Der Lancia Delta der Baureihe 836 (auch: Delta II und Nuova Delta, Eigenschreibweise: Lancia δ) ist eine Kompaktlimousine der italienischen Automarke Lancia, die von 1993 bis 1999 produziert wurde. Das Modell löste die 1979 eingeführte erste, im Motorsport sehr erfolgreiche Generation des Delta ab. Der als drei- und fünftürige Kombilimousine angebotene Wagen basiert auf Fiats Tipo-Due-Plattform und ist unter anderem mit dem Fiat Tipo und dem Alfa Romeo 145/146 verwandt.

Entstehungsgeschichte mini|Schwestermodell des Nuova Delta mit Stufenheck: Lancia Dedra Die seit 1969 zum Fiat-Konzern gehörende Marke Lancia hatte 1979 die erste Version des Kompaktwagens Delta (Tipo 831) eingeführt. Sie hatte die Technik des Fiat Ritmo und eine kantige, von Giorgio Giugiaro gestaltete Karosserie.Der Lancia Delta I ist stilistisch eine verkleinerte Ausführung des Konzeptfahrzeugs Maserati Medici; vgl. Lange, Hans-Karl: Maserati. Der andere italienische Sportwagen. Wien 1993. ISBN 3-552-05102-3. Drei Jahre später erschien die Stufenheckversion Prisma mit vergleichbarer Technik.

1988 führte Fiat auf maßgebliche Verantwortung des Managers Vittorio Ghidella die Plattform Tipo Due ein, die im folgenden Jahrzehnt die Basis nahezu aller Kompaktmodelle des Konzerns bildete. Der erste Tipo-Due-Ableger war der Fünftürer Fiat Tipo, der zweite die 1989 präsentierte Stufenhecklimousine Lancia Dedra, die den bisherigen Prisma ersetzte. Obwohl sich der moderne Dedra schnell etablierte und dem Unternehmen Gewinne brachte, schob Lancia zunächst keine Kombilimousine auf gleicher Basis nach. Stattdessen blieb die erste Serie des Delta bis 1993 – in einigen Sonderversionen sogar bis 1994 – im Programm. Sie verkaufte sich weiterhin gut, nicht zuletzt wegen der Werbewirksamkeit zahlreicher Rallye-Erfolge des Integrale und seiner Varianten.Wim Oude Weernink: Lancia, Motorbuch Verlag, 1992, ISBN 3-613-01503-X, S. 376.

Die Entwicklung der zweiten Delta-Generation begann erst 1988, als der Viertürer Dedra bereits serienreif war. Als Basis wurde Fiats Tipo-Due-Plattform herangezogen. Das Auto debütierte nach viereinhalbjähriger Entwicklungszeit im Frühjahr 1993. Die vergleichsweise lange Entwicklungszeit führte dazu, dass der Delta einige Sicherheitsmerkmale von Beginn an aufwies, die der ältere Fiat Tipo erst mit Verzögerung erhalten hatte. Während seiner knapp siebenjährigen Produktionszeit wurde der Nuova Delta nur geringfügig verändert. Im Laufe der Jahre kamen eine zweite Karosserievariante und verschiedene Motorisierungen hinzu. Zum Ende der Dekade galt der mit seiner Technik auf die 1980er-Jahre zurückgehende Delta als „veraltet“; die Verkaufszahlen gingen zuletzt deutlich zurück.

Die Fertigung endete im Spätsommer 1999. Der Abverkauf der letzten Fahrzeuge dauerte bis 2000. Insgesamt war der Nuova Delta weitaus weniger erfolgreich als der Dedra mit Stufenheckkarosserie: Bis 1999 baute Lancia mehr als dreimal so viele Dedras wie Deltas. Nach seiner Produktionseinstellung erhielt der Nuova Delta nicht unmittelbar einen Nachfolger. Seine Position in der Modellpalette nahm nach Lancias Vorstellung einige Jahre die Stufenhecklimousine Lybra ein, die auch den Dedra ersetzte. Erst 2008 führte Lancia mit der intern Tipo 844 genannten Kombilimousine die dritte Generation des Delta ein.

Modellbeschreibung

Karosserie und Innenraum mini|Stilistisches Vorbild des Nuova Delta: Alfa Romeo Alfasud Der Nuova Delta hat eine selbsttragende Karosserie aus Stahlblech. Von Produktionsbeginn an gehörten einige sicherheitsrelevante Merkmale, wie eine versteifte Karosserie und Seitenaufprallschutz in den Türen, zur Serienausstattung, die dem Fiat Tipo in den ersten Baujahren gefehlt hatten.

