Die Bahnstrecke Givors-Canal–Grezan ist eine doppelgleisige, elektrifizierte, über 250 Kilometer lange Eisenbahnstrecke der SNCF Réseau in Nord-Süd-Richtung, die die Metropolregion von Lyon mit Nîmes verbindet. Sie ist Teil des Europäischen Güterverkehrskorridor D (Valencia–Budapest) und wird seit 1973 nahezu ausschließlich für den Gütertransport, unter anderem zu den südfranzösischen Mittelmeer-Häfen, benutzt. Die zahlreichen Personenbahnhöfe entlang der Strecke sind Zeugen ehemaliger Personenbeförderung. Neben einzelnen Nachtzügen ohne Zwischenhalt auf der Strecke wird lediglich der Abschnitt von Pont-Saint-Esprit nach Villeneuve-lès-Avignon seit Ende August 2022 wieder im Personenverkehr genutzt.
Die Kilometerzählung beginnt in Bahnhof Paris-Gare-de-Lyon und setzt sich über die Bahnstrecke Paris–Marseille bis Givors-Canal fort.
Geschichte Nukleus dieser Strecke ist der knapp sechs Kilometer lange Abschnitt zwischen Le Pouzin (BK 640,8) und La Voulte (BK 634,9), der Teil einer Strecke „von Privas bis zur Linie von Lyon nach Avignon und der Verlängerung der Zweiglinie nach Crest“ werden sollte und der jungen Bahngesellschaft Compagnie des chemins de fer de Paris à Lyon et à la Méditerranée (P.L.M.) 1857 konzessionell übertragen wurde.Décret impérial qui approuve la convention passée, le 11 avril 1857 entre le ministre de l’Agriculture, du Commerce et des Travaux publics, et les Compagnies des chemins de fer de Paris à Lyon, et de Lyon à la Méditerranée: 19 juin 1857, Bulletin des lois de l’Empire Français, Paris 1857, Imprimerie Impériale, Ausgabe XI, Band 10, Nr. 522, Seite 275–327. Am 3. August 1859 erging ein kaiserlicher Erlass, der die Strecke zwischen Privas und Crest als im öffentlichen Interesse liegend erklärte und die Konzession verbindlich machte.Décret impérial relatif à l’exécution, 1° d’un chemin de fer de Toulon à la frontière d’Italie, avec embranchement sur Draguignan; 2° d’un embranchement de Privas à la ligne de Lyon à Avignon, et du prolongement dudit embranchement jusqu’à Crest: 3 août 1859, Bulletin des lois de l’Empire Français, Paris 1859, Imprimerie Impériale, Ausgabe XI, Band 14, Nr. 725, S. 515–518. Tatsächlich gebaut wurde die Bahnstrecke Livron–Privas. Diese konnte aber die ursprünglich erhoffte Bedeutung einer Ost-West-Marginale nie erlangen.
Die Bewilligung für den Weiterbau nach Norden (Abschnitt Le Teil–Givors) erfolgte am 1. Mai 1863 und wurde per kaiserlichem Dekret im Juni des gleichen Jahres genehmigt.Décret impérial qui approuve la convention passée, le 1er mai 1863, entre le ministre de l’Agriculture, du Commerce et des Travaux publics et la Compagnie des chemins de fer de Paris à Lyon et à la Méditerranée: 11 juin 1863, Bulletin des lois de l’Empire Français, Paris 1863, Imprimerie Impériale, Ausgabe XI, Band 22, Nr. 1141, S. 159–166. Der Streckenbau von Le Teil aus in südliche Richtung wurde 1874 begonnen, nachdem zuvor ein Vertrag für die Konzessionierung und die Festlegung der Trassierung unterzeichnet worden war.Loi relative à la déclaration d’utilité publique de plusieurs chemins de fer et à la concession de ces chemins à la Compagnie de Paris à Lyon et à la Méditerranée: 3 juillet 1875, Bulletin des lois de la République Française, Paris 1875, Imprimerie Nationale, Ausgabe XII, Band 11, Nr. 266, S. 265–271. Bereits 1880 konnte die Gesamtstrecke doppelgleisig befahren werden.
+ Chronologie der Teilstreckeneröffnungen Datum Abschnitt km Verbindung zur Bahnstrecke 3. April 1832 Bahnhof Givors-Canal Bahnstrecke Moret-Veneux-les-Sablons–Lyon-Perrache 19. August 1840 Bahnhof Grézan Bahnstrecke Tarascon–Sète-Ville 17. Februar 1862 La Voulte–Le Pouzin 5,9 Teil der Bahnstrecke Livron–Privas 29. Oktober 1869 Bahnhof Peyraud Bahnstrecke Firminy–Saint-Rambert-d’Albon 1874 Givors-Canal–La Voulte 105 einschl. Verbindungskurve zur Bahnstrecke Paris–Marseille 22. Mai 1876 Le Pouzin–Le Teil 24,8 30. August 1880 Le Teil–Abzw. Grézan 119,3 einschl. Abzw. zur Bahnstrecke Martinet à Beaucaire
Die Bahnstrecke verläuft ausschließlich auf der rechten Uferseite der Rhône, meist nur wenige hundert Meter von der Bahnstrecke Paris–Marseille entfernt, die entlang des Flusses auf der gegenüberliegenden Uferseite entlangführt. Diese konkurrierende Streckenführung und der Umstand, dass am linken Flussufer größere Orte liegen, sind Hauptgründe, warum man sich entschied, den lokalen Personenverkehr im September 1973 stillzulegen. Das Département Ardèche wurde damit zum einzigen Festlandsdépartement ohne schienengebundenen Personenverkehr. Nur in Ausnahmefällen werden Fernzüge über diese Strecke ohne Halt umgeleitet. Eine Projektstudie aus dem Jahr 2014 des Réseau ferré de France (RFF) errechnete, dass die Kosten einer Wiedereröffnung Nîmes–Valence in Höhe von 107 Mio. Euro jährlichen Einnahmen von 1,7 Mio. Euro gegenüber stünden und klassifizierte das Projekt als unrentabel.Audrey Morel: 107 millions d'euros… une facture trop salée pour le retour du train. Le Dophiné, 4. Juli 2014.
