mini|Andrei Minenkov und Irina Moiseeva
Eistanz ist eine der vier Hauptdisziplinen der olympischen Sportart Eiskunstlauf. Ein Eistanzpaar besteht aus einer Frau und einem Mann. Eistanzen basiert auf schritttechnischen Grundlagen, die exakt, temporeich und in Anpassung an die Musik tänzerisch wie akrobatisch dargeboten werden. Eistanz wird häufig als die technisch schwierigste und detailreichste Art des Eiskunstlaufs betrachtet. Das umfangreiche Regelwerk des Eistanzens hat das Ziel, die Wurzeln des Eistanzes im Parketttanzen aufzuzeigen. Jedoch wurde in den letzten Jahren das Regelwerk zwecks Weiterentwicklung gelockert.
Geschichte Das Tanzen auf dem Eis entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts mit der „Wiener Schule“ des Eiskunstlaufs. Nach der Gründung des Wiener Eislaufvereins am 7. Februar 1867 wurde Eislaufen in Wien ein populärer Freizeitsport. Insbesondere die Auftritte des amerikanischen Balletttänzers und Eiskunstläufers Jackson Haines am Platz des Wiener Eislaufvereines 1868 trugen rasch zur Beliebtheit bei. Seine Übertragung des Wiener Walzers und anderer Tänze auf das Eis begeisterten das Wiener Publikum. Angelehnt an damals populäre Tanzveranstaltungen auf dem Parkett wurden daraufhin Kostümfeste und „Cotillons“ (Tanzspiele) auf dem Eis abgehalten. „Den ersten Rang unter dieser Gattung der Vergnügungen nehmen aber unstreitig die Costümfeste des Wiener Eislaufvereines ein, nicht blos weil Wien durch seine berühmten Costüm-Bälle die meiste Erfahrung… ausgebildet hat… . Bei diesen Costümfesten finden stets auch besonders einstudierte Productionen in Gestalt von Cotillons oder anderen Tänzen, welche in Wien in großer Auswahl auf dem Eise eingeübt werden... statt.“
Mit der Zeit wurden sogenannte „Tanzcorsos“ auf dem Eis zum fixen Bestandteil des Wiener Gesellschaftslebens. Sie wurden regelmäßig zu bestimmten Tageszeiten abgehalten, bei denen eine Militärmusikkapelle Tanzmusik spielte. „Nachmittags 3 Uhr tritt ein abermaliger Scenenwechsel ein. Die Stunde des Nachmittags-Corso hat geschlagen. Equipage an Equipage, Miethwagen an Miethwagen fährt am Portale des Vereines vor, es ist die Stunde, zu welcher die „Gesellschaft“ den Platz besucht. Wenn dann der so beliebte Capellmeister Komzäk mit seiner unvergleichlichen Militärbande seine hinreißenden Tanzesweisen ertönen lässt, dann bildet sich vor der Mitteltribüne der „Grosse Kreis“ und Alles, was frisches Blut in den Adern hat, ordnet sich zum Tanze.“Allgemeine Sportzeitung, 19. Januar 1890, S. 76.
Während Eiskunstlauf für Damen und Herren und Paarlauf als Wettkampfsportarten etabliert wurden, blieb das Eistanzen bis in die 1920er Jahre ein rein gesellschaftliches Vergnügen. Es wurde, in einem mit Schnüren abgegrenzten Tanzkreis, während des normalen Publikumslaufens zur Musik ausgeübt. Erste Wettbewerbe im Eistanzen wurden ab 1924 abgehalten. Der Österreichische Eislauf-Verband erließ gleichzeitig eigene Regelungen für Eistanzwettbewerbe. Auf Antrag des Österreichischen Eislauf-Verbandes wurde 1929 eine internationale Wettkampfordnung eingeführt. Die ersten Austragungen stießen auf wenig Begeisterung: „Man betrachte daher weiterhin den Tanz auf dem Eise als ein herrliches Vergnügen, lehne es aber ab, ihn in sportliche Bahnen zu lenken. Für einen Sport ist der Eistanz zu wenig entwicklungsfähig, der Begriff des Rundtanzens zu beschränkt.“Otto Bohatsch, Sport im Wiener Eislaufverein, Wien, 21 .12 1928, S. 1.