Die Form des zunächst nur als Fünf- und ab 1995 außerdem auch als Dreitürer angebotenen Nuova Delta gestaltete das Turiner I.DE.A Institute unter der Leitung von Ercole Spada in Zusammenarbeit mit dem Centro Stile Lancia.Alessandro Sannia: Enciclopedia dei carrozzieri italiani, Società Editrice Il Cammello, 2017, ISBN 978-8896796412, S. 293.Daniele Cornil: Centro Stile Lancia, Automobilia, 2001, ISBN 978-8879601214. Der Aufbau gilt in stilistischer Hinsicht als eine Wiederbelebung des Alfa Romeo Alfasud,Massimiliano Serra, Saverio Villa: Benvenuti al Sud. Alfa Romeo Alfasud e derivate. Routoclassiche Youngtimer Nr. 20 (Juli/August 2021), S. 26. der in Italien auch 10 Jahre nach seiner Produktionseinstellung noch hohes Ansehen genoss. Insbesondere der hohe Heckabschluss mit kurzem Überhang, die mit geringer Neigung auslaufende Dachlinie und die Kunststoffblenden in der C-Säule, die das Türprofil des Alfasud stilisiert wiedergeben, werden als Designzitate verstanden. Andererseits hat der Delta 836 zahlreiche Gleichteile mit zeitgenössischen Lancia-Modellen. Die Türen der fünftürigen Version, die Windschutzscheibe und die Seitenfenster teilt er sich mit dem ebenfalls bei I.DE.A entworfenen Lancia Dedra. Die Frontpartie ist stärker geneigt als beim Dedra. Der Delta hat eigenständige Breitbandscheinwerfer von Bosch; zwischen ihnen befindet sich die Kühleröffnung, die in ein stilisiertes Lancia-Wappen eingefasst ist. Die Basisversionen haben einen glatten Heckabschluss, während die stärker motorisierten Modelle werksseitig mit einem in Wagenfarbe lackierten Spoiler unterhalb der Heckscheibe ausgestattet sind. Sein Profil zeigt die Linien einer Sicke am Heckabschluss der zweiten Serie des Alfasud (1980–1983). Die horizontal angeordneten Rückleuchten wurden ab 1997 auch beim hochpreisigen Kappa Coupé eingebaut. Besonderes Gestaltungsmerkmal einzelner Versionen sind verbreiterte vordere Kotflügel, die an die Sportversionen des Vorgängers erinnern. Sie sind bei den drei- und fünftürigen Versionen des Spitzenmodells Delta HF sowie bei allen Deltas mit Dieselmotor verbaut.

Während zahlreiche Schalter und Bedienungseinrichtungen im Innenraum aus dem Fiat-Sortiment stammen, hatte der Armaturenträger des Delta anfänglich kein Gegenstück in einem anderen Mitglied der Tipo-Due-Familie. Er verläuft geschwungen über die gesamte Innenraumbreite. Die Instrumente sind darin horizontal nebeneinander angeordnet. Ab Ende 1997 wurde im Schwestermodell Lancia Dedra das gleiche Armaturenbrett verbaut. Die Sitzbezüge der einfacheren Modelle sind aus Stoff; gegen Aufpreis – bei den höherwertigen Varianten teilweise auch serienmäßig – waren Bezüge aus Alcantara bzw. aus Stoff-Alcantara- oder Leder-Alcantara-Kombinationen erhältlich. Alle Delta-Varianten haben eine geteilt umklappbare Rücksitzlehne.

Motoren und Kraftübertragung mini|Fiats Twin-Cam-Motor mit 2,0 Liter Hubraum, 16 Ventilen und Turboaufladung im Delta HF 2.0 Turbo LS (1994) Der Delta wurde mit verschiedenen Vierzylindermotoren aus dem Fiat-Programm angeboten, die meisten davon waren Ottomotoren.

Alle Ottomotoren haben eine elektronische Benzineinspritzung und waren im Laufe des Produktionszeitraums mit unterschiedlichen Leistungsstufen erhältlich.

Basismotorisierung waren zwei Ableger des Fiat-128-SOHC-Motors mit 1,4 bzw. 1,6 Liter Hubraum. Die 1,4-Liter-Version, die 55 kW (75 PS) leistet, wurde nur kurzzeitig auf ausgewählten Märkten mit Blick auf die dortigen Steuergesetze angeboten. In Deutschland war sie nicht erhältlich. Auf den meisten Märkten war stattdessen die 1,6-Liter-Version die Einstiegsmotorisierung. Es gab sie wahlweise mit acht und mit 16 Ventilen. Die Leistungsspanne reicht von 55 kW (75 PS) bis 76 kW (103 PS). Die mittlere Motorisierung war eine 1,8 Liter große Variante von Fiats Pratola-Serra-Konstruktion. Auch hier waren jedenfalls anfänglich alternativ Ausführungen mit acht und 16 Ventilen erhältlich. Die Motorleistung beträgt 66 kW (90 PS) bis 96 kW (131 PS). Die Spitzenmodelle werden von 2,0 Liter großen Ausführungen des von Aurelio Lampredi konstruierten Fiat Twin-Cam-Motors mit zwei obenliegenden Nockenwellen angetrieben, die mit und ohne Turboaufladung erhältlich waren. Die leistungsstärksten Ausführungen mit bis zu 142 kW (193 PS) trugen die Zusatzbezeichnung HF.

