mini|Hermann Claudius, um 1938 mini|Selbstbildnis 1957(?) Hermann Claudius (* 19. Oktober 1878 in Langenfelde bei Hamburg; † 8. September 1980 in Grönwohld bei Trittau, Kreis Stormarn)Dietmar Pistorius: Art. Claudius, Hermann. In: Wolfgang Herbst (Hg.): Wer ist wer im Gesangbuch? Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2001, S. 61–62, hier S. 61. war ein deutscher Lyriker und Erzähler.

Leben Hermann Claudius, ein Urenkel von Matthias Claudius, arbeitete von 1900 bis 1934 als Volksschullehrer, unterbrochen von 1916 bis 1918 von der Rekrutenausbildung und seinem Einsatz als Kanonier an der Westfront im Ersten Weltkrieg, wobei er Hans Grimm kennenlernte.Ernst Loewy: Literatur unterm Hakenkreuz: Das Dritte Reich und seine Dichtung. Eine Dokumentation , Europ. Verl. Anst., 1977, S. 314. Nach seiner Frühpensionierung infolge eines Motorradunfalls, der allmählich zur Taubheit führte, war er freier Schriftsteller.

1904 heiratete er Franziska Blaschka (1880–1941), mit der er bis zu ihrem Tod verheiratet blieb und mit der er vier Töchter hatte: Ilse (* 1905), Hedda (* 1908), Trude Maren (1911–1980) und Ursula (* 1919).hamburgerpersoenlichkeiten.de.

Seine volkstümlichen Werke, oft in Plattdeutsch, kreisen vor allem um den Gegensatz von Großstadt und Natur, Arbeit und Freizeit, so auch das bekannte Mank Muern (1912). Seine frühen Werke sind zudem der Arbeiterdichtung zuzurechnen.

Während des Ersten Weltkriegs schrieb er kriegsbegeisterte, nationalistische Gedichte. In der Weimarer Republik engagierte er sich zunächst in der Jugendarbeit der SPD und in den sozialdemokratisch geführten Gewerkschaften, schrieb sozialdemokratische Lieder und Stücke. Seine politische Haltung wandelte sich im weiteren Verlauf jedoch grundlegend. Claudius begeisterte sich nun für den Nationalsozialismus und veröffentlichte im völkischen Verlag Albert Langen-Georg Müller.vimu.info. Er wurde (mit Werner Beumelburg, Hans Grimm, Erwin Guido Kolbenheyer, Agnes Miegel, Hermann Stehr, Will Vesper u. a.) Mitglied in der nationalsozialistisch ausgerichteten Deutschen Dichterakademie, die seit Beginn der 1930er Jahre von Börries Freiherr von Münchhausen gegen die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste betrieben wurde und deren Präsident nach 1933 Hanns Johst wurde.Helmuth Kiesel: Geschichte der literarischen Moderne. Sprache, Ästhetik, Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert, München 2004, S. 239. Siehe .

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten und ihre deutschnationalen Bündnispartner wurden die liberalen, linken und als Juden geltenden Mitglieder der Sektion Dichtkunst in der Preußischen Akademie der Künste wie Heinrich und Thomas Mann, Käthe Kollwitz, Leonhard Frank oder Ricarda Huch zum Austritt gezwungen. Zu den Neumitgliedern, die an ihre Stelle traten, gehörte Hermann Claudius.

Im Oktober 1933 war er einer der 88 deutschen Schriftsteller, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichneten.Joseph Wulf, Literatur und Dichtung im Dritten Reich, Sigbert Mohn Gütersloh 1963, S. 96, mit Bezug auf die Quelle Schleswig-Holsteinische Zeitung vom 26. Oktober 1933, sowie Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 98. Er war Vorstandsmitglied des 1936 gegründeten Eutiner Dichterkreises, einer der bekanntesten Autorengruppen im nationalsozialistischen Deutschland.Uwe Danker, Astrid Schwabe: Schleswig-Holstein und der Nationalsozialismus. Neumünster 2005, S. 88. Ebenso nahm er an den 1934 von dem völkischen Verfasser Hans Grimm („Volk ohne Raum“) begründeten „Lippoldsberger Dichtertagen“ konservativer, völkischer und nationalsozialistischer Autoren teil.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 98; Heinrich Schleichert (Hrsg.), Lippoldsberg [Standort des Hans-Grimm-Archivs], Lippoldsberg 1972, mit Fotos von Hermann Claudius. Seine Veröffentlichungen im Nationalsozialismus bewegten sich zwischen pathetischer Frömmigkeit und klarer literarischer Unterstützung des NS-Regimes, so zum Beispiel in einem Gebet für Adolf Hitler. Es erschien 1940 unter dem Titel Deutschland: „Herrgott steh dem Führer bei, / Daß sein Werk das deine sei“.Zitat bei Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 99. Seine Texte wurden aufgrund ihres propagandistischen Werts gerne in die massenmediale Literatur, so in die Tageszeitungen aufgenommen. Dafür steht z. B. das von Konrad Ameln vertonte Das Lied vom neuen Reich:Als Liedfassung online bei The Memory. „dafür marschieren wir, ich und du / Und Hunderttausende dazu / Und wollen dafür sterben“.Siegener Zeitung, 29. Januar 1938. In der Krakauer Zeitung, dem führenden NS-Organ im Generalgouvernement, war Claudius mit mehr als 50 Texten vertreten.

