mini|Logo Der Islamische Staat – Provinz Khorasan (), kurz ISPK (auch IS-K, ISK, ISIS-K oder Daesh–Khorasan) ist der afghanische Ableger der islamistischen Terrororganisation Islamischer Staat (IS).
Name Der ISPK versteht sich als „Provinz“ (wilaya) des Islamischen Staats. Der Name bezieht sich auf die historische Provinz Chorasan, die im siebten Jahrhundert während des Kalifats von ʿUthmān ibn ʿAffān erobert wurde. Gemäß einer angeblichen Prophezeiung aus den Hadithen soll in Chorasan der Mahdi erscheinen. Neben Afghanistan und Iranisch-Khorasan beansprucht der ISPK auch die iranischen Provinzen Kerman und Sistan und Belutschistan sowie Zentralasien, Pakistan und Indien.
Gründung und Vorgeschichte Vorgeschichte (bis 2013/2014) Die Grenzregionen entlang der Durand-Linie bieten seit Jahrzehnten Rückzugs- und Einsatzräume für afghanische Taliban, Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), Al-Qaida (AQ), das Haqqani-Netzwerk und die Islamische Bewegung Usbekistans (IBU). Auch Schwarzmärkte – Drogenhandel, Erpressung, illegaler Bergbau, Waffenschmuggel – stärkten die Finanzierungsbasis der verschiedenen Akteure. Zusätzlich erschwerten politische Spannungen zwischen Pakistan und den jeweiligen Regierungen in Kabul eine effektive Grenzsicherung. Nach dem Sturz des Taliban-Emirats durch die US-geführte Intervention im Jahr 2001 formierte sich in Afghanistan eine erneute Aufstandsbewegung, deren Kern die Taliban bildeten. Das Ziel war es, die eigene Herrschaft wiederherzustellen oder die in Kabul etablierte Republik zumindest zu politischen Zugeständnissen zu zwingen. Anders als die Taliban, die bereits in den 1990er Jahren ein Staatsgebilde geführt hatten, verfügten viele andere aktive jihadistische Organisationen in der Region über keine vergleichbare Regierungserfahrung. Ihr Spektrum reichte von belutschistischen Gruppen über zentralasiatische Organisationen mit dem Ziel, die Regime ihrer Heimatstaaten zu stürzen, bis hin zu pakistanischen Gruppierungen, die entweder einen Scharia-Staat in Pakistan anstrebten oder in Afghanistan kämpften. Zahlreiche dieser Akteure waren – im Unterschied zu den vorwiegend national ausgerichteten Taliban – unterschiedlich in transnationale dschihadistische Netzwerke eingebunden und verknüpften lokale Konflikte mit der Idee eines globalen Dschihad.
Bis 2011 hatte sich Afghanistan zu einer der zentralen Zonen des regionalen Dschihadismus entwickelt. Innerhalb der Taliban bildeten sich mehrere Fraktionen heraus, darunter die Quetta-, Peshawar- und Miran-Shah-Schura; 2014 entstand das sogenannte „Mashhad Office“, das sich 2016 von der Quetta-Schura löste, während die Peshawar-Schura im selben Jahr in zwei Teile zerfiel, wovon einer zur „Schura des Nordens“ wurde. Parallel unterhielt die Hizb-i Islami unter Gulbuddin Hekmatyar bis zu ihrem Abkommen mit Kabul (2016) einen kleineren, regional begrenzten Aufstand.
In Pakistan agierten zeitgleich hunderte Gruppierungen, darunter Lashkar-e-Taiba (LeT), Sepah-e-Sahaba, die Tehrik-e-Taliban Pakistan mitsamt Splitterfraktionen wie Jamaat-ul-Ahrar, ferner Jaish-e Mohammad (JeM), Lashkar-e-Jhangvi (LeJ), Harakat-ul-Mujahidin und Jundullah. In Iran – vor allem in Belutschistan – traten Organisationen wie Jundullah, Harakat-e-Ansar-e-Iran, Jaish al-Adl und Harakat-e-Islami Sistan hervor. In Zentralasien wirkten unter anderem Jamaat Ansarullah (Tadschikistan), sowie später Harakat-i Islami-i Tajikistan und die nach einem ehemaligen tadschikischen Offizier benannte Formation Harakat-i Islami-i Gulmorad Halimov. Neben national verankerten Organisationen befanden sich in der Region auch transnationale Netzwerke. Hierzu zählten die Islamische Bewegung Usbekistans, uigurische Formationen wie die Turkestan Islamic Party (TIP) und tschetschenische Kämpfer, die dem „Kaukasus-Emirat“ zugerechnet wurden. Viele dieser Akteure waren über Kontaktkanäle, Ausbildungsbeziehungen und Finanzflüsse mit Al-Qaida oder dem „Islamischen Staat“ (IS) verbunden. Besonders Al-Qaida funktionierte als logistischer und ideologischer Knotenpunkt, obwohl die Zahl der Kernmitglieder in Afghanistan und Pakistan nach 2001 begrenzt blieb. Diese Funktion als „Zentrale“ förderte den Austausch zwischen lokalen und auswärtigen Akteuren und trug dazu bei, dass die Kriegsschauplätze am Hindukusch, in Iran-Belutschistan und in den zentralasiatischen Grenzregionen miteinander verwoben blieben.
