mini|Nordwestecke des Kirchturms von Nalpke, 2021 Nalpke war eine städtische Ansiedlung (Kleinstadt) in der Magdeburger Börde, die vermutlich bis Mitte des 14. Jahrhunderts bewohnt war und heute nur noch als Wüstung existiert.
Die Wüstung Nalpke befindet sich südöstlich von Borne und Bisdorf, nördlich von Atzendorf im heutigen Sachsen-Anhalt. Oberirdisch sichtbar von Nalpke ist lediglich ein Teil der Nordwestecke des einstigen Kirchturms, der als Bodendenkmal geführt wird.Jochen Roessle: Die Romanischen Dorfkirchen des Magdeburger Landes. Untersuchungen einer Bauform des 12. und 13. Jahrhunderts. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, 2006, S. 88f.
Entstehung und Wachstum mini|Näherungsweise bildliche Rekonstruktion der Kirche von Nalpke (Südseite um 1330) Die älteste noch erhaltene urkundliche Erwähnung Nalpkes findet sich erst für das Jahr 1259, als Rudolf von Dingelstädt, der Erzbischof von Magdeburg, dem Domkapitel die Vogtei von 15 Hufen in Nalpke („villa Navelbeke“) schenkte. Diese war zudem explizit frei von erzbischöflicher Gerichtsbarkeit.
Demnach war Nalpke bereits vor 1259 Sitz einer Vogtei. Zur damaligen Zeit hatten Vögte nicht mehr nur die weltlichen, insbesondere ökonomischen Rechtsangelegenheiten von Klöstern und anderen kirchlichen Institutionen zu regeln bzw. diese vor Gericht zu vertreten. Insbesondere seit dem 10. und 11. Jahrhundert übten Vögte zunehmend auch die das Gebiet der Vogtei betreffenden Markt-, Münz- oder Zollrechte aus und prägten insofern die Strukturbildung regionaler Verwaltungssitze. Als Vogtei hatte Nalpke also eine regionale Bedeutung und es liegt nahe, dass es sich zu diesem Zeitpunkt bereits um eine größere, urbanisierte Ansiedlung gehandelt hat.
Denn während für die benachbarten Dörfer Borne und Bisdorf die ältesten urkundliche Erwähnungen bereits aus dem Jahr 946 sowie zahlreiche weitere Einträge über die Jahrhunderte vorliegen, sind für Nalpke nur wenige historische Quellen erhalten. Dabei sind für Borne und Bisdorf ausschließlich Belehnungsurkunden von Flächen für ca. 1–3 Hufen dokumentiert. Insofern wäre die enorme Größe von 15 Hufen, was einer Fläche des Ortes Nalpke (inklusive der Ackerflächen) von ca. 1,5 km² entsprichtBerechnung: 1 Magdeburger Hufe = 7,65963 Hektar (ha), Quelle: preussische-masse.de (abgerufen am 14. August 2021)., für eine Ersterwähnung als Gründungsbeleg auffällig groß. Auch daraus lässt sich folgern, dass Nalpke zu diesem Zeitpunkt schon deutlich länger existiert haben muss. Die Gründung Nalpkes kann zwar nicht exakt datiert werden, jedoch liegt es nahe, dass sich die beiden kleineren Siedlungen Borne und Bisdorf um eine so große Ortschaft eher später entwickelten, Nalpke mithin mindestens vor 946 entstanden sein muss.Den Urkundeneintragungen ist zu entnehmen, dass zu Nalpke gehörende Ackerflächen sich bis vor Bisdorf im Nord-Westen zogen (Vgl. Hertel, Wüstungen im Nordthüringgau, 1899), was darauf schließen lässt, dass diese zuerst da waren und sich Bisdorf erst später an deren Grenzen entwickelt hat. Wären umgekehrt Borne und Bisdorf die älteren Siedlungen gewesen, hätte sich Nalpke sicher eher nach Osten weg entwickelt. Dass Nalpkle als Vogteisitz eher eine städtische Ansiedlung war, stützen drei weitere Einträge aus den Jahren 1699 bis 1710. So berichtete u. a. der kurfürstliche Kommissar H. F. Hampe damals an die Regierung, dass Nalpke eine kleine Stadt gewesen zu sein scheint. Zu diesem Zeitpunkt ist Nalpke vermutlich schon seit 300 Jahren eine Wüstung und obwohl in Nalpke Häuser massiv abgerissen wurden, um Steine sowie Baumaterial für die umliegenden Orte, wie Borne, Bisdorf oder die Wassermühle in Rothenförde zu verwenden, waren noch immer 80–90 Häuser sichtbar erhalten. Auch wird das Erdbeben von 1577, welches sowohl das Kloster