mini|Soldaten der Roten Armee greifen die aufständische Inselfestung Kronstadt über das Eis des Finnischen Meerbusens an (17. März 1921) Der Kronstädter Matrosenaufstand (), auch Kommune von Kronstadt genannt, in der Sowjetunion auch häufig als Kronstädter antisowjetische Meuterei () bezeichnet,Militär Enzyklopädisches Wörterbuch. S. 376. war ein von Ende Februar bis zum 18. März 1921 währender Aufstand von Matrosen der Baltischen Flotte der Sowjetischen Marine, der Kronstädter Festungsgarnison und der Einwohner von Kronstadt gegen die Regierung Sowjetrusslands und die Politik des Roten Terrors und des Kriegskommunismus.

Unter dem Motto „Alle Macht den Räten (Sowjets) – Keine Macht der Partei“ forderten die Aufständischen eine Rücknahme des diktatorischen Einflusses der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki), kurz KPR(B), auf die politischen Entscheidungsprozesse Sowjetrusslands. Nachdem ein Übergreifen der Revolte auf das Festland und weitere Teile Sowjetrusslands gescheitert war, nutzten die Aufständischen die Festungsanlagen der Baltischen Flotte von Kronstadt auf der Kotlin-Insel, die Sankt Petersburg gegen Angriffe von Westen schützen sollten. Die zur Niederschlagung des Aufstands eingesetzten Truppen der Roten Armee wurden zunächst zurückgeschlagen. Die aufständischen Matrosen vermochten jedoch dem zweiten Angriff nicht standzuhalten und kapitulierten.

Nach der Kapitulation wurden viele Aufständische und unbeteiligte Bewohner Kronstadts hingerichtetKokurin Gontscharow: Oktober-Gardisten. S. 97–112. oder in den neu eingerichteten „nördlichen Lagern zur besonderen Verwendung“ (SLON) inhaftiert,Figes: Die Tragödie eines Volkes. S. 810. sofern sie sich nicht durch die Flucht nach Finnland einer Verfolgung entziehen konnten.

Der Aufstand erzwang den Übergang vom Kriegskommunismus zur Neuen Ökonomischen Politik in Sowjetrussland bzw. ab 1922 in der Sowjetunion.Avrich: Kronstadt 1921. S. 7ff.Baberowski: Verbrannte Erde. S. 87.

Vorgeschichte mini|Die Schlachtschiffe Petropawlowsk und Sewastopol im Hafen von Kronstadt (1921) Am Ende des Russischen Bürgerkrieges war die wirtschaftliche Lage Russlands katastrophal. Weite Teile der Bevölkerung litten Hunger und Epidemien grassierten.Baberowski: Verbrannte Erde. S. 81ff. Nach der Niederlage der feindlichen Weißen Armeen verloren die Bolschewiki aufgrund ihrer autokratischen und repressiven Herrschaft immer mehr den Rückhalt bei russischen Bevölkerungsteilen, welche die sowjetische Herrschaft bis dahin unterstützt hatten. Dies lag vor allem daran, dass die strikte Kontrolle aller wirtschaftlichen Aktivitäten (→Kriegskommunismus) wie bisher beibehalten wurde. Die brutale Unterdrückung der ländlichen Bevölkerung während des Tambower Bauernaufstands und vieler weiterer ErhebungenSeth Singleton: The Tambov Revolt (1920–1921). Slavic Review XXV, September 1966, S. 499. trugen dazu bei, die feindselige Stimmung zu verschärfen. Auch der Lebensstil der kommunistischen Machthaber gab genügend Anlass, eine Revolte heraufzubeschwören. Der ehemalige Anführer der Kronstädter Bolschewiki Fjodor Raskolnikow kehrte 1920 als neuer Kommandeur der Baltischen Flotte nach Kronstadt zurück und pflegte dort zusammen mit seiner Frau Larissa Reissner einen sehr luxuriösen Lebenswandel.Figes: Die Tragödie eines Volkes. S. 803.

Die Kronstädter Matrosen waren während der Oktoberrevolution in Petrograd die militärische Hauptmacht der Bolschewiki und hatten als eine Elitetruppe die Kommunistische Partei im Bürgerkrieg gegen die Weiße Armee und ihre westlichen Alliierten unterstützt (Rückeroberung von Kasan am 10. September 1918, Verteidigung Petrograds im Herbst 1919). Als die Nachrichten vom Vorgehen der Roten Armee gegen die Tambower Bauern nach Petrograd gelangten, kam es in der Folge zu Massenaustritten aus der Kommunistischen Partei. In Kronstadt, das als Hochburg der Revolution galt, traten im Januar 1921 5000 Matrosen der Baltischen Flotte aus der Partei aus.Avrich: Kronstadt 1921. S. 60 ff.