Seit 1978/79 ist die Strecke mit 1500 V = vollständig elektrifiziert, nachdem der nördliche angrenzende Abschnitt Givors–Lyon schon seit 1957 unter Strom stand.
Im Sommer 2022 wurde zwischen Avignon bzw. Villeneuve-lès-Avignon und Pont-Saint-Esprit der Personenverkehr wiederaufgenommen. Als Unterwegsbahnhof wird nur Bagnols-sur-Cèze bedient. Da im Bahnhof Pont-Saint-Esprit keine Weichen mehr vorhanden sind, verkehren die ACG-Triebzüge der SNCF zum Wenden leer weiter bis Le Teil. Die Öffnung jenes Bahnhofs für Reisende wurde im Hinblick auf seinen „nicht mehr zeitgemäßen Ausbauzustand“ bislang abgelehnt.Reisezüge am rechten Rhône-Ufer. In: Lok Magazin 11/2022, S. 35.
Besonderheiten
Dreischienengleise Die Strecke wies zwei Abschnitte mit Dreischienengleisen auf. Am Nordkopf des Bahnhofs Tournon mündeten die meterspurigen Gleise der Bahnstrecke Tournon–Le Cheylard zweigleisig in die Regelspurstrecke, um gemeinsam mit dieser auf einer Länge von 2,2 km zunächst einen Tunnel zu passieren und anschließend den Fluss Doux zu queren. Ähnlich war die Situation in La Voulte, wo ein 1,1 km langer Abschnitt mit Tunnel gemeinsam genutzt wurde. In den frühen 1950er Jahren wurde in beiden Fällen die östliche dritte Schiene entfernt und nur noch das westliche Gleis („Voie paire“) von den Schmalspurzügen befahren.
Nach der Einstellung der Bahnstrecke La Voulte–Dunières im Jahr 1968 wurde in La Voulte die dritte Schiene abgebaut. In Tournon war sie 2015 noch existent, wurde aber nicht mehr von der schmalspurigen Museumseisenbahn Train de l’Ardèche genutzt. Deren Züge beginnen und enden heute im abseits der Strecke gelegenen Bahnhof Tournon–St.-Jean-de-Muzols, der Abzweig ist mittlerweile unterbrochen.
Bahnhof La Voulte mit niveaugleicher Kreuzung Der Bahnhof La Voulte der Strecke Livron–Privas wurde südlich des Orts angelegt, unmittelbar westlich der Brücke, auf der die Bahn nahezu rechtwinklig die Rhône überquert. Beim Bau der Strecke Givors-Canal–Grezan wurde dieser Bahnhof für deren Züge erweitert. Dabei wurde eine niveaugleiche Gleiskreuzung angelegt, auf der die zwei neuen Gleise die beiden des bisherigen Bahnhofs ebenfalls fast im rechten Winkel querten. Die zwei Seitenbahnsteige der alten Strecke reichten von Osten her direkt bis an diese Kreuzung, die der neuen begannen genau dort. Damit entstand an der Südostseite ein gemeinsamer L-förmiger Bahnsteig vor einem in entsprechender Form erweiterten Empfangsgebäude. Nördlich dieser Kreuzung entstand auf der Flussseite der Güterbahnhof, der von Livron her über eine enge Gleiskurve erreicht wurde. Auf der Bergseite wurde der Endbahnhof der Schmalspurbahn nach Dunières angelegt, der ein Betriebswerk und eine Umladehalle mit je einem Gleis für beide Spurweiten erhielt. Über ein Meterspurgleis mit vier kleinen Drehscheiben konnten Güterwagen über die Gleise der Hauptbahn zu deren Güterhalle verschoben werden; umgekehrt war es über ein dazu südlich parallel angelegtes Regelspurgleis (mit fünf Drehscheiben) möglich, den Kohlenbansen der Schmalspurbahn aus Regelspur-Güterwagen zu versorgen. Diese Konstellation war 1968 noch existent, der Bahnhof La Voulte wurde auf allen Strecken im Personenverkehr angefahren.Jean Arrivetz, Pascal Bejui: Les Chemins de Fer du Vivarais. S. 70 f.
Im September 1973 wurde der Personenverkehr auf den beiden Regelspurstrecken eingestellt; die niveaugleiche Kreuzung wurde in der Folge aufgegeben und eine enge Kurve von der Brücke zur Strecke Givors-Canal–Grezan in Richtung Süden angelegt. Damit konnte auch der westlich des Bahnhofs beginnende Tunnel, in dem die Strecke nach Privas nach Süden schwenkte, stillgelegt werden. 1978 wurde der Bahnhof La Voulte geschlossen, nachdem im Norden des Orts ein neuer Bahnhof eröffnet worden war. Dessen viergleisiger Personenbahnhof mit zwei Mittelbahnsteigen wird aber nur genutzt, wenn Reisezüge der Relation Paris–Marseille über diese Strecke umgeleitet werden.
Einzelnachweise
Kategorie:Bahnstrecke in Auvergne-Rhône-Alpes Kategorie:Bahnstrecke in Okzitanien