Erst ab den 1930er Jahren entwickelte sich Eistanzen zu einer etablierten Wettkampfsportart. Diese Entwicklung ging vor allem von Großbritannien aus, wo die meisten Pflichttänze entstanden sind. Die International Skating Union hielt 1952 die erste Weltmeisterschaft im Eistanzen in Paris ab. Olympischer Bewerb wurde es 1976 in Innsbruck. In Wien hat sich die ursprüngliche Form des Eistanzens erhalten und wird heute als Rundtanzen bezeichnet. Außerdem wird das Rundtanzen auch noch in München, von einer kleinen Gruppe von Tänzern ausgeübt. Die UNESCO hat das Rundtanzen am Eis im Oktober 2018 in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Komponenten Internationale Eistanz-Wettkämpfe bestehen aus zwei Teilen:
dem Rhythmustanz (hieß bis 2018 Kurztanz) – Tanz zu vorgegebenen Rhythmen und/oder Themen, die jährlich vom Technischen Komitee Eistanz der Internationalen Eislaufunion (ISU) für die Saison ausgewählt werden. Eine Liste von vorgegebenen Elementen muss darin enthalten sein. Dauer: 2 Minuten 50 Sekunden ±10 Sekunden
dem Kürtanz – Kreatives Tanzprogramm aus neuen oder bekannten Elementen mit einigen Pflichtelementen, die jährlich von der Internationalen Eislaufunion (ISU) definiert werden.Dauer: 4 Minuten ±10 Sekunden Bis 2010 gab es drei Teile: den Pflichttanz (engl. compulsory dance) – Tanzen mit exakt vorgeschriebenen Schritten und Spurenbildern, den Originaltanz (engl. original dance) – mit gefordertem Rhythmus, den Kürtanz (engl. free dance).
Der Pflichttanz wurde auf einem Kongress der Internationalen Eislaufunion (ISU) in Barcelona 2010 abgeschafft.mz-web.de
Der Interpretationskürtanz (engl. interpretive free dance) mit verschiedenen Eistanzelementen betont eher die Harmonie des Eistänzers mit der Musik und den künstlerischen Ausdruck als das Zeigen von technischen Schwierigkeiten. Diese Disziplin ist nicht Bestandteil der regulären Wettkämpfe wie EM, WM oder Olympischer Spiele.
Grundregeln Spezielle Regeln siehe unter der jeweiligen Teildisziplin (Pflicht-, Original-, Kürtanz) .
Das Eistanzpaar muss nach dem Rhythmus laufen, aber nicht nur nach der Musikmelodie. Kantenreinheit und schwierige Fußarbeit, die die Eislauffertigkeit, Schwierigkeit, Vielfalt und Originalität widerspiegeln, müssen von beiden Partnern gezeigt werden. Die ganze Zeit hindurch müssen beide Partner mindestens einen Schlittschuh auf dem Eis haben. Es können jedoch in Pflicht-/Original-/Kürtanz Hebungen ausgeführt werden, bei denen ein oder beide Partner mit beiden Füßen auf dem Eis stehen. Diese Hebungen dürfen aber nicht länger als fünf Sekunden dauern. (Die Anzahl der erlaubten Hebungen ist für jeden Tanz speziell geregelt.) Die Partner dürfen einander nicht loslassen, mit Ausnahme von Haltungswechseln oder Längsschrittfolgen. Ein Haltungswechsel muss innerhalb eines Musiktakts durchgeführt werden. Die Trennung der Partner am Anfang und/oder am Ende des Tanzes darf nicht länger als 10 Sekunden und jede weitere Trennung während des Tanzes darf räumlich nicht mehr als zwei Armlängen auseinander sein und zeitlich nicht länger als fünf Sekunden dauern. Ein Stoppen, bei dem Körper- und/oder Beinbewegungen durchgeführt werden, darf höchstens 5 Sekunden dauern. Die technische Schwierigkeit muss garantieren, dass der wettkampfsportliche Charakter der Darbietung den der Show überwiegt. Dies wird durch die Bewertungsnoten gemessen, die sich aus dem TES (Technical Element Score) und dem PCS (Program Component Score) zusammensetzen. Beim TES zählt ein Wertungsrichter Punktzahlen für die gezeigten Elemente zusammen. Beim PCS benoten die Preisrichter die Fähigkeiten im Schlittschuhlaufen (Skating Skills), Umsetzung der Musik in Tanz (Interpretation), Übereinstimmung von Bewegung und Musik (Timing) und das Gesamtkönnen bei der Vorführung (Performance). Ein starkes Übergewicht des TES oder PCS ist Zeichen für ein unausgeglichenes Programm oder mangelndes Können des Paares und daher nahezu ausgeschlossen, gleichwohl nicht unmöglich.
Nicht erlaubt ist: auf einer Stelle länger als 10 Sekunden zu bleiben; auf dem Eis zu sitzen oder zu liegen; den Partner am Fuß oder Schuh zu ziehen oder zu drücken; mit einer Hand (oder beiden Händen) auf dem Eis zu laufen; neu: den Partner so zu heben, dass der Kopf nach unten zeigt und die Beine gespreizt sind.
