mini|Eine Aufführung eines klassischen Nō-Stücks. Fünf moderne Nō-Spiele war Mishimas Art des Tributes und gleichzeitig ein Projekt, das wenig bekannte Nō-Schauspiel auch im Westen zu etablieren. Fünf moderne Nō-Spiele ( „Neuzeit-Nō-Stücke-Sammlung“) ist eine Sammlung von Theaterstücken des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima, die am 30. April 1956 bei Shinchosha veröffentlicht wurde.

Mishima war durch seine Großmütter seit Kindheitstagen ein Bewunderer des traditionellen japanischen Theaters. Er behauptete vermehrt, nur das Nō-Theater schaffe eine „transzendale Welt“, die sich von der Realität so abkoppeln kann, dass „metaphysische Themen und menschliche Emotionen in ihrer Reinform“ symbolisiert werden können.Nachschrift von Fünf moderne Noh-Spiel, April 1956. Gesammelt in: Definitive Edition Yukio Mishima Complete Works Vol. 29, Review 4. Shinchosha, 2003, ISBN 4-10-642569-6, S. 192f.Verschiedene Gründe des Bühnenerfolgs von ‚Rokumeikan‘. Gesammelt in: Toru Matsumoto: Understanding Yukio Mishima. NHK Publishing, 2010, ISBN 978-4-14-910746-2, S. 86–89.Junko Saeki: Modern Noh Music Collection. Gesammelt in: Takashi Inoue, Hideaki Sato, Toru Matsumoto (Hrsg.): Yukio Mishima encyclopedia. TsutomuMakoto, 2000, ISBN 4-585-06018-9, S. 101f. Für Fünf moderne Nō-Spiele suchte er sich deshalb seine fünf liebsten Theaterstücke aus. Er schrieb sie dabei so stark um, dass bis auf die jeweiligen Grundkonzepte nicht viel von den eigentlichen Erzählungen übrig blieb.

Fünf moderne Nō-Spiele wurde in hohen Tönen gelobt und kommerziell ein Großerfolg. Es gilt allgemein als das Werk, das traditionelles japanisches Theater auch im Ausland salonfähig gemacht hat.Westdeutscher Mishima Boom. 27. Januar 1959. Yomiuri Shinbun. Abgedruckt in: Takashi Inoue, Hideaki Sato, Toru Matsumoto (Hrsg.): Yukio Mishima encyclopedia. TsutomuMakoto, 2000, ISBN 4-585-06018-9, S. 78.

Die Erstausgabe enthält die Nō-Stücke Das magische Kissen (, Kantan), Die Damasttrommel (, Aya no Tsuzumi), Komachi am Grab (, Sotoba Komachi), Die Dame Aoi (, Aio no Ue) und Die getauschten Fächer (, Hanjo).Dialog mit Yukio Miyoshi: Hintergrund der Mishima-Literatur (Interpretation japanischer Literatur). Mai 1970. Gesammelt in: Definitive Edition Yukio Mishima Complete Works Vol. 40 Dialogue 2. Shinchosha, 2004, ISBN 4-10-642580-7, S. 622–652.

Mit der Taschenbuchveröffentlichung im Jahr 1968 wurde die Titelliste um die Stücke Gesicht im Spiegel (, Dōjōji), Yuya () und Der blinde Jüngling (, Yoroboshi) erweitert.Yuko Kubota: Yukio Mishima Translation. Gesammelt in: Takashi Inoue, Hideaki Sato, Toru Matsumoto (Hrsg.): Yukio Mishima encyclopedia. TsutomuMakoto, 2000, ISBN 4-585-06018-9, S. 695–729. Fünf moderne Nō-Spiele ist damit strenggenommen nicht mehr der korrekte Titel.

Hintergrund mini|hochkant|Mishima (hier bei seiner Einschulung) entwickelte schon im jungen Alter eine Faszination für traditionelles japanisches Theater. Mishima entwickelte eine Affinität für traditionelles japanisches Theater, als seine Großmutter Natsuko ihn zu Kanadehon Chūshingura, einem Kabukistück über die historischen 47 Rōnin, mitnahm. Nachdem seine Großmutter mütterlicherseits, Tomi, mit ihm sein erstes Nō-Schauspiel Miwa ansah, recherchierte er die Geschichte traditioneller japanischer darstellender Kunst.Yukio Mishima: (dt. Meine Selbstfindungsphase). Tōkyō Shimbun. 1963, S. 271–323.

Ein klassisches Nō-Schauspiel hat im Gegensatz zum westlichen Theater keine Kulisse, sondern spielt sozusagen in einem „Raum von Nichts.“ Darin sah Mishima auch das größte Potenzial, da durch die fehlende Ablenkung der Fokus vollständig auf metaphysische Konzepte und Emotionen gelenkt werden kann.

