mini|Werbung für den Hikari-Club, dem Vorbild für die Geschichte von Blaue Ära. Blaue Ära (, Ao no Jidai) ist die zweite Novelle des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima, die am 25. Dezember 1950 bei Shinchosha veröffentlicht wurde.Takashi Yamanaka: Bücherkatalog: Inhaltsverzeichnis. Veröffentlicht in: Hideaki Sato, Takashi Inoue, Takeshi Yamanaka: Definitive Edition Yukio Mishima Complete Works Vol. 42, Yearbook / Bibliography. Shinchosha. August 2005. S. 540–561. ISBN 978-4-10-642582-0.
Nachdem Mishima durch Bekenntnisse einer Maske und Liebesdurst im jungen Alter von nur 24 Jahren weltweite Berühmtheit erlangte, fasste er den Plan vor seinem nächsten großen Projekt eine Auszeit zu nehmen. In dieser Zeit schrieb er mit Blaue Ära eine kleinere Geschichte. Parallel arbeitete er auch an seiner ersten Novelle Reine weiße Nacht (auch 1950), ehe 1953 der hochantizipierte Nachfolgeroman Verbotene Farben erscheinen sollte.Yasuaki Sakuma: Blaue Ära. Kapitel abgedruckt in: Takashi Inoue, Hideaki Sato, Toru Matsumoto (Hrsg.): Yukio Mishima encyclopedia. TsutomuMakoto. 11. Mai 2000. S. 201 f. ISBN 978-4-585-06018-5.
Die Erzählung basiert auf einer wahren Begebenheit, dem sogenannten Hikari-Club-Vorfall (1948–1949) und dem Schicksal seines Gründers Kouji Yamazaki. Mishima – der mit Yamazaki gemeinsame Vorlesungen an der Universität Tokio besuchteMasayasu Hosaka: Shinsei Hikari Club Vorfall. Kadokawa Shoten. 2004. – hielt sich dabei untypisch nah an der Originalvorlage und integrierte lediglich seine eigenen moralischen Erwägungen in Form längerer philosophischer Gespräche zwischen den Charakteren. Sie folgt Makoto Kawasaki, einem brillanten Jurastudenten der Universität Tokio und Trickbetrüger. Er gründet die „Sonnengesellschaft“, eine inoffizielle Kredithai-Organisation. An seinem Höhepunkt verfügt die Gesellschaft über ein Kapital in Höhe von 400 Millionen Yen, ehe die Paranoia und der bevorstehende Konkurs Kawasaki verrückt macht. Auch wenn in der Novelle sein weiteres Schicksal nicht beschrieben wird, liegt anhand der Faktentreue zum originalen Falle nahe, dass er sich am Vortag der Schuldentilgung durch eine Zyankali-Kapsel das Leben nehmen wird.
In Unison mit anderen Werken aus Mishimas Anfangszeit befasst sich die Novelle mit der Nachkriegsjugend, welche nach der Kapitulation Japans keine Perspektive hat und der existenziellen Aufgabe ins Auge sehen, ihr gesamtes bisheriges Wertebild zu hinterfragen. Der „Hiraki Club Vorfall“ wurde in der Nachkriegszeit ein Symbol für den Nachkriegs-Nihilismus und gilt als wegweisend für das aufkommende Interesse der Nachkriegsjugend, einen eigenen moralischen Kompass zu entwerfen.
Handlung Kindheit Makoto Kawasaki wird 1923 in Kisarazu als dritter Sohn geboren. Sein Vater Takeshi ist ein respektierter Arzt und lokale Berühmtheit. An einem Sommertag spaziert die Familie mit seinen drei kleinen Jungen an der Küste von Toriizaki. Makoto sieht dort das Modell eines schönen Bleistifts im Schaufenster eines Ladens. Es ist ein grüner Bleistift, mit einer goldenen Kuppel, verziert mit goldenen Buchstaben an den Rändern. Seine Mutter tadelt ihn aber „Makoto, der steht nicht zum Verkauf!“ Überraschenderweise überredet Takeshi den Ladenbesitzer, das Modell des Bleistiftes zu verkaufen und Makoto nimmt es freudig an sich. Als die Familie mit einem Segelboot auf das Meer hinausfährt, möchte Takeshi seinem Sohn eine Lektion über Minimalismus erteilen. Er zwingt den kleinen Makoto den Bleistift ins Meer zu werfen, wobei seine Brüder ihm zuvorkommen. Makoto starrt mit leerem Blick auf den Bleistift, der langsam vom Meer weggespült wird.