Seit etwa 2010 verschoben sich Wahrnehmungen innerhalb der dschihadistischen Milieus. In Teilen der Taliban-Führung wuchs die Bereitschaft, politische Gespräche mit Kabul zu suchen. Die Aussicht auf eine Verhandlungslösung schwächte – in den Augen mancher Sympathisanten – die Position der Taliban als treibende Kraft des bewaffneten Widerstands. Zugleich veränderte der Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges die strategischen Prioritäten der Organisationen. Al-Qaidas Netzwerke in Afghanistan und Pakistan begannen ab 2012 verbündeten Kommandeuren zu empfehlen, Kämpfer nach Syrien zu entsenden. Das Ziel dahinter war das Narrativ eines „globalen Dschihad“ zu stärken, neue Finanzquellen zu erschließen und den eigenen Einfluss in der weiteren Region „Khorasan“ auszubauen. Eine entscheidende Rolle spielte der TTP-Kommandeur Hafiz Saeed Khan, der im Juli 2012 ein erstes Kontingent von Freiwilligen nach Syrien schickte (zunächst zu Jabhat al-Nusra). Auch das Haqqani-Netzwerk und Teile der Peshawar-Schura beteiligten sich daran. Ein Teil der Motivation lag in den höheren Soldzahlungen im syrisch-irakischen Raum, die die Rekrutierung im Vergleich zum afghanischen Kampfgebiet attraktiver erscheinen ließen. An den Syrienkrieg knüpften auch weitere Gruppen aus „Khorasan“ an, darunter Lashkar-e-Taiba, Lashkar-e-Jhangvi, Jaish ul-Adl und die Islamische Bewegung Usbekistans. Während Unterstützungsleistungen anfangs überwiegend Jabhat al-Nusra galten, wechselten seit 2013/2014 einige Kämpfer zum „Islamischen Staat“.Max Bearak:„Behind the front lines in the fight to ‘annihilate’ ISIS in Afghanistan“ Washington Post vom 23. Juli 2017
Die Neuausrichtung beruhte zum einen auf der Wahrnehmung einer größeren finanziellen Leistungsfähigkeit des IS, zum anderen auf Zweifeln an der Verlässlichkeit traditioneller Geldgeber. Außerdem stand die Befürchtung im Raum, dass Friedensverhandlungen die Führungsstrukturen der Taliban schwächen könnten und die Ausgrenzung von Hardlinern – den Vertretern des radikalsten Flügels der Gruppe – zur Konsequenz hätten. Vor diesem Hintergrund erschien der IS manchen Akteuren als mögliche Alternative zu den afghanischen Taliban und der Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP). Die wachsende Bewegungskraft in Richtung IS spiegelte sich auch in organisatorischen Handlungen. Noch vor der offiziellen IS-Kalifatsproklamation im Juni 2014 veranlassten Spitzenfunktionäre des IS (darunter Abu Bakr al-Baghdadi, Muslim Turkmani und Abu Omar al-Shishani) Rückkehrer aus Syrien und dem Irak, in Afghanistan, Pakistan, Zentralasien und Iran eine regionale Struktur aufzubauen. Bereits im April 2014 ernannte al-Shishani den Afghanen Qari Wali Rahman zum Repräsentanten des IS in der Region Afghanistan und Pakistan. Die ersten sichtbaren Spuren in Afghanistan waren Propagandamaterialien im Sommer 2014 und gegen Jahresende mehrten sich Berichte über Trainingslager, unter anderem in Kunar.
