Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Irland wurde in den 2000er Jahren durch mehrere staatlich beauftragte Kommissionen untersucht, die detaillierte Berichte vorlegten: 2005 zum Bistum Ferns (Ferns Report), 2009 zum sexuellen Missbrauch an Schulen und anderen Einrichtungen für Kinder (Ryan-Bericht), 2009 zum Erzbistum Dublin (Murphy-Bericht), 2010 zum Bistum Cloyne (Cloyne-Bericht). Die Untersuchungsberichte und die Berichterstattung in den Medien lösten Skandale aus und setzten die römisch-katholische Kirche unter Druck. Drei Bischöfe traten zurück: Brendan Comiskey im Jahr 2002, Donal Murray 2009 und James Moriarty 2010. Papst Benedikt XVI. ordnete im Mai 2010 apostolische Visitationen in allen Kirchenprovinzen an, außerdem Visitationen der Ausbildungsstätten und der Ordensgemeinschaften.
Seit 1996 gab es Leitlinien der katholischen Kirche zum Umgang mit sexuellem Missbrauch. Ab 2008 leistete das kircheneigene Kinderschutzkomitee (National Board for Safeguarding Children in the Catholic Church in Ireland, NBSCCCI) Aufklärungs- und Präventionsarbeit. Ab 2010 überprüfte das NBSCCCI sämtliche Bistümer und mehr als 140 Ordensgemeinschaften. Entschädigungen erhielten vor allem Opfer, die im Zeitraum des Missbrauchs in einer katholisch geführten Einrichtung gewohnt hatten, zum Beispiel als Schüler an Internaten.
Der Artikel bezieht sich auf die römisch-katholische Kirche auf der Insel Irland. Die meisten Bistümer dieser Kirche liegen in der Republik Irland, einige liegen in Nordirland oder haben Anteil an beiden Staatsgebieten.
mini|hochkant=1.3|Karte der 26 irischen Bistümer in den vier Kirchenprovinzen Armagh (grün), Dublin (blau), Tuam (rot) und Cashel-Emly (gelb). Die vier Erzbistümer sind in dunkleren Farben dargestellt. Das Gebiet der Kirchenprovinz Armagh umfasst Nordirland und Teile des Staatsgebiets von Irland.
Frühe Skandale In den 1990er Jahren erregte der Fall des Priesters Brendan Smyth Aufsehen, der über 40 Jahre lang Kinder vergewaltigen und misshandeln konnte.
Im März 1999 beging der Priester Seán Fortune Selbstmord. Er hatte vergeblich versucht, eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs in 66 Fällen abzuwenden. Unter den zahlreichen Opfern Fortunes war der spätere Politiker Colm O’Gorman. Zuvor hatten Gemeindemitglieder Delegationen zu Bischof Donal Herlihy und später an seinen Nachfolger Brendan Comiskey gesandt, schließlich auch einen Brief an den Apostolischen Nuntius in Irland geschrieben, um vor Fortune zu warnen. Ihre Gesuche blieben erfolglos. Über diesen und andere Fälle berichtete der Dokumentationsfilm Suing the Pope der BBC, der am 19. März 2002 ausgestrahlt wurde.Suing the Pope BBC News, 19. März 2002.Catriona Crowe: On the Ferns Report In: The Dublin Review, Nr. 22/2006.
Im Oktober 2002 sendete RTÉ den Fernsehbeitrag Cardinal Secrets der Fernsehjournalistin Mary Raftery über verschwiegene Missbrauchsfälle in Dublin. Der irische Justizminister Michael McDowell zeigte sich schockiert. Der Fernsehbeitrag war der Auslöser zur Einrichtung der Murphy-Kommission, die sexuellen Missbrauch im Erzbistum Dublin untersuchte und im November 2009 den Murphy-Bericht vorlegte.The Dublin commission: Background irishtimes.com, 26. November 2009.
Untersuchungen Ferns-Report (2005) Der im Oktober 2005 veröffentlichte Ferns Report über das Bistum Ferns berichtete über mehr als 100 Fälle von Kindesmissbrauch in den Jahren 1962 bis 2002 durch 21 Priester. Der Bericht übte Kritik an Bischof Donal Herlihy (Amtszeit 1964–1983) und seinem Nachfolger Brendan Comiskey (Amtszeit 1984–2002).The Ferns Report. Government Publications, Dublin Oktober 2005, dokumentiert bei bishop-accountability.org.
