mini|hochkant|Titelseite des Liber selectarum cantionum Der Liber selectarum cantionum (RISM A/I S 2804, RISM B/I 15204, VD16 S 5851, vdm 18) ist eine Motettensammlung, die 1520 in Augsburg in der Werkstatt Sigmund Grimms und Markus Wirsungs gedruckt wurde. Ihr voller Titel lautet Liber selectarum cantionum quas vulgo mutetas appellant sex quinque et quatuor vocum, lateinisch für „Buch ausgewählter Gesänge, die man gemeinhin Motetten nennt, zu sechs, fünf und vier Stimmen“. Gewidmet ist der Druck dem Kardinal und Salzburger Fürsterzbischof Matthäus Lang von Wellenburg. Das Nachwort verfasste der Humanist Konrad Peutinger. Ludwig Senfl wählte die Musik aus, bereitete sie für den Druck vor und wirkte möglicherweise auch als Korrekturleser mit.

Einleitung Der Liber selectarum cantionum ist die erste Motettenanthologie, die nördlich der Alpen in den Druck gegangen ist. Er wird von der Musikwissenschaft, der Druckforschung und der Kunstgeschichte vor allem wegen dreier außergewöhnlicher Eigenschaften erforscht:

Die imposanten Ausmaße von 44,5 cm × 28,5 cm stellen für Druckerzeugnisse mit Mensuralmusik im 16. Jahrhundert eine äußerste Ausnahme dar. Die Notentypen sind die größten, die je für mensurale Musik hergestellt wurden und die in keinem anderen Druck wieder benutzt wurden. Ein Teil der Exemplare enthält einen vollseitigen Holzschnitt eines Wappens mit sieben Farben einschließlich Gold, der zu den kunstvollsten des gesamten 16. Jahrhunderts zählt. Diese Eigenheiten waren derart innovativ, dass sie die Möglichkeiten in der Drucktechnik auf ein neues Niveau anhoben.

20 Exemplare des Liber selectarum cantionum sind erhalten, was für einen Musikdruck dieses Jahrhunderts eine außergewöhnlich hohe Anzahl ist. Hinzu kommt ein Fragment im British Museum in London, das lediglich aus einem Blatt mit einem farbigen Wappenholzschnitt und der ersten Hälfte des Widmungsbriefes besteht. Es ist eingebunden in einen Druck von Wiguleus Hunds Metropolis Salisburgensis, der im Jahr 1582 in Ingolstadt angefertigt wurde.

Sozialer Hintergrund Mehrere Personen standen in Verbindung mit dem Druck des Liber selectarum cantionum und auch zwischen ihnen selbst sind direkte oder indirekte Verbindungen nachweisbar.

Grimm arbeitete seit 1507 in Augsburg als Arzt und Apotheker. Im Jahr 1513 heiratete Grimm Magdalena Welser. Diese Ehe hatte für ihn zwei wichtige Folgen. Zum einen avancierte er an die Spitze der Gesellschaft, da er nunmehr Zugang zur Augsburger Herrenstube, dem geschlossenen Zirkel der städtischen Elite, erlangte. Zum anderen ergab sich für Grimm eine gewichtige Verknüpfung, denn Magdalena Welser war eine Cousine zweiten Grades Margarete Welsers, der Ehefrau Konrad Peutingers. Somit standen Grimm und Peutinger in einem entfernten Verwandtschaftsverhältnis. Peutinger war einer der namhaftesten und maßgebendsten Vertreter des Humanismus in Oberdeutschland. Er nahm an der Stadtpolitik Augsburgs teil und unterstützte Kaiser Maximilian I. als kaiserlicher Rat. Dem Familienunternehmen der Welser war er behilflich, indem er sie in juristischen Angelegenheiten beriet. Er war auch ein eifriger Verfechter des Buchdrucks, welchen er besonders in Augsburg unterstützte. Durch seinen Einsatz wurden dort ebenfalls Druckprojekte für den Kaiser unternommen. mini|hochkant|Matthäus Lang von Wellenburg, Fürsterzbischof von Salzburg Wesentlich für die Verknüpfung von Kontakten war die Sodalitas litteraria Augustana, die 1500 von Peutinger gegründet wurde. Dabei handelt es sich um eine in Augsburg angesiedelte Gesellschaft mit dem Ziel, Humanisten zusammenzubringen, Ideen auszutauschen und diese zu verwirklichen. Zu den Mitgliedern zählte auch Matthäus Lang von Wellenburg, dem der Liber selectarum cantionum gewidmet wurde. Einige Augsburger Drucker gehörten der Vereinigung ebenso an, darunter Grimm und Wirsung. Vermutlich lag es sowohl an dem verwandtschaftlichen Verhältnis als auch an der Sodalitas, die Peutinger mit den beiden Druckern verband, dass er das Nachwort zu dem Musikbuch verfasste.

