Jacob von Riesen (* 13. Juni 1786 in Elbing; † 11. Januar 1864 ebendort), gelegentlich auch Jacob van Riesen, ab 1848 Jacob Riesen,Axel Grunau: Ignatz Grunau und George Grunau. 1795–1890. Ein Beitrag zur Geschichte Elbings im neunzehnten Jahrhundert. Preußenverlag, Elbing 1937, Anlage 1, S. 300 f. (dlibra.bibliotekaelblaska.pl). war ein deutscher Unternehmer, demokratischer Politiker, Zeitungsverleger und Reeder. Er war der erste Gründer einer Dampfschiff-Linie in der Provinz Preußen (West- und Ostpreußen).
Leben Jacob von Riesen entstammte einer in Ostpreußen und Russland weitverzweigten Familie von Mennoniten und war der Sohn des Elbinger Kaufmanns Johann Jacob von Riesen (1763–1807) und der Susanna von Riesen, geb. Wiens (1752–1807). Er hatte mehrere Geschwister, darunter Johann von Riesen und Gustav Adolph von Riesen (* 13. April 1796; † 15. April 1830), der Henriette, geb. Weiss (1786–1831) ehelichte und mehrere Kinder mit ihr hatte.Georg Riesen. In: Elbinger Anzeigen. Nr. 32, 23. April 1830; vgl. die Danksagung der Witwe an Teilnehmer der Beisetzung (dlibra.bibliotekaelblaska.pl). Der Vater betrieb einen Spirituosenhandel im Haus zum Bunten Bock am Alten Markt, Ecke Kettenbrunnstraße. Beide Eltern verstarben 1807, ebenso wie eine Schwester, und hinterließen Jacob ein Vermögen von etwa 25.000 Reichstalern.
Am 12. Februar 1808 erhielt Jacob Riesen den Elbinger Bürgerbrief.Vermischtes. In: Hansa. Deutsche nautische Zeitschrift. Jg. 45, Nr. 15, 11. April 1908, S. 367 (digishelf.de). 1811 reiste er nach Nordamerika, um seinen dort lebenden älteren Bruder Johann von Riesen zu besuchen.
Nach dem Übertritt zur reformierten Kirche heiratete Riesen die Kaufmannstochter Johanna Schwöder († 1817), mit der er in ihrer nur drei Jahren währenden Ehe zwei Kinder hatte, einen Sohn Hermann Jacob von Riesen (* 1814; † 4. Februar 1861) und eine Tochter Toni, die den Elementarlehrer und späteren Zeitungsredakteur Julius Born (um 1818–1856) heiratete.Bekanntmachung. In: Königlich Preußischer Staats-Anzeiger. Nr. 76, 1. April 1864, Beilage, S. 797 (digitale-sammlungen.de).
In Elbing betrieb Riesen das Kaffeehaus Zum deutschen Michel, in dessen Speiseraum ein Porträt von George Washington hing, dekoriert mit einer als Freiheitsbaum drapierten Flagge der Vereinigten Staaten.Christian Pletzing: Vom Völkerfrühling zum nationalen Konflikt. Deutscher und polnischer Nationalismus in Ost- und Westpreußen 1830–1871. Harrassowitz, Wiesbaden 2003, S. 49 (opacplus.bsb-muenchen.de). Hier tagte auch eine 1826 gegründete Mittwochsgesellschaft von politisch interessierten Bürgern,Christian Pletzing: Vom Völkerfrühling zum nationalen Konflikt. Deutscher und polnischer Nationalismus in Ost- und Westpreußen 1830–1871. Harrassowitz, Wiesbaden 2003, S. 39 (opacplus.bsb-muenchen.de). zu der auch John Prince-Smith gehörte.Otto Wolff: John Prince-Smith. Eine Lebensskizze. In: Karl Wagner (Hrsg.): John Prince-Smith’s Gesammelte Schriften. Bd. 3, F. A. Herbig, Berlin 1880, S. 212 (hdl.handle.net).
Seit der Märzrevolution von 1848 nannte er sich Jacob Riesen.
Dampfschiffreeder Am 1. April 1808 gründete Riesen eine Reederei, die er später in eine Aktiengesellschaft umwandelte. Zu den Aktionären, die sich am Bau des ersten Dampfers Copernikus beteiligten, gehörten sein Bruder Gustav Riesen, der Stadtrat Eduard Zimmermann und der spätere Brauereibesitzer August Roy, die mit Jacob Riesen das Direktorium bildeten, sowie der Oberbürgermeister Johann Lukas Haase (1778–1843). Auch der Staat beteiligte sich mit zehn Aktien zu je 50 Reichstalern.Axel Grunau: Ignatz Grunau und George Grunau. 1795–1890. Ein Beitrag zur Geschichte Elbings im neunzehnten Jahrhundert. Preußenverlag, Elbing 1937, Anmerkung 24, S. 14 (dlibra.bibliotekaelblaska.pl).