Ryan-Bericht (2009) Der im Mai 2009 veröffentlichte Ryan-Bericht belegt systematischen Kindesmissbrauch in Einrichtungen für Kinder im Zeitraum 1914 bis 2000. 1090 Betroffene – 592 Männer und 498 Frauen – wurden von der Kommission als Zeugen angehört. Die männlichen Zeugen erhoben insgesamt 474 Vorwürfe wegen physischer Misshandlung und 253 wegen sexuellen Missbrauchs.The Commission to Inquire into Child Abuse: Commission Report. Volume III, Chapter 7 Die Zeuginnen trugen insgesamt 383 Vorwürfe wegen physischer Misshandlung und 128 wegen sexuellen Missbrauchs vor.The Commission to Inquire into Child Abuse: Commission Report. Volume III, Chapter 9 Auch Vernachlässigung und „emotionaler Missbrauch“ wurden als Formen des Kindesmissbrauchs erfasst. Die untersuchten Vorfälle ereigneten sich zu einem großen Teil in Schulen, die von katholischen Ordensgemeinschaften betrieben wurden und unter staatlicher Aufsicht standen. Seit 1930 hatten etwa 42.000 Kinder eine solche Einrichtung besucht. In den Fokus gerieten unter anderem die Christian Brothers und die Sisters of Mercy.Untersuchungsbericht: Tausende Kinder in Heimen der irischen Kirche missbraucht spiegel.de, 20. Mai 2009.
Murphy-Bericht (2009) Der Murphy-Bericht zum Umgang der Kirche mit Fällen des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Dublin wurde im November 2009 veröffentlicht.Report by Commission of Investigation into Catholic Archdiocese of Dublin, Juli 2009. Der Erzbischof von Dublin Diarmuid Martin hatte die Untersuchungskommission besonders unterstützt, indem er Tausende von vertraulichen Dokumenten veröffentlichte.Papst belässt zwei irische Bischöfe im Amt Radio Vatikan, 12. August 2010.
Die Untersuchungskommission untersuchte die Fälle von 320 Opfern, die im Zeitraum 1975 bis Mai 2004 von 46 Priestern missbraucht worden waren, und merkte an, dass es seit Mai 2004 weitere 130 Missbrauchsvorwürfe gegeben habe. Laut dem Bericht wurde sexueller Missbrauch von Kindern in den Jahren 1975 bis 2004 vertuscht.Dublin clergy covered up child abuse The Washington Times, 26. November 2009. Die vier Erzbischöfe John Charles McQuaid (Amtszeit 1940–1971), Dermot Ryan (1972–1984), Kevin McNamara (1984–1987) und Desmond Connell (1988–2004) seien mit ihrer Kenntnis der Missbrauchsvorwürfe schlecht umgegangen. In den 1960er bis 1980er Jahren sei kein einziger Fall von einem Bischof der irischen Polizei gemeldet worden. Erst 1995 habe Bischof Connell 17 belastete Priester den Behörden gemeldet.Irish Catholic Church covered up child abuse, report says cnn.com, 26. November 2009. Im Murphy-Bericht wird neben den Geistlichen auch die Polizei für den Skandal verantwortlich gemacht; sie habe bei vorliegenden Anschuldigungen keine Ermittlungen aufgenommen.‘Litany’ of abuse in Dublin Archdiocese RTÉ, 26. November 2009.Irish church and police covered up child sex abuse, says report. In: The Guardian. 26. November 2009.Irlands Katholiken misten aus spiegel.de, 17. Dezember 2009.
Cloyne-Bericht (2010/2011) Nachdem am 19. Dezember 2008 ein kircheninterner Untersuchungsbericht des Bistums Cloyne veröffentlicht worden war, erhielt die Untersuchungskommission, die zuvor den Murphy-Bericht veröffentlicht hatte, im Januar 2009 den Auftrag, auch die Vorgänge im Bistum Cloyne zu untersuchen. Die Kommission unter Führung von Richterin Yvonne Murphy untersuchte Missbrauchsfälle im Bistum Cloyne im Zeitraum vom 1. Januar 1996 bis zum 1. Februar 2009 und befragte mehr als 100 Personen. In Rede standen Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen 19 Priester. Am 23. Dezember 2010 übergab die Kommission den Cloyne-Bericht, ein Dokument mit mehr als 420 Seiten Umfang,Report by Commission of Investigation into Catholic Diocese of Cloyne (PDF) an den Justizminister der Republik Irland.Background to the Cloyne report. In: The Irish Times. 13. Juli 2011. Mehr als ein halbes Jahr später, am 13. Juli 2011, wurde der Bericht veröffentlicht.Cloyne report into clerical child abuse in Ireland to be published theguardian.com, 13. Juli 2011.
