Fırka-i Islahiye (türkisch in etwa: „Division Besserung“ von „Fırka“ (osman.) = Division und „Islahiye“ (osman.) = Besserung; d. h. also: eine Division, die eine Befriedungsaktion durchführt) war zwischen 1865 und 1866 ein militärisch-administrativer Befriedungs-, Bestrafungs- und Stabilisierungsprozess des Osmanischen Reiches, um die Ordnung der staatlichen Verwaltung in der Çukurova, im Cebel-i Bereket (Gavur Dağları/Amanus-Gebirge) und der Kozan-Region (Taurus-Gebirge) wieder herzustellen. Die Fırka-i Islahiye war eine Militäroperation und ein Prozess zur Ansiedlung von Nomadenstämmen. Die während dieser Bewegung entstandenen zentralen Orte wurden später häufig zu lokal wichtigen Zentren in der Türkei und spielten zudem eine überregionale Rolle bei der Entwicklung der umliegenden Provinzen und Bezirke. Besondere Beispiele dafür sind unter anderem die Çukurova-Städte Ceyhan und Osmaniye. Cevdet Pascha, ein bedeutender osmanischer Verwaltungsbeamter und einer der letzten Geschichtsschreiber des Osmanischen Reiches, hat Berichte über diese Ereignisse, die er selbst erlebte, unter dem Titel ma'ruzat an den Sultan Abdulhamid II. übermittelt. Der vierte von insgesamt fünf seiner Berichte befasst sich mit der Fırka-i Islahiye. Ein weiteres seiner Werke ist die 12-teilige Abhandlung tezâkir-i Cevdet (kurz: Tezâkir), die die politischen Ereignisse der Zeit zwischen 1855 und 1865 umfasst, also auch die der Fırka-i Islahiye.

Innenpolitische Hintergründe Ereignisse im 17. und 18. Jahrhundert links|mini|Wie hier noch Ende der 1990er Jahre zogen zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert riesige Kleintierherden der Nomaden aus der Çukurova und dem Maraş-Graben auf ihre Sommerweiden im Taurus und Antitaurus. Die Ursachen für die Befriedungsaktion der Fırka-i Islahiye hatten sich bereits während des 16. Jahrhunderts entwickelt und in der Zeit danach fortgesetzt. Als Folge sozialer Krisen im Osmanischen Reich, die sich in den Celali-Aufständen und der Saruca-Sekban-Bewegung offenbart hatten, lagen am Ende des 16. Jahrhunderts in Anatolien und Syrien Tausende von Dörfern verlassen. Ihre Ländereien waren verwüstet, die Landbevölkerung hatte sich in relativ sichere Orte zurückgezogen oder war zur nomadischen Wirtschafts- und Lebensweise zurückgekehrt. Da damals der größte Teil des osmanischen Staatseinkommens aus der Besteuerung der Landwirtschaft stammte, lag es natürlich im Interesse des Staates, eine ortsfeste Landwirtschaft mit allen Mitteln zu fördern. Als eine der entsprechenden Lösungen zur Sanierung der Staatsfinanzen (sprich: Steuereinkünfte) wurde eine stringente Ansiedlungspolitik auf dem Lande angesehen, um dabei alle störenden Einflüsse nomadischer und halbnomadischer Gruppen auf die noch intakte Agrarproduktion auszumerzen. Dabei wurde vor allem die Sesshaftmachung der zwischen Çukurova und Uzun Yayla hin- und herziehenden Turkmenengruppen ins Auge gefasst, denn diese schädigten auf ihren saisonalen Wanderungen zwischen Sommer- und Winterweiden die auf dem Weg liegenden Gehöfte, stahlen Vieh und Ernte, wo immer sie konnten, und in geschlossenen Stammesverbänden zerstörten sie auf dem Weg liegende Gehöfte, nicht selten mehrere Dörfer, bisweilen sogar Landstädte. Totschlag, Körperverletzungen und Entführungen waren an der Tagesordnung. Zwischen 1687 und 1689 hatten diese Zerstörungen seitens der Nomaden in Südostanatolien ihren Höhepunkt erreicht. Gleichzeitig massierten sich die Hilfegesuche lokaler Behörden und der betroffenen Bevölkerung an die Regierung in İstanbul. Der damalige Sandschak Maraş war von diesen Verhältnissen besonders betroffen: Obwohl er damals eine der produktivsten Provinzen des Osmanischen Reiches war, herrschte dort Hungersnot.

