Das Carolinum, seit 1976 offiziell das Zentrum der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Carolinum) (ZZMK) der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am MainDieter Windecker: 100 Jahre Freiherr Carl von Rothschild’sche Stiftung Carolinum., wurde am 16. Oktober 1890 aufgrund einer Stiftung von Hannah Luise von Rothschild als medizinische und zahnärztliche Einrichtung zur Beratung und Behandlung bedürftiger Menschen eröffnet. Den Namen der Stiftung wählte Hannah Louise zum Andenken an ihren Vater Mayer Carl von Rothschild, dessen Todestag sich am Eröffnungstag zum vierten Mal jährte. Die Gründung des Carolinum reiht sich ein in die Tradition der vielen aus Stiftungen hervorgegangenen Jüdischen Krankenhäuser in Frankfurt am MainJüdische Krankenhäuser in Frankfurt am Main (1829–1942). und in die nicht zuletzt durch jüdische Stifter und Stiftungen ermöglichte Gründung der Frankfurter Universität im Jahre 1914.
Von der Gründung des Carolinum bis 1933 mini|hochkant|Hannah Louise von RothschildDas Original befindet sich im Besitz der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main/Digitale Sammlungen Judaica. mini|hochkant|Mayer Carl Freiherr von Rothschild, der Namensgeber des Carolinum Das Carolinum hatte seinen ersten Sitz in der Bürgerstraße 7, der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße, unweit des Rothschildpalais, das heute das Jüdische Museum Frankfurt beherbergt. Es verfügte ursprünglich über eine medizinische Abteilung für die ambulante und stationäre Behandlung und über eine zahnärztliche Abteilung. In beiden Abteilungen sollten Bedürftige unentgeltlich behandelt werden. „Die Heilanstalt Carolinum entstand nach dem Muster einer Klinik in Paris, die Hannah Louise von Rothschild kennengelernt hatte. Im Carolinum war ein ärztliches Ambulatorium mit einer Krankenstation und eine Zahnklinik zusammengefaßt, die nach einer Anregung des amerikanischen Zahnarztes Adams eingerichtet wurde. Weiterhin übernahm die Anstalt die Erziehung und Pflege von drei bis vier Waisenkindern. Die Stifterin widmete sich besonders der Arbeit in der Zahnklinik.“
Nach dem frühen Tod der Stifterin im Jahre 1892 musste die Stiftung neu geordnet werden; die Aufsicht über sie wurde der Stadt Frankfurt übertragen. Johann Jacob de Bary (1840–1915)Dieter Windecker: 100 Jahre Freiherr Carl von Rothschild’sche Stiftung Carolinum. S. 137., der zuvor schon Hannah Louise unterstützt hatte, wurde 1893 Vorsitzender des Carolinum-Stiftungsvorstands und blieb das bis zu seinem Tod im Jahre 1915. Seine Tochter Luise (Louise Caroline) de Bary (1875–1964) war die langjährige Oberin der Einrichtung.
Am 1. April 1893 wurden der Stiftung Carolinum auf Grund der Statuten vom 28. Dezember 1892 durch einen königlichen Erlass die Rechte einer juristischen Person verliehen.Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Stadtchronik 1893 Im gleichen Jahr 1893 musste auch das Gebäude der Einrichtung erweitert werden. Im Jahre 1908 wurde die medizinische Abteilung aufgegeben und das Carolinum ausschließlich als zahnmedizinische Einrichtung fortgeführt. Zuvor schon, 1905, war das Carolinum von der Stadt eingeladen worden, sich als Stiftung an den geplanten Erweiterungsbauten für die Städtischen Kliniken auf dem Sandhof-GeländeDas Sandhof-Gelände ist bis heute der Standort des Frankfurter Universitätsklinikums. zu beteiligen. In der Folge entstanden die heute noch bestehenden Gebäude um den alten Haupteingang zum Klinikum in der Ludwig-Rehn-Straße. Das Hauptgebäude erhielt den Namen Carolinum. Die Zahnklinik belegte dort das Erdgeschoss und das KellergeschossDieter Windecker: 100 Jahre Freiherr Carl von Rothschild’sche Stiftung Carolinum, S. 36.. In die anderen Etgen zogen die städtische Ohrenklinik und die städtische Klinik für Nasen- und Halskrankheiten einzogen.