Marienstuhl in Egeln (ca. 10 km entfernt) als auch die Kirche St. Margareten in Borne stark beschädigte, den Zerfall der verlassenen Gebäude in Nalpke beschleunigt haben.mini|238x238px|Nordwestecke des Kirchturms von Nalpke, 1898Nalpke wird 1699 rückblickend explizit als „Städtgen“ und als „Flecken“ bezeichnet. Letzteres meint eine größere Ansiedelung mit zentralörtlichen Funktionen für die umliegenden Gemeinden, die teilweise mit städtischen Privilegien wie Marktrecht ausgestattet waren, auch teilweise als Minderstadt bezeichnet. Ausgehend von 5,2 Personen in einem durchschnittlichen Haushalt des ländlichen Raumes im Spätmittelalter, ist bei min. 80–90 (noch erhaltenen) Feuerstellen/Häusern schätzungsweise von einer Bevölkerungszahl von mind. 500 Personen, eher deutlich mehr auszugehen.Sichere Erhebungen zur durchschnittlichen Haushaltsgröße im Mittelalter gibt es nicht. Einige geschichtswissenschaftliche Studien gehen jedoch von min. 3,2 und bis zu 5,6 Personen pro Haushalt aus. Bei Nalpke, das offensichtlich eher eine Kleinstadt war, kann also eher von 5 und mehr Personen ausgegangen werden. Vgl. Zudem führte eine enge städtische Besiedelung auch zu einer höheren Bevölkerungsdichte und damit verbundenem Ansteckungsrisiko bei Infektionskrankheiten, was den relativ plötzlichen Untergang im Zuge der seinerzeitigen Pestepidemien plausibel erklären kann.
Nalpker Burg 230x230px|mini|links|Blick aus Richtung des Kirchturms nach Norden. Die dunkelgrünen Strukturen und Flächen zeigen die Lage der ehemaligen Gebäude und (Stadt-)Mauern in Nalpke, deren Fundamente sich noch immer mehrere Meter unterhalb des heutigen Bodenniveaus befinden, 2020Vor den Toren Nalpkes befand sich eine Burg bzw. Burganlage, um die sich der Ort sichelförmig anordnete. Es handelte sich um eine klassische Niederungsburg des Hochmittelalters, deren baulichen Umrisse und Strukturen auch heute noch anhand von Luftaufnahmen nachvollzogen werden können.Zu den Interpretationen der Luftbilder, aus denen auf eine solche Burganlage geschlossen wurde, vgl:
Zu erkennen sind mehrere Befestigungsgräben, ein Torbereich mit Aufweg zur Burg und Umfassungs- bzw. Schutzmauern, sowie Fundamente anderer Burggebäude (Vorburg). Zudem verfügte die Nalpker Burg über einen weithin sichtbaren Turm, der vermutlich auf einem Erdhügel errichtet wurde. Auch sein Standort ist durch Luftaufnahmen klar nachvollziehbar. Möglicherweise handelte es sich dabei um eine Turmhügelburg als Unterkategorie der Niederungsburgen, aber dieser Befund bedarf weiterer archäologischer Untersuchungen.mini|278x278px|Digitale Rekonstruktion der Nordseite des Kirchturms von NalpkeEine solche Burg war als Burgvogtei oft der Sitz niederen Adels, der von dort aus Schutz- und Lehnsangelegenheiten für die umliegenden Dörfer regelte. Damit einher gingen zentralörtliche Funktionen, wie Markt- und Gerichtswesen. Insofern erfüllte Nalpke mit seiner Burg die mittelalterliche Aufgabe eines Burgwards.
Insgesamt bot das Städtchen Nalpke mit den hochaufragenden Türmen der Kirche und der Burg einen weithin sichtbaren Zentral- und Orientierungspunkt für die umliegenden Dörfer in der flachen Feldmark der Bördelandschaft.
Wann die Burg genau errichtet wurde, lässt sich mit dem jetzigen Kenntnisstand nicht exakt datieren. Ebenso kann über ihren Untergang nur spekuliert werden. Einerseits ist es möglich, dass die Burganlage zeitgleich mit der Wüstwerdung Nalpkes um 1350 ihrem Schicksal überlassen wurde. Anderseits ist auch ein früheres Schleifen der Burg möglich, da solche Anlagen im 14. Jahrhundert bereits ihre ursprüngliche Funktion aus ottonischer Zeit verloren hatten. Ein Beispiel für diesen Verlauf wäre die nahegelegene Niederungsburg Unseburg. Gewissheit aber kann auch hier nur eine tiefergehende archäologische Untersuchung bringen.
