mini|hochkant|Altar in der Kirche Podelwitz, Fotografie um 1920 mini|Grabplatten von Georg und Apollonia von Wiedebach Stephan Hermsdorf (* um 1480, † um 1545), auch unter den Vornamen Stefan oder Steffan, den Familiennamen Hermsdorff, Hermßdorff, Hermsdörfer oder Hermensdorfer sowie als Meister des Podelwitzer Altars bekannt, war ein sächsischer Bildschnitzer und Bildhauer.
Leben und Wirken Erstmalig urkundlich erwähnt wird Hermsdorf am 1. Oktober 1516, als er das Bürgerrecht der Stadt Leipzig erhielt.Ernst Müller: Leipziger Neubürgerliste 1502–1556. A–M. bearb. von Annelore Franke, hrsg. vom Stadtarchiv Leipzig. Leipzig 1981, , S. 58. Er wohnte zu Beginn seiner Leipziger Zeit im Haus des Kaufmanns Merten (Martin) Label.Ernst Müller: Leipziger Neubürgerliste 1471–1501 (= Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte. Bd. 6). Dresden 1969, , S. 41. Ab 1520 besaß er ein eigenes Haus und wird als Obermeister der örtlichen Malerinnung genannt, um 1524 verließ er vermutlich die Stadt.Friedrich Schulze: Die frühesten nachweisbaren Meister der Leipziger Malerinnung. In: Schriften des Vereins für die Geschichte Leipzigs. 16, 1933, , S. 87–94, hier S. 92. Es ist anzunehmen, dass er zumindest eine Zeit lang danach eine Werkstatt in Freiberg betrieb, 1543 ist Hermsdorf mit dem Namenszusatz von Freiberg in Zwickau nachgewiesen. 1544 wird er als Meister Steffan in Torgau erwähnt, hier entstanden auch seine letzten nachgewiesenen Werke.
Hermsdorf gestaltete von etwa 1520 bis 1545 Bildschnitzer- und Bildhauerwerke zunächst im spätgotischen, ab etwa 1530 im Renaissance-Stil. Hervorzuheben sind vor allem die von ihm geschaffenen Altarretabel in mitteldeutschen Kirchen. Als sein Hauptwerk gilt der 1520 gestaltete Altar in der Kirche Podelwitz, der Kunsthistoriker Walter Hentschel sah in Hermsdorfs Kunst Einflüsse von Tilman Riemenschneider. Bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts war die Identität des bis dahin als Meister des Podelwitzer Altars bezeichneten Künstlers unbekannt.
Mehrere in der Vergangenheit Hermsdorf zugeordnete Werke (z. B. zwei kleine Flügelaltäre im Merseburger Dom oder der Erasmus-Altar in der Eutritzscher ChristuskircheAlbert Schröder: Die Plastik. Erster Teil 1350–1550 (= Veröffentlichungen des Stadtgeschichtlichen Museums zu Leipzig. Bd. 1). Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Leipzig 1931, , S. 27–28.) werden mittlerweile nicht mehr seinem Schaffen angerechnet. Einige Arbeiten sind ihm nicht eindeutig zuzuordnen, die Zuschreibung erfolgt aufgrund stilistischer Merkmale und teilweise zeitlich nachweisbaren Aufenthalten in den jeweiligen Orten.
