mini|Mündung der Aubonne in den Genfersee Chanivaz – Delta de l’Aubonne ist die Bezeichnung einer Zone am Nordufer des Genfersees im Schweizer Kanton Waadt, die ein seltenes glazialmorphologisches Geotop und eine wertvolle Auenlandschaft umfasst. Seit 1996 ist das Gebiet im schweizerischen Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN; französisch IFP) verzeichnet; das Flussdelta ist zudem im Verzeichnis der Auengebiete von nationaler Bedeutung und der Uferstreifen am See in jenem der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung aufgeführt.
Einen Teil der Landschaft am letzten Abschnitt des Flusses Aubonne vor der Mündung in den See hat der Kanton Waadt im Jahr 2003 seinerseits als kantonales Naturschutzgebiet Embouchure de l’Aubonne klassiert,Décision de classement de l’embouchure de l’aubonne, territoire des vommunes d’Allaman et de Buchillon, zone alluvile d’importance nationale. Kanton Waadt. und die Rebberge von Allaman und das Schilfgebiet Les Batiaux sind im kantonalen Inventaire cantonal des monuments naturels et des sites eingetragen.Inventaire cantonal des monuments naturels et des sites (IMNS). auf viageo.ch, abgerufen am 28. August 2021.
Das direkt am See gelegene flache Land von Chanivaz weckte in den 1970er Jahren das Interesse der am Genfersee überall sehr aktiven Bauwirtschaft; ein vom Bundesrat verhängtes Bauverbot und das darauf folgende gerichtliche Nachspiel machten das Gebiet zu einem wegweisenden Fallbeispiel des Landschaftsschutzes in der Schweiz.
Lage mini|Siegfriedkarte um 1920: Ausschnitt mit dem Delta der Aubonne Das im Inventar definierte BLN-Schutzgebiet umfasst den Mündungsbereich des Flusses Aubonne am Genfersee, den Auenwald im Bereich des Flussdeltas und die östlich davon liegende Ebene beim Weiler Chanivaz. Es befindet sich im waadtländischen Bezirk Morges in den Gemeinden Buchillon und Allaman. Das grössere Geotop erstreckt sich darüber hinaus auf die weitere Umgebung und einen längeren Abschnitt am Unterlauf des Flusses und schliesst Flächen von Buchillon, Allaman, Aubonne und Etoy ein. Die Gemeindegrenzen folgen ungefähr dem Flussbett, das sich mit der Zeit jedoch mäandrierend etwas verlagert hat.Landeskarte der Schweiz. Auf der Westseite des Aubonne-Deltas mündet auch der Bewässerungs- und Gewerbekanal Armary in den Genfersee, der zusammen mit einem aus der Aubonne abgeleiteten Kanal die Antriebskraft für die ehemalige Mühle des Dorfes Allaman, Grand Moulin, lieferte., Stadt Aubonne, 18. August 2020.
Die Aubonne fliesst vom Südfuss des Juragebirges zum Genfersee und ist damit zugleich auch ein Nebenfluss der Rhone. Anders als die meisten anderen Genferseezuflüsse ist sie im Unterlauf nicht kanalisiert und kann sich frei im Auengebiet auf dem flachen westlichen Abschnitt des Flussdeltas bewegen. Am Ausgang ihres tief in den Boden eingeschnittenen Tales bei Aubonne hat sie seit der letzten Kaltzeit mit ihrem Geschiebe einen etwa drei Quadratkilometer grossen Schwemmkegel am Rand des Seebeckens aufgeschüttet. Unter der Seeoberfläche bedecken die Sedimente noch eine weitere Fläche von mehreren Quadratkilometern.
Dem Fluss entlang, am Seeufer und am östlichen Rand des Deltas bei Grands Bois ist die Landschaft von Wald bedeckt, der in einigen Bereichen noch den Charakter eines Auenwaldes hat und Feuchtgebiete und Flachwasserzonen aufweist. In den älteren Landeskarten ist eine Fläche östlich der Flussmündung mit dem Flurnamen Au Marais (deutsch: «Im Sumpf») bezeichnet. Der natürliche Uferstreifen am Genfersee besteht auf der linken Seite der Aubonne-Mündung aus grobkörnigem Kies und Geröll und ist auf der rechten Seite von einem Schilfgürtel bewachsen. So haben sich im Areal unterschiedliche ökologische Standorte herausgebildet.