Dem 1910 erfolgten Umzug an den neuen Standort, an dem das Carolinum bis zum Bezug eines Neubaus im Jahre 1978 verblieb, ging 1908 eine Satzungsänderung der Stiftung voraus, in der als deren künftige Aufgaben festgelegt wurden:
Der letzte Punkt war ein Vorgriff auf eine Entwicklung, die von Bürgermeister Franz Adickes zwar schon früher in Gang gesetzt worden war, aber erst 1914 Wirklichkeit wurde: die Gründung der Königlichen Universität zu Frankfurt am Main, aus der später die Goethe-Universität wurde. Das Carolinum war von Beginn an Teil der Frankfurter Stiftungsuniversität. Kriegsbedingt konnte der Lehrbetrieb aber erst am 1. April 1915 aufgenommen werden. Die Stiftung hatte sich außerdem einen Sitz im Großen Rat der Universität ausbedungen, dem obersten Selbstverwaltungsorgan der Stiftungsuniversität. Diesen Sitz begleitete Ferdinand Pachten, der nach de Barys Tod von 1915 bis 1944 Vorsitzender der Stiftung war. Am 17. Mai 1915 wurde zudem August de Bary an Stelle seines verstorbenen Vaters in den Stiftungsvorstand gewählt.
Die Stiftung Carolinum hatte ihr Vermögen weitgehend für den Neubau der Zahnklinik verbraucht und musste deshalb 1915 ihre Statuten ändern, um sich neue Einnahmequellen zu erschließen. Fortan gehörte auch die Ausübung zahnärztlicher Tätigkeiten gegen Entgelt zu ihren Aufgaben und half, die Existenz des zahnärztlichen Universitätsinstituts zu sichern. 1916 war dann Otto Loos der erste Professor der Zahnklinik, dem nach Bleibeverhandlungen das Recht der Privatliquidation zugestanden wurde.
In den frühen 1920er Jahren geriet das Carolinum in größere finanzielle Schwierigkeiten, die fast zu einer Schließung der Klinik geführt hätten. Die Gefahr konnte durch mehrere Spenden aus der Bürgerschaft und durch eine größere Zuwendung der Stifterfamilie Rothschild abgewendet werden. Zugleich wurde 1920 die Kieferorthopädie in den Ausbildungskanon aufgenommen.
Die steigenden Studentenzahlen erzwangen Ende der 1920er Jahre einen Ausbau der Zahnklinik. Am 30. Oktober 1930 wurde deshalb ein Erweiterungsbau als Anbau zum bestehenden Carolinum-Gebäude in Betrieb genommen.
Das Carolinum in der Zeit des Nationalsozialismus Der nationalsozialistische Machtantritt brachte für das Carolinum Einschnitte auf verschiedenen Ebenen. Sichtbarstes Zeichen war zunächst die 1934 gegen den Widerstand des Stiftungsvorstandes erzwungene Ruhestandsversetzung von Erich Feiler, der aber das einzige Carolinum-Mitglied auf der Liste der in der NS-Zeit verfolgten und vertriebenen Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Goethe-Universität bleiben sollte.Die Liste beruht weitgehend auf den Recherchen von Udo Benzenhöfer, die zu keinen weiteren Fällen von Verfolgungen und Vertreibungen unter den Professoren und den Assistenten des Carolinum geführt haben. Das Schicksal von Krankenschwestern und -pflegern jüdischer Herkunft in der NS-Zeit ist noch nicht erforscht.
1934 und 1936 traten staatliche Zulassungsbeschränkungen in Kraft, die auch am Carolinum zu einem Rückgang der Studentenzahlen führten. Rektor Platzhoff erblickte 1939 in seinem Rechenschaftsbericht darin eher einen Vorteil, weil dadurch labortechnische Erweiterungen möglich geworden seien.Walter Platzhoff (Hrsg.): Chronik der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main für den Zeitraum vom 1. April 1933 bis 31. März 1939. Goethe-Universität Frankfurt am Main 1939, S. 104–105. 1939 musste das Carolinum einen Teil seines Gebäudes der Wehrmacht zum Aufbau einer eigenen zahnärztlichen Ambulanz überlassen werden, und die Raumnot verschlimmerte sich noch durch den Umbau der Kellerräume zu Luftschutzräumen. Infolge der Luftangriffe auf Frankfurt am Main in der Zeit zwischen Oktober 1943 und September 1944 kam es dann zu gravierenden Beschädigungen am Klinikgebäude und zu Opfern unter den in den Luftschutzräumen untergebrachten Patienten. Anfang 1945 wurde der Betrieb im Stiftungsbeäude ganz eingestellt und in Ersatzgebäude ausgelagert.