Beginn des Aufstands Am 22. Januar 1921 kürzten die Bolschewiki die in Sowjetrussland vorgeschriebene Brotration per Dekret um ein Drittel.Avrich: Kronstadt 1921. S. 35. Dieses Dekret löste in den folgenden Wochen Unzufriedenheit und ernsthafte Proteste in den großen Städten der RSFSR aus. Am 23. Februar 1921 begannen etwa 10.000 Mitglieder der Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki in Moskau einen Streik, dem sich Arbeiter der dortigen Stahlwerke anschlossen. Am 24. Februar 1921 begannen in Petrograd Streiks in den Patronny-Munitionswerkstätten, den Trubotschny- und Baltiskiwerken und der Fabrik Laferme. Am selben Tage wurden vom Petrograder Verteidigungskomitee der KPR(B) Kursanten zur Wassiljewski-Insel befohlen, um die dort versammelten Arbeiter auseinanderzutreiben. Am 25. Februar schlossen sich Arbeiter der Admiralitätswerkstätten und der Galernaja-Docks dem Protest an. Eine Straßendemonstration Streikender wurde von bewaffneten Einheiten verhindert.

Das Petrograder Verteidigungskomitee der KPR(B) unter dem Vorsitz von Grigori Sinowjew bezeichnete die Unruhen in den Fabriken der Stadt als Rebellion und verhängte am 24. Februar das Kriegsrecht.Avrich: Kronstadt 1921. S. 39. Gewerkschafter, die die Streiks organisiert hatten, wurden verhaftet. Zeitgleich wurde die Schließung der Trubotschny-Fabrik und die Aussperrung der Streikenden angeordnet. Die Bolschewiki begannen Truppen der Roten Armee in Petrograd zusammenzuziehen.Koenen: Die Farbe Rot, S. 816. Die in Kronstadt stationierten Matrosen der Baltischen Flotte sympathisierten mit den Streikenden. Am 26. Februar besuchte eine Abordnung der Kronstädter Matrosen Petrograd, um die Lage in der Stadt zu erkunden. Nach der Rückkehr der Abordnung am 28. Februar hielten die Matrosen der Schlachtschiffe Petropawlowsk und Sewastopol eine Krisensitzung ab, in deren Ergebnis eine Resolution verabschiedet wurde.

Die Petropawlowsk-Resolution mini|Abdruck der Petropawlowsk-Resolution Die auf dem Schlachtschiff Petropawlowsk verabschiedete Resolution enthielt 15 Forderungen. Die wichtigsten davon waren:Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. S. 155.

Sofortige Abhaltung neuer Wahlen mit geheimer Abstimmung, wobei die vorherige Wahlkampagne volle Agitationsfreiheit unter den Arbeitern und Bauern haben sollte. Einführung der Rede- und Pressefreiheit für Arbeiter und Bauern, Anarchisten und links stehende sozialistische Parteien. Absicherung der Versammlungsfreiheit für Arbeitergesellschaften und Bauernorganisationen. Befreiung aller politischen Gefangenen der sozialistischen Parteien und aller in Verbindung mit Arbeiter- und Bauernbewegungen eingesperrten Arbeiter, Bauern, Soldaten und Matrosen. Sofortige Abschaffung aller bewaffneten Gruppen der Bolschewiki zur Konfiszierung von Lebensmitteln und anderen Produkten. Den Bauern volle Aktionsfreiheit in Bezug auf ihr Land zu geben, ebenso das Recht, Vieh zu halten, unter der Bedingung, dass sie mit ihren eigenen Mitteln auskommen, das heißt, ohne gedungene Arbeitskräfte zu verwenden.

Über den Charakter der so entstandenen Protestbewegung gibt es verschiedene Auffassungen. Neben der naheliegenden Meinung, dass die in der Petropawlowsk-Resolution aufgeführten Forderungen aus der kritischen Lage der sowjetrussischen Bevölkerung nach dem Ende des Bürgerkriegs entstanden, vertreten Historiker auch die Auffassung, dass die Proteste von russischen Emigranten aus dem Ausland initiiert worden sein könnten. Der Historiker Paul Avrich, der 1970 ein umfassendes Buch zum Kronstädter Matrosenaufstand veröffentlichte, fand im Bachmetew-Archiv der Columbia-Universität Hinweise darauf.Avrich: Kronstadt 1921. S. 235, 240. Diese Frage ist bis heute nicht abschließend geklärt.

