Als Anstandsrest wird seit dem 19. Jahrhundert der Rest einer Mahlzeit bezeichnet, der aus Gründen des Anstands zurückgelassen wird. Weitere Bezeichnungen sind Anstandsstück, Anstandshappen, Anstandsbissen, Anstandsbrocken; früher auch: Reputationsbissen; Respekt; bei Getränken: Anstandsschluck. Während in früheren Tischsitten Reste dokumentiert sind, die von Wohlhabenden für andere zurückgelassen wurden, hat der heutige Anstandsrest eine rein symbolische Bedeutung. Im Gegensatz zu Speiseresten, die aufgrund von Sättigung übrigbleiben, drückt der Anstandsrest einen freiwilligen Verzicht aus. Dabei kann durch Bestecksprache signalisiert werden, dass die Mahlzeit beendet ist, obwohl sich ein Rest auf dem Teller befindet.

Bräuche, Reste von Mahlzeiten freiwillig zurückzulassen, um gute Manieren zu zeigen, sind seit der Antike überliefert. Die Sitte des Anstandsrests wird seit dem 19. Jahrhundert in Benimmbüchern, Ratgeberliteratur und -journalismus als veraltet bezeichnet. Im Gegensatz zum Wort Anstandsrest können die Wörter Anstandsstück, -happen, -bissen, -schluck oder -tropfen auch das einmalige Probieren von einem Gericht oder Nippen von einem Getränk bezeichnen. Für die Neige oder den Bodensatz von Getränken sowie für Menschen, die Reste aus Trinkbehältern zu sich nehmen, gibt es in zahlreichen Sprachen negative Bezeichnungen. Zum Trinken des letzten Schlucks existiert eine Vielzahl von Redewendungen und Bräuchen.

Die Frage, ob es sich gehört, das letzte Stück einer individuellen Portion oder einer geteilten Speise aufzuessen, wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich beantwortet und kann zu Missverständnissen bei der interkulturellen Kommunikation führen. In vielen Ländern gehört die Geste, den Teller nicht leer zu essen, zu den Tischsitten. Häufig wird ein Rest auf dem Teller gelassen, um dem Gastgeber oder der Bedienung zu signalisieren, dass kein Nachschlag gewünscht wird. Verschiedene staatliche „Leere-Teller-Kampagnen“ forderten aus ökonomischen oder ökologischen Gründen zur Vermeidung von Anstandsresten auf, so etwa in den USA während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs oder in der Volksrepublik China ab 2013.

Entstehungsgeschichte Als Gründe für einen Anstandsrest werden das Signalisieren von Großzügigkeit, Bescheidenheit oder Wohlstand genannt. Verschiedene abergläubische Bräuche gehen davon aus, dass es Unglück bringt, den Teller leer zu essen (siehe Bezeichnungen). In der Adipositastherapie wird der Anstandsrest als Instrument der Diätetik erwähnt. Einen Anstandsrest übrigzulassen, kann als Signal der Selbstkontrolle gesehen werden. Insbesondere in Asien gilt ein Rest auf dem Teller als Zeichen dafür, dass der Gastgeber seinen Anspruch, gut für den Gast zu sorgen, erfüllt hat (siehe Bräuche in Asien).

Antike In der Esskultur im römischen Reich sind absichtlich übriggelassene Reste als Formen von Aberglauben, Gastfreundschaft und Pädagogik überliefert. Der griechische Schriftsteller Plutarch beschreibt in seinen Tischreden (enthalten in den Moralia) Ende des 1. Jahrhunderts einen früheren Brauch der Römer, den Tisch nicht leerzuräumen:

Eine weitere Begründung für einen freiwillig zurückgelassenen Rest als Zeichen der Gastfreundschaft veranschaulicht Plutarch anhand von Homers Dichtungen. Während Achilleus neue Speisen zubereiten lassen muss, um Odysseus und Aias zu bewirten, kann Eumaios Telemachos Speisen vom Vortag anbieten. Plutarch beschreibt außerdem einen Brauch bei den Perserkönigen, ihren Sklaven Reste auf ihrem eigenen Tisch zu zivilisatorischen Zwecken vorzusetzen:

Mittelalter In der Esskultur im Mittelalter ist zu absichtlich übriggelassenen Resten wenig überliefert. In der Schrift Über die guten Sitten beim Essen und Trinken des persischen Theologen al-Ghazālī (11. Jh.) wird von der Sitte berichtet, in einem geliehenen Kochtopf etwas vom Essen übrigzulassen, wenn man ihn dem Besitzer zurückgibt.