Anmerkung: Es ist jedoch möglich, dass die IDTC (ISU Eistanz Technikkommission) einige bis jetzt unerlaubte Elemente (für eine Saison) erlaubt.
Grundbegriffe und Fachausdrücke Achse Längsachse (engl. long axis) ist eine gerade Linie, die die Eisfläche in zwei Hälften in Längsrichtung teilt. Kurzachse (engl. short axis) ist eine gerade Linie, die die Eisfläche in zwei Hälften querdurch teilt. Endlosachse (engl. continuous axis) ist eine virtuelle Linie, die um die Eisfläche läuft. Sie dient als Grundlage für das Tanzmuster. Normalerweise besteht die Endlosachse aus zwei Linien, die sich ungefähr in der Mitte zwischen der Längsachse und den Seiten der Eisfläche parallel zur Längsachse befinden. Diese Linien werden an jedem Ende der Eisfläche durch einen Halbkreis verbunden. Die Halbkreise werden in einigen Tänzen flachgedrückt. In Kreistänzen (engl. circular dances), wie z. B. Kilian, hat die Endlosachse ungefähr eine Kreislinienform. Beim Paso Doble hat diese Linie eine Ovalform. Querachse (engl. transverse axis) ist eine virtuelle Linie, die die Endlosachse des Tanzes im rechten Winkel schneidet.
Spurenbilder Das Spurenbild des Eistanzens ist die „Zeichnung“, die bei der Ausführung eines bestimmten Tanzes auf dem Eis entsteht. Spurenbildtanz (engl. set pattern dance) ist ein Tanz, bei dem der Standort, die Richtung und die Kurven grafisch konstruiert werden und der auf allen Kanten gelaufen wird. Dieser grafischen Darstellung muss so genau wie möglich gefolgt werden. Tanz mit empfohlenem Spurenbild (engl. optional pattern dance) ist ein Tanz, für den das Spurenbild von den Eistänzern modifiziert werden kann. Die originale Schrittfolge, Position und Timing müssen jedoch beibehalten werden. Jede Wiederholung des modifizierten Spurenbildes muss in der gleichen Art ausgeführt werden und die Wiederholungen müssen möglichst deckungsgleich erfolgen. ein Randtanz (engl. rim/edge/border dance) ist ein Tanz, dessen Schrittsequenz eine kürzere oder längere Linie erfordert, als es dem Umfang der Eisfläche entspricht. Die Wiederholungsschrittfolge fängt folglich nicht am ursprünglichen Ausgangspunkt des Tanzes an. Halbkreis (engl. lobe) ist irgendeine Schrittfolge an einer Seite der Endlosachse, die ungefähr halbkreisförmig ist.
Einführungsschritte und Schrittfolgen Alle Pflichttänze können mit empfohlenen Einführungsschritten begonnen werden. Der erste Schritt nach den Einführungsschritten wird als Start bezeichnet. Der Preisrichter kann die ungefähre Position festlegen, an der ein Tanz mit diesem Schritt begonnen werden muss. Eine Schrittfolge bedeutet eine vorgeschriebene Reihenfolge von Schritten, die ein Element des Pflichttanz-Spurbildes ist, oder Teile davon; eine vorgeschriebene oder nicht vorgeschriebene Folge von Schritten in Originaltanz, Kürtanz oder Interpretationskür.
Haltungen 1. Hand-in Hand-Haltung (engl. Hand-in-Hand Hold) Man unterscheidet zwischen Haltungen in der gleichen Richtung (nebeneinander oder hintereinander) und Haltungen in der entgegengesetzten Richtung (ein Partner läuft rückwärts, der andere vorwärts, die Arme seitlich gestreckt). Die Blickrichtung beider Partner ist gleich. Sie laufen neben- oder hintereinander mit gestrecktem Arm und Hand in Hand. Diese Haltung ist im Original- und im Kürtanz unerwünscht. Eine Variation dieser Haltung – Seite an Seite gelaufen – ist akzeptabel. Entgegengesetzte Blickrichtung beider Partner. Die Partner sehen sich gegenseitig an, während der eine vorwärts und der andere rückwärts läuft, die Arme seitlich gestreckt. Eine Variation dieser Haltung besteht darin, dass die Partner Rücken an Rücken laufen, sich also nicht ansehen (z. B. Cha Cha Congelado). Die Verwendung dieser Haltung im Original- und/oder Kürtanz mit gestreckten Armen zueinander ist normalerweise nicht erlaubt.
2. Geschlossene oder Walzerhaltung (engl. closed or Waltz hold)