Universitätszeit, Kennenlernen von Yoko und Betrug Die Erzählung springt mehrere Jahre in die Zukunft. Makoto, mittlerweile ein ausgewachsener Mann, hasst seinen strengen Vater und beschließt, Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Tokio zu werden. Makoto ist zwar eine skeptische Person, zweifelt aber nicht an der Autorität und dem Wahrheitsanspruch der Universität. Im kompletten Kontrast zu ihm steht sein Bruder Yi: er ist nicht gut im Studium, ist aber dafür sehr weltoffen und hat eine Faszination für Boote und das Militär. Dieser Passion folgt er auch, indem er erfolgreich seine Ausbildung auf der Militärakademie als Unteroffizier der japanischen Marine absolviert. Aufgrund seiner Erfahrungen im Krieg wird Makoto zunehmend zynischer und skeptischer gegenüber der Welt, während Yi der Kommunistischen Partei beitritt und fest an die gute Natur des Menschen glaubt.
Makoto lernt in der Bibliothek der Universität die Buchverleiherin Yoko Nogami kennen, als diese gerade mit ihrem Bekannten Atago auf dem Dach des Gebäudes raucht. Da Yoko die belesene Tochter eines Professors ist und Makoto an das Konzept einer Epistokratie glaubt, interessiert er sich zunehmend für das hübsche Mädchen. In ihrem ersten Gespräch unter vier Augen macht sie aber früh klar „Ich liebe keine Männer, ich liebe nur Geld.“ Makoto versucht ihr zu imponieren und wird Anleger bei einem Unternehmen namens „Ogikubo Finance Association“. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass die Firma in Wahrheit gar nicht existiert und Makoto verliert über 100.000 Yen.
Gründung und Führung des Kreditunternehmens Makoto beginnt sich das für Kreditgeschäft zu interessieren und gründet die „Sonnengesellschaft“ in Nakano. Durch auffällige Zeitungsanzeigen und dem Einsatz von Lockvogeln erlangt Makoto schnelle Bekanntheit am Campus. Sein Geschäftskonzept ist dabei, verarmten und bonitätsschwachen Unternehmen in ihrer Verzweiflung Kredite zu erteilen und zu wucherartigen Zinsen zurückzuverlangen. Statt dem üblichen Jahreszinssatz von 1,83 % vergibt Makoto seine Kredite nur mit einem Jahreszinssatz von 18 %. Da die meisten Unternehmen wegen des Krieges finanzielle Rückschläge erlitten haben und keine andere Gesellschaft außer die von Makoto bereit ist, ihnen Kredite zu erteilen, läuft das Geschäft aber dennoch. Zusammen mit dem Betrüger der „Ogikubo Finance Association“ und Atago gründet er die „Taiyo Company“, eröffnet ein Büro in Ginza, stellt Yoko als Sekretärin ein und erweitert sein Geschäft zu einer Aktiengesellschaft mit 30 Mitarbeitern. Besonders der Umstand, dass die Gesellschaft vollständig von Studenten geführt wird, sorgt für Aufsehen im Großraum Tokio.
Matsoko lädt seine Mutter und seinen Bruder Yi ein, um ihm beim Spendensammeln zu helfen. Die drei fahren in ihrem Datsun zu einer ehemaligen Kazoku-Familie, die durch den Krieg beinahe ihr gesamtes Vermögen verloren hat. Matsoko überredet Yi, die Familie trotz ihrer Notlage auf großzügige Spenden anzubetteln, da er dies im Namen der sozialen Gerechtigkeit tue und die korrupten Kredit-Monopolisten zu bekämpfen versucht. Dieser lässt sich darauf ein und tatsächlich erbeutet Matsoko durch die Mithilfe seines Bruders die letzten Ersparnisse der Familie. Zurück im Büro nimmt Matsoko einen großen Batzen des Geldes, steckt ihn in einen Umschlag und reicht ihn Yi als Entlohnung. Dieser guckt ihn aber nur verachtend an und sagt: „Du hast nichts Menschliches mehr an dir.“
Untergang des Unternehmens und psychischer Zerfall Makotos Immer mehr Unternehmen gehen auf Konkurs und können ihre Kredite nicht zurückzahlen. Als sich einer der Kreditnehmer aufgrund seiner Perspektivlosigkeit das Leben nimmt, verliert die „Taiyo Company“ immer mehr an Ansehen. Makoto drillt Yoko immer mehr zu Überstunden und wird gewalttätig, als sie ihm nicht die angeforderten Dokumente liefert. Am nächsten Tag erscheint sie nicht mehr zur Arbeit. Stattdessen trifft sie sich im Finanzamt mit einem Mann, verliebt sich in ihn und wird schwanger. Als sie ihm die Einkünfte der „Taiyo Company“ offenlegt, meldet er Makoto beim Finanzamt, welches ihn wegen Verletzung der „Preiskontrollverordnung 1946“ anzeigt (einem Verwaltungsgesetz, das die Inflation unter Kontrolle halten soll). Zwar wird Makoto aufgrund der überlasteten Justiz nicht weiter verfolgt, der Ruf des Unternehmens sinkt aber immer weiter.