1944 heiratete er seine zweite Ehefrau Gisa von Voigt (1915–2010).

Nach dem Ende des Nationalsozialismus beteiligte sich Claudius erneut an den von Hans Grimm 1949 wiederbegründeten Lippoldsberger Schriftstellertreffen. Mit dabei waren vor allem NS-belastete Autoren wie Wilhelm Pleyer oder Will Vesper, „die den Nationalsozialismus im Rückblick rechtfertigen“ wollten.Alexander Reck: Briefwechsel Paul Ernst - Will Vesper, 1919-1933. Würzburg 2003, S. 8.

Zwar wurde Claudius vom plattdeutschen Heimatmilieu nach wie vor wahrgenommen und wertgeschätzt, von der seriösen Literaturkritik und Literaturwissenschaft aber außer im Kontext von „Literatur im Nationalsozialismus“ zunächst nicht weiter rezipiert. Mit grimmigem Sarkasmus notierte bereits 1946 Werner Bergengruen im Hinblick auf das Gedicht „Herrgott steh dem Führer bei“: „Die dritte Strophe ‚Führer, steh dem Herrgott bei‘ scheint leider nicht mitgedichtet worden zu sein“, und fügte hinzu: „Keine Mohrenwäsche wird diese Gebräuntheit von Claudius nehmen können.“Werner Bergengruen: Schriftstellerexistenz in der Diktatur. Aufzeichnungen und Reflexionen zu Politik, Geschichte und Kultur 1940–1963 (= Biographische Quellen zur Zeitgeschichte. Bd. 22). Hrsg. von Frank-Lothar Kroll, N. Luise Hackelsberger und Sylvia Taschka. Oldenbourg, München 2005, ISBN 3-486-20023-2, S. 155 (als Vorschau online bei Google Books). Er charakterisierte Claudius im Rückblick individuell-psychologisch und binnenliterarisch als ein „schwächliches, aufgeplustertes, selbstzufriedenes Halbtalentchen, ein Reimklempner von platter Moral, innig, sinnig und sonnig, recht ein Sänger des kleinbürgerhaft Gemütvollen“.Werner Bergengruen: Schriftstellerexistenz in der Diktatur. Aufzeichnungen und Reflexionen zu Politik, Geschichte und Kultur 1940–1963 (= Biographische Quellen zur Zeitgeschichte. Bd. 22). Hrsg. von Frank-Lothar Kroll, N. Luise Hackelsberger und Sylvia Taschka. Oldenbourg, München 2005, ISBN 3-486-20023-2, S. 54 (als Vorschau online bei Google Books). Kritik, die Claudius im Kontext seiner öffentlichen Rolle im Nationalsozialismus und seiner propagandistischen Bedeutung sieht, wertet ihn als „NS-Parteilyriker“Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart 1977, S. 121f. bzw. als „NS-Barden“ und „Alten Kameraden“.Susann Witt-Stahl: „Ja, wir sind die Herren der Welt“. NS-Spuren im Liederbuch der Bundeswehr, Teil I. In: Neue Musikzeitung, 50 (2001), Nr. 10.

Positiv gewürdigt wurde er nach 1945 zuerst hauptsächlich von rechtsradikalen Medien und Autoren.Siehe z. B.: Heinrich Schleichert (Hrsg.): Lippoldsberg. Klosterhaus-Verlag, Lippoldsberg 1972, S. 29–31. Hans Friedrich Blunck: Licht auf den Zügeln. Lebensbericht. 1. Bd., Kessler-Verlag, Mannheim 1953, S. 200, 202, 218, 329, 331. ders.: Unwegsame Zeiten. Lebensbericht. 2. Bd., Kessler-Verlag, Mannheim 1952, S. 165, 196. dr-hk.: Der Soldat und seine Heimat. Ein Gedenkblatt für Hermann Claudius. In: Deutsche Soldaten-Zeitung, Nr. 47, 19. November 1953, S. 7. Reinhard Pozorny: Hermann Claudius. In: Klüter Blätter, Berg / Starnberger See. 28 (1977), H. 11. S. 39/40; Brigitte Pohl: Hermann Claudius – 100 Jahre. Zu seinem Geburtstag am 24. Oktober. In: Deutsche Soldaten-Zeitung, Oktober 1978. Karl Götz: „I like Deutsch“. Geschichten vom Glanz und Elend unserer Sprache. Hohenstaufen-Verlag, Berg am Starnberger See 1981, S. 145–148. Eine Hinwendung zu differenzierterer Betrachtung seines Werks zeichnet sich in der Rezeptionsgeschichte der letzten Jahrzehnte ab. Ergänzend zu der bisher einseitigen Bewertung seines NS-Mitläufertums und der entsprechenden Teile seines Werks tritt nun die Berücksichtigung der nicht vom NS geprägten Schriften und eine Kontextualisierung seiner politischen Parteinahmen. Als wegweisend kann hier die Neuausgabe von Claudius’ Gedichten und Liedern durch Gerd Katthage gelten.Hermann Claudius: Gedichte und Lieder. Hrsg. und mit e. Nachwort versehen von Gerd Katthage. 2 Bde. Quickborn-Verlag, Hamburg 2024. Inwieweit seiner ideologischen Volatilität genuine Überzeugungen oder beruflicher, eventuell auch durch finanzielle Abhängigkeit bedingter Opportunismus zugrunde lagen, wird heute unterschiedlich beurteilt.