Frühes Aufkommen und Formierung (2014–2015) Die Vorphase bis 2014 war von zwei Entwicklungen gekennzeichnet. Es herrschte weiterhin eine ausdifferenzierte Gewaltlandschaft in der Region „Khorasan“, in der Taliban-Fraktionen, TTP-Splitter, AQ-verbundene Netzwerke und transnationale Formationen nebeneinander agierten. Hinzu kam eine Kontroverse innerhalb al-Qaidas: Im Frühjahr 2014 wandten sich mehrere hochrangige Kader dem „Islamischen Staat“ zu und legten ihm einen Treueeid ab. Der dadurch ausgelöste Elitentransfer trug dazu bei, dass der sich formierende „Islamische Staat Khorasan“ (IS-K/ISPK) von Beginn an auf erfahrene Kommandeure und Ausbilder zurückgreifen konnte. Der organisatorische Grundstein für die spätere „Wilayat Khorasan“ wurde im Laufe des Jahres 2014 gelegt. In verschiedenen Räumen Afghanistans und Pakistans entstanden parallel voneinander unabhängige Netzwerke, die zunächst ohne übergeordnete Koordination agierten, sich ideell und personell aber alle am „Islamischen Staat“ in Syrien und im Irak orientierten. Die Kontakte waren teils informell, teils durch Unterhändler vorbereitet.
Zu den frühesten Kernen zählte das von Abdul Rauf Khadim aufgebaute Netzwerk in Helmand. Khadim, vormals Mitglied des Taliban-Militärrats und 2007 aus dem US-Lager Guantanamo entlassen, setzte nach seiner Rückkehr auf eine eigene Organisationsstruktur. Er hatte bereits im Jahr 2012 Freiwillige nach Syrien entsandt und pflegte enge Verbindungen zur IS-Führung. Im Januar 2015 bekannte er sich öffentlich zum IS und begann Kämpfer in Helmand und in angrenzenden Provinzen zu werben. Im Februar 2015 wurde Khadim bei einem Drohnenangriff getötet, worauf sein Neffe Wahidullah Wahid ihn ersetzte.
Ein weiterer Kern entstand um Azizullah Haqqani, einen hochrangigen Kommandeur des Haqqani-Netzwerks. Nach seiner Rückkehr nach Wasiristan im Jahr 2014 versammelte er etwa 600 Kämpfer, erklärte am 11. August 2014 den Anschluss an den IS und begann Freiwillige zu rekrutieren.
Parallel entstand in Pakistan eine der wichtigsten Keimzellen: die Tehrik-e-Khilafat Pakistan (TKP). Sie wurde am 15. Juli 2014 von abtrünnigen Kommandeuren der Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) gegründet – darunter Hafiz Saeed Khan (Orakzai), Shahidullah Shahid (ehemaliger TTP-Sprecher), Mufti Hassan Swati (Peshawar), Khalid Mansoor (Hangu), Gul Zaman (Khyber), Hafiz Dawlat Khan (Kurram), Abdul Bahar Mehsud (Waziristan) und Abu Bakr (Bajaur) – und am 14. August 2014 öffentlich verkündet. Den Gründern folgten mehrere Hundert Kämpfer; interne Angaben bezifferten die Ausgangsstärke der TKP auf rund 2.000 Mitglieder, darunter ein erheblicher Anteil an Rückkehrern aus Syrien sowie Neurekrutierten.
Diese parallel entstandenen Netzwerke bildeten die Grundlage für eine spätere organisatorische Konsolidierung unter dem Dach einer „Provinz Khorasan“. Trotz interner Spannungen, externer Eingriffe und teils entschlossener Gegenwehr der Taliban gelang es dem IS-Lager, im Zeitraum 2014/15 in Afghanistan und Pakistan erste belastbare Präsenz zu etablieren und Rekrutierungs- sowie Logistiklinien aufzubauen. Neuere Darstellungen verweisen auf die breite Koalitionsbildung und Defektionsdynamik dieser Jahre: Neben TTP-Fraktionen und Taliban-Aussteigern traten auch AQ-Überläufer und lokale Salafis bei. Dazu verschafften vereinzelte Kooperationen mit Gruppen wie Lashkar-e-Jhangvi, Lashkar-e-Islam oder Jamaat-ul-Ahrar einen Zugang zu Versorgungsrouten und städtischen Netzen.
Offizielle Etablierung (ab 2015)