1691 zielte ein entsprechender Plan der osmanischen Regierung darauf, die politisch und militärisch außer Kontrolle geratenen Landesteile wieder unter ihre Aufsicht zu bekommen und die Agrarproduktion wieder anzukurbeln. Bereits damals hoffte man, diese Ziele durch Ansiedlung der Nomaden und Sicherung der noch übrigen bzw. neugeschaffenen ländlichen Siedlungen zu erreichen und die Sesshaftmachung unter Anwendung staatlicher Machtmittel umzusetzen. Stets ging es in den Sultans-Erlassen um die Umsetzung klarer Grundthemen:

Ansiedlung der Nomaden in festen Dörfern unter Aufgabe ihrer bisherigen Lebens- und Produktionsformen und Übergang zu stationärer Landwirtschaft (Ackerbau, stationäre Viehhaltung); zügige Rekultivierung der zerstörten und brachliegenden Ländereien, um Steuern abzuwerfen; Einsatz an- und umgesiedelter Bevölkerung bei lokalen Sicherungs- und Verwaltungsaufgaben auf unterer Ebene. Das Verfügungsrecht über brachliegendes Land sollte ohne Rücksicht auf Rechte von Vorbesitzern an Personen übertragen werden, die bereit und imstande waren, das Land zu bebauen. Auch Turkmenen und Kurden wurde es ermöglicht, in der osmanischen Armee zu dienen (verkappte Wehrpflicht). links|mini|Die historische Brücke über den Ceyhan in Misis, dem antiken Mopsuestia (im Hintergrund der Siedlungshügel des historischen Ortes), war im 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Fluss-Übergänge der Haupthandelsrouten von Anatolien durch die Kilikische Pforte via Adana nach Syrien. Im Vordergrund der Anordnungen stand die Sicherung der den Sandschak Adana durchziehenden Handelsstraßen über Misis und Payas nach Halep (Aleppo), Ayıntap (Gaziantep) und Urfa. Deshalb sollten vor allem Nomaden, die im Gebiet zwischen Demirkapı (enger Durchlass bei Toprak Kalesi/Osmaniye) und Misis ihre Winterlager hatten, wie die Tecirli, Ulaşlı und Cerit, in den am Ceyhan gelegenen Kazas (alte Bezeichnung für İlçe/Kreis) Kınık, Berendi und Ayas (Yumurtalık) zur Ansiedlung gebracht werden. Darüber hinaus sollten die Herden künftig nicht mehr vom gesamten Stamm, sondern von bezahlten Hirten auf die Sommerweide (Yayla) gebracht werden. Denjenigen, die sich zur Ansiedlung bereiterklärten, um das ihnen überlassene Land zu kultivieren, wurden gemäß dem Erlass des Sultans entsprechende Ländereien zugewiesen. Von allen damals in der Çukurova angesiedelten Nomadengruppen hatten, was das sesshafte Leben betraf, die Tecirli die geringste Ausdauer. Schon 1696, nach nur fünf Jahren, gaben sie ihre sesshafte Lebensweise wieder auf, verließen die ihnen überlassenen Ländereien und zogen – einschließlich ihrer altgewohnten Raubpraktiken – wieder persönlich mit ihren Herden zu den Sommerweiden im Gebirge.