Atago, mittlerweile zweiter Vorsitzender, tritt zwischenzeitlich aus der „Taiyo Company“ aus. Er habe Angebote seriöser Firmen auf dem Tisch und könne sich den schlechten Ruf des Unternehmens nicht weiter erlauben. Auf sich allein gestellt, benennt Makoto die „Taiyo Company“ mehrfach um, in der Hoffnung neue Anleger zu finden, jedoch zu keinem Erfolg. Auch die Taktik Leerverkäufe von Aktien seinen Investoren anzubieten, schlägt fehl. Am 24. November, einen Tag vor der vereinbarten Schuldentilgung, hat Makoto Schulden in Höhe von mindestens 30 Millionen Yen und hat überhaupt keine Ideen, wie er diese begleichen soll.
Er spaziert an dem schönen Frühlingsmorgen durch die Stadt, in seiner Hose trägt er ein Päckchen gefüllt mit Kaliumcyanid. In einem Café betrachtet er ein junges Pärchen. Beide sitzen dort in ausgefransten Klamotten und mit zerstreuten Haaren, lachen und witzeln aber laut miteinander, ganz zum Missfallen Makotos. Als Makoto sein Notizbuch rausnimmt, lächelt das Mädchen ihn plötzlich an und reicht ihm ihren Stift: einen grünen Bleistift, mit einer goldenen Kuppel und goldenen Buchstabenverzierungen an den Rändern. In seiner Erinnerung hört er aus der Ferne „Makoto, der steht nicht zum Verkauf“ und die Geschichte endet.
Wichtigste Figuren Hauptfiguren Makoto Kawasaki – geboren 1923 in Kisarazu, Präfektur Chiba. Er verfügt über dünne Augenbrauen, leicht hervorgetretene Wangenknochen, verzogene Lippen und ein emporstehendes Kinn. Durch seinen militanten Vater wurde er schon früh zu Sport gedrillt und hat einen dementsprechend muskulösen Körperbau. Im Umgang mit anderen ist er freundlich und charmant, innerlich jedoch zynisch. Besondere Verachtung gilt dabei seinem strengen und chauvinistischen Vater Takeshi. Yoko Nogami – eine Freundin und kurzzeitige Geliebte Makotos, die als Sekretärin in seinem Büro arbeitet. Sie hat ein dünnes Gesicht, einen schlanken Rücken und eine helle Stimme. Ihr Vater war Professor für Politikwissenschaften an der Universität Kyūshū und hatte gute Vernetzungen in rechtsextreme politische Lager. Während des Krieges arbeitete sie mangels Alternativen als Buchverleiherin an der Universität Tokio. Hachiro Atago – ein Freund Makotos, der mit ihm im selben Studentenwohnheim lebt. Sein Gesicht ist rötlich und geschwollen und seine Ohren zucken beim Reden. Geboren wurde er in Tokio. Er hat ein Auge für Mode. Später heiratet er und bekommt eine Tochter. Takeshi Kawasaki – Makotos Vater und Arzt. Er besitzt den 3. Dan in Judo und legt viel Wert auf eine autoritäre Erziehung bei Kindern. Obwohl er nur an einigen Stellen der Novelle vorkommt, ist seine Präsenz für Makoto allgegenwärtig. Sein Vater (Makotos Großvater) war Arzt für den Sanuki-Klan.
Nebenrollen Tatsuko Kawasaki – Makotos Mutter. Sie ist schwach und unsicher und kann mit den Wutausbrüchen ihres Ehemannes schwer umgehen. Ihr Vater ist Professor an der medizinischen Fakultät der Universität Chiba. Yi – der jüngste Bruder von Makoto. Obwohl er nicht gut in der Schule ist, ist er ein fröhlicher und aufrichtiger junger Mann. Taizo Onuki – Vorsitzender der fiktiven Firma „Ogikubo Finance Association“ und ehemaliger Professor. Er betrügt Makoto um 100.000 Yen, arbeitet er dennoch später mit ihm zusammen, indem er in seinen Vorlesungen Werbung für die „Taiyo Company“ macht. Er leidet an Hämorrhoiden. Tatsukuma Ushijima – ein Mann mittleren Alters und späterer Berater der „Taiyo Company“. Er hat ein quadratisches Gesicht, einen kleinen Mund und sieht aus als wäre er „kurz vor den Tränen.“ Itsuko Tayama – eine 35-jährige Witwe, Mutter von drei Kindern und spätere Liebhaberin von Makoto. Früher war sie als Näherin in einem Kaufhaus aktiv, ehe sie durch ihre Beziehung zu Makoto zum Schatzmeister der „Taiyo Company“ wurde.