Mishimas selbst auferlegtes Ziel war es, das Nō-Theater auch im Westen populärer zu machen. Da er zum Zeitpunkt des Erscheinens bereits internationale Bekanntheit innehatte und der erfolgreichste Autor seines Landes war, verspürte er einen starken Leistungsdruck. Zu einem Freund schrieb er später:

Inspiriert durch den österreichischen Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, sollte jedes seiner Stücke Einakter sein. Der Ehrgeiz stellte Mishima vor ein Problem, denn nicht alle der von ihm ausgewählten Stücke eigneten sich für einen kurzen Einakter, insbesondere Die Damasttrommel und Die getauschten Fächer wurden in der Vergangenheit häufig in drei Akten aufgeführt. In Folge kürzte Mishima die Geschichte runter, aber so dass „von der Aussage des Stücks nichts verloren geht.“

Zwar basieren alle Stücke aus Fünf moderne Nō-Spiele auf traditionellen Nō-Stücken, Mishima empfand es dennoch als enorm wichtig, seine eigenen philosophischen Erwägungen und Interpretationen der Situation mit hineinzuarbeiten. In der Endfassung der Sammlung sind deshalb Grundkonzepte aller Geschichten gleich, der Verlauf und Inhalt hingegen komplett neu.

Rezeption und Einfluss Fünf moderne Nō-Spiele wurde ein riesiger kritischer Erfolg und erlangte in vielen Ländern der Welt Kultstatus. Es gilt allgemein als Einführung des Nō-Theaters im Ausland. In Deutschland beispielsweise wurde 1959 in der Theaterszene von einem „Mishima-Boom“ gesprochen.

Donald Keene, der Übersetzer der englischen Edition, bezeichnete das Buch als „wunderbares literarisches Werk des 20. Jahrhunderts“.Donald Keene, Kommentar. Bunko. Abgedruckt in: Yukio Mishima: Fünf moderne Noh-Spiele. Neuauflage. Shincho Bunko, 1968, ISBN 4-10-105014-7, S. 228–235.

1956 erhielt Mishima für das Werk den Kishida-Preis.

1. Geschichte: Das magische Kissen mini|hochkant|Eine Maske des Stücks Kantan. Interessanterweise ist Das magische Kissen die einzige Geschichte der Sammlung, in der sich Mishima der klassischen Noh-Masken bediente. In Mishimas Version stand jede Maske für eine andere unterdrückte Emotion, die Jiro in seinem Traum trifft. Das magische Kissen (, Kantan) wurde ursprünglich 1950 in der Oktoberausgabe der Zeitschrift Ningen veröffentlicht.

Inhaltlich geht es um ein magisches Kissen, das jeden, der auf ihm schläft, die Sinnlosigkeit der Welt erkennen lässt. Jiro, ein Nihilist, stellt das Kissen auf die Probe. Er wacht auf und entwickelt zu seinem eigenen Überraschen eine völlig neue Freude am Leben.

Von allen abgedruckten Geschichten ist Das magische Kissen die, die sich am meisten an die Originalvorlage anlehnt.

Handlung Der 18-jährige Jiro besucht das Haus seines ehemaligen Kindermädchens Kiku, die ihn bis zu seinem achten Lebensjahr großgezogen hat. Der Grund für Jiros Besuch ist ein Gerücht: Kikus Familie soll seit Generationen über ein magisches Kissen aus Handan haben. Wer darauf schläft und aus seinen Träumen erwacht, solle die Sinnlosigkeit seines Daseins erkennen. Kikus Ehemann, ehemals leidenschaftlicher Gärtner, schlief eines Tages auf dem Kissen und seitdem blühen die Blumen in ihrem Garten nicht mehr.

Jiro ist Nihilist und daher ohnehin schon fest überzeugt, dass die eigene Existenz sinnlos ist. Er will deshalb auf dem Kissen schlafen, um zu sehen, ob es bei ihm funktioniert. In seinem Traum wird Jiro von schönen Frauen und Tänzerinnen verwöhnt, ein Sekretär erscheint und erzählt ihm, er sei der Präsident seiner Firma. Jiro spendet jedoch sein ganzes Vermögen und wird, unter Obhut einer schönen Sekretärin, Politiker; wenig später sogar Diktator.

Der Geist aus dem Dorf Handan glaubt, Jiro habe seine Lektion über die „Zerbrechlichkeit des Diesseits“ nicht gelernt. Deswegen ändert er die Szenerie und vergiftet ihn, worauf Jiro aufwacht. Jiro weigert sich aber zu sterben und hört nicht auf die Predigt des Geistes. Der Geist ist wütend, dass Jiro die Lektion des Kissens nicht gelernt hat; er könne ihn so auf keinen Fall in das Diesseits zurücklassen: „Du hast nie versucht, in dieser Welt zu leben!“ Jiro entgegnet aber „Ich bin sowohl lebendig als auch tot. Ich will leben!“ und lehnt das Gift ab.

Als Kiku am nächsten Morgen Jiro sah, sah sie ein unschuldiges und süßes Gesicht. Jiro schwört ihr, die ganze Zeit bei ihr bleiben zu wollen. Als beide nach draußen sehen, blüht der gesamte Garten voller Lilien, Rosen, Primeln und Veilchen.