Teile der noch sesshaften Nomaden nahmen sich das Verhalten der Tecirli zum Vorbild und kehrten ebenfalls zur traditionellen nomadischen Lebens- und Wirtschaftsweise zurück, selbst solche, deren Ansiedlung 1691 relativ reibungslos verlaufen war. Damit war das Ansiedlungswerk größtenteils gescheitert, und bald führten erneute Klagen zu einem neuen Anlauf der osmanischen Verwaltung zur Durchsetzung ihrer Nomadenpolitik: Durch einen Ferman des Sultans wurden die Tecirli-Stämme 1708 mit 2.500 Kurusch (Kuruş: altes osmanisches Zahlungsmittel) Steuerstrafe belegt und zum Teil in die Gegend von Rakka (Syrien) ins Exil geschickt. Daraufhin flohen Turkmenengruppen verschiedener Stammeszugehörigkeit, die man ebenfalls aus der Çukurova in Exile in Syrien bei Rakka, Homs und Hama geschickt und dort zur Ansiedlung gezwungen hatte, wieder zurück in die Çukurova, wo sie erneut ihrem früheren Nomadendasein nachgingen, sodass 1712 von insgesamt 120 im Jahre 1691 umgesiedelten Stammesgruppen nur noch 20 als sesshaft bezeichnet werden konnten. In einer neuerlichen Aktion wurden damals der größte Teil der Tecirli und sämtliche Cerit-Gruppen, die über weite Teile der Çukurova zerstreut ihre Winterlager hatten, in den ihnen vorher zugeteilten Gebieten zwangsweise wieder angesiedelt. Tecirli-Verbände, denen es gelang, dieser Aktion zu entgehen, gingen nun ihrerseits dazu über, im Sandschak Maraş sowie im Raum von Kadirli Dörfer zu zerstören, womit sie der Nomadenpolitik der Staatsverwaltung aktiv entgegenwirkten. Die Verhängung oder Androhung von Steuerstrafen von Seiten des Staates brach offenbar deren Widerstand keineswegs, sondern veranlasste sie eher, sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen. Bei den Ulaşlı-Stämmen entzog man sich der Zahlung der jährlichen Steuer durch Flucht in die Gavur Dağları (Amanus-Gebirge). Während des ganzen 18. Jahrhunderts blieb so die Çukurova Winterweidegebiet nomadischer Gruppen, die sich in altbewährter Weise den Sommer über auf den Yaylagebieten des Antitaurus und der Uzun Yayla aufhielten, und sie waren stets bereit, Gelegenheiten zu Raub und Plünderung wahrzunehmen.

Situation im 19. Jahrhundert Mittlerweile hatte sich in Europa im Verlauf des 19. Jahrhunderts, u. a. auch als Folge der Französischen Revolution, die sozio-ökonomische und politische Situation gewandelt. Damit waren auch die entsprechenden Grundlagen des traditionellen Osmanischen Reiches in Frage gestellt. Multikulturelle und multinationale Gebilde, wie der osmanische Staat, erlebten dabei eine schwere Krise. Darüber hinaus hatte dieser Staat aufgrund seiner geschwächten Macht mit den Interventionen der Großmächte zu kämpfen, die seinen Zerfall beschleunigten. Da es in der osmanischen Zivilgesellschaft keine Kräfte gab, die die Führung dieses Wandels übernahmen, setzte sich die osmanische Staats-Bürokratie mit der Umsetzung dieses Wandels auseinander, was dazu führte, dass der „Staat“ praktisch in alle Lebensbereiche eingriff. Dazu zählte seit Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem die

„Neutralisierung“ der sich überall im Lande verselbständigenden Derebeylik und „Stabilisierung“ von zunehmend außer staatliche Kontrolle geratener Gebiete aufgrund erneut zunehmender Nomadisierung durch „Effektivierung“ einer bereits seit längerem andauernden Siedlungsaktivität.

Der auslösende Faktor für die Militäraktion der Fırka-i Islahiye ging dann effektiv auf eine Situation im Krimkrieg zurück: Der Mangel an Soldaten während des Krieges 1853–1856 führte zu entsprechenden Rekrutierungs-„Nachfragen“ in den Regionen des Landes, unter anderem auch im Sandschak Cebel-i Bereket (Yarpuz, Gavur Dağları/Amanusgebirge) und Sandschak Kozan (Çukurova und Taurus). Diesem Befehl wurde jedoch aufgrund des Widerstands der dortigen Nomadenstämme gegen den Staat nicht nachgekommen. Aufgrund der generell ablehnenden Haltung, Soldaten für den Krieg bereitzustellen, befanden sich aus dem Blickwinkel der osmanischen Zentralregierung in İstanbul gesehen nicht nur der Sandschak Kozan, sondern auch die benachbarten Nahiyes (Amtsbezirke) und Kazas (Kreise) im Aufruhr gegen den Staat. Die dortigen Kozan Oğulları herrschten in Form des Derebeytums. Cevdet Pascha selbst bemerkte dazu:

„Die Herrschaft der Kozan Oğulları war absolut und tyrannisch und an keine Bedingung gebunden. Die Aghas taten, was sie wollten. Sie haben die Männer hingerichtet, auf die sie wütend waren… Obwohl die Einwohner von Kozan religiöse und gute Menschen sind, sind sie ziemlich unwissend geblieben… Die Kozan Oğulları heirateten mehr als vier Frauen. Ömer Aghazade Ahmed Agha hat zum Beispiel neun Frauen geheiratet…“ (zitiert nach Betül Sancak).