Neuzeit

Deutschsprachige Tischsitten In der Esskultur der frühen Neuzeit war es üblich, dass Adelige ihren Dienern etwas übrigließen.„And yet their servants have their ordinary diet assigned, beside such as is left at their master’s boards, and not appointed to be brought thither the second time, which nevertheless is often seen, generally in venison, lamb, or some especial dish, whereon the merchantman himself liketh to feed when it is cold, or peradventure for sundry causes incident to the feeder is better so than if it were warm or hot.“ William Harrison: Description of England. 1577, S. 91; . In der von Sebastian Brant um 1490 veröffentlichten Tischzucht Thesmophagia (deutsche Übertragung der im 13. Jahrhundert von Reiner dem Deutschen auf Latein verfassten Schrift Fagifacetus) wird dazu aufgefordert, den Teller nicht leer zu essen und stattdessen etwas für das Gesinde übrig zu lassen:

Die Adelige Jacobe von der Asseburg (1507–1571) fordert in einer Erziehungsschrift ihre Enkelinnen dazu auf, von verschiedenen Schüsseln zu nehmen, aber jeweils einen Rest darin zu lassen. Eine Jungfrau verhalte sich am besten, wenn sie von allen Gerichten probiere. Als Vorbild für verschiedene Tischzuchten gilt ein Rat aus der um 190 v. Chr. entstandenen Spätschrift Jesus Sirach des Alten Testaments, als erster mit dem Essen aufzuhören, um Bescheidenheit zu signalisieren: „Hör als Erster auf, wie es der Anstand verlangt, / und schlürfe nicht, sonst erregst du Anstoß.“ () Die Anweisung findet sich in verschiedenen Schriften.

Französischsprachige Tischsitten Seit dem 16. Jahrhundert ist im Französischen das Sprichwort „Au serviteur le morceau d’honneur“ („Dem Diener das Ehrenstück“) belegt (zuerst 1555 veröffentlicht in den Refranes o proverbios en romance von Hernán Núñez de Toledo). Im französisch-englischen Wörterbuch von Randle Cotgrave aus dem Jahr 1611 wird es als Lohn der Diener („servants fee“) mit der Bemerkung erwähnt, es werde von einigen als unhöflich empfunden, den Teller leer zurückzulassen.„The last morsel in the dish is the servants fee (some holding it but a rude part to leave a dish empty)“, In der Schrift Les règles de la bienséance et de la civilité chrestienne (1702) von Johannes Baptist de La Salle gebührt das Ehrenstück der vornehmsten Person am Tisch.Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Band 1: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes. Verlag Haus zum Falken, Basel 1939, S. 160.

Außerdem ist seit dem 17. Jahrhundert die Bezeichnung ‚morceau honteux‘ (wörtlich ‚Scham-‘ oder ‚Schandstück‘) für den Rest belegt, der auf dem Teller zurückbleibt. Darin kommt zum Ausdruck, dass es mit Scham oder Schande belegt ist, den letzten Bissen zu nehmen, anstatt ihn übrigzulassen, um nicht als geizig zu gelten. Der Schweizer Lexikograf François Louis Poëtevin übersetzt das Wort 1754 als „Reputationsbissen“. Im von Alfred Delvau herausgegebenen Wörterbuch Dictionnaire de la langue verte (1866) wird die Bezeichnung als Argot des Bürgertums beschrieben. Obwohl der Appetit dazu dränge, das letzte Stück vom Teller zu nehmen, dürfe man es nicht anrühren.Alfred Delvau: Dictionnaire de la langue verte. Argots parisiens comparés. Paris 1866, S. 260, gallica.bnf.fr In weiteren europäischen Sprachen finden sich später ähnliche Wörter (siehe Bezeichnungen).

Judentum im 19. Jahrhundert Im Talmud findet sich die Regel: „Sagten doch die Weisen, man brauche nichts im Topfe zurückzulassen, wohl aber im Teller.“ Talmud, Übersetzung von Lazarus Goldschmidt, Eruwin Kapitel 5, Blatt 53b; talmud.de In einer Geschichte des Rabbi Jehoschua ben Chananja versalzt ihm seine Frau das Essen, weil er die Regel nicht befolgt hat. Im kleinen Talmudtraktat Derech-Erez Rabba wird die Geschichte mit folgender Regel wiedergegeben: „Man lässt zurück einen Überrest von einer Speise, welche in einer Pfanne, nicht aber von einer Speise, welche in einem Topfe zubereitet worden ist.“ Das Wort für den Überrest (‚פאה‘, wörtl. ‚Ecke‘, ‚Ende‘) bezeichnet ursprünglich eine kleine Fläche eines Felds, das bei bestimmten Getreidearten nicht gemäht werden durfte, sondern für Arme zurückgelassen werden musste (siehe Vergleiche mit Erntebräuchen).Shulamit Valler: Women’s Talk – Men’s Talk: Babylonian Talmud Erubin 53a–54a. In: Revue des Études Juives, 162(3), S. 421–445.

