mini|Porträt von Renée de Sade, Ehefrau des berüchtigten Marquis de Sade und Protagonistin des Theaterstücks Madame de Sade (, Sado Kōshaku Fujin) ist ein am 15. November 1965 veröffentlichtes Theaterstück in drei Akten. Es wurde vom japanischen Schriftsteller Yukio Mishima verfasst und erschien in limitierter Auflage in mehreren Sprachen auch in Buchform. Aktuell ist es vergriffen.
Madame de Sade erzählt im Stil historischer Fiktion die Geschichte vom Leben der Renée de Sade, Ehefrau des berüchtigten Adeligen Marquis de Sade. Zentral dabei sind die inneren Tumulte Renées, ihrer Familie und ihrer Bekanntschaft während einer von Marquis’ vielen Inhaftierungen.Mitsuo Fujita: Kommentar zu 'The End of the Courtain'. Veröffentlicht in: Yukio Mishima, Aufstieg und Fall der Suzakus. Kawade Bunko. Dezember 2005. S. 265–272. ISBN 978-4309407722.
Motiviert wurde Mishima zu dem Stück, als er Biografien de Sades las und sich wunderte, weshalb Renée bis zur Freilassung ihres Mannes wartete, um ihn zu verlassen.Yukio Mishima: Nachschrift zu Madame de Sade. November 1965. Veröffentlicht in: Yukio Mishima: Madame de Sade & Mein Freund Hitler (Überarbeitete Ausgabe). Shincho Bunko. Juli 2003. S. 220f. Seine eigene Interpretation ihrer Beweggründe ist das leitende Motiv des Theaterstücks. Eine andere große Inspiration war sein enger Freund Tatsuhiko Shibusawa, der 1960 de Sade's Roman Juliette in Japanische übersetzte und 1964 eine Biografie über diesen schrieb. Shibusawas sexuell explizite Übersetzung wurde der Fokus eines medial vielbeachteten Gerichtsverfahrens, bekannt als Sade-Fall (jap. Sado saiban), der 1969 zuungunsten Shibusawas entschieden wurde. Mishima war bei einigen Gerichtsverhandlungen anwesend und ließ die Geschehnisse in das Theaterstück mit einfließen.
Alle Personen der Erzählung sind weiblich. Mishima entschied sich deshalb, 1968 mit Mein Freund Hitler ein Begleitwerk zu Madame de Sade zu veröffentlichen, dieses Mal mit einem vollständig männlichen Cast.
Madame de Sade war international ein riesiger Erfolg und wird bis heute auf der ganzen Welt und vor allem in Frankreich aufgeführt.Naomi Matsunaga: Mishimas Drama in Europa und Frankreich. Veröffentlicht in: Takashi Inoue, Hideaki Sato, Toru Matsumoto: Yukio Mishima in the World. Bensey Publishing. Ronshu. März 2001. ISBN 978-4585040439. In einer im März 2009 aufgeführten Produktion im Wyndham’s Theatre spielten unter anderem Rosamund Pike und Judi Dench die Hauptrollen. Das renommierte Theatermagazin Theater Arts bezeichnete das Stück 1994 als „das beste Drama in der Geschichte des Nachkriegstheaters.“Fünfzig Jahre Nachkriegsdrama. Dezember 1994. Veröffentlicht im: Theatrical Criticism Magazine. Gesammelt in: Toru Matsumoto: Separate Volume Taiyo Nihon no Kokoro 175-Yukio Mishima. Heibonsha. Oktober 2010. ISBN 978-4582921755.Hideaki Sato: Das beste Drama in der Geschichte des Nachkriegsdramas. Veröffentlicht in: Toru Matsumoto: Separate Volume Taiyo Nihon no Kokoro 175-Yukio Mishima. Heinbonsha. Oktober 2010. ISBN 978-4582921755.
Charaktere Nach Mishima steht jeder der sechs Charaktere symbolisch für eine Form menschlicher Natur. Das Theaterstück ist somit zugleich als Allegorie zu betrachten:
Renée – Protagonistin und Ehefrau von Marquis de Sade. Sie repräsentiert eheliche Hingabe.
Madame de Montreuil – Renées Mutter. Sie repräsentiert das Gesetz, die Gesellschaft und die Moral.
Anne – Renées jüngere Schwester. Sie repräsentiert weibliche Unschuld und Prinzipienlosigkeit.
Baronesse de Simiane Sie repräsentiert Religion.
Komtess de Saint-Fond Sie repräsentiert Triebe und Fleischeslust.
Charlotte – Haushälterin von Madame de Montreuil. Sie repräsentiert das einfache Volk.