Wirsung arbeitete ab 1496 als Apotheker in Augsburg (ähnlich wie Grimm), doch wurde er äußerst wohlhabend durch seine Hauptbeschäftigung als Kaufmann im Fernhandel. Spätestens ab 1502 betätigte er sich auch im Buchhandel. Wirsung heiratete 1501 in zweiter Ehe Agathe Sulzer, die wie schon seine erste Frau aus einer vermögenden Kaufmannsfamilie stammte. So erhielt auch Wirsung Zutritt zur Augsburger Herrenstube und wurde hiermit offiziell Mitglied der dortigen Oberschicht. Dieser Ehe entsprang unter anderem Christoph Wirsung.

Grimm und Wirsung waren langjährige Freunde, als Grimm 1517 eine Druckoffizin gründete, der Wirsung im selben Jahr als gleichberechtigter Kompagnon beitrat. Im Gegensatz zu Grimm war für Wirsung dieses Unternehmen nur ein Nebenerwerb. Allerdings konnte dieser das zur Errichtung und zum Unterhalt einer Druckerei notwendige Kapital zur Verfügung stellen. Das Druckprogramm charakterisieren das äußerst hohe Niveau und die Bemühungen, Innovatives hervorzubringen. Beides trifft auch auf den Liber selectarum cantionum zu. Für die Holzschnitte dieses und anderer Drucke heuerten Grimm und Wirsung von 1518 bis 1522 wiederholt den Petrarcameister an, dessen Identität noch nicht genauer geklärt werden konnte.

Lang war ein gebürtiger Augsburger, der in eine verarmte Patrizierfamilie geboren wurde. Er war weitläufig mit Wirsung verwandt, denn der Ururgroßvater seiner Ehefrau war gleichzeitig der Urgroßvater Langs. Obwohl Lang Kleriker war, liegt sein tatsächliches Vermächtnis in seiner Rolle als „rechte Hand“ Maximilians I., was ihn zu seiner Zeit zum zweitmächtigsten Mann im Reich machte. Er und Peutinger kannten einander gut, nicht nur durch die Sodalitas litteraria Augustana. Unter anderem zeigt sich dies stofflich in der Widmung Peutingers Sermones convivales von 1504 an Lang.

Nur vier Tage nach dem Liber selectarum cantionum erschien in Grimms und Wirsungs Pressen ein weiteres Werk, das Lang gewidmet ist: La Celestina. Hierbei handelte es sich um eine Übertragung des ursprünglich spanischen Dramas ins Deutsche mit dem Titel Ain Hipsche Tragedia. Übersetzt wurde das Werk von Christoph Wirsung, dem Sohn Markus Wirsungs, anhand einer italienischen Fassung. In dem Widmungsbrief an Lang erinnert Christoph Wirsung mehrfach an das gemeinsame Verwandtschaftsverhältnis. Das Drama und die Motettensammlung erreichten Lang vermutlich genau oder fast gleichzeitig.

Als Maximilian I. verstarb, war in seinem Testament nicht geregelt, wie sein Thronfolger Karl V. mit den Hofangestellten zu verfahren habe. Davon betroffen war auch die kaiserliche Hofkapelle, der Ludwig Senfl angehörte. Da Karl in Spanien bereits über eine eigene Hofkapelle verfügte, waren alle Sänger Maximilians von Arbeitslosigkeit bedroht. Wo sie sich nach der Beerdigung Maximilians aufhielten, ist nicht eindeutig nachvollziehbar, doch wird vermutet, dass viele von ihnen – einschließlich Senfl – nach Augsburg gingen. Wohl in dieser Zeit begann Senfl für Grimm und Wirsung am Liber selectarum cantionum zu arbeiten.

Während auch Langs Position unter Karl noch unklar war, starb am 7. Juni 1519 Leonhard von Keutschach, der Erzbischof von Salzburg, als dessen Nachfolger Lang 1512 bestimmt worden war. Der Reichtum des Erzstifts bot ihm die Möglichkeit, ein höfisches Leben aufzubauen, das fast an das des Kaisers heranreichte. Am 25. September 1519 wurde Lang zum Bischof geweiht und wurde damit sowohl geistliches als auch weltliches Oberhaupt Salzburgs. Er gründete eine eigene Kapelle, die den höchsten Ansprüchen genügen sollte. Dazu versuchte er ehemalige Musiker Maximilians an seinen Hof zu bringen, darunter sehr wahrscheinlich auch Senfl. Das Repertoire des Liber selectarum cantionum war wohl nicht zufällig gewählt, denn es ist der ehemaligen Hofkapelle entnommen, deren Niveau Lang anstrebte.