1828 eröffnete Riesen die erste Dampfschifflinie auf dem Frischen Haff. Am 8. Juli 1828 lief der vom Schiffszimmermeister in Elbing konstruierte Copernicus mit einer Maschine von Cook & Co. in Glasgow vom Stapel, der für die Verbindung von Elbing nach Königsberg vorgesehen war. Am 24. August wurden 63 Personen nach Pröbbernau transportiert, am 28. August fand die erste Fahrt nach Königsberg statt.Heinrich Nitschmann: Notizen aus den Elbinger Anzeigen. Manuskript, S. 10 f. (dlibra.bibliotekaelblaska.pl, Digitalisat des Exemplars in der Biblioteka Elbląska, Scans 11 und 12). Allerdings strandete das Schiff schon am 18. Oktober 1828 zwischen Kahlholz (russisch Losowoje) und Balga (Wessjoloje) und wurde unbrauchbar. Das Wrack wurde nach Elbing transportiert und versteigert.
1841 erhielt Michael Mitzlaff in Elbing den Auftrag, für Riesen den ersten und lange Zeit einzigen, in Pillau stationierten Schleppdampfer Delphin mit einer Maschine aus Newcastle zu konstruieren. 1856 baute Ferdinand Schichau den Raddampfer Julius Born, 1857 den Raddampfer Linau, mit denen nunmehr ein regelmäßiger Schiffsverkehr zwischen Elbing und Danzig betrieben wurde. Noch 1912 verkehrte das nach Riesens Schwiegersohn benannte Dampfboot auf dieser Strecke.Joseph Schwickart: Zum 75jährigen Jubiläum der Schichauwerke in Elbing, Danzig und Pillau. In: Dinglers polytechnisches Journal. Bd. 327, S. 707 ().
Noch 1922 existierte die Firma mit Niederlassungen in Danzig, Stettin und Hamburg,Anzeige in Geschäfts-Anzeiger und Bezugsquellen-Register. S. 16 (pbc.gda.pl). unter dem Namen Adolf von Riesen (Inhaber: Walther von Riesen) die u. a. Fahrten von Danzig und Königsberg nach Memel und Kowno anbot.Zeitungsanzeige in: Memeler Dampfboot. Memeler und Grenz-Zeitung Jg. 74, Nr. 74, 28. März 1922 (memel.klavb.lt).
Politisches Engagement Riesen gehörte der Elbinger Stadtverordnetenversammlung an und war deren Vorsteher von 1823 bis 1830 und von 1849 bis zu ihrer Auflösung im September 1853. Zusammen mit Philipps und den Brüdern Friedrich Wilhelm Haertel (1795–1867) und George Haertel (1796–1869) gehörte Riesen zu den Führern der Demokratie in Elbing.Christian Pletzing: Vom Völkerfrühling zum nationalen Konflikt. Deutscher und polnischer Nationalismus in Ost- und Westpreußen 1830–1871. Harrassowitz, Wiesbaden 2003, S. 39 (opacplus.bsb-muenchen.de). Äußerlich kennzeichnete er seine Haltung durch ein um den Hut geflochtenes rotes Band.
Gemäß einem von Haertel beantragten Beschluss der Stadtverordneten vom 18. Februar 1831 wandte sich Riesen als Abgeordneter Elbings auf dem 4. Provinziallandtag an König Friedrich Wilhelm III. und mahnte das in der Kabinetts-Order vom 2. Mai 1815 gegebene Verfassungsversprechen an.