Werke (chronologische Auswahl) 1520: Schnitzplastiken am Flügelretabel des Altars in der Kirche Podelwitz um 1520: Schnitzplastiken am Flügelretabel des Altars in der Pfarrkirche Treben um 1520: Abendmahl-Holzrelief im Stadtmuseum Meißen 1524/1526: Grabplatten von Georg († 1524) und Apollonia von Wiedebach (1470–1526) in der Leipziger ThomaskircheHeinrich Magirius u. a. (Bearb.): Stadt Leipzig. Die Sakralbauten. Mit einem Überblick über die städtebauliche Entwicklung von den Anfängen bis 1989 (= Die Bau- und Kunstdenkmäler von Sachsen). Hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1995, ISBN 3-422-00568-4, S. 299. um 1525: Hochaltar in der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Chomutov um 1525: zwei Holzreliefs (Geburt Christi, Anbetung der Heiligen drei Könige) im städtischen Museum Chomutov um 1525: zwei Holzfiguren (Trauernde Maria, Apostel Johannes) im Grassi Museum für Angewandte Kunst um 1525: Schnitzplastiken am Flügelretabel des Altars in der Doppelkapelle St. Crucis in Landsberg (bis 1731 in der Kirche St. Martin in Zwochau) um 1537: Grabplatten für Heinrich († 1541) und Katharina († 1537) von Beschwitz in der Dorfkirche Rödern 1543: Kruzifix aus Sandstein in den Kunstsammlungen Zwickau (ursprünglich Margarethenfriedhof Zwickau)Walburg Törmer-Balogh: ... wanderte Ludwig Münstermann in Sachsen?. In: Peter Königfeld (Bearb.): Das holzsichtige Kunstwerk. Zur Restaurierung des Münstermann-Altaretabels in Rodenkirchen/Wesermarsch (= Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Niedersachsen. Bd. 26). Niemeyer, Hameln 2002, ISBN 978-3-8271-8026-1, S. 112–125, hier S. 124 (online, abgerufen am 10. Juni 2025). 1543/1544: Altar und Innenausschmückungen in der Torgauer Schlosskapelle, Bauplastik am Schönen Erker und Doppelportal an der Flaschenstube im Schloss Hartenfels (alle Arbeiten wurden zusammen mit Simon Schröter († 1568)Werner Broda: Spurensuche Nickel Hoffmann. Ein Baumeister der "Deutschen Renaissance" (~ 1515 – 1592). Diss., Philipps-Universität Marburg, 1998, S. 116 (online, abgerufen am 10. Juni 2025). und teilweise mit Jörg von Coburg geschaffenNadja Kühne: Neue Befunde zur Ausgestaltung des Schlosses Hartenfels in Torgau. In: Sächsische Heimatblätter 64 (2018), Nr. 3, , S. 267–270, hier S. 269 (online, abgerufen am 10. Juni 2025).) um 1544: Sandsteinrelief mit Gnadenstuhl-Motiv in der Torgauer Marienkirche 1545: Wappen (datiert mit Jahr) am Haus Breite Straße 2 in Torgau
Literatur Eduard Flechsig: Die Sammlung des Königl. Sächsischen Altertumsvereins zu Dresden in ihren Hauptwerken. 100 Blatt in Lichtdruck. Hrsg. von Otto Wankel. Sächsischer Altertumsverein, Dresden 1900, S. 27b–29a, Bl. 81–83. (digital.slub-dresden.de).
Walter Hentschel: Sächsische Plastik um 1500 (= Alte Kunst in Sachsen. Bd. 1). Limpert, Dresden 1926, , S. 45, Tafeln 56, 57. Wilhelm Rüdiger: Leipziger Plastik der Spätgotik. (Versuch einer Scheidung nach Stammescharakteren). Noske, Borna 1940, , S. 24–33.
Georg Dehio (Begr.): Sachsen. Die Bezirke Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig (= Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Neubearbeitung, Nachdruck der Ausgabe 1965. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1990, ISBN 3-422-03016-6, S. 59, 228, 333, 356, 359, 405. Georg Dehio (Begr.): Sachsen-Anhalt II. Der Bezirk Halle (= Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Neubearbeitung, Nachdruck der Ausgabe 1976. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1990, ISBN 3-422-03017-4, S. 63, 244. Heike Thormann: Stefan Hermsdorf – ein sächsischer Bildhauer der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Diss., Universität Leipzig, 1995, . Georg Dehio (Begr.): Sachsen II. Die Regierungsbezirke Leipzig und Chemnitz (= Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler). Neubearbeitung. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1998, ISBN 3-422-03048-4, S. 806, 820, 868, 953, 960, 963 f. Heike Thormann: Hermsdorff (Hermensdorfer), Steffan (Stephan). In: Günter Meißner (Hrsg.): Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Band 72: Henning – Heuler. De Gruyter, Berlin und Boston 2012, ISBN 978-3-11-023177-9, S. 247 f. Walburg Törmer-Balogh: Achtzehn qualitätsvolle, polychromierte Einzelskulpturen in der Bonifatius-Kirche zu Rudolstadt-Heilsberg. Ein Würdigungsversuch vor allem der nach 1500 entstandenen Schnitzwerke sowie eine Spurensuche zu Stephan Hermsdorf († um 1544/45). In: Rudolstädter Heimathefte 69 (2023), S. 188–197.
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