Entscheidender für den Fortbestand des Carolinum waren aber die politischen Auseinandersetzungen um sie, denn die jüdische Stiftung Carolinum war den Nationalsozialisten ein besonderer Dorn im Auge. Angesichts der Zeitumstände grenzt es an ein Wunder, dass „es der Stiftung dennoch gelang, Namen und Trägerschaft des Zahnärztlichen Universitäts-Instituts zu erhalten und im Besitz der Stiftungsgebäude zu bleiben“. Nach Windecker häuften sich die Angriffe gegen die Stiftung ab dem Jahr 1936 und führten 1938 zu deren ernsthafter Bedrohung. Anlass war die staatlicherseits verlangte Eingliederung aller jüdischen Stiftungen in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, die Abberufung jüdischer Vorstandsmitglieder und die Namensänderung, sofern der Stiftungsname auf jüdische Stifter hindeutete. Im Falle des Carolinum betraf das eine Mayer Carl von Rothschild gewidmete Inschrift im Eingang des Klinikgebäudes. Drohmittel des Staats waren der drohende Verlust der Steuerfreiheit und die rückwirkende Belegung mit Erbschaftssteuer. Die Stiftung beugte sich im Sommer 1938 dem Verlangen nach der Entfernung der Erinnerungstafel durch einen für die damaligen Verhältnisse sehr kritischen Vorstandsbeschluss, der aber nur protokolliert wurde und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Letztlich blieb durch ihn nur der Text der entfernten Inschrift der Nachwelt erhalten.
1939 verstärkte sich dann der Druck wegen des Namens, dem sich der Vorstand aber nicht beugte und darauf verwies, dass der Name Carolinum ortsüblich sei Es wurde gar mit einer Rückziehung der dem Wehrmachtslazarett zur Verfügung gestellten Mittel gedroht. Völlig überraschend ließ sich die Stadt Frankfurt jedoch darauf ein und erklärte sich im Dezember 1939 mit der Beibehaltung des Namens der Stiftung einverstanden, wenn im Gegenzug der Name des jüdischen Stifters aus der Satzung gestrichen würde. Der Vorstand ließ sich darauf ein, konnte aber bei der Stiftungsaufsicht Ende März 1940 auch Satzungsänderungen durchsetzen, die die Gefahr bannten, dass das Vermögen der Stiftung an den Staat fallen könnte.
Ob dieser Erfolg der Stiftung neben der „mutigen und geschickten Politik des Vorstandes“ vor allem auch dem Entgegenkommen von Frankfurts NS-Oberbürgermeister Friedrich Krebs zu verdanken war, wie Windecker behauptet, ist allerdings fraglich. Es dürfte dabei sicher ebenso eine Rolle gespielt haben, dass längst schon nicht mehr von einer jüdischen Stiftung gesprochen werden konnte. Juden konnten zu diesem Zeitpunkt in Deutschland keinerlei Rechte mehr geltend machen, und der Vorstand der Stiftung bestand immer schon überwiegend aus nicht-jüdischen Persönlichkeiten. Das traf auf die de Barys ebenso zu wie auf Ferdinand Pachten oder Alfred LotichiusSabine Hock: Lotichius, Alfred. In: Frankfurter Personenlexikon. (frankfurter-personenlexikon.de).Dieter Windecker: 100 Jahre Freiherr Carl von Rothschild’sche Stiftung Carolinum. S. 144. Der NS-Administration saßen also immer Arier als Verhandlungspartner gegenüber, und ihnen nachzugeben wog sicherlich weniger schwer, zumal, wenn dadurch ein funktionierendes Klinikum in Kriegszeiten am Laufen gehalten werden konnte. Mit der Streichung des Namens der Rothschilds aus der Satzung und der Entfernung der Gedenktafel hatten die Nazis faktisch ihren symbolischen Sieg über die jüdischen Ursprünge der Stiftung errungen, und der Name Carolinum, den auch der Stiftungsvorstand als „keineswegs jüdisch“ einstufte, hätte gerade in Frankfurt ebenso gut als Hommage an Carolus Magnus durchgehen können.