Wüst-Werdung links|mini|Wüstungskarte mit weiteren Orten, die im Laufe der Zeit in der Region untergegangen sind.
Wann Nalpke wüst wurde, kann nicht exakt datiert werden. In den ersten Visitationsprotokollen der Reformationszeit aus den Jahren 1562 bis 1564 wird es bereits nicht mehr erwähnt. Insofern kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass es erst im Zuge des Dreißigjährigen Krieges zerstört wurde.So auch Hertel in seinem Vorwort zu Wüstungen im Nordthüringgau, demnach sämtliche Orte, die zu Beginn des Dreißigjährigen Kriegs bestanden, auch danach sämtlich fortexistierten.
Gemäß heute noch kursierenden Erzählungen der örtlichen Bevölkerung seien die Bewohner des Ortes Nalpke einst der Pest zum Opfer gefallen und im Grabhügel „Langes Hoch“ (auch als Hünengrab bezeichnet) () bestattet worden. Dies ist jedoch nicht belegt und zudem wenig plausibel. In der Liste der Bodendenkmale wird das Hünengrab zwar als Grabhügel geführt, allerdings als slawische Nachbestattung. 1905 wurden dort Grabungen vorgenommen, bei denen das Skelett eines ca. 10-jährigen Mädchens mit Perlen, jedoch keine weiteren menschlichen Knochen gefunden wurden.Archivmaterial im Archiv der Bau- und Kunstdenkmalpflege / Archive des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie, Halle (Saale). Zudem erscheint es wenig nachvollziehbar, weshalb die Pesttoten 1,5 km weit entfernt von Nalpke so nah am Dorfrand von Borne (damals ca. 300–400 m) bestattet worden sein sollen.
Ein Indiz dafür, dass der Ort bereits einer der zahlreichen Pestepidemien des 14. Jahrhunderts zum Opfer fiel, findet sich schließlich in einem Urkundenbucheintrag aus dem Jahr 1370. Dort ist bereits von „campo Nelebeke up der wusten marke“ die Rede, also von einem zu Nalpke gehörenden Feld/Acker auf der wüsten Fläche/Gemarkung. 1348–50 wurde die nahe gelegene Stadt Magdeburg Opfer einer besonders verheerenden, mehrere Monate andauernden Pestwelle. Vor diesem Hintergrund ist nach derzeitigem Forschungsstand spätestens von einer Wüstwerdung zwischen den 1340er und den 1350er Jahren auszugehen.
Geschichtsforschung und Denkmalpflege links|mini| Nordseite Kirchturm Nalpke Anfang der 1930er Jahre links|mini|Postkarte mit Hünengrab bei Borne, gezeichnet von Gustav Sundblad (1835–1891) links|mini|Standort Nalpkes mit Steinbruch sowie des Hünengrabes kurz vor Borne, 1902
Der alte Kirchturm wie auch das Hügelgrab „Langes Hoch“ nahe Nalpke wurden seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend Gegenstand des Interesses regionaler Geschichtsforschung aus Magdeburg und der näheren Umgebung. So kritisierte der Historiker Franz Winter bereits im Jahr 1874, dass im Hügelgrab Steine aus den Grabkammern gesprengt und entwendet sowie Erde abgetragen wurde, um diese anderweitig zu nutzen. 1882 wurde das Hügelgrab archäologisch untersucht, damals aber keine Ergebnisse publiziert.Franz Winter: Die Volkssprache in der Landschaft am Zusammenfluß von Bode, Saale und Elbe. In: Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde des Herzogtums und Erzstifts Magdeburg / 9. 1874, Magdeburg, 1874, S. 99.
Im 20. Jahrhundert engagierte sich dann Wolfgang Wanckel, Direktor der Speditions- und Elbschifffahrtskontors AG zu Schönebeck, mit mehreren Briefen an regionale Entscheider für den Erhalt und die Sicherung des Nalpkschen Turmes, der schließlich im Oktober 1931 instand gesetzt wurde. Im Magdeburger Generalanzeiger von 1931 ist dazu zu lesen:mini|Zeichnung zum Beitrag Nalpke in der Ausgabe "Die Gartenlaube" von 1882, Gustav Sundblad (1835–1891)|links