mini|Annette Beveridge und ihr Sohn William, Juni 1884 Annette Susannah Beveridge, geb. Akroyd (* 13. Dezember 1842 in Stourbridge; † 27. März 1929 in London), war eine britische Orientalistin. Sie ist vor allem durch ihre Übersetzungen des Bābur-nāma aus dem Tschagataischen und einer Geschichte Humāyūns aus dem Persischen bekannt. Sie stammte aus einer unitarischen Familie und besuchte drei Jahre lang das Bedford College in London. Durch die Verbindung der Unitarier zum Brahmo Samaj kam sie in Kontakt zu Keshab Chandra Sen, der 1870 auf einer Vortragsreise in England um Unterstützung für die Frauenbildung in Indien warb. Annette Beveridge folgte seinem Aufruf und ging 1872 nach Kalkutta, um dort seine Schule zu leiten. Sie überwarf sich jedoch bald mit Sen und gründete mit dem progressiven Zweig des Brahmo Samaj eine eigene Mädchenschule, die später in dem berühmten Bethune-College aufging. Nach ihrer Heirat mit dem Kolonialbeamten Henry Beveridge 1875 in Kalkutta und einigen Jahren der Familienzeit begann sie mit 51 Jahren, Persisch zu lernen und arbeitete sich fünf Jahre später in das Tschagataische ein. In beiden Sprachen übersetzte sie bis dahin unbekannte Quellen der Mogul-Geschichte.

Kindheit und Jugend mini|hochkant|William Akroyd Annette Beveridge wurde als drittes Kind von William Akroyd (1804–1869) und dessen Frau Sarah Walford in Stourbridge geboren. Ihr Vater war als Wandergeselle in den Ort gekommen und hatte 1830 dort geheiratet.William Beveridge: India called them. S. 64, 75. Annette war das sechste und letzte Kind aus dieser Ehe, und außer ihr überlebten nur zwei weitere, Eliza (1831–1858) und Fanny (1840–1926), das Kindesalter. Als Annette sechs Jahre alt war, starb ihre Mutter und der Vater heiratete erneut. Seine zweite Frau, die zwölf Jahre jüngere Mary Anne Perks, war die Tochter eines Schneiders. Aus dieser Verbindung gingen fünf weitere Kinder hervor, von denen zwei in ihren ersten Lebensmonaten verstarben.William Beveridge: India called them. 1947, S. 75–76. William Akroyd hatte im Jahr seiner Heirat einen eigenen Betrieb eröffnet, sich aber zunehmend in Bereichen außerhalb seines erlernten Berufes betätigt. Insbesondere war er als Liberaler in der Kommunalpolitik aktiv und dabei rund zwanzig Jahre lang eine der führenden Persönlichkeiten von Stourbridge.William Beveridge: India called them. 1947, S. 66. Einige Jahre lang hatte er die Geschäftsleitung der Stourbridge Gaswerke inne.William Beveridge: India called them. 1947, S. 65. Vor allem aber kam ihm das Verdienst zu, dass der Ort 1863 nach langen Bemühungen endlich an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde. Er war deshalb auch bis zu seinem Lebensende der Vorsitzende der Stourbridge Railway.William Beveridge: India called them. 1947, S. 71. Das Vermögen, das er seiner Witwe und seinen fünf Kindern hinterlassen konnte, stammte vorwiegend von Aktien verschiedener Eisenbahngesellschaften.William Beveridge: India called them. [S. archive.org 77] und Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 469, FN 113. William Akroyd war ein aktives Mitglied der unitarischen Gemeinde von Stourbridge.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 37. Die Unitarier pflegten einen rationalen Glauben, der frei war von mechanisch ausgeführten Riten. Es war ihr Ziel, die Menschheit zu verbessern; alle gesellschaftlichen Gruppen sollten an diesem Projekt teilhaben, selbstverständlich auch die Frauen. Diese Vorstellung bildete die Grundlage für die zahlreichen, nicht selten auch reformerischen Aktivitäten der Glaubensgemeinschaft im sozialen, politischen und besonders auch im erzieherischen Bereich.David Kopf: Brahmo Samaj. 1979, S. 3 und Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 74. Annettes Vater war ein typischer Vertreter seines Bekenntnisses. Er gestattete seinen Töchtern eine gute Ausbildung, die im viktorianischen England keineswegs üblich war.Scherer: Victorian Reformer. 1995, 130 f.