Vorlage Die Geschichte basiert auf einem chinesischen Nō-Stück namens Kantan, dessen Urheber und Entstehungszeitraum nicht bekannt ist. In diesem geht es um einen Mann namens Rosei, der von einem Mönch hört, welcher auf dem Berge Yōhi residieren soll. Auf seinem Weg zum Mönch übernachtet er in einem Hotel in Kantan und auf Anraten der Empfangsdame schläft Rosei auf einem mysteriösen Kissen, dem "Kantan-Kissen". Die Dame erhielt das Kissen von einem daoistischen Meister, nach dem jeder Erleuchtung erlange, der auf dem Kissen schläft.

Als Rosei seinen Mittagsschlaf hält, kommt auf einmal ein Gesandter zu ihm und teilt ihm mit, Rosei sei der neue Kaiser von China. Obgleich erst irritiert, genießt Rosei seinen neuen Status und lässt sich in seinen Palast tragen.

Fünfzig Jahre später wird zu Ehren Roseis Ehren ein Fest veranstaltet. Während Rosei tanzt, ändern sich die Tag- und Nachtrhythmen abrupt und unkontrolliert vor Roseis Augen. Nach gewisser Zeit steht er im Nichts. Rosei wacht auf und bemerkt, dass er alles nur geträumt hat. Und obwohl sich sein Traum angefühlt hat wie 50 volle Jahre, handelte es sich nur um wenige Minuten. Rosei realisiert, dass das tatsächliche Leben genauso zerbrechlich ist wie ein Traum. In Dankbarkeit an das Kissen und sein Wirken, reist er wieder nachhause. Den Rat des Mönchs braucht er nicht mehr.

Aufführungen der Mishima-Variante (Auswahl) Yukio Mishima: Moderne Noh-Spiele. 5.–13. Juni 1979 im Tokio Nationaltheater Veranstalter: Tokio Bangakuza Atelier Regie: Kazuyoshi Kushida, Musik: Nobuyoshi Koshibe Darsteller: Momoko Kōchi, Kosuke Nomura, Risa Akikawa, Toshiko Yotsuba, Takashi Sasano, Mannojo Nomura Hinweis: Aufgeführt mit Die Dame Aoi und Gesicht im Spiegel

Tokyo Globe Spezialaufführung "Yukio Mishima Memorial" 26.–30. Januar 1990 im Tokyo Globe & 8.–27. Februar im Shin Kobe Olympic Theater Veranstalter: Nagikawa Company Performance Regie: Hideo Murai Darsteller: Yoji Matsuda, Rumi Matsumoto, Junko Takazawa, Kazuhisa Seshita, Tatsuzo Aoyama Hinweis: Aufgeführt mit Komachi am Grab

Yukio Mishima Modern Noh Plays 1.–12. November 1990 im Tokyo 300 People Theater Veranstalter: Theatergruppe Subaru Sponsor: Arts Festival Regie: Nobuhiro Nishikawa Darsteller: Kayo Goto, Yoichi Yamamoto, Soichiro Kitamura, Nagatoshi Sakamoto, Mami Kumagai Hinweis: Aufgeführt mit Die Damasttrommel Ausgestrahlt auf NHK Tokyo am 9. Januar 1991

Noh-Klassiker 8.–11. Juli 1993 in der Jels Hall, Tokio Veranstalter: Alchemistenlabor Regie: N. Forster Darsteller: Mitsuru Homma, Eriko Misawa Hinweis: Auf Englisch durchgeführt

Hörspiel Der Bayerische Rundfunk sendete 1958 Das magische Kissen unter dem Titel Das Traumkissen. Übersetzerin war Gerda von Uslar, Regie führte Carl Nagel.

2. Geschichte: Die Damasttrommel mini|hochkant|Wie auch in der Originalvorlage dreht sich die Geschichte um eine lautlose Trommel. Wesentliche Abweichungen finden sich dafür am Ende der Geschichte. Die Damasttrommel (, Aya no Tsuzumi) wurde 1951 in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift Chūōkōron erstveröffentlicht.

Die Geschichte handelt von einem alten Mann, der sich in eine Frau im gegenüberliegenden Gebäude verliebt, mit der er nie zuvor interagiert hat. Er bekommt eine Trommel geschenkt, die, wenn sie einen Ton macht, ihre Liebe bewirken soll; die Trommel macht aber keinen Ton und er ist auf einen Streich reingefallen, weshalb er sich in den Tod stürzt. Als Geist trommelt er weiter, gibt nach dem 99. Schlag aber auf. Die Frau dreht sich zu ihm und sagt, sie habe ihn gehört, er müsse aber noch das hundertste Mal schlagen.

Handlung Iwakichi Honda, ein alter Botschafter, der in einer Anwaltskanzlei im 3. Stock eines Gebäudes arbeitet, verliebt sich in Hanako, eine Schneiderin im 3. Stock direkt gegenüber. Iwakichi lässt von seinem Angestellten Kayoko jeden Tag einen Liebesbrief an Hanako rüberbringen; insgesamt waren es 100 Stück.