mini|Milan Kundera (1980) Das Leben ist anderswo () ist der Titel eines 19731970 in tschechischer Sprache beendet, 1973 in französischer Übersetzung unter dem Titel „La vie est ailleurs“ und 1979 im Exilverlag 68 Publishers in Toronto im tschechischen Original veröffentlicht. 1987 erschien die endgültige autorisierte französische Version publizierten satirischen Bildungsromans des tschechischen Schriftstellers Milan Kundera über das Leben eines jungen Dichters. Hauptthemen sind die Mutterbindung der Hauptfigur und die Spannung zwischen seiner persönlichen und gesellschaftlich orientierten Poetik zur Zeit der kommunistischen Herrschaft in der ČSSR. Die deutschen Übersetzungen von Franz Peter Künzel und von Susanna Roth erschienen 1974im Suhrkamp Verlag bzw. 1990.im Carl Hanser Verlag

Überblick Die Lebensgeschichte des mit 19 Jahren an einer Lungenentzündung verstorbenen (Teil VII) fiktiven Dichters Jaromil spielt in den 1930er und 1940er Jahren vor dem historischen Hintergrund der deutschen Besetzung der ČSSR und der kommunistischen Machtübernahme nach dem Zweiten Weltkrieg 1948. Von Kindheit an wird Jaromil von seiner über ihre Ehe enttäuschten Mutter als Künstler gefördert (Teil I) und so eng an sich gebunden, dass unter ihrem Schatten alle Liebesbeziehungen scheitern (Teile III bis V). Anfänglich verarbeitet er persönliche Erlebnisse im avantgardistischen surrealistischen Stil. Als dieser von den Kommunisten als bürgerlich dekadent abgelehnt wird, schreibt er linientreue sozialistisch realistische Gedichte (Teile I bis IV). Im Zusammenhang mit seinem Engagement für die kommunistische Partei denunziert er aus einer Mischung von persönlichen und politischen Motiven den Bruder seiner Freundin (Teil V).

Inhalt Jaromils Familie (Teil I) Zu Beginn ihres Literatur-Studiums wird Jaromils Mutter schwanger und widersetzt sich den Wünschen des Freundes, eine Abtreibung vorzunehmen. Die beiden heiraten unter dem Druck ihrer wohlhabenden Eltern und ziehen in deren Villa ein. Mit der Mitgift kann Jaromils Vater ein Bauunternehmen gründen (I, 1). Die Abtreibungsforderung und die Weigerung, weitere Kinder zu bekommen (I, 5), entfremden die Eltern voneinander und die Mutter konzentriert sich ganz auf ihr einziges Kind. Die Zeit der Schwangerschaft und die enge Bindung an den Embryo empfindet sie als paradiesischen Zustand. Eines Tages verschwindet ihr Mann. Auf die Nachricht von seinem Tod in einem Konzentrationslager betrachtet sie ihn als Widerstandskämpfer (I, 11, III, 1). Später erfährt sie, dass er eine jüdische Freundin hatte, diese nach ihrer Deportation ins „Getto von Theresienstadt“ besuchte, verhaftet und hingerichtet wurde (III,7 und 9). Daraufhin eliminiert sie ihn aus ihrem Leben und dem des Sohnes (III, 7).