Alle Personen außer Renée, ihre Mutter und ihre Schwester, sind komplett fiktiv. Die wichtigste Persönlichkeit, Marquis de Sade, kommt in dem Stück physisch nicht vor.
Aufbau mini|Das gesamte Stück spielt im literarischen Salon von Madame de Montreuil. Das Theaterstück erfolgt in drei Akten.
Der erste Akt spielt im Herbst 1772. Der zweite Akt sechs Jahre später, im September 1778. Der Schlussakt nochmals zwölf Jahre später im April 1790.
Der erste Akt ist der einzige Akt, in dem alle sechs Charaktere vorkommen. Baronesse de Simiane fehlt im zweiten Akt und Komtess de Saint-Fond fehlt im dritten Akt.
Die Bühne ist in jedem der drei Akte ein literarischer Salon in der Residenz von Madame de Montreuil in Paris, Frankreich. Mit Voranschreiten der Geschichte werden die Verzierungen und Schmuckstücke des Salons rarer. Dies ist vor allem durch die Französische Revolution und langsame Enteignung des Adels zu erklären.
Handlung Erster Akt Paris, Herbst 1772, im Salon de Mountreuils: Der Akt dient als Vorstellung der sechs Charaktere und bietet Einblicke in ihre Persönlichkeiten. Baronesse de Simiane und Komtess de Saint-Fond warten im Salon, nachdem sie von Madame de Montreuil eingeladen wurden. Kurz später erfährt der Zuschauer, dass Madame de Montreuil sie um einen Gefallen bitten will. Sie fragt ihre Gäste, ob sie ihren Einfluss nutzen können, um ihren Stiefsohn, Marquis de Sade, aus seiner Haft zu befreien. Dieser wurde inhaftiert, da er mehrere zwei Prostituierte aus Marseille mit Kantharidinbonbons gefügig gemacht und zu Gruppensex und Analverkehr gezwungen haben soll. Beide Damen versprechen ihr Hilfe, Simiane durch ihre Kontakte in der Kirche und Saint-Fond durch ihr weites Netz an Liebhabern und Affären.
Renée schließt sich dem Treffen an und erzählt, dass der Marquis aus dem Gefängnis geflüchtet ist und seit mehreren Monaten gesucht wird. Nach einer langen existenzialistischen Diskussion, in der Montreuil ihrer Tochter vergeblich versucht, zur Scheidung zu raten, verabschieden sich Simiane und Saint-Fond und lassen Renée mit ihrer Mutter alleine, um die Situation um Marquis besprechen zu können. Renée fleht ihre Mutter an, Marquis vor einer weiteren, längeren Strafe zu retten, und die beiden geraten in eine hitzige Diskussion. Montreuil verlangt von ihrer Tochter den genauen Aufenthaltsort ihres Mannes, aber diese schwört auf ihre Unkenntnis. Der Streit endet abrupt, als Renée vor Stress ohnmächtig wird.
Nachdem Montreuil und Renée die Bühne verlassen, betreten Anne und Charlotte die Szene. Anne erzählt Charlotte, dass sie ihre Schwester meiden wolle, wird aber durch Montreuil unterbrochen. Anne erzählt, von einem Trip nach Venedig zurückgekommen zu sein, den sie mit einer Person unternommen hat, die sie nicht nennen möchte. Auf Druck ihrer Mutter gesteht sie, dass es sich bei dem Reisepartner um keinen Geringeren als ihren Schwager Marquis de Sade handelt. Emotional aufgeladen gesteht Anne weiter, dass sie mit dem Marquis eine Affäre unterhält und Renée sowohl von der Affäre als auch von Marquis Aufenthalt wisse.
Als Montreuil von der Untreue ihres Schwiegersohnes erfährt, ist sie außer sich. Sie überredet Anne, den Aufenthaltsort Marquis preiszugeben und lässt Charlotte drei Briefe schrieben: 1. Der erste Brief ist an Komtess Saint-Fond gerichtet und fordert sie auf, ihre Hilfe direkt einzustellen. 2. Der zweite Brief ist an Baronesse de Simiane gerichtet und fordert auch diese auf, ihre Hilfe einzustellen. 3. Der dritte Brief wird an den französischen König gerichtet.
Montreuil packt die Briefe ein und der erste Akt endet.
Zweiter Akt mini|Bildnis von Anne-Prospère Cordier de Launay, im Stück nur Anne genannt Paris, September 1778, im Salon de Montreuils. Anne und Renée treffen sich und Anne verrät, dass sie einen Brief ihrer Mutter dabei hat. Nach einem halbherzigen Kampf zwischen den Geschwistern, entreißt Renée Anne den Brief und liest ihn. Im Brief wird berichtet, dass Marquis de Sade's Fall vor Gericht neu verhandelt wurde, seine Todesstrafe in eine zeitliche Freiheitsstrafe geändert wurde und er bald aus dem Gefängnis entlassen wird. Renée wird ekstatisch. Die beiden Schwestern diskutieren über die Entfremdung zwischen Renée und ihrer Mutter, und Renée wird sich bewusst, dass ihre Mutter der Grund für die Neuverhandlung war.
