war dabei wichtig, auch thematische Überschneidungen zu finden, um die „Grenze zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit zu verwischen.“.
Schönheit als Etwas, das zerstört werden muss mini|Adolf Hitler und Ernst Röhm im Jahr 1933. Die Schönheit, die Röhm in seinem vermeintlichen Freund gesehen hat, soll Mishima nach das gewesen sein, was letzten Endes zu seinem Tod führte. Mishima fasst damit auch seine altbekannte Theorie auf, dass Schönheit als ambivalentes Konzept zerstört worden muss, bevor es das Selbst korrumpiert. Ein Thema, das er prominent in Bekenntnisse einer Maske und Der Tempelbrand behandelte und auch in seinem eigenen Tod auslebte.Ara Masahito: Not Abnormal Psychology. Ronshu II. 1949. S. 211. ISBN 978-4-585-04042-2. Röhm sah Schönheit in seinem Freund Hitler, sei es romantisch oder platonisch und anstatt diese zerstören, hat er sich ihr komplett hingegeben, sodass er am Ende sterben musste.
Die homoerotischen Aspekte, sowie die Motive von Vertrauen und Verrat betrachtete er als Analogie auf Ōkubo Toshimichi und Saigō Takamori:
Wahre Freundschaft Ein weiteres Thema ist die Frage nach „wahrer Freundschaft“. Inspiriert wurde Mishima durch seinen eigenen Bekanntenkreis, der sich nach seinem internationalen Durchbruch vor allem durch „falsche beste Freunde“ erweitert hatte. Mishima verknüpfte den „Charme“ und die „Heuchelei“ dieser Personen zu denen in Mein Freund Hitler. Ein wahrer Freund sei jemand wie Strasser, der ein „ehrlicher Mensch“ war und „Hitlers Verrat im Voraus erkennen wollte.“Katsuhiko Ito: The Last Romantic Yukio Mishima. Shin-yo-sha. März 2006. S. 164–168. ISBN 978-4-7885-0981-8.
Ehrenhafter Tod Mishima wiederholte häufig, dass er sich nach einem „ehrenhaften Tod“ sehnte. Dieser sei nur erreichbar, wenn man nach seinen Prinzipien stirbt. Das heißt, wenn man von einem „Mann der Worte“ zu einem „Mann der Taten“ geworden ist (dieses Konzept behandelt er im Detail in seinem Essay Sonne und Stahl).
Um nach seinen Prinzipien sterben zu können, müsse ein „ehrlicher, gerechter und glaubwürdiger Mensch“ sein, anstatt eines „freundliche, loyalen Heuchlers.“ Dies habe Strasser erreicht, während Röhm „in Schande“ gestorben ist:
Kritik am „guten Menschen“ Ein weiteres zentrales Thema war, wie Mishima es nannte, der „Wahnsinn getarnt als Vernunft“, nach dem „selbst unter den ruhigsten und vernünftigsten Menschen“ mehr Rücksichtslosigkeit stecke als „unter dem sogenannten Verrückten.“ Diese würden das aber nicht anerkennen wollen und Hitler stattdessen als „Verrückten“ abstempeln, anstatt sich mit der Wurzel des Problems auseinanderzusetzen:
Politische Implikationen Der Satz „Es stimmt, in der Politik muss man den Mittelweg gehen“ sorgte bei Erscheinen des Stücks für rege Diskussionen. Mishima selbst behauptete, mehrere Interpretationen für den Satz zu unterstützen. In seiner Nachschrift für die Erstausgabe von Mein Freund Hitler gab er dabei eine, die Parallelen zwischen dem Hitler-Regime und Japan zieht:
Die Formulierung „Hierin liegt (Hitlers) politisches Genie“ sorgte für Kontroversen und führte zu massenhaften Distanzierungen von dem ohnehin schon immer politischer gewordenen Autor. In seinem Memorandum zu Marquis de Sade und Mein Freund Hitler stellte Mishima seine persönliche Meinung zu Hitler klar:
Hintergrund mini|Liste der Strafvollzugsanstalt Stadelheim in München mit den dort am 30. Juni 1934 eingelieferten Personen. Die sechs auf Befehl Hitlers an diesem Tag erschossenen Personen wurden von der Direktion mit Kreuzen abgehakt. Inspiration und Schreibprozess Mishima wurde zu der Geschichte inspiriert, als er Hitler: A Study in Tyranny von Alan Bullock gelesen hatte. Mishima interessierte vor allem die Geschichte um den Röhm-Putsch. In einem Interview bekräftigte er: „Ich war vor allem Röhm emotional verbunden und wollte seinen Charakter mit japanischer Psychologie durchdringen. Anstatt für Hitler, interessierte ich mich für den Röhm-Vorfall.“