Der Kommandeur der Baltischen Flotte Fjodor Raskolnikow wurde zusammen mit seiner Frau Larissa Reissner aus Kronstadt verjagt. In der Zwischenzeit waren Nachrichten über die Stimmung in der Baltischen Flotte bis nach Moskau vorgedrungen. Der Volkskommissar für das Kriegswesen Leo Trotzki forderte bereits am 28. Februar per Telegramm genaue Informationen über die Hintergründe der Unruhen.Jakowlew: Kronstadt 1921.

Proteste in Kronstadt und Ultimatum der Bolschewiki Am 1. März 1921 fand in Kronstadt auf dem Ankerplatz eine Versammlung der gesamten aus 16.000 Marineangehörigen und Soldaten bestehenden Besatzung der Festung statt. Die Demonstranten trugen Transparente mit Losungen wie „Alle Macht den Sowjets – Keine Macht der Partei“, „Die dritte Revolution der Arbeiter“ oder „Gegen die Konterrevolution von rechts und von links“.Kokurin Gontscharow: Oktober-Gardisten. S. 97. An der Versammlung nahm im Auftrag Lenins das Staatsoberhaupt Sowjetrusslands Michail Kalinin teil. Er war der ranghöchste Agitator der Bolschewiki. Kalinin hielt eine beruhigende Rede im Sinne der kommunistischen Partei, wurde aber von den Demonstranten ausgebuht. Er durfte danach die Festung Kronstadt ungehindert verlassen.

Während der Versammlung wurde ein provisorisches revolutionäres Komitee gegründet, dem die Anführer des Kronstädter Matrosenaufstands angehörten. Es bestand ursprünglich aus fünf Mitgliedern: Stepan Petritschenko: Matrose, Hauptschreiber des Schlachtschiffs Petropawlowsk und Anführer des Kronstädter Matrosenaufstands W. Jakowenko: Kronstädter Telegrafist, Stellvertreter Petritschenkos Archipow: Ingenieur, Bootsmann Tukin: Meister im Elektromechanischen Werk von Kronstadt Iwan Oreschin: Leiter der dritten Industrieschule von Kronstadt Im weiteren Verlauf der Ereignisse wuchs das Komitee auf insgesamt 15 Personen an.

Während der Demonstration wurde die Entsendung von 30 parteilosen Delegierten nach Petrograd beschlossen, welche die Forderungen der Petropawlowsk-Resolution in Sowjetrussland öffentlich bekanntmachen sollten. Die Mitglieder der Delegation wurden bei ihrer Ankunft in Petrograd durch die Bolschewiki verhaftet. Der Flottenkommissar N. N. Kusmin und der Vorsitzende des Kronstädter Sowjets P. D. Wassiljew wurden in der Nacht vom 1. zum 2. März zusammen mit 600 weiteren Mitgliedern der Kommunistischen Partei von den Demonstranten verhaftet.Woroschilow: Aus der Geschichte der Niederschlagung der Kronstädter Meuterei. S. 15–35. Damit war der kommunistische Machtapparat in Kronstadt vollständig ausgeschaltet.

170px 250pxFührende Personen des Kronstädter Matrosenaufstands: Links: Generalmajor Alexander Koslowski (1916) Rechts: Stepan Petritschenko (Pfeil), der Anführer des Kronstädter Matrosenaufstands, Ende 1921 mit russischen Oppositionellen und Emigranten in Finnland

Am folgenden Tag hielten die Protestierenden eine Delegiertenkonferenz mit etwa 300 Teilnehmern ab, auf der im Wesentlichen die Forderungen des 28. Februar bekräftigt wurden.

Das Petrograder Verteidigungskomitee der Bolschewiki unter der Leitung Sinowjews ließ für Petrograd den Belagerungszustand ausrufen. Damit erhielt das Komitee Weisungsbefugnisse über sämtliche Ordnungskräfte sowie alle Militäreinheiten in der Stadt. Ab 21:00 Uhr abends wurde eine Ausgangssperre verhängt. Ein Verbot von Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen und Straßen folgte. Dann begann das Komitee mit Verhaftungen zahlreicher Soldaten und Matrosen, die als Sympathisanten der Kronstädter Proteste galten. Als unzuverlässig geltende Militäreinheiten wurden in entfernte Gebiete Sowjetrusslands verlegt. Später wurden die in Petrograd lebenden Familien von Kronstädter Matrosen von den Bolschewiki als Geiseln genommen. Durch diese Maßnahmen verhinderten die Bolschewiki erfolgreich ein Übergreifen der Proteste auf das Festland. Die Petrograder Arbeiter waren in der Folgezeit nicht in der Lage, die auf der Insel Kotlin isolierten Aufständischen zu unterstützen. Durch Zugeständnisse der politischen Führung unter Sinowjew, der unter anderem die Lieferung von Nahrungsmitteln nach Petrograd organisierte, verebbten die Streiks Anfang März.Figes: Die Tragödie eines Volkes. S. 809.