Geschichte In der Mitte der BLN-Zone befindet sich in einer grossen Rodungslichtung der Weiler Chanivaz und östlich davon am Genfersee das historische Landgut Les Fontanettes mit einem grossen Park bis zum Seeufer.Aus Chanivaz stammt der Bergbauingenieur Charles Henri de Loriol (1837–1899). In diesem Gebiet ist im 19. Jahrhundert eine umfangreiche archäologische Fundstätte aus der römischen Zeit entdeckt worden.Archäologische Luftfotografie der römischen Villa von Chanivaz: François Francillon, Denis Weidmann: Photographie aérienne et archéologie vaudoise. In: Archäologie der Schweiz. Archéologie suisse. Archeologia svizzera, 6, 1983, S. 13. Die Ortschaft, deren antiker Name nicht überliefert ist, lag in der Mitte zwischen den römischen Städten Lousanna und Colonia Iulia Equestris.Michel Tarpin (u. a.): Le bassin lémanique gallo-romain. In Le Rhône romain, Gallia, 56, 1999, S. 33–44. Beim Tauredunum-Tsunami im Genfersee vom Jahr 563, von dem die Bischöfe Gregor von Tours und Marius von Avenches berichteten, wurde sie gewiss von den meterhohen Wellen überflutet und möglicherweise zerstört.
Die spätere Siedlung an dieser Stelle hatte im Mittelalter als Zentrum einer Pfarrgemeinde eine regionale Funktion. Die (heute nicht mehr vorhandene) Pfarrkirche ist im Jahr 1228 im Lausanner Chartular der Burgerbibliothek Bern erstmals unter dem Namen Chanliva erwähnt.Chanivaz, im Fichier Muret, auf ortsnamen.ch. Chanliva bzw. Chanivaz ist der alte Ortsname in der im Waadtland seit dem Mittelalter gebrauchten frankoprovenzalischen Umgangssprache; er geht etymologisch auf das frankoprovenzalische Wort châno (von gallischem cassanu; vgl. frz. chêne) für Eiche und Eichenwald zurückIFP 1210 Chanivaz –Delta de l’Aubonne.Artikel Chêne im Glossaire des patois de la Suisse romande. (Es ist zu beachten, dass man bei frankoprovenzalischen Namen das traditionell geschriebene Schluss-Z nicht ausspricht).
Das um 1900 neu gebaute Bauernhaus von Chanivaz ist heute Mittelpunkt eines grossen Landwirtschaftsbetriebs.IFP 1210 Chanivaz –Delta de l’Aubonne. Auch das Landgut Fontanettes besteht seit langer Zeit; der Name bedeutet auf Deutsch die Brunnen bzw. die Quellen, was sich wohl auf Grundwasseraufstösse in der Nähe des Sees bezieht. Die Pflege der archäologischen Überreste und historischen Bauwerke zählt ausdrücklich zum vom Bund definierten Zweck des BLN-Gebiets. mini|Eisenbahnviadukt Aubonne, Postkarte, um 1919 (Bildarchiv der ETH-Bibliothek) In der Zeit des Ancien Régime bildete das Gebiet von Allaman und Buchillon eine besondere Gutsherrschaft im waadtländischen Gebiet der Stadt und Republik Bern. Die private Domäne Seigneurie d’Allaman lag im bernischen Amt Morges, ihr Verwaltungsmittelpunkt war das Schloss Allaman nordwestlich von Chanivaz. Vom Dorf Buchillon, das nach dem Mittelalter Chanivaz als Gemeindezentrum abgelöst hat, gelangt man auf einer Lokalstrasse zum abgelegenen Weiler. Der Weg war früher ein Abschnitt der historischen Landstrasse am Genfersee zwischen Genf und Lausanne.Histoire de Buchillon, auf buchillon.ch, abgerufen am 25. August 2021. Seit dem Jahr 1431 führt die Fernstrasse – heute als Schweizer Hauptstrasse 1 – nicht mehr durch das Deltagebiet, sondern etwas weiter flussaufwärts durch die Talniederung und überquert die Aubonne bei Claveleire. An der alten und dann auch der neuen Aubonne-Brücke lag früher eine Zollstelle.Chanivaz. In Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz. Zweiter 2: Basel-Egnach. Neuenburg 1924, S. 539. Die Bahnlinie Genf-Lausanne-Bern und die Autobahn A1 überqueren das Tal noch weiter nördlich auf dem Eisenbahnviadukt Aubonne bzw. dem Aubonne-Viadukt am Rand des Deltageotopes.Pont sur l’Aubonne, auf notrehistoire.ch, abgerufen am 25. August 2021.Philippe Sarrasin: Présentation du pont sur l’Aubonne. In: Bulletin technique de la Suisse romande, 86, 1960, S. 358–361. Durch das Schutzgebiet führen zahlreiche Fusswege. Von Lausanne aus durchquert eine Etappe des Schweizer Jakobswegs, der nach Santiago de Compostela führt, von Buchillon aus das Delta der Aubonne.Via Jacobi dans la région La Côte. Chemin de Saint-Jacques de Compostelle. auf mycity.travel, abgerufen am 3. September 2021. Hier können die Pilger ein Stück weit auf einem unbefestigten Weg und im Schatten des Waldes gehen.