Vorwürfe im Cloyne-Bericht Der Bericht äußerte sich sehr kritisch zum Verhalten der Diözese Cloyne. Der im März 2010 zurückgetretene Bischof John Magee habe sich bis 2008 kaum um Missbrauchsfälle gekümmert. Außerdem wurden von 15 Missbrauchsfällen lediglich sechs der Polizei mitgeteilt. Damit hatte die Diözese Cloyne auch gegen die Regelungen der irisch-katholischen Kirche verstoßen.
In dem Bericht wurde dem Vatikan vorgeworfen, er habe die Leitlinien der Irischen Bischofskonferenz aus dem Jahr 1996 zum sexuellen Missbrauch dadurch entwertet, dass er sie als „inoffizielles Dokument“ darstellte. Dies habe den Bischöfen das Gefühl gegeben, dass sie die Leitlinien ignorieren könnten.Report by Commission of Investigation into Catholic Diocese of Cloyne (PDF), S. 5 f., 51 f.Cloyne report finds failures by church, State agencies The Irish Times, 13. Juli 2011.
Streit über den Cloyne-Bericht Diese Kritik nahm der irische Premierminister Enda Kenny im Juli 2011 zum Anlass, den Vatikan bei einer Rede im Parlament als „abgehoben, elitär und narzisstisch“ zu kritisieren. Der Report habe demnach festgestellt, dass der Heilige Stuhl versucht habe, in einer souveränen Republik Untersuchungen zu behindern.Irischer Premier erhebt schwere Vorwürfe gegen den Vatikan. spiegel.de, 20. Juli 2011. Der Außenminister Irlands, Eamon Gilmore, bestellte den Apostolischen Nuntius, Erzbischof Giuseppe Leanza, ein und übergab ihm den Bericht mit der Aufforderung, die Kurie solle dazu Stellung nehmen. Leanza anerkannte, dass in der römisch-katholischen Kirche „trotz aller guten Fortschritte“ schwerwiegende Versäumnisse gegeben habe, und brachte sein persönliches Bedauern zum Ausdruck. Der Fraktionsvorsitzende der Regierungspartei Fine Gael, Charles Flanagan, forderte im irischen Fernsehen die Ausweisung des Nuntius. Premierminister Kenny äußerte den Vorschlag, Irlands Vertretung beim Vatikan zu schließen. Justizminister Alan Shatter forderte eine Aufhebung des Beichtgeheimnisses bei Missbrauchsfällen; man solle Beichtväter, die von Missbrauch erfahren und dies nicht der Polizei melden, mit bis zu fünf Jahren Haft bestrafen.Vatikan spürt Gegenwind aus Irland domradio.de, 15. Juli 2011.
In einer Stellungnahme erinnerte der Jesuit Federico Lombardi als Sprecher des Vatikans daran, dass der Papst Erschütterung und Scham wegen der Missbrauchsfälle zum Ausdruck gebracht hatte, unter anderem in seinem Hirtenbrief vom März 2010. Der Heilige Stuhl habe seit 2001 die kirchenrechtlichen Normen wesentlich verbessert, und der Papst habe nun eine umfassende apostolische Visitation veranlasst (siehe unten). Versäumnisse seien eher dem irischen Staat im Blick auf das Zivilrecht vorzuwerfen.Lombardi: Irischer Nuntiusbrief von 1997 diente nicht der Vertuschung kath.net, 21. Juli 2011. Der damalige Brief ist hier in einer Übersetzung einsehbar. Lombardis Kritik wurde von dem Moraltheologen Vincent Twomey SVD unterstützt, der darauf hinwies, dass die staatliche Untersuchung im Bistum Cloyne erst durch die vorausgegangenen kirchlichen Aufklärungsbemühungen zustande gekommen war.Der Vatikan hat sich nichts vorzuwerfen. Interview mit Vincent Twomey in: Die Tagespost. 22. Juli 2011. Emer McCarthy vom irischen Radio Vatikan sah die anstehenden Kommunalwahlen und die schwierige politische Lage der Regierung als Hauptursache für das energische Auftreten des irischen Premiers.Irland/Vatikan: Was steckt hinter der Krise? Interview mit Emer McCarthy, Radio Vatikan, 26. Juli 2011.
In der Folge wurde der Nuntius aus Dublin zurück nach Rom berufen, um bei der Ausarbeitung einer Antwort an die irische Regierung zu helfen.Vatikan beruft Botschafter von Dublin nach Rom zurück kath.net, 25. Juli 2011. Diese Antwort wurde am 3. September 2011 durch Ettore Balestrero, Untersekretär im Staatssekretariat, an Helena Keleher, irische Botschafterin beim Heiligen Stuhl, übergeben.Summary of the Response to Mr Eamon Gilmore, Tánaiste and Minister for Foreign Affairs and Trade of Ireland, concerning the Cloyne Report. vatican.va, 3. September 2011.