Mutter-Sohn-Bindung und verhinderte Liebesbeziehungen (Teile I bis IV, VI bis VII) Im Laufe der Zeit intensiviert sich die Mutter-Sohn-Bindung und steigert sich nach seinem Tod zur Dichterverehrung mit Grabmal („Hier ruht der Dichter“, VI, 9). Die Mutter protokolliert akribisch die Entwicklungsschritte ihres kleinen Sohnes, seine Sprachentwicklung, seine kindlichen Reime und Zeichnungen, und kümmert sich intensiv um seine Förderung. Als er in die Schule kommt, kann er bereits lesen und schreiben und überspringt eine Klasse. Ironisch erklärt der Erzähler die Überbewertung der Begabung des Sohnes als Missverständnisse. Z. B. reagiert das Kind auf Stimmungen und Reaktionen der Umgebung, ahmt Sprachformen nach und verstärkt dies, wenn es Beachtung findet. So verbindet es die Melancholie der Großmutter zufällig mit einem Gartenerlebnis zum Spruch „Das Leben ist eigentlich wie Unkraut“ (I, 3) oder es zeichnet menschliche Körper mit Hundeköpfen, weil es keine Menschenköpfe malen kann. Die Mutter sieht darin eine frühreife Begabung, rahmt Jaromils Sprüche und Zeichnungen und hängt sie in der Wohnung auf. So verhilft sie dem Sohn zu Erfolgserlebnissen. Bestätigung findet sie durch einen Maler, dem sie seine Werke zeigt. Er deutet sie als surrealistische Kunst, sieht darin die Sensibilität des Kindes für Entdeckung der inneren Welt und für seine Neugier auf ein freies Leben (I; 6) und setzt dem Jungen die Idee vom Künstler als einem Auserwählten in den Kopf, der aus dem Strom des Unbewussten schöpfen kann (III, 5). Er gibt Jaromil Zeichenunterricht (I, 7) und zeigt ihm Bilder von Joan Miró und Salvador Dalí. Parallel dazu zieht er die Mutter in seine Kunstexperimente mit hinein, diskutiert mit ihr über moderne Kunst und leiht ihr Gedichtbände Paul Éluards und Arthur Rimbauds, die auch Jaromil liest und die ihn beeinflussen (I, 9). Sie wird seine Geliebte („Liebe ist Wahnsinn“) und sein Modell (I, 8 und 9). Er bemalt ihren Körper, fotografiert ihn und stellt Foto-Collagen zusammen. Weil sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts vom Doppelleben ihres Mannes weiß, hat sie Schuldgefühle, erleidet einen Nervenzusammenbruch und beendet das für sie intellektuell und künstlerisch faszinierende, aber sexuell im Grunde genommen unbefriedigende Verhältnis.

Die Mutterbindung Jaromils führt in seiner Pubertätszeit zu Konfliktsituationen und Auseinandersetzungen. Rückwirkend interpretiert die Mutter alle ihre Entscheidungen gegen ihren Mann, den Maler und einen sie umwerbenden verheirateten Büro-Kollegen (III, 11) als Bekenntnisse zu ihrem Sohn, beginnend mit ihrer Weigerung abzutreiben, und sucht die Zeit der Schwangerschaft in einer Art geistiger Symbiose fortzusetzen. Sie sucht Einblicke in das Leben ihres Sohnes, sie kontrolliert seinen Tagesablauf, die Schulaufgaben und den Förderunterricht und regt ihn zu künstlerischen Tätigkeiten an. Sie verbringen gemeinsam in einer Stimmung „verbotener Vertraulichkeit und unerlaubten Einverständnisses“, wie es die Mutter fast erschreckt wahrnimmt, Ferien in einem Kurbad und lernen dort den Maler kennen (I, 6). Jaromil gibt ihr seine Gedichte zu lesen, auch solche mit dämonisch pubertärer Phantasie ausgeformten Erlebnissen mit Klassenkameradinnen. In sein Tagebuch schreibt er: „Ich bin ein großer Dichter, ich habe eine große Sensibilität, ich habe eine teuflische Phantasie, ich fühle, was andere nicht fühlen“ (I, 6). Aber die Mutter missversteht oft seine Verschlüsselungen und deutet seine Dichtung im Sinne der Theorie des Malers als vom genialen Sohn geahnte dunkle existentielle Weisheit. In der Zeit seiner Pubertät hat sie Angst, dass er sich ihr entzieht und sie ihren Einfluss auf ihn verliert. Deshalb überwacht sie seine Freundschaften, sein Tagebuch und seine abendliche Ausgehzeit. Das ist nicht schwer, da der Weg zu seinem Zimmer durch ihr Wohnzimmer führt. Aber Jaromil bewahrt seine Geheimnisse und erlebt seine harmlosen Schüler-Liebschaften außer Haus.