Um 1900 standen im Gebiet des Flussdeltas nur wenige Gebäude: die alte Mühle von Allaman, das Bauernhaus von Chanivaz und das Landhaus Fontanettes. Im 20. Jahrhundert sind nach und nach einige Parzellen im Gebiet mit Fahrstrassen erschlossen und überbaut worden. Direkt an der Aubonnemündung wurde um 1930 ein Wohnhaus errichtet, und auf der Ostseite des Flussdeltas dehnte sich im 20. Jahrhundert im Zuge des intensiven Landschaftsverbrauchs rund um den Genfersee das neue Villen- und Landhausquartier von Buchillon dem Seeufer entlang bis in den Wald von Chanivaz aus.Dazu: Comment mieux protéger les rives du Léman, riches et fragiles. In: 24 heures, 22. Februar 2021. Seit den 1960er Jahren hatte der Filmschauspieler Yul Brynner seinen Wohnsitz in der Villa bei Chanivaz.
Das BLN-Gebiet Chanivaz – Delta de l’Aubonne ist trotz dem Siedlungsdruck einer der wenigen noch weitgehend im natürlichen Zustand erhaltenen und nicht ganz in Privatgrundstücke aufgeteilten Abschnitte des nordwestlichen Genferseeufers geblieben. Noch in den 1970er Jahren gab es Pläne, im Areal Chanivaz mit einer Grossüberbauung Wohnraum für mehrere hundert oder tausend Bewohner zu schaffen. Nachdem die Gemeinde Buchillon die Investitionen bereits bewilligt hatte, erliess der Bundesrat 1980 ein Bauverbot für das Gebiet.Um das Naturgebiet von Chanivaz besser zu schützen, beschloss der Bundesrat 1980 die Expropriation von 12 Grundstücken bei Buchillon durch ein Bauverbot. Gestützt auf das Eidgenössische Natur- und Heimatschutzgesetz, Artikel 15, bestätigte das Bundesgericht (Bundesgerichtsurteil 114 IB 321) 1988 die vom Bund vorgesehene Entschädigung der Eigentümer der privaten Grundstücke in Chanivaz. Siehe dazu auch: Philippe Billet: La protection des paysages. Regards du droit, droit au regard. Approche franco-helvétique. In: S. 254–276, hier S. 269.Christian Schmidt: Noch 400 Kilometer naturnahe Ufer. In: Heimatschutz. Patrimoine, 79, 1984, S. 13. Auf der westlichen Seite neben der Aubonnemündung wurde um 1980 mitten im weiten Schilfgebiet der Bootshafen von Allaman angelegt.Port de l’Aubonne (des batiaux), auf ports-du-leman.ch, abgerufen am 25. August 2021. Der Freizeitverkehr auf dem See rund um den Sporthafen beeinträchtigt die Fauna im Schutzgebiet.Une campagne pour mieux protéger un littoral lémanique fragile, auf lacote.ch, 16. Februar 2021, abgerufen am 27. August 2021.
Aufgrund einer kantonalen Bewilligung von 1978 betreiben die Gemeinden Allaman, Buchillon und Etoy fünf Pumpstationen, um mit Grundwasser aus dem Deltaschotter ihre Wasserversorgung zu sichern. Der Grundwasserkörper wird sowohl aus dem Aubonnetal wie auch aus dem Genfersee gespiesen. Seit 1980 legten die Gemeinden deswegen bei Chanivaz und Chaney, wo sich das Kies- und Zementwerk der Firma Cornaz befindet, eine Grundwasserschutzzone fest.Carte des secteurs et zones de protection des eaux. auf etoy.ch, abgerufen am 26. August 2021. mini|Naturschutzgebiet «Zone alluviale de l’Aubonne»
Geologie und Landschaft Das Relief des Deltagebietes weist aufgrund der Seegeschichte des Genfersees vier verschiedene Höhenstufen auf. Diese getrennten Terrassen befinden sich auf 3 m, 10 m, 20 m und rund 35 m über der heutigen Seeoberfläche von 372 m. ü. M.D. Aubert: Les terrains quartenaires de la vallée de l’Aubonne. In: Bulletin de la Société Vaudoise des Sciences Naturelles, 59, 1936–1937, S. 93–100. Während der Wasserstand des Sees früher wegen des unregelmässigen Zuflusses aus dem alpinen Einzugsgebiet schwankte, wird er seit 1886 in Genf, früher mit dem Stauwehr beim Wasserkraftwerk La Coulouvrenière und seit 1995 vom Kraftwerk Seujet, reguliert und auf einem konstanten Pegelstand gehalten.Hydrologische Messstation Rhone - Geneve, Halle de l'Ile, 500 m oberhalb der Barrage du Seujet, auf hydrodaten.admin.ch.