Ehrungen Im Nationalsozialismus erhielt Claudius zahlreiche Literaturpreise. 1942 wurde ihm der Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg und der Klaus-Groth-Preis verliehen,Völkischer Beobachter. Wiener Ausgabe. Nr. 23 vom 23. Januar 1942, S. 3 (online bei ANNO). 1943 der Mecklenburgische Schrifttumspreis.Oberdonau-Zeitung. Amtliche Tageszeitung der NSDAP / Gau Oberdonau. Nr. 273 vom 3. Oktober 1943, S. (3) (online bei ANNO). Auch nach 1945 wurde er wiederholt geehrt. 1956 erhielt er den Klaus-Groth-Preis der Hamburger Stiftung F.V.S., 1958 die Lornsen-Kette des Schleswig-Holsteinischen Heimatbunds. . 1978 wurde er zum Ehrenmitglied des Heimatbunds Niedersachsen ernannt. , abgerufen am 6. Mai 2010.

Bundespräsident Theodor Heuss gratulierte ihm mit einem Glückwunschbrief vom 17. Oktober 1958 zum achtzigsten GeburtstagZeichen der Freundschaft. Eine Gabe zum 70. Geburtstag von Wilhelm Fredemann. Mit Beitr. von Waldemar Augustiny, Hermann Claudius, Georg Grabenhorst ... Verl. das Viergespann, Frankfurt M. 1967, S. 6f. und Bundeskanzler Willy Brandt 1973 zum 95. Geburtstag mit der Telegramm-Aussage: „Ihr umfangreiches Werk gehört zum besten literarischen Besitz unseres Volkes.“So ausweislich einer Hermann-Claudius-Nachlass-HP () und mit der folgenden Quellenangabe: Bremer Nachrichten, 25. Oktober 1973. Brandt gratulierte Claudius ebenfalls zum 100. Geburtstag.

Einen Hermann-Claudius-Weg gibt es jeweils in Grönwohld, wohin Claudius im Jahr 1960 gezogen war, Hemer und Rohrsen, eine Hermann-Claudius-Straße in Heide und Kropp.

Im Stormarnschen Dorfmuseum wurde in dem Grönwohld benachbarten Ort Hoisdorf 1997 eine zuvor bereits vorhandene Ausstellung über den Dichter in erweiterter Form in einem eigenen, Hermann-Claudius-Stube genannten Raum aufgestellt.

Nach Hermann Claudius ist eine Grundschule in Wasbek benannt.Hermann-Claudius-Schule, Wasbek Eine nach ihm benannte Hauptschule in Marl wurde aufgrund von Schulzusammenlegungen im August 2016 geschlossen.Lokalkompass, abgerufen am 18. Mai 2017 Anders als in vielen anderen Fällen einer Schulbenennung nach NS-belasteten Schriftstellern gab es keine namenskritischen Diskussionen. Am Hamburger U-Bahnhof Jungfernstieg befindet sich eine 1932/33 dort gesetzte Tafel mit einem Claudius-Gedicht.Siehe: Eichenpfahl an der U-Bahn Haltestelle Jungfernstieg oder: “Die sieben Jungfern”, abgerufen am 18. Mai 2017 Die Hochbahn fügte einen erklärenden Text hinzu, der sowohl die NS-Vergangenheit der Hochbahn als auch die des Dichters thematisiert.

Künstlerische Darstellungen Künstler der verschiedensten politischen Couleur porträtierten Hermann Claudius:

Büsten von Otto Flath, Walter Rössler, Manfred Sihle-Wissel Zeichnungen von Max Deiters, Ernst von Dombrowski, Olaf Gulbransson, Arthur Illies, Rudolf Warnecke u. a. ein Gemälde von Rudolf Fredderich

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