Außerdem war ab dem zweiten Produktionsjahr des Delta ein 1,9 Liter großer Turbodiesel mit vier Zylindern erhältlich, der sich insbesondere in Südeuropa gut verkaufte.

Motoren des Lancia Delta 836 Modell Zylinder Hubraum Leistung Bauzeit Ottomotoren 1.4 i. e. 4 1372 cm³ 55 kW (75 PS) 1993–1995 1.6 i. e. 1581 cm³ 55 kW (75 PS) 03/1993–08/1999 1.6 i. e. 16V 66 kW (90 PS) 76 kW (103 PS) 03/1996–08/1999 1.8 i. e. 1756 cm³ 66 kW (90 PS) 07/1994–02/1996 1.8 i. e. 16V 1747 cm³ 83 kW (113 PS) 03/1996–08/1999 96 kW (131 PS) 2.0 16V 1995 cm³ 102 kW (139 PS) 03/1993–08/1999 2.0 16V HF 137 kW (186 PS) 03/1993–02/1996 142 kW (193 PS) 06/1996–08/1999 Dieselmotor 1.9 TD 4 1929 cm³ 66 kW (90 PS) 10/1994–08/1999

Die Kraftübertragung übernimmt ausnahmslos ein handgeschaltetes Fünfganggetriebe. Ein Automatikgetriebe war – anders als bei der Stufenheckversion Dedra – während der gesamten Produktionsdauer nicht lieferbar.

Fahrwerk Der Nuova Delta hat rundum Einzelradaufhängung. Die vordere Radaufhängung besteht aus Querlenkern und MacPherson-Federbeinen, dazu ein Querstabilisator. Hinten sind Längslenker (Schwingen), Schraubenfedern und ein Querstabilisator eingebaut. Diese Struktur ist bei allen Varianten gleich, nur beim Delta HF mit dem stärksten Motor sind einige Teile wie die vorderen Querlenker verstärkt. Nahezu alle Delta-Ausführungen haben serienmäßig Scheibenbremsen vorn und hinten. Ausnahmen sind die 1,4-Variante und die 1,6-Liter-Version mit acht Ventilen und ohne ABS mit Trommelbremsen hinten.

Modellpflege 1996 mini|In Wagenfarbe lackierte Außenspiegel und A-Säulen: Facelift von 1996 Eine erste Überarbeitung des Delta nahm Lancia zum Modelljahr 1996 vor. Äußerlich sind diese Varianten vor allem durch Außenspiegel und A-Säulen zu erkennen, die im Gegensatz zum ursprünglichen Delta nicht mehr schwarz, sondern in Wagenfarbe lackiert sind. Der Kühlergrill der Versionen mit dem einfachen Grill mit senkrechten Streben erhielt statt schwarzer nun solche in chromfarben.

1998 1998 wurde die Karosserie des Delta erneut optisch überarbeitet. Die Oberseiten der Stoßstangen, die seitlichen Stoßleisten sowie die Kunststoffblenden hinter den Hecktüren und an der Heckklappe, die bislang schwarz waren, sind bei den Modellen der letzten beiden Baujahre einheitlich in Wagenfarbe lackiert. Die Rückleuchten haben einen roten Grundton.Auto Katalog Nr. 42 (1998/99), S. 93. Die Auswahl der Sitzpolsterungen wurde bei den Fünftürern gestrafft; komplette Alcantara-Ausstattungen, die bis dahin wahlweise in sechs verschiedenen Ausführungen erhältlich waren, entfielen zugunsten standardisierter Sitzbezüge aus einer Stoff-Alcantara-Kombination.

Delta HPE mini|Mit hinteren Kotflügelverbreiterungen: dreitüriger Lancia Delta HPE Auf dem Genfer Auto-Salon 1995 stellte Lancia die dreitürige Version des Delta vor. Sie erhielt in Anlehnung an das von 1975 bis 1984 produzierte Kombicoupé Beta HPE die Zusatzbezeichnung HPE (für High Performance Executive).

Der HPE war abgesehen vom 1,4-Liter-Vierzylinder mit allen Motoren erhältlich, die bei den zeitgenössischen fünftürigen Deltas angeboten wurden. Die Heckpartie des Delta HPE entspricht der der fünftürigen Deltas; die Frontpartie unterscheidet sich durch die wagenfarbige Umrandung des etwas stärker konturierten Kühlergrills. An den Wagenflanken ist die Gestaltung eigenständig: Die Türen sind breiter als die Vordertüren der Fünftürer. Im Gegensatz zu ihnen haben alle HPE außerdem hintere Kotflügelverbreiterungen. Ausgestellte Vorderkotflügel hatten dagegen – analog zum Fünftürer – bis 1998 nur die beiden leistungsstärksten Modelle 16V und HF sowie der HPE mit Dieselmotor, während die Basisversion des HPE mit den Standardkotflügeln der Fünftürer ausgestattet war. Erst im Rahmen des letzten Facelifts von 1998 erhielten alle HPE-Varianten unabhängig von ihrer Motorisierung ausgestellte vordere Kotflügel.

Delta HF Turbo mini|HF-Logo in der Kühlermaske