Der Wiener Schriftsteller Simon Szántó gibt die Geschichte 1866 in seiner Wochenzeitschrift Die Neuzeit mit dem Wort „Anstandsrest“ wieder. Abgeleitet vom Wort ‚Derech-Erez‘ (, wörtlich: ‚Weg des Landes‘, im übertragenen Sinn: ‚Landesgebrauch‘, ‚Sitte‘, ‚Höflichkeit‘) wurde der Anstandsrest Ende des 19. Jahrhunderts in deutschsprachigen Schriften zu jüdischem Brauchtum als ‚Derech-Erez‘Pinchas Jacob Kohn: Rabbinischer Humor aus alter und neuer Zeit: eine Sammlung von Anekdoten und „Guten Wörtchen“. Lamm, Berlin 1915, S. 17 f., Digitalisat bezeichnet, oder mit der Redewendung ‚gerade so viel übriglassen, als der Derech-Erez verlangt‘. Der Rest soll übriggelassen werden, damit es nicht den Anschein hat, man habe zu wenig vorgesetzt bekommen.

Aus der Kindheit des jüdischen Dichters Heinrich Heine zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist von seinem jüngsten Bruder Max eine in zahlreichen Heine-Biographien enthaltene Anekdote überliefert, in der der Rest als „Respekt“ bezeichnet wird. In der Zeitschrift Die Gartenlaube berichtet der Arzt Maximilian Heine 1866 von einer Bestrafung durch seine Mutter, nachdem er das letzte Zuckerstück genommen hat:

Der Rabbiner David Oppenheim deutet die Sitte 1871 im Zusammenhang mit dem Talmud.D[avid] Oppenheim: Der Respect oder Derech erez. In: Allgemeine Zeitung des Judenthums, 31. Januar 1871, S. 103 f. Der Germanist Richard M. Meyer ordnet den Brauch 1907 dem Kleinbürgertum zu und vermutet seine Herkunft in einem Speiseopfer.Richard Meyer: Mythologische Fragen. In: Archiv für Religionswissenschaft, 10/1907, S. 88–103; 91; bibliotekaelblaska.pl (PDF; 4,7 MB).

20. und 21. Jahrhundert Der Atlas der deutschen Volkskunde veröffentlichte 1935 Ergebnisse zur Frage, ob es als unschicklich gelte, als Gast das Letzte aus einer Schüssel zu nehmen.ADV-Frage 236a, zit. nach Schürmann 1994, S. 134. Obwohl nach Resten auf dem eigenen Teller nicht gefragt wurde, sind Aussagen aus verschiedenen deutschsprachigen Regionen vermerkt, die den Anstandsrest als gängigen Brauch beschreiben.„Es ist sehr unschicklich, auch noch das Letzte vom Teller zu nehmen“ (85-22-7cu Bennebeck, Kr. Minden); „etwas muß auf dem Teller bleiben“ (99-13-23du Rottmünde, Kr. Holzminden); „Die Alten sagten: ‚Jong, wenn Du noch so hongrig best, de Anstand muß Du om Teller loße.‘“ (123-17-19b Meindorf, Siegkr., Rheinprov.); „Anstandsschluck im Glas, Anstandshappen auf d. Teller lassen.“ (76-25-16b Rathenow, Brandenbg., zu ADV-Fr. 235c). Zit. nach Schürmann 1994, S. 137. In Westfalen und Lippe wurde etwa aus zwei Dritteln der Belegorte gemeldet, dass Reste zurückgelassen würden, aus etwa einem Zehntel wurde gemeldet, es bestehe dazu keine Pflicht. Fließend war dabei die Grenze zwischen der Auffassung, dass das Letzte zu nehmen ungehörig sei, und der, dass man es nehmen könne.Schürmann 1994, S. 136.

In der Gegenwart wird die Sitte des Anstandsrests überwiegend als veraltet bezeichnet, ist jedoch in zahlreichen Knigge- und Benimmbüchern enthalten. In den USA ist der Brauch in Benimmbüchern Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert und wird heute noch in Minnesota gepflegt.

Ablehnung des Anstandsrestes