Die Studentin Ihren ersten eifersüchtigen Anfall erleidet die Mutter, als der Gymnasiast vor seinem Abitur eine Liebesbeziehung mit einer zwei Jahre älteren Studentin beginnt und abends spät nach Hause kommt (III, 16 bis 27). Die Mutter schreit hysterisch, er bringe sie um, und Jaromil muss lange um Verzeihung bitten (III, 17). Die Dominanz der Mutter, sein Schuldgefühl ihr gegenüber in Verbindung mit seiner sexuellen Unaufgeklärtheit führen zum Scheitern dieser Beziehung. Jaromil weicht auf intellektuell anregende Gespräche aus und die Studentin ist über seine Gehemmtheit enttäuscht. Sie wirft ihm vor, nicht sie, sondern eine andere Frau zu lieben. Er gesteht ihr schließlich, dass in der Tat der Schatten einer anderen Frau, die ihn geliebt habe, auf ihm liege. Sie fordert jedoch von ihm die absolute Liebe und will keine Kompromisse mit einem Schatten eingehen. Jaromil wendet dagegen ein, das Absolute der Liebe bedeute vor allem, „dass es imstande ist, den anderen zu verstehen und mit allem zu lieben, was in ihm und an ihm ist, auch mit einem Schatten“ (III, 23). Doch sie findet sich mit dieser Erklärung nicht ab und trennt sich von ihm (III, 27).

Rotschopf Zu einer erneuten Auseinandersetzung mit der Mutter kommt es, als Jaromil als Student an der Hochschule für Politik seine erste sexuelle Beziehung mit dem „Rotschopf“, einer liebeserfahrenen jungen Verkäuferin, beginnt. Eigentlich hat er sich in ihre schöne Kollegin verliebt (IV, 5), doch sie bezieht seine Beobachtungen auf sich und ergreift die Initiative. Im sechsten Teil erklärt der Erzähler dem Leser die Jaromil unbekannten Zusammenhänge: Die junge Frau hatte schon mehrere Beziehungen und setzt die zu dem „Vierzigjährigen“ parallel zu den Kontakten mit Jaromil fort. Sie treffen sich zuerst in ihrem Zimmer in einem Mietshaus (IV, 23). Als ihr Bruder für einige Zeit bei ihr zu Besuch ist, setzt Jaromil bei seiner Mutter durch, dass ihn die Geliebte während ihrer Abwesenheit besuchen darf (V, 6). Als sie einmal etwas verfrüht in ihre Wohnung zurückkehrt, hört sie Liebesgeräusche, stürzt eifersüchtig in Jaromils Zimmer und unterbricht den sexuellen Akt unter dem Vorwand, das angeblich an Magenkrämpfen leidende Mädchen zu verarzten. Jaromil fühlt sich gedemütigt. Er hasst und liebt die Mutter und kompensiert seine Minderwertigkeitsgefühle wegen seiner Unselbständigkeit, indem er die Freundin unter der Maske der Liebe quält (V, 9): Seine Eifersucht steigert sich zum Besitzanspruch, Kleinigkeiten ärgern ihn, nach Vorwürfen der Untreue schlägt er sie, hat darauf Schuldgefühle und versöhnt sich wieder mit ihr. Er fordert ihre unbedingte Liebe, sie muss erraten, was in seinem Innern vorgeht und muss ihn verstehen. Als „Rotschopf“ eines Tages verspätet zu ihrem Treffen erscheint, führt dies zu einer grotesken Entwicklung (V, 10): Er reagiert mit Beschuldigungen. Sie versucht ihn zu besänftigen und konstruiert eine Erklärung. Der Erzähler schildert nachträglich im sechsten Teil, dass sie bei einem älteren Freund (dem „Vierzigjährigen“) war. Sie erfindet deshalb die Geschichte, ihr Bruder wolle ins Ausland fliehen und habe sich mit ihr beraten. Jaromil fordert in seiner Wut von ihr, den Bruder anzuzeigen. Sie antwortet ausweichend und Jaromil meldet den Fall am nächsten Tag der Polizei (V, 11). Er fühlt sich zum ersten Mal männlich verantwortungsvoll und meint im Sinne der Revolution gehandelt zu haben: Er musste die Geliebte vielleicht opfern, um für eine Welt zu kämpfen, „in der die Menschen mehr lieben würden als je zuvor“ (V, 11). „Rotschopf“ und ihr Bruder werden verhaftet. Das Mädchen wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Folgen seiner Denunziation muss Jaromil nicht mehr miterleben, denn kurz darauf stirbt er an einer auf tragikomische Weise entstandenen Lungenentzündung (VI, 21).

Die Filmerin