Ausbildung Für ein britisches Mädchen der Mittelklasse war es in den 1840er und 1850er Jahren typisch, zu Hause von der Mutter, einer älteren Schwester oder einer Gouvernante ausgebildet zu werden. Eventuell kamen auch Unterrichtungen vom örtlichen Geistlichen hinzu. Manche besuchten ein Mädchenpensionat, in dem aber keine fachlichen Kenntnisse vermittelt wurden, sondern gutes Benehmen, Tischmanieren und Kenntnisse der Etikette.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 137. Über Annette Akroyds frühe Ausbildung ist lediglich bekannt, dass sie im Alter von etwa 12 bis 14 Jahren ein solches Pensionat in Southampton besuchte.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 141, 139 und 33.

mini|hochkant|Ladies College in Bedford Square Eine Unterrichtung in heute allgemein üblichen Schulfächern erhielt Annette Akroyd erst mit dem Besuch des Bedford College in London. Dieses war 1849 von der Unitarierin Elizabeth Jesser Reid als konfessionsfreie Bildungseinrichtung für Frauen gegründet worden.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 130f. Obgleich Ms. Reid sich bemühte, eine möglichst breite Unterstützerbasis zu finden, um dem überkonfessionellen Anspruch gerecht zu werden, stammten Förderer, Belegschaft und Studenten doch häufig aus Unitarier-Familien.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 160. Drei Jahre lang, von 1861 bis 1864, belegte Annette Akroyd dort mit großem Erfolg die Fächer Mathematik, Latein, Deutsch, Französisch, Alte und Neue Geschichte, Moralphilosophie, Zeichnen und Musik.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 162, 170. Zugleich machte sie die Bekanntschaft mit verschiedenen Persönlichkeiten Londons, die dort als Lehrer oder Schüler tätig waren.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 131. Erwähnenswert sind hier Richard Holt Hutton, Herausgeber des Economist (1857–1861) und des Spectator (1861–1897), der sie drei Jahre lang in Mathematik unterrichtete, und der Historiker Edward Spencer Beesly (1831–1915), der ihr Lateinlehrer war.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 163. – E.S. Beesly war ausnahmsweise kein Unitarier, vgl. Matthew Wilson: Rendering Sociology. On die Utopian Positivism of Harriet Martineau and the „Mumbo Jumbo Club.“ In: Journal of Interdisciplinary History of Ideas. 16/2019 Varia. Digitalisat Nr. 37.

Im Juni 1864 endete für Annette Akroyd die Zeit in Bedford.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 184. In den folgenden Jahren setzte sie ihre intensive Lektüre fort, die sie bereits am College begonnen hatte. Religiöse Themen interessierten sie besonders. Sophia Dobson Collet (1822–1894), bekannt vor allem für ihre Bücher über den Brahmo Samaj, versorgte sie mit Lektürehinweisen zu orientalischen Religionen und gratulierte ihr dazu, zu den wenigen zu gehören, die Francis William Newmans Buch Hebrew Theism zu schätzen wissen.Hebrew Theism: The Common Basis of Judaism, Christianity, and Mohammedism. 1858. Die Ausgabe von 1874 ist digitalisiert. Newman hatte bis 1851 auch am Bedford College unterrichtet. Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 214–217. Ansonsten hielt sie die Verbindung zum Bedford College aufrecht und nahm dort im Sommer 1867 an einem zweitägigen Lateinwettbewerb teil, den sie gewann und 8 Pfund als Preisgeld erhielt.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 144.

Nach ihrer Schulzeit unterstützte sie außerdem den Wahlkampf ihres Vaters, der 1858 ein Führer der liberalen Partei im neuen East Worcestershire District geworden war.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 207.