Renée und ihre Schwester besuchen ihre Mutter und die drei diskutieren darüber, was Marquis’ Beweggründe für seine fragwürdigen Taten sind. Als Renée ihren Wunsch äußert, nachhause zu reisen, um das Anwesen für die Rückkehr ihres Ehemannes vorzubereiten, tauschen Anne und Montreuil flüchtige Blicke aus und kommunizieren nonverbal, Renée bei sich zu behalten. Renée lobt ihre Mutter für ihre Hilfe, Marquis freizukriegen, aber diese betont vermehrt die Wichtigkeit, sich moralisch und gesellschaftskonform zu verhalten. Als Montreuil in ihrem langen Monolog schließlich damit anfängt, Marquis anzuprangern, fangen Renée und Anne direkt an, ihn zu verteidigen. Inmitten des Streits betreten Charlotte und Komtess Saint-Fond den Raum.
Die Komtess erklärt, sie habe eine Eingebung gehabt und möchte die Montreuil direkt daran teilhaben. Sie erzählt den Damen von ihren letzten erotischen, obszönen Abenteuern, unter anderem habe sie an einer Orgie mit mehreren afrikanischen Männern teilgenommen. Während der Orgie habe sie realisiert, weshalb Marquis so handle, wie er handelt: „Ich verstand Alfonse auf einmal. Ich war Alfonse.“ Montreuil und Anne verspotten die Komtess.
Renée realisiert, dass das im Brief vermerkte Datum einen Monat vor Übergabe des Briefes ist und stellt ihre Mutter zur Rede. Ein Streit zwischen Renée und ihrer Mutter bricht aus, in dem Montreuil ihre Tochter verzweifelt bittet, Marquis endlich zu verlassen. Renée weigert sich vehement dagegen. Montreuil informiert Renée darüber, dass sie einen Privatdetektiv auf Marquis und Renée angesetzt hat und dieser konnte herausfinden, dass Renée an einigen von Marquis sadistischen sadomasochistischen Sexspielen mitspielen muss und von diesem regelmäßig misshandelt wurde.
Montreuil wiederholt, ihre Ehe mit Marquis würde Renée bald zu einer Ausgestoßenen machen. Diese macht ihr aber nur Vorwürfe: während alles gut war und Alphonse der Familie zu Reichtum und Stand verholfen hat, war sie völlig mit der Ehe einverstanden, aber kaum ist die Lage misslicher, prangert sie Marquis an. Je mehr Renée ihrer Mutter Vorwürfe macht, desto wütender wird Montreuil, ehe sie völlig ausrastet:
Der zweite Akt endet.
Dritter Akt Paris, April 1790, im Salon de Montreuils, neun Monate nach dem Ausbruch der französischen Revolution: Durch die Revolution sind die Aristokraten zunehmend in Gefahr.
Anne plant mit ihrem Ehemann nach Venedig, Italien zu fliehen und bietet ihrer Familie an, mitzukommen. Montreuil lehnt ab: Die Entscheidung des Gerichts wurde annulliert und Marquis kann zurückkehren. Durch seine Prominenz würde sie ohne Probleme Ablass kriegen und wäre in Sicherheit. Renée beschließt in der Zwischenzeit, einem Kloster beizutreten und ihren Ehemann zurückzulassen.
Montreuil wundert sich über die Entscheidung Renées und fragt sie nach ihrem Motiv. Diese antwortet, er habe im Gefängnis den Roman Justine geschrieben. Nach dem Lesen des Buches habe sie realisiert, dass sie den Satz „Ich bin Alphonse“ falsch verstanden hat. Renée tritt an ihre Mutter und sagt: „Ich bin Justine!“ Die Welt, in der sie leben, sei von Marquis erschaffen worden und nun, wo er „eine Treppe zum Himmel“ bauen wolle, sei er außer Reichweite.
Montreuil hat alle ihrer nächsten Personen verloren. Ihre beiden Töchter ziehen weg, Madame de Simaine ist ebenfalls einem Kloster beigetreten und Madame de Saint-Fond wurde von einem wütenden Mob totgetreten. Charlotte – die Repräsentation für das einfache Volk – ist die einzige, die durch die Revolution dazugewonnen hat: sie verliert endlich ihre Unterwürfigkeit und fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben besonders.
Der dritte Akt endet.
Interpretationen zum Ende (Auswahl)