Am 28. Oktober 1520 wurde schließlich der Liber selectarum cantionum publiziert, der in der Werkstatt Grimm und Wirsungs gedruckt wurde mit einer Widmung an Lang, einem Nachwort von Peutinger und Musik, ausgewählt und vorbereitet von Senfl.

Auftraggeber Es ist noch nicht eindeutig geklärt, wer das Druckprojekt des Liber selectarum cantionum initiiert hat. Damit hängt die Frage zusammen, welche Absichten man mit ihm verfolgte. Es sind allerdings ein paar Theorien aufgestellt worden, die versuchen dieses Thema zu erklären.

Der ersten Theorie zufolge erteilte Kaiser Maximilian I. den Auftrag, das Buch anzufertigen, und es war nur sein unerwarteter Tod, der das Vorhaben in eine kritische Situation brachte. Statt das Projekt aufzugeben, passte man alles an Lang als Widmungsträger an. Eine solche Umwidmung eines Buches war im 16. Jahrhundert weder einmalig noch bedenklich.

Für Maximilian spricht seine Begeisterung für die Drucktechnik. In einem von ihm verfassten Druckprogramm von 130 geplanten Büchern, die ihn und das Haus Habsburg rühmen sollten, ist immerhin auch ein „Musica-Puech“ verzeichnet. Ein weiteres Argument für ihn stellt darüber hinaus die scheinbare Unrentabilität des Liber selectarum cantionum dar, die auch bei kaiserlichen Drucken zu verzeichnen ist. Falls Grimm und Wirsung fest angestellt waren, spielte die Profitabilität für sie keine Rolle. Eine weitere Gemeinsamkeit mit den maximilianischen Drucken ist die mittelalterlich wirkende Ästhetik trotz der Verwendung neuester Drucktechniken. Außerdem gibt es von einigen kaiserlichen Drucken zwei Ausführungen – eine einfachere und eine repräsentativere. So wurden das Gebetbuch und der Theuerdank auf Pergament und auf Papier gedruckt. Eine solche Differenzierung trifft auch auf den Liber selectarum cantionum zu (siehe „Inhalt“). Letztlich kann das farbige Wappen ins Feld geführt worden, denn es ist der einzige deutsche Holzschnitt des 16. Jahrhunderts, der Gold verwendet und für den bislang kein direkter Zusammenhang mit den Habsburgern nachgewiesen werden konnte.

Eine andere, jedoch unwahrscheinliche Möglichkeit ist, dass Senfl selbst der Investor war. Für einen Druck dieser Art wurde ein großes Kapital benötigt, das Senfl nicht hätte aufbringen können. In den Paratexten (dem Vor- und Nachwort) würde er eine zentrale Rolle einnehmen, während er tatsächlich eher kurz genannt wird. Außerdem suchte er keine Anstellung in Salzburg bei Lang, sondern er zog nach München, wo er unter Herzog Wilhelm IV. von Bayern diente.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man sich Grimm und Wirsung als Initiatoren vorstellen kann. Die eine gleicht der bei Maximilian geschilderten Variante. Nachdem der Kaiser verstorben war, nahmen sie das Projekt mit eigenen finanziellen Mitteln in die Hand. Der anderen Möglichkeit zufolge begannen sie das Buch zu drucken, um die Gunst Langs zu erlangen und/oder um die Exemplare regulär zu verkaufen. Für diese Theorie kann man La Celestina anführen, dessen Widmung wie das Musikbuch Lang schmeicheln sollte. Es ist durchaus möglich, dass sie anstrebten, Hofdrucker des neu inthronisierten Erzbischofs zu werden. Für die These, dass die Drucke verkauft werden sollten, sprechen Einträge in den Exemplaren von Jáchymov und Berlin. In ihnen sind Preise für den Kauf und die Bindung angeführt. Sie belegen allerdings nicht, dass tatsächlich alle Drucke verkauft wurden. Gegen diese These muss man festhalten, dass sie aus dem Verkauf des Liber selectarum cantionum keinen großen Gewinn zu erwarten hatten. Die Kosten für die Herstellung der großen Notentypen waren beträchtlich. Auch das Repertoire wäre unangemessen, da es nur von hochprofessionellen Kantoreien gesungen werden konnte, deren Nachfrage gering war, da sie sich in der Regel durch händische Kopien selbst versorgen konnten.