Tod des Vaters und Aufteilung der Familie Akroyd Nach dem Tod des Vaters am 17. Januar 1869 trennte sich die Familie. Im Mai 1869 zog die Witwe Mary Ann Akroyd mit ihren drei Kindern nach London Highgate und bestimmte, dass Annette und Fanny eine eigene Unterkunft beziehen sollten.William Beveridge: India called them. 1947, S. 82. Die Schwestern, die auch gemeinsam am Bedford College gewesen waren, mieteten sich ebenfalls in London ein. Dank der Aktien, die sie vom Vater geerbt hatten, mussten sie ihren Lebensunterhalt nicht verdienenWilliam Beveridge: India called them. 1947, S. 82 und 77. und hatten die finanziellen Mittel, um sich zunächst auf eine ausgedehnte Europareise zu begeben. Zusammen mit einer Freundin und einer Art Anstandsdame nahmen sie ein Schiff bis Antwerpen, fuhren den Rhein hinab bis Heidelberg und sahen die Schweiz, Frankreich und vor allem Italien. Am 31. Juli 1870 kehrten sie nach London zurück.William Beveridge: India called them. 1947, S. 82. Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 244.

„Brahmo Samaj“ und Gründung der „National Indian Association“ mini|hochkant|Monmohan Ghose Durch ihre Bekanntschaft mit Sophia Collet war Annette Akroyd bereits seit etwa 1867 über den Brahmo Samaj informiert,Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 217. als sich der Führer der hinduistischen Reformorganisation, Keshab Chandra Sen, von März bis September 1870 zu einer Vortragsreise in England aufhielt. Außerdem war sie von den frühen 1860er Jahren an mit Monmohan Ghose (1844–1896) befreundet, ebenfalls ein Mitglied des Brahmo Samaj of India, der 1866 als einer der ersten Inder in England als Rechtsanwalt zugelassen wurde.Kopf: Brahmo Samaj. 1979, S. 28, 34–35. Der Brahmo Samaj hatte seit seiner Gründung eine enge Verbindung zum Unitarismus. Ram Mohan Roy unterhielt schon in den frühen 1820er Jahren eine umfangreiche Korrespondenz mit Unitariern in England und den USA. Freundschaftlichen Kontakt pflegte er auch zu Lant Carpenter, seinerzeit einer der führenden unitarischen Pfarrer (mit verwandtschaftlichen Beziehungen nach Stourbridge), den er 1833 bei seiner Englandreise in Bristol besuchte. Carpenter hielt auch die Grabrede für den Freund, der bei diesem Besuch verstarb.Kopf: Brahmo Samaj. 1979, S. 3. Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 222f. mini|Adelaide Manning, 1828–1905

Lant Carpenters Tochter Mary Carpenter hielt den Kontakt zum Brahmo Samaj aufrecht und unternahm 1866–1867 eine Reise nach Indien. Dort erfuhr die Sozialreformerin, dass es für Mädchen und Frauen nur wenige Ausbildungsmöglichkeiten gab – unter anderem, weil weibliche Lehrerinnen fehlten.Über Mary Carpenters Aufenthalt in Kalkutta berichtet Isvar Chandra Vidyasagar. Da die Frauenbildung auch ein Anliegen des Brahmo Samaj of India war, kamen Keshab Chandra Sen und Mary Carpenter bei ihrem Treffen in Kalkutta überein, dass britische und indische Reformer zusammenarbeiten müssten. Um die Verbindung der Unitarier mit dem Brahmo Samaj zu institutionalisieren, gründete Mary Carpenter in Bristol die National Indian Association (NIA), deren Hauptziel es war, die Frauenbildung in Indien zu fördern und die britische Öffentlichkeit über Indien zu informieren.The Open University: Making Britain. Discover how South Asians shaped the nation. 1870–1950. National Indian Association; Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 210 und 223. Erstes Ehrenmitglied war Keshab Chandra Sen, für den Mary Carpenter die Vortragsreise in England organisiert hatte,Scherer: Cross-Cultural. 1996, S. 233. und der auch zur Einweihungsveranstaltung am 9. September 1870 in Bristol anwesend war.Sophia Dobson Collet: Keshub Chunder Sen’s English Visit. Strahan, London 1871. S. 567–580. Der Londoner Zweig der NIA wurde 1871 von Charlotte Manning gegründet und nach deren Tod im selben Jahr von ihrer Stieftochter Elizabeth Adelaide Manning (1828–1905) geleitet, einer Freundin von Annette Akroyd. Deren Stiefmutter Mary Ann Akroyd war dort eine Zeitlang als Sekretärin tätig.Scherer: Victorian Reformer. 1995, S. 33.