Eine von Prince-Smith verfassteZur Geschichte der Göttinger Sieben. In: Erheiterungen. Belletristisches Beiblatt zur Aschaffenburger Zeitung. Nr. 32, 6. Februar 1862, S. 127 (digitale-sammlungen.de). Solidaritätsadresse der Stadtverordnetenversammlung zugunsten der Göttinger Sieben (von der Universität Göttingen vertriebene Professoren) und vor allem ihres Landsmanns, des Staatsrechtlers Wilhelm Eduard Albrecht, beantwortete der Innenminister Gustav von Rochow wie folgt: „Es ziemt dem Untertanen […] nicht, die Handlungen des Staatsoberhauptes an den Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen.“Franz Cramer: Despotismus und Volkskraft. Eine Goethe’sche Confession. Vortrag, gehalten zu Cöln, C. G. Lückeritz’sche Verlagsbuchhandlung (Carl Habel), Berlin 1874, S. 5 (digitale-sammlungen.de). Aus dieser Antwort ging das schon im Vormärz geflügelte Wort vom „beschränkten Untertanenverstand“ hervor, das kurz nach Riesens Tod Eingang in den Büchmann fand.Gustav von Rochow an Jacob Riesen, 15. Januar 1838. In Georg Büchmann: Geflügelte Worte. Der Citatenschatz des Deutschen Volks, Berlin 1864, S. 191 ff. (digitale-sammlungen.de). Das Original des Rochowschen Antwortschreibens lag noch 1937 in der Stadtbibliothek Elbing.
Im Juli 1851 weigerte sich König Friedrich Wilhelm IV., eine zur Begrüßung entsandte und von Riesen angeführte zehnköpfige Delegation der Stadtverordneten zu empfangen.Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Hrsg. v. Ludmilla Assing, Bd. 8, Meyer und Zeller, Zürich 1865, S. 279 (digitale-sammlungen.de).
Die Auflösung der Elbinger Stadtverordnetenversammlung durch königliche Verordnung und ohne Angabe von Gründen war eine Folge des Rücktritts von Oberbürgermeister Adolph Philipps (1813–1877) am 8. August 1853 nach zehnjähriger Amtszeit. Dieser hatte sich geweigert, der Forderung Friedrich Wilhelms IV. nachzukommen und die Teilnahme an der preußischen Nationalversammlung, deren Vorsitzender Philipps war, und den Aufruf zur Steuerverweigerung als Irrtum einzugestehen. Riesen, der daraufhin wie einst sein Bruder nach Amerika auswandern wollte, berief am 18. August einen Familienrat ein. Da ihn Sohn und Tochter nicht ins Exil begleiten wollten, blieb er „im verhaßten Preußen“. Am 1. September 1853 wurde Philipps mit einer Pension von 1000 Reichstalern ehrenvoll entlassen.Axel Grunau: Ignatz Grunau und George Grunau. 1795–1890. Ein Beitrag zur Geschichte Elbings im neunzehnten Jahrhundert. Preußenverlag, Elbing 1937, Anlage 18, S. 332 (dlibra.bibliotekaelblaska.pl).
Einen denunziatorischen Bericht des Königlich Preußischen Staats-Anzeigers über seine Rolle bei der Auflösung der Stadtverordnetenversammlung dementierte Riesen;Königlich Preußischer Staats-Anzeiger Nr. 288, 28. September 1853, S. 1608 (digitale-sammlungen.de). als die Gegendarstellung nicht nach den Vorgaben des Presserechts vollständig gedruckt wurde, ließ er sie mitsamt dem Briefwechsel darüber in die National-Zeitung einrücken.Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Hrsg. v. Ludmilla Assing, Bd. 10, Hoffmann und Campe, Hamburg 1868, S. 285 f. (digitale-sammlungen.de).
Zeitungsherausgeber Als Nachfolger des 1848 von Philipps und Riesen initiierten, kurzlebigen Elbinger Volksblatts erschien seit 3. Januar 1849 der Neue Elbinger Anzeiger, zunächst im Verlag von Friedrich Ludwig Levin. Das Blatt ist nicht zu verwechseln mit dem seines politischen Kontrahenten Agathon Wernich, den Elbinger Anzeigen, wo Jacob Riesen, obwohl er „dem allgemeinen Besten förderlich gewesen und Elbing ihm dafür Dank schuldig“ sei, immer wieder angegriffen wurde.(Eingesandt.). In: Elbinger Anzeigen. Nr. 97, 3. Dezember 1836 (dlibra.bibliotekaelblaska.pl).
Jacob Riesen übernahm schließlich selbst den Druck des Neuen Elbinger Anzeigers, sein Schwiegersohn, der Lehrer Julius Born, redigierte das Blatt im demokratischen Sinn und war nominell der Verleger. Es erschien mit einer Auflage zwischen 600 und 800 Exemplaren; zu den Mitarbeiten gehörten Ludwig Walesrode und Ferdinand Falkson.Christian Pletzing: Vom Völkerfrühling zum nationalen Konflikt. Deutscher und polnischer Nationalismus in Ost- und Westpreußen 1830–1871. Harrassowitz, Wiesbaden 2003, S. 236 f